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Traditionell blau-weiß oder modern bunt und eckig: Das ist der Jenaer Töpfermarkt

Weiße Keramikschalen mit rosa und türkisfarbener Glasur auf einem hellen Markttisch angeordnet.

Wenn sich der Jenaer Marktplatz in ein Meer aus Keramik verwandelt, ist wieder Töpfermarkt in der Saalestadt. Zwischen den historischen Fassaden der Innenstadt präsentieren Keramiker:innen aus ganz Deutschland und darüber hinaus ihre Arbeiten und machen Jena für ein Wochenende zum Treffpunkt für Liebhaber:innen des traditionellen Handwerks und zeitgenössischer Keramikkunst.

Der Reiz des Jenaer Töpfermarktes liegt in seiner Vielfalt: An den Ständen finden sich kunstvoll gestaltete Gefäße, handgefertigtes Geschirr, filigrane Schmuckstücke, dekorative Objekte und außergewöhnliche Einzelstücke. Jede Arbeit erzählt ihre eigene Geschichte – geprägt von unterschiedlichen Materialien, Formen, Glasuren und handwerklichen Techniken. So entsteht ein facettenreiches Bild eines Handwerks, das seit Jahrhunderten Bestand hat und zugleich immer wieder neue Ausdrucksformen findet.

Inmitten des geschäftigen Markttreibens entsteht Jahr für Jahr eine besondere Atmosphäre: das Klappern von Keramik, neugierige Gespräche, staunende Blicke und die Freude am Entdecken. Der Jenaer Töpfermarkt verbindet Tradition und Gegenwart, Handwerk und Kunst, Begegnung und Inspiration – und das seit vielen Jahren. Denn der Jenaer Töpfermarkt findet in einer Region statt, die seit Jahrhunderten vom Keramikhandwerk geprägt wird. Nur wenige Kilometer entfernt blickt die Töpferstadt Bürgel auf mehr als 400 Jahre Keramikgeschichte zurück. Bis heute zählt ihr traditionsreicher Töpfermarkt zu den bedeutendsten Deutschlands. In dieser lebendigen Kulturlandschaft hat sich auch der Jenaer Töpfermarkt zu einer festen Größe entwickelt und bringt Jahr für Jahr zeitgenössische Keramikkunst und traditionelles Handwerk in die Innenstadt.

Erste Bilder zeigen eine Art Töpfer- und Porzellanmarkt um 1910 auf dem Kirchplatz.

Wie viel von damals steckt noch im heutigen Töpfermarkt, der nunmehr eine feste Veranstaltung im JenaKultur-Kalender ist? Um das herauszufinden, lohnt sich nicht nur ein Blick in alte Fotografien, sondern auch das Gespräch mit Menschen, die den Markt heute prägen.

Zeitungsausschnitt über den ersten Jenaer Töpfermarkt mit Foto einer jungen Frau an der Töpferscheibe, beobachtet von zwei Passantinnen.
Zeitungsartikel zum ersten offiziellen Jenaer Töpfermarkt, Lokales in Jena – TLZ vom 16.07.1998, © FUNKE Mediengruppe, Thüringische Landeszeitung
Zeitungsausschnitt von 1999 über den Jenaer Töpfermarkt mit Foto von Menschen vor einem Stand mit blau-weiß gepunktetem Keramikgeschirr.
Zeitungsartikel zum zweiten Jenaer Töpfermarkt, Lokales in Jena – TLZ vom 29.07.1999 © FUNKE Mediengruppe, Thüringische Landeszeitung

1998 fand der erste offizielle Töpfermarkt auf dem Jenaer Marktplatz statt. Anfänglich noch an einem Mittwoch und zunächst mit recht wenigen Ständen sowie einem breiteren Warenangebot, stieß der Markt schnell auf großes Interesse. Schon bald kam „Leben in die Bude“, wie es der damalige Marktleiter Matthias Hiepe in der Berichterstattung der Lokalpresse ankündigte. Aus zwölf Keramik- und Töpferwerkstätten sind 28 Veranstaltungen später über 60 „Verkaufsbuden rund um den Hanfried“ geworden. Die kapazitätsbedingten Absagen nehmen ebenfalls jedes Jahr zu, sodass auch dieses Mal schweren Herzens über 30 Absagen versendet werden mussten.

