Interview mit der Künstlerin Zohar Fraiman
Allerlei Rosen und Herzen, außerdem viele Flamingos und Schwäne: Die aktuelle Kunstausstellung der Kunstsammlung Jena ist voll mit Farben und Symbolen, aber auch mit bekannten Figuren und Gesichtern. Die Besucher:innen können beispielsweise Alice im Wunderland, den Filmcharakter Scarlett O’Hara oder den in einen Schwan verwandelten Zeus entdecken. Noch bis zum 20. September 2026 laden die farbenprächtigen Bilder von Zohar Fraiman zu einem Besuch in der Kunstsammlung am Markt in Jena ein.
„Players in Paradise“ von Zohar Fraiman
Bei der Eröffnung der Ausstellung von Zohar Fraiman erwähnte sie, dass die Ankunft am Bahnhof „Jena-Paradies“ durchaus auch eine Inspiration für ihren Ausstellungstitel „Players in Paradise“ war. Doch da steckt noch sehr viel mehr hinter dem eingängigen Titel, wie sie in ihrem Interview erzählt.
In ihren Werken der Ausstellung beschäftigt sich Fraiman viel mit dem Digitalen – und so stecken in ihren Bildern neben unzähligen kunsthistorischen Anleihen mindestens genauso viele Anspielungen auf die digitale Welt. Mit dem Geburtsjahrgang 1987 ist sie keine „digital native“, aber trotzdem frühzeitig in die digitale Welt hineingewachsen, und so hat sie auch sehr viele eigene digitalen Erfahrungen und ein großes Spektrum an Inspirationsquellen für ihre Bilder. Beispielsweise erschließen sich die Bedeutungsebenen des Bildes „Girl You Can’t Post That, 2025“ erst dann völlig, wenn man Kim Kardashian auf dem Bild erkannt hat.

„Mir ist wichtig, beide Seiten anzuschauen“: Interview mit Zohar Fraiman
Daher haben wir Zohar Fraiman gefragt, ob sie uns etwas mehr zu ihrer Ausstellung, dem Ausstellungstitel und ihren Werken verraten kann. Im Interview mit der Kunstsammlung Jena verrät die Künstlerin auch, wie sie zur digitalen Welt steht. Aber lesen Sie selbst:
Der Titel der Ausstellung in der Kunstsammlung Jena trägt den Titel „Players in Paradise“ – was verbinden Sie persönlich mit dem Titel?
Meine Gedanken bei dem Titel für die Ausstellung waren bei dem Wort „Player“, also Spieler, das mehrere Bedeutungen hat. Zunächst steht das Wort „Players“ für das Spielen an sich, und darüber hinaus geht es in meiner zentralen Installations-Arbeit in der Ausstellung um ein Croquet-Spiel.
Das Croquet-Spiel ist ein wichtiges Thema, das sich in der Ausstellung wiederholt und aus dem Kinderbuch-Klassiker „Alice in Wunderland“ stammt. Darin zwingt die Herzkönigin alle, mit ihr Krocket zu spielen, und Flamingos werden als Schläger benutzt. Dieses Spiel ist dann auch gar nicht spielerisch, denn es herrscht sehr viel Zwang. Dass etwa die Flamingos eine Rolle einnehmen müssen, die sie nicht ausfüllen wollen, ist ein sehr wichtiges Motiv in der Ausstellung – eine Metamorphose, wenn man so will, die das Tier erfährt. Gleichzeitig sieht man Schwäne in der Installation, die Schläger, also auch Teil des Spiels, sein wollen.
Players in Paradise ist ein Titel, der zum Nachdenken anregen soll, wenn man die Ausstellung betritt und sich inmitten der Installation bewegt. Er soll sowohl humorvoll sein, aber auch gleichzeitig einen bitter-süßen Nachgeschmack hinterlassen. Und vielleicht bringt er uns dazu, unser digitales Dasein kritisch zu hinterfragen.
Das Titelplakat zeigt eines Ihrer Gemälde mit einem Engel, bei dem sofort ein Kern Ihrer Arbeit deutlich wird: kunsthistorische Elemente werden aufgegriffen und verschmelzen mit unserer Gegenwart. Wie finden Sie die Quellen Ihrer Inspiration?
