Allgemein Kunstsammlung Jena

Zohar Fraiman und Frank Gaudlitz

Collage aus Kunstwerk von Zohar Fraimann (Girl You Can't Post That) & Frank Gaudlitz Fotografie (Iquitos, Peru)

Die Sommerausstellungen der Kunstsammlung Jena

Die Kunstsammlung Jena zeigt noch bis zum 20. September 2026 zwei Ausstellungen, die auf den ersten Blick äußerst verschieden, fast gegensätzlich, anmuten.

Bei Zohar Fraiman, der 1987 in Jerusalem geborenen und seit 2009 in Berlin lebenden Künstlerin, überlagern sich Farben und Formen zu einem einladenden Miteinander. Man sieht Gemälde und eine Rauminszenierung, die der Ausstellung den Namen gibt, an den Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“ erinnert und auch ein wenig mit Jena zu tun hat, denn hier ist das „Paradies“ so nah wie nirgendwo sonst, und es beginnt bereits am Bahnhof. Das hat Zohar Fraiman nachhaltig beeindruckt. Doch das Spiel der Herzkönigin ist im Grunde kein Spiel: Flamingos werden wider Willen als Schläger benutzt, und die anwesenden Schwäne sind Symbole einer Verführung, die in der Antike noch durchging, heute aber wohl kaum als einverständlich gilt. Schon in den Mythen und Märchen hat die Wirklichkeit viele Gesichter, im Digitalen sind Unterscheidungen oft unmöglich.  

Man glaubt es kaum: Alles ist so schön, doch hinter der kuschelbunten „instagrammability“ lauert ein Universum aus Farben und Formen, eine Welt des Konsums, der Effekte und eine Vielzahl virtueller Charaktere, die als Trugbilder auffliegen, sobald auch nur der Schatten einer Kritik das gefühlige Eiapopeia stört. Menschen und Gesichter wirken vertraut, agieren in kalkulierter Lässigkeit für eine Gegenwart, die so perfekt ist, dass kaum jemand aus der Reihe tanzt. Hier überlagern sich kunsthistorische Referenzen mit Darstellungen von Prominenten, Zeichentrickfiguren sowie Sequenzen aus bekannten Disney-Filmen. Die Figuration ist weiblich bestimmt, darüber hinaus sind von Handys, Torten bis zur Pizza allerlei Dinge zu sehen, die sich in verschachtelten Bildräumen konkreten Deutungen entziehen. Zohar Fraiman nutzt nicht nur jene radikalen Ansätze, mit denen Pablo Picasso und Georges Braque vor mehr als einhundert Jahren die Zentralperspektive zertrümmerten und die Vielsichtigkeit einführten, sondern sie holt auch die Kunstgeschichte an Bord, Figuren von Botticelli, Caravaggio oder Modigliani und zeigt so ganz nebenbei, dass das Zeitalter der einen allumfassenden Wahrheit abgelaufen ist. Und inmitten einiger Figurationen sieht man immer wieder die Social-Media-Königin Kim Kardashian, die Professionelle, die Beraterin, auf einem der Gemälde trägt sie sogar eine Krone. Ähnlich berühmt wie Kim Kardashian ist Taylor Swift, die uns auf dem Gemälde „Lit“ direkt anblickt. Vielleicht signalisiert die Flamme auf ihrem Handy, dass alles „voll Lit“ ist – also „heiß“, „geil“ oder wie auch immer. Der Herzohrring ihrer Nachbarin steht für ein „Like“ in den sozialen Medien, über den man sich in der Regel freut, steigert er doch die Reichweite der eigenen Mitteilung. Es ist jedoch leider nicht selten so, dass Lästereien oder Gerüchte am schnellsten verbreiten, oft so rasend schnell, dass die Vernunft auf der Strecke bleibt. Dass dies ein Problem für viele – nicht nur für Jugendliche – ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Viele Handys haben mittlerweile fünf Kameras; auf dem Bild sehen wir fünf Augen, wobei das Auge der hinteren Figur unheimlich blickt und die „Vorsicht“ symbolisieren soll.

Das Leben – so scheint es – ist ein Gesamtkunstwerk und muss in all seinen Facetten täglich angepasst, kuratiert und den neuesten „aesthetics“ angeglichen werden. Perfektion ist kein Spaß, sondern Pflicht, wenn man dabei sein will! Man ist nie allein, diese Welt ist voller Augen beziehungsweise voller Kameras, die neuesten Handys haben vier oder fünf davon.

