Allgemein Kunstsammlung Jena

„Für mich war sie sofort die Madonna der Porträtserie“

Frank Gaudlitz in der Jenaer Ausstellung

Zur Ausstellung „Zwischen Zeiten“ von Frank Gaudlitz in der Kunstsammlung Jena

Mitunter wird ein Bild betrachtet, und es taucht die Frage auf: Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Einige Antworten auf diese Fragen möchten wir zu der aktuellen Ausstellung „Zwischen Zeiten“ in der Kunstsammlung Jena beantworten. In einem Künstlergespräch hat Frank Gaudlitz einige spannende Hintergrundinformationen zu seinen Werken mit uns geteilt. Für alle besonders Neugierigen gibt es übrigens bald die Chance, selbst noch weitere Fragen zu stellen: Am 13. September kommt der Fotograf für ein öffentliches Künstlergespräch noch einmal nach Jena.

Die aktuelle Fotoausstellung: Ein Pfeil auf dem Boden weist die Richtung – doch der Pfeil ist mehr als nur eine Wegangabe. Er nimmt die Besucher:innen mit auf eine Zeitreise durch die Werke des Fotografen Frank Gaudlitz. Die Retrospektive beginnt mit einigen seiner frühesten Werke und führt dann chronologisch durch die Ausstellungsräume der Kunstsammlung Jena bis hin zur Gegenwart. Von 1986 bis 2026. Von Leipzig bis Peru.

Den Anfang nahm seine Karriere in der DDR, wo er bereits in seiner ersten Serie ein Vorgehen nutzte, dem er über die Jahre treu blieb. Hingehen, hinschauen, ein Teil sein. Über Wochen ging Gaudlitz in Leipzig zu Schichtbeginn zu einer Wäscherei, bis er fast zum Alltag gehörte. Seine Maxime:

„Du musst dich dem aussetzen, was deine Protagonisten tun.“

Frank Gaudlitz

Später führten ihn seine Reisen immer wieder nach Russland, was ein jähes Ende durch den Kriegsbeginn in der Ukraine nahm und so auch seine komplette Arbeit beeinflusste. Statt nach Russland führte ihn eine Reise nun nach Moldau, Georgien und Armenien, wo er versuchte, die Folgen des Krieges auf allen Seiten anhand der Menschen zu dokumentieren.

Porträts von Kriegsflüchtlingen in der Ausstellung „Zwischen Zeiten“ von Frank Gaudlitz
Porträts von Kriegsflüchtlingen in der Ausstellung „Zwischen Zeiten“ von Frank Gaudlitz | © Kunstsammlung Jena

Auf die Frage, warum das Porträt in der Mitte ausgerechnet das sei, welches ausgewählt wurde, um so groß in der Mitte zu hängen, antwortet Gaudlitz leidenschaftlich und ohne zu überlegen: „Sie war für mich auf den ersten Blick nicht nur ein Flüchtling, sondern ein stolzer Mensch, dem man aber auch ansieht, dass sie eine schwere Geschichte hatte. Für mich war sie sofort die Madonna der Porträtserie.“

Der Künstler vor seinem Porträt „Oleksandra O. (39), aus Charkiw/Ukraine, Batumi/Georgien 3/2023“
Der Künstler vor seinem Porträt „Oleksandra O. (39), aus Charkiw/Ukraine, Batumi/Georgien 3/2023“ | © Kunstsammlung Jena

Beim Gang durch die Räume fällt auf, dass die Bilder für sich wirken. Die meisten Wände sind weiß. Doch dann kommt ein Raum, wo ein sattes Blau die Besucher:innen umschlingt. Man könnte drüber hinwegsehen – doch bei genauerer Betrachtung ist dies wieder ein neuer Abschnitt, eine Serie neuer Reisen im Leben von Frank Gaudlitz. Zu Zeiten der EU-Ost-Erweiterung hatte er ein neues Projekt: Die knapp 35.000 Kilometer der Donau abfahren. Und auf der Reise nicht nur die Landschaften festhalten, sondern wieder das, was ihn von Anfang an bewegte: die Menschen. So hielt er unzählige Menschen in Porträts fest, und darüber hinaus aber auch ihre Wünsche. Diese „Bücher der Wünsche“ sind ebenfalls exemplarisch in der Ausstellung zu sehen und eröffnen eine zweite Ebene hinter den Bildern. So wie auch die blaue Wand – so wirkt das Wasser eines Flusses blau und die Bilder sind mit einem gewissen Schwung aufgehängt, sodass man fast die Wellen der Donau beim Betrachten vor sich sehen kann.

In jüngster Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt der Fotografien auf Südamerika. Am Ende der Ausstellung finden sich auf den ersten Blick sehr konträre Bilder: Stillleben und Transfrauen. Doch die Stillleben sind nicht einfach nur hübsche Obst- und Gemüsearrangements, sondern hier sehen wir eine Schlange, dort sehen wir einen Fisch. Im Künstlergespräch weist Gaudlitz darauf hin, dass für die Fotos natürlich keine Tiere zu Schaden gekommen sind, sondern er tote Tiere verwendet hat. Und schon erzählt er die nächste spannende Geschichte, wie er sich beispielsweise auf dem Fischmarkt passendes Fotomaterial besorgt hat. Aber was haben nun diese Stillleben mit den Transfrauen gemeinsam? Ein Diptichon, auf dem beides nebeneinander zu finden ist, soll den Zusammenhang von Leben – Blühen – Sterben verdeutlichen. Beides irritiert die Betrachtenden eventuell auf den ersten Blick und soll die Besucher:innen dazu einladen, den Gefühlen nachzugehen, die das erzeugt.

Überhaupt ist das etwas, was man aus der Ausstellung mitnehmen kann: Nach einem Einstieg in schwarz/weiß überraschend viel Farbe, viele Eindrücke aus anderen Ländern, viele Gefühle. Denn Gaudlitz hat meist das fotografiert, dem er nachzuspüren versucht: Den Menschen.

Über die Ausstellung
Noch bis zum 20. September 2026 haben Sie die Möglichkeit, die Ausstellung „Zwischen Zeiten“ in der Kunstsammlung Jena Dienstag – Sonntag von 10 – 17 Uhr zu erleben.

Das Plakat zur Ausstellung "Zwischen Zeiten" mit Fotografien von Frank Gaudlitz
Das Plakat zur Ausstellung „Zwischen Zeiten“ mit Fotografien von Frank Gaudlitz | © Kunstsammlung Jena
  1. Matias Mieth

    Was für ein Könner! Ich habe vor einigen Monaten die (beeindruckende) Ausstellung „Flucht“ von Frank Gaudlitz im Museen Europäischer Kulturen in Berlin gesehen. Und muss sagen: obwohl die (räumlichen) Bedingungen dort um vieles großzügiger sind, hat es das Team der Städtischen Museen Jena geschafft, auf engstem Raum eine Ausstellung zu zaubern, die das Werk von Frank Gaudlitz so welthaltig-vielfältig präsentiert, wie es ist. Überwältigend.

    • Danke für diese schöne Wortmeldung, die wir gerne an die Städtischen Museen Jena, respektive Erik Stephan, weiterleiten.
      Herzliche Grüße vom JenaKulturBlog-Redaktionsteam

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