Tradition, Feuer und Erfahrung

Eines der Töpfermarkt „Urgesteine“ ist Andreas Leonhardt aus Plauen. Der Töpfermeister aus Plauen lernte sein Handwerk – wie sollte es anders sein – in Bürgel, bei Walter Gebauer, einem der bedeutendsten Keramiker der DDR. Auch seine Meisterprüfung legte er 1987 dort ab. Ein paar Jahre später wagte er sich an eine ganz besondere Technik: die Raku-Brenntechnik. Die Raku-Brenntechnik stammt ursprünglich aus Japan und wurde erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt. Dabei entnimmt Leonhardt die glasierte Keramik aus dem Ofen und legt sie in glühende Holzspäne, die das Feuer schließlich ersticken. Dadurch entstehen charakteristische Risse, die der Keramik ihren besonderen Charme verleihen.

Den Jenaer Töpfermarkt besucht Andreas Leonhardt schon seit sehr vielen Jahren. Und sowohl hier als auch in seinem Atelier gibt es nichts, was es noch nicht gab. Aber das Unwetter von 2013 ist ihm ganz besonders im Kopf geblieben. Nichts hielt stand, das meiste ging zu Bruch. So hofft er, dass es auch dieses Jahr Petrus wieder gut mit dem Töpfermarkt meint und die Sonne nach Jena schickt.

Denn Andreas Leonhardt zeigt auch dieses Jahr wieder live vor Ort, was es mit der Raku-Brenntechnik auf sich hat: Bereits glasierte Ware hat er dabei und zeigt vor Ort, wie die markanten Risse in die Keramik kommen. Kleinere Teeschalen können direkt nach dem Brennen gekauft werden, größere Ware wie Übertöpfe oder Vasen müssen jedoch erst eingedichtet werden. Schon allein diesen Vorgang einmal mitzuerleben, zahlt sich aus!

So wie Andreas Leonhardt ist auch Uta Mill eine Töpferin, die dem Jenaer Töpfermarkt schon seit Jahren treu ist. Und nun steht eine ganz besondere Premiere an: Nach abgeschlossener Ausbildung im Jahr 2022 steht ihre Tochter Pauline Mill erstmals selbst als Ausstellerin in Jena – dort, wo ihre Mutter viele Jahre ihre Keramik präsentierte und auch heute noch präsentiert.

Traditionelles Handwerk trifft junge Ideen

Mit ihren 22 Jahren gehört Pauline Mill zu einer neuen Generation von Keramiker:innen, die zeigt, dass traditionelles Handwerk alles andere als altmodisch ist. Während das Töpfern auf Social Media Millionen Menschen begeistert und Kreativkurse boomen, hat sie sich bewusst für den beruflichen Weg entschieden. Statt das Handwerk nur als Freizeitbeschäftigung zu sehen, entwickelt sie ihre eigene Keramik, baut sich Schritt für Schritt ihre Selbstständigkeit auf und steht in diesem Jahr erstmals mit einem eigenen Stand auf dem Jenaer Töpfermarkt.

„Am meisten überrascht die Menschen, dass es überhaupt eine Option ist, Töpferin zu werden. Obwohl das Töpfern gerade so im Hype ist, scheinen viele zu vergessen, dass der Beruf ja auch ernsthaft erlernt werden kann. Zudem glauben oder wissen viele nicht, dass sich damit Geld verdienen lässt“

Nach ihrem erfolgreichen Ausbildungsabschluss sammelte Pauline im Rahmen eines Auslandspraktikums auf Kreta wertvolle Erfahrungen, lernte neue Techniken und Arbeitsweisen kennen, die teilweise bis heute in ihre Keramik einfließen. Zurück in Deutschland probierte sie sich aus und entwickelte ihren eigenen Stil weiter. Dieser Prozess ist für sie noch längst nicht abgeschlossen – und genau das macht den Reiz aus. „Ich weiß, dass die Entwicklung Zeit braucht und auch brauchen darf. Der Ton ist ein unglaublich vielseitiges Material, mit dem ich immer wieder neue kreative Stücke umsetzen kann“, erzählt sie. Genau diese Mischung aus Handwerk, Kreativität und dem sichtbaren Ergebnis der eigenen Arbeit fasziniert sie. Am liebsten arbeitet sie beim Abdrehen der Gefäße – dieser Arbeitsschritt sei für sie besonders entspannend. Während viele dabei Musik hören, laufen bei Pauline True-Crime-Podcasts. Das helfe ihr, den Kopf frei zu bekommen und sich nicht in jedem einzelnen Handgriff zu verlieren.

