Allgemein Stadtmuseum Jena

Vielfalt und Wandel der Alltags- und Amateurfotografie in Jena

Fünf Menschen mit Kameras stehen in einer Landschaft.

Fotografieren gehört längst zum Alltag: Unser Essen, unsere Familien und unsere Reisen halten wir in Bildern fest. Wir nutzen Fotos als visuelle Notizen oder teilen in sozialen Netzwerken, was uns wichtig erscheint. Für manche ist Fotografie aber weit mehr als eine beiläufige Alltagspraxis. Sie ist ein Hobby, dem sie mit Leidenschaft nachgehen – allein oder gemeinsam mit anderen.

„Alle fotografieren? Alltags- und Amateurfotografie in Jena“ heißt die neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Jena. Wie der Titel verrät, ist sie der Fotografie im Alltag und dem engagierten Schaffen der Jenaer Amateur:innen gewidmet. Sie erzählt von der Vielfalt und dem Wandel der Fotografie – in Motiven, Techniken, Materialien und fotografischen Praktiken. Sie spannt dabei einen Bogen von den Anfängen der Amateurfotografie über die Fotozirkel der DDR bis hin zu heutigen Bildpraktiken in den sozialen Medien.

Cora Kleesiek beim Fotografieren | © Teresa Thieme

Jena im Fokus: Eine Stadt und ihre Bilder

Fotografie verändert sich stetig – und mit ihr die Bilder, die von Jena entstehen. Manche Motive scheinen vertraut: die Dächer der Stadt, das Panorama vom Landgrafen oder die Aussicht von einem der vielen Türme. Solche Ansichten prägen unsere Vorstellungen von der Stadt. Doch wer fotografiert, wirft immer auch einen eigenen Blick darauf. So erzählen die Bilder von Jena in dieser Ausstellung davon, wie wir uns in der Stadt bewegen, sie wahrnehmen und anderen zeigen möchten.

JenTower | © Andreas Mund
Blick zum Turm vom Kassablanca | © Günther Kühnl

Viele der ausgestellten Bilder haben Amateurfotografinnen und Amateurfotografen des Jenaer Fotoklubs UNIFOK gemacht. Manche von ihnen bewegen sich seit Jahrzehnten mit ihren Kameras durch die Stadt. Sie suchen nach neuen Perspektiven, dokumentieren, was ihnen bemerkenswert erscheint und bewahren persönliche Erinnerungen. So entstehen Fotografien, die zugleich individueller Ausdruck und Teil des visuellen Gedächtnisses Jenas sind.

Schaufenster | © Archiv UNIFOK Jena e. V., Dieter Zöllner
Kinderwagen | © Archiv UNIFOK Jena e. V., Dieter Zöllner

Wie unterschiedlich der Blick auf Jena sein kann, zeigt auch der Fotowettbewerb des Stadtmuseums unter dem Motto „Lieblingsorte und Lieblingsblicke“. Die eingereichten Bilder waren bereits vorab an einer Fotoleine in den Ausstellungsräumen zu sehen. Nun können die Besucher:innen der Ausstellung die Fotografien an einem Touchscreen betrachten und per QR-Code oder Stimmzettel bewerten.

Einblicke in die neue Sonderausstellung

Die Sonderausstellung lässt sich entlang der fünf Themen „Wandel und Vielfalt“, „Fotografinnen und Fotografen“, „Aneignung“, „Nachhaltigkeit“ sowie „Körper und Alltag“ erkunden. Im Mittelpunkt stehen einfache, aber weitreichende Fragen: Warum und womit fotografieren wir? Was setzen wir ins Bild? Und wer ist eigentlich „wir“?

Zu sehen sind Fotografien aus den Sammlungen des Stadtmuseums, Werke lokaler Fotoklubs sowie aktuelle Arbeiten von Social-Media-Akteur:innen. Die vielfältigen Bilder vermitteln, wie Menschen ihre Stadt, ihr Umfeld und ihren Alltag auf unterschiedliche Weise in den Blick nehmen – ob mit Spiegelreflex- und Kleinbildkamera oder dem Alltagsbegleiter Smartphone. Vier eigens für die Ausstellung produzierte Filme stellen unterschiedliche Fotograf:innen vor und geben Einblicke in die Aktivitäten des Fotoklubs UNIFOK Jena e. V.

Ausgewählte Fotografien, Kameras und andere Objekte der Fototechnik, Ratgeberliteratur, Alben und Negative machen verschiedene Aspekte der Fotokultur im Wandel der Zeit sichtbar. Die Exponate zeigen, wie Fotografie zum Medium des Alltags wurde, welche Rolle sie als gemeinschaftliche Freizeitaktivität spielt und welche Bedeutung sie als visuelles Erbe hat.

Mitglied des UNIFOK Jena beim Fotografieren | © Archiv UNIFOK Jena e. V.
Bildbetrachtung | © Klaus Enkelmann

So fragt die Ausstellung auch danach, was mit unseren Bildern passiert: Welche Fotos bewahren wir – und wie? Denn das nachhaltige Archivieren stellt Fotografierende wie Museen gleichermaßen vor Herausforderungen. Fallbeispiele aus der Bildsammlung des Stadtmuseums Jena zeigen, wie umsichtig historische Aufnahmen datiert werden und was bei ihrer Veröffentlichung zu beachten ist.

