Die Artothek der Ernst-Abbe-Bücherei Jena
Wer eine Bibliothek betritt, erwartet Bücher, vielleicht auch Filme, Spiele oder Musik. Doch in der Ernst-Abbe-Bücherei kann man noch etwas anderes entdecken: Kunstwerke. Und so hat sich mit dem Umzug der Bibliothek in ihren modernen Neubau für viele Jenaer:innen mehr verändert als nur die Adresse ihrer Stadtbibliothek. Neben großzügigen Lese- und Aufenthaltsbereichen, digitalen Angeboten und neuen Veranstaltungsformaten erlebt nun auch dieses besondere kulturelle Angebot eine kleine Renaissance: unsere Artothek.
Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie faszinierend: Kunst soll nicht nur im Museum oder in Galerien hängen, sondern Teil des alltäglichen Lebens sein. Denn fest steht: Kunst wird besonders dann lebendig, wenn sie Menschen im Alltag begegnet.
Artotheken bieten dazu eine überraschend niederschwellige Möglichkeit, Kunst in das eigene Leben zu holen, denn das Prinzip funktioniert genauso wie die Ausleihe anderer Medien in einer Bibliothek, nur dass statt Büchern, Gemälde oder Grafiken ausgeliehen werden können.
Die Artothek der Ernst-Abbe-Bücherei lädt dazu ein, diese Erfahrung selbst zu machen – und vielleicht ein Stück Kunst für einige Wochen intensiver zu erleben und Teil des eigenen täglichen Lebens werden zu lassen.

Kunst im Alltag erleben
Artotheken sind seit langem eine besondere und wirkungsvolle Form der Kunstvermittlung, denn Kunst wird hier auf eine ganz offene, unkomplizierte und unmittelbare Weise erfahrbar. Besonders dort, wo Menschen sich wünschen, mehr Originalität im eigenen Zuhause zu erleben und nach einem Bild suchen, das nicht nur Wände schmückt, sondern Geschichten erzählt und zum Nachdenken anregt. Und so beginnt alles vielleicht mit einer einfachen Frage: Welches Bild würde eigentlich bei mir zu Hause hängen, wenn ich eines auswählen dürfte? Beim Besuch der Ernst-Abbe-Bücherei Jena kann man sich in dieser Frage ganz wunderbar inspirieren lassen und an unserem großen Bilderregal in der 2. Etage auf Entdeckungsreise gehen. Ein Bild über dem Schreibtisch, eine Grafik im Wohnzimmer oder ein neuer Blickfang im Flur: Die Idee der Artothek macht Kunst zu etwas, das nicht nur betrachtet, sondern im Alltag erlebt werden kann. Jenseits musealer Rezeption und Bewertung, im Stöbern und Schauen, begeben sich kunstinteressierte Besucher:innen hier aktiv auf die Suche nach den zu ihnen passenden Werken. Die daraus resultierende Kunstbegegnung ermöglicht, anders als im Museum, einen sehr persönlichen Umgang mit Kunst. Das Entleihen und die Integration eines oder mehrerer Kunstwerke in das alltägliche Umfeld zu Hause macht diese für eine begrenze Zeit zum Bestandteil des persönlichen Lebens.
Mit diesem Ansatz erreicht die