Auch wenn das Töpfern zu den ältesten Handwerken gehört, entwickelt es sich stetig weiter. Derzeit seien laut Pauline vor allem schlichte, minimalistische Formen gefragt – Stücke, die modern wirken und trotzdem ihren handgefertigten Charakter bewahren. Inspiration findet die junge Töpferin dabei nicht nur in der Werkstatt, sondern auch auf Social Media. Dort entdeckt sie die Arbeiten anderer Keramiker:innen, sammelt neue Ideen und kann gleichzeitig ihre eigenen Werke einem großen Publikum präsentieren. So entstehen nicht nur neue Impulse für ihre Arbeit, sondern auch Kontakte zu Menschen, die ihre Keramik sonst vielleicht nie entdeckt hätten. Schauen Sie doch auch gern einmal auf Paulines Instagram-Profil vorbei.

Der Jenaer Töpfermarkt begleitet Pauline schon seit ihrer Kindheit. Viele Jahre stand sie gemeinsam mit ihrer Mutter – selbst langjährige Ausstellerin – hinter dem Verkaufsstand. Nun präsentiert sie erstmals ihre eigene Keramik.

„Mittlerweile nicht mehr hinter dem Stand meiner Mutter zu stehen, sondern hinter meinem eigenen, erfüllt mich schon mit Stolz“

Gleichzeitig verbindet sie mit dem Markt viele persönliche Erinnerungen: die besondere Atmosphäre, das Wiedersehen mit befreundeten Keramiker:innen, gemeinsame Gespräche und das traditionelle Essen nach dem Abbau. Umso größer ist die Freude, nun als eigenständige Ausstellerin neue Erinnerungen zu sammeln.

Traditionelles Töpfern kennt keine Grenzen

Wie bei Uta und Pauline Mill ist der Jenaer Töpfermarkt für Angelika und Gerd Panten aus Gemmenich (Belgien) ein fester Termin im Kalender. Nach Jena kommen die Pantens trotz der relativ weiten Anreise besonders gern – die professionelle Organisation und die wunderbare Atmosphäre haben es ihnen angetan. Wenn schon morgens die interessierten Besucher:innen auf den Marktplatz strömen, hat sich für sie die Reise gelohnt, zumal sie seit Jahren immer wieder Stammkunden begrüßen, die sich in ihre Arbeit aus dem belgischen Atelier verliebt haben.

In der gemeinsamen Werkstatt fertigen sie seit nunmehr 35 Jahren Gefäß-Unikate mit einer besonderen, selbstentwickelten Kristallglasur an. Diese außergewöhnlichen Glasuren stellen hohe Anforderungen an technisches Glasurverständnis und erfordern viel kreative Handwerkskunst. Daneben entwickeln sie Schmuck mit jährlich wechselnden Designs – einzigartige Stücke, die man sonst nirgends findet.

Die Geschichte weiterschreiben – 29. Jenaer Töpfermarkt am 25. & 26. Juli 2026

Zwischen den Fotografien von damals und den Marktständen von heute liegen viele Jahrzehnte. Doch die Idee ist dieselbe geblieben: Menschen zusammenzubringen, die die Freude an handgemachter Keramik teilen.

Der Jenaer Töpfermarkt ist weit mehr als eine Verkaufsveranstaltung. Er lädt dazu ein, mit den Kunsthandwerker:innen ins Gespräch zu kommen, mehr über die Entstehung ihrer Werke zu erfahren und manchmal auch, Dinge selbst auszuprobieren. Wer genauer hinschaut, entdeckt neben der Schönheit des Materials Ton auch die Kreativität, Geduld und die Präzision, die seine Verarbeitung erfordert. Die Nicht-Reproduzierbarkeit, die launische Kristallausbildung, die langen Brennzeiten, der hohe Energieaufwand machen die hergestellten Stücke extrem teuer, aber auch unverwechselbar und wunderschön.

Der Jenaer Töpfermarkt lädt am 25. & 26. Juli 2026 zum Verweilen ein. Auf dem Marktplatz erwartet alle Besucher:innen erneut eine bunte Mischung an traditioneller Keramik, stilvolle Dekoration, hübscher Schmuck und viele andere einzigartige Unikate. Schauen Sie vorbei – die Künstler:innen freuen sich auf Ihren Besuch!

Wir bedanken uns recht herzlich bei Andreas Leonhardt, Pauline Mill und der Familie Panten für Ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags. Ebenso danken wir dem Stadtmuseum Jena für das zur Verfügung-Stellen der Archivaufnahmen und der Ernst-Abbe-Bücherei für die Zeitungsartikel, zu deren Veröffentlichung die FUNKE Mediengruppe erfreulicherweise ihre Zustimmung gegeben hat.

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