Die fünf Kapitel regen mit offenen Fragen zum Nachdenken an. Zugleich richtet sich der Blick dabei auch nach vorn. Denn Künstliche Intelligenz macht es heute immer einfacher, digitale Fotos zu bearbeiten oder Bilder ganz ohne Kamera entstehen zu lassen: Welche Fotografien werden unsere Gegenwart künftig repräsentieren?

Von der Forschung zur Ausstellung

Die Ausstellung „Alle fotografieren?“ basiert auf dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt „Bildsehen // Bildhandeln. Die Freiberger Fotofreunde als Community of Visual Practice“. Von 2020 bis 2022 untersuchten Wissenschaftler:innen des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden und des Instituts für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen, wie die Mitglieder des seit über 75 Jahren bestehenden Fotoklubs Freiberger Fotofreunde fotografische Arbeiten entwickeln, Erfahrungen vermitteln und Wissen teilen. Dafür begleiteten sie den Klub, führten Interviews und recherchierten in Archiven.

Ausflug der Freiberger Fotofreunde: Ein gemeinsames Vorhaben mit individuellem Fokus | © Nadine Kulbe

An diese Forschung knüpft „Alle fotografieren?“ an und erweitert den Fokus auf die Alltagsfotografie. Mit der Smartphone-Fotografie und sozialen Medien werden auch weitere Formen des Wissensaustauschs und der Vergemeinschaftung untersucht. Wie fotografieren Menschen heute? Welche Bedeutung haben Fotos für Gemeinschaften und Orte? Wie wird fotografisches Wissen angeeignet und weitergegeben? Für das Projekt wurde in den letzten Monaten der 1962 gegründete Fotoklub UNIFOK Jena e. V. begleitet und seine Mitglieder zu ihrer fotografischen Praxis und ihrer gemeinschaftlichen Arbeit befragt.

Die Forschungsergebnisse fließen direkt in die Museumsarbeit ein. Zusammen mit kooperierenden Fotogruppen und weiteren lokalen Akteur:innen entstehen drei Ausstellungen: Eine im Stadtmuseum Jena und in den folgenden Jahren jeweils eine weitere gemeinsam mit den Technischen Sammlungen Dresden und dem LWL-Museum Henrichshütte in Hattingen. Das Erkenntnistransferprojekt „Alle fotografieren?“ wird für drei Jahre von der DFG gefördert. Die Ausstellungen machen damit wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich, verbinden sie mit dem Wissen und den Erfahrungen vor Ort und regen dazu an, den eigenen Umgang mit Fotografie neu zu betrachten. So wird Fotowissen nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam weiterentwickelt.

Entdecken, mitmachen und weiterdenken

Wer Jena und die Fotografie aus neuen Blickwinkeln entdecken möchte, kann die Ausstellung ab 4. September selbst erkunden. Bis zum 30. Dezember 2026 lädt „Alle fotografieren? Alltags- und Amateurfotografie in Jena“ im Stadtmuseum Jena zum Entdecken, Staunen und Mitmachen ein – zum Beispiel, indem Besucher:innen ihre eigenen Fotos in die Ausstellung mitbringen und an einer Fotowand auf einer Wäscheleine präsentieren.

Wäscheleinen-Ausstellung für Fotos der Besucher:innen | © Nathalie Knöhr

Sie können nicht nur über die Beiträge des Fotowettbewerbs abstimmen, sondern auch erfahren, wie viel eine Plattenkamera wiegt oder wie schwierig es ist, einen Film allein mit dem Tastsinn aufzuspulen. Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm mit Vorträgen der Kuratorinnen, einer Bilddiskussion mit den Mitgliedern des UNIFOK Jena e. V. sowie einer Kreativwerkstatt mit Fotogrammen für Kinder und Familien bietet weitere Möglichkeiten, sich mit den vielfältigen Themen der Alltags- und Amateurfotografie Jenas zu beschäftigen. Zur Ausstellung erscheint außerdem der Katalog „Alltagsbilder. Fotografien des UNIFOK Jena“ von Teresa Thieme.

Mehr Informationen zu Ausstellung, Katalog und Begleitprogramm: Stadtmuseum Jena

Mehr zum Forschungs- und Ausstellungsprojekt gibt es auf dem Blog „Bildsehen / Bildhandeln“ und auf Instagram: @fotografieren.isgv


Wir danken Nathalie Knöhr vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde für diesen spannenden Blogbeitrag und die Kooperation mit dem Stadtmuseum Jena!

Und nun möchten wir von Ihnen, liebe Leser:innen, wissen: Welche Motive fotografieren Sie am liebsten? Und welchen Zweck erfüllt die Fotografie für Sie? Erzählen Sie uns gern von Ihren Erfahrungen hinter der Kamera!

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