Wir schauen und wir werden gesehen, Stillstand gibt es nicht, das Leben ist ein Prozess und mündet in Transformationen, die ohne Anfang und Ende nicht nur persönliche Schicksale, sondern das Leben ganzer Länder verändern. Bei Zohar Fraiman sind das Transformationen, die aus der Allgegenwart des Digitalen und der Aufblähung paralleler Realitäten entstehen.

Erik Stephan, Kurator der Kunstsammlung Jena

Die Fotografien von Frank Gaudlitz vermitteln eine völlig andere Realität, eine andere Sicht auf die Welt. Aber auch hier geht es um soziale und gesellschaftliche Veränderungen, um Transformationen, die jedoch zumeist weder selbst gewählt noch von den abgebildeten Menschen verursacht worden sind. Wir sehen Menschen in kollabierenden staatlichen Strukturen, Schicksale ohne Ort und Ziel, getrieben von Not und dem Wunsch nach Sicherheit für das eigene Leben und das der Familien. „Zwischen Zeiten“, heißt die Retrospektive des in Potsdam lebenden Fotografen Frank Gaudlitz, und er hat ein Thema in den Blick genommen, das auch seine eigene Biografie geprägt hat, eine Welt im Wandel. Nach einigen wechselhaften Vorrunden begann der künstlerische Lebensweg von Frank Gaudlitz an der Leipziger Hochschule, wo er beim Nestor der (ostdeutschen) Fotografie, bei Arno Fischer, studierte. Seine Diplomarbeit zeigt Wäscherinnen in Leipzig, den Alltag im Osten der Republik am Ende der 1980er Jahre. Das Vertrauen der Wäscherinnen erlangte er durch viele Besuche und Gespräche, durch Neugier und Teilnahme. So entstand eine Form der Fotografie, die für das gesamte Werk gilt: Im Mittelpunkt steht der Mensch, der auf Augenhöhe und voller Achtung und Anteilnahme am jeweiligen Schicksal dargestellt ist. Das ist ein Merkmal aller ausgestellten Fotografien, die neben den handelnden Personen immer auch Natur und Landschaft, die Lebensumgebung, die im besten Fall auch Heimat ist, einbezieht.

Auf seinen ersten Reisen in die Sowjetunion fotografierte Gaudlitz Ende der 1980er-Jahre den „Homo Sowjeticus“, einen Typ Mensch, den es schon wenige Jahre später, nach dem ökonomischen Zusammenbruch, nicht mehr geben sollte. Die Fotografien zeigen dramatische Veränderungen, ein Land, das neben existenzieller Not auch die Gesichter der Menschen verändert hat. Gaudlitz reiste auch in den 1990er Jahren nach Russland, zunächst in die Metropolen St. Petersburg und Moskau, in die Provinzstädte, dann in die ehemaligen GULAGs und Nickelbergwerke auf der Halbinsel Taimyr und in die zentralasiatischen Regionen des Baikalsees, des Altai oder in die Steinkohlereviere Kemerowos. Ausgerüstet mit einer analogen Kleinbildkamera bewegte sich Frank Gaudlitz unauffällig, auf Augenhöhe mit den Menschen und konnte den ideellen und ökonomischen Kollaps eines Systems und dessen Auswirkungen auf das Leben der Menschen fotografieren. Die Bilder zeigen Industrieanlagen, Sperrgebiete, Schwarzmärkte, vor allem jedoch Menschen ohne Hoffnungen und Perspektiven.

2017/18 kehrte Gaudlitz nach Russland zurück und erlebte ein wiederum stark verändertes Land, in dem autoritäre Strukturen den Alltag bestimmten. Die Fotografien zeigen nun Paraden, Symbole aus Sowjetzeiten und nationalistische Propaganda und hinterfragen patriotische Klischees. So entsteht in einem der bedeutendsten Langzeitprojekte des Künstlers das empathische Porträt eines Vielvölkerstaates, dessen Wandlungen radikale Gegensätze, Gewinner und Verlierer und einen großen Riss zwischen Ideologie und Wirklichkeit freigesetzt haben.