Ich habe klassische Malerei studiert, und natürlich ist die Kunstgeschichte für mich eine sehr wichtige Inspirationsquelle.
In dem Bild „Cupidon“ sieht man eine sehr berühmte Figur von Caravaggio, den Amor. Ich habe entschieden, ihn mit einer weiteren Figur verschmelzen zu lassen und darüber hinaus das ganze Setting zu ändern. Die Umgebung könnte ein Zuhause sein mit einer gemütlichen roten Couch, ein paar Weinfläschchen und einer Lampe. Beide Figuren haben einen Pfeil, der ein typisches Attribut für den Cupidon, also Amor, ist. Die Pfeile gehen in Richtung des iPads oder des Screens, den wir auf dem Schoß der Figuren sehen. Darauf befindet sich ein kleines Emoji von einem Engel, das eine Wiederaufnahme des Cupidon-Motivs ist. An dieser Stelle begegnet uns das digitale Leben mit dem Tablet / iPad. Auch die Erzählung beschränkt sich nicht einfach nur auf die Kunstgeschichte, denn ich habe die Figur des Amor mit einer weiblichen Figur überlagert. Ein wichtiges Detail in der Komposition ist der rechte Fuß, der auf eine Rose tritt und damit suggeriert: „Romance is Dead“, also die Liebe ist tot.
Ihre Werke wirken auf den ersten Blick oft sehr heiter und farbenfroh, aber es versteckt sich darin auch viel Kritik an der digitalen „Parallelwelt“. Welche Entwicklungen finden Sie besonders kritisch?
Es gibt natürlich positive und negative Aspekte, und man kann das so oder so sehen. Mir ist wichtig, beide Seiten anzuschauen. So haben wir etwa durch die Digitalisierung viele Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten. In meinen Bildern spiele ich mit diesen Elementen, wie sich die Digitalisierung entwickelt hat – vor allem in der Popkultur – und auch, was uns daran stört.
Bei allen Gefahren, die es auch gibt, so hat die Digitalisierung natürlich auch an vielen Stellen für Vereinfachung und Vernetzung gesorgt. Wenn Sie auf einmal einen Monat ohne Computer und Smartphone leben müssen, was würden Sie am meisten vermissen?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, unser Digitalleben ist ein bisschen eine Sucht. Es gibt Momente, vor allem am Anfang, wo man denkt, das vermisse ich und brauche ich, zum Beispiel, um irgendwelche Infos zu googeln. Ich genieße es, viele trashige Videos auf YouTube zu sehen oder einfach irgendwelche lustige Cat-Memes oder irgendeine andere Unterhaltung, die auch nicht unbedingt wichtig sind. Ich schaue auch sehr gerne Koch-Videos online. Wenn es einen Monat ohne Computer und Smartphone gibt, wird es irgendwann wie eine Art Diät oder ein Entzug, ein „Detox“.
Ich kann mir vorstellen, dass so ein Digital Detox richtig guttun kann. Und wie gesagt, am Anfang vermisst man es, aber am Ende fühlt man sich erleichtert, weil unsere Smartphones uns überallhin begleiten. Wir sind so abhängig davon.
Ich kann mich erinnern, in Momenten, wo ich die digitalen Medien wenig benutzt habe, als ich unterwegs war, vielleicht in Urlaub, vielleicht wegen meiner Arbeit, etwa wegen einer Residency, war der Bildschirm, der Screen, auch nicht so präsent. Ich konnte deutlich besser schlafen. Und eigentlich, am Ende war ich auch ohne diese Dinge glücklich.
Aber ja, wir sind sehr abhängig davon, und im Alltag sind viele Sachen dadurch sehr praktisch. Und das Internet und allgemein digitales Leben sind ein riesiger Teil unseres Alltags geworden.
Welche Information aus dem Interview hat Sie besonders erstaunt? Wünschen Sie sich mehr Interviews mit Künstler:innen der Ausstellungen in der Kunstsammlung Jena? Senden Sie uns gerne Kommentare. Im Voraus danke dafür.