2021 folgte Frank Gaudlitz in einer ersten Etappe der eurasischen Reise Alexander von Humboldt von St. Petersburg bis ins sibirische Tobolsk. Wenig später reiste er in die von den Kriegsfolgen betroffenen Länder Moldau, Georgien und Armenien, ehemalige Unionsrepubliken des Sowjetimperiums, die jetzt als unabhängige Staaten Ukrainer:innen und Russ:innen gleichermaßen Zuflucht gewähren. Dort besuchte er ukrainische und russische Geflüchtete, porträtierte viele und sprach mit ihnen über ihre schicksalhaften Lebenswege. Zudem wurden die Porträtierten gebeten, ihre Zukunftswünsche in ein Album einzutragen. Aus diesen Porträts blicken Gesichter, die von Schmerz gezeichnet sind, aber auch Zuversicht ausstrahlen. In der Gesamtschau fällt auf, dass diese Menschen, unabhängig von der Staatszugehörigkeit, ähnliche Sorgen und Hoffnungen umtreiben. Krieg und Tod, Vertreibung und Flucht münden – unabhängig von jeder Herkunft – in existenzielle Not und Elend. Dazwischen gibt es Zeichen der Hoffnung, persönlichen Mut oder einen Neubeginn, der immer unter der Last der Ereignisse leidet.

Einen zweiten Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Fotografien aus Südamerika. Auch hier ist Gaudlitz von den Menschen und der Natur fasziniert, wobei letzteres üppiger und farbenfroher allgegenwärtig ist. Das Interesse an den Menschen, die Neugier des Fotografen erlebte hier besondere Herausforderungen, denn viele indigene Bevölkerungsgruppen, vor allem im Hochland, lassen sich nur ungern fotografieren. Aber auch hier gelingen Frank Gaudlitz mit viel Einfühlungsvermögen und seinem Gespür für das Menschliche herausragende Porträts, die letztlich die Grundlage seines fotografischen Panoramas werden, einer Menschen-, Land- und Gesellschaftsstudie. Fotografien aus Südamerika sind jedoch poetischer, wirken zeitloser und räumen den Landschaften und Stillleben größeren Raum ein.  

Ab 2005 reiste Frank Gaudlitz regelmäßig nach Bolivien, Peru und Ecuador. In seiner Serie „Ruta del Sol“ folgt er dem Weg Alexander von Humboldts und hält Landschaften und Menschen dieser Regionen fest. In ihnen offenbart sich die gesellschaftliche Vielfalt, von indigenen Stämmen bis hin zu den Eliten der einzelnen Länder.

Zu den Besonderheiten zählen sicher die umfangreichen Porträtserien über Transfrauen, die er erst vor zwei Jahren in der peruanische Amazonasstadt Iquitos fotofiert hat. Eingebettet in die tropische Lebenswirklichkeit Amazoniens ist das Leben dieser Menschen vielen Gefahren ausgesetzt. Viele müssen sich prostituieren, die meisten werden nicht alt. All das ist eingebettet in eine gewaltige Natur, die schön und bedrohlich gleichermaßen, die Menschen verkleinert. Und dennoch sind die Folgen des Klimawandels allgegenwärtig und verändern das Leben und auch die Natur.

Eine seiner neuesten Folgen, die Stelzenhäuser, werden in unserer Ausstellung erstmals gezeigt. Das ist keine Herrschaftsarchitektur, sondern die gebaute und bewohnte Realität außerhalb der Städte, die in den Überschwemmungsgebieten in Flussnähe auf Pfählen errichtet sind. In dieser einzigartigen Siedlungsform verbindet sich traditionelles Wissen indigener Bauweisen mit urbanen Einflüssen.

Erik Stephan, Kurator der Kunstsammlung Jena

So verschieden die Ausstellungen mit Werken von Zohar Fraiman und Frank Gaudlitz auch sein mögen, beide widmen sich drängenden Themen unserer Zeit und suchen, neben allen künstlerischen Qualitäten, den Kontakt zum Publikum. Sie sind eingeladen, zum Mitmachen, zum Fotografieren, zum Mitdenken und Miterleben. Inmitten der Installation „Players in Paradise“ hat Zohar Fraiman einen Selfie-Point eingerichtet, an dem Sie selbst in die Traumwelt von „Alice im Wunderland“ eintauchen können.

Beide Ausstellungen sind klimatisiert. Damit sind die Ausstellungen nicht nur ein exklusiver TIPP für Schlechtwettertage, sondern auch für die allzu schönen Tage des rollenden Sommers.

Wir freuen uns auf Sie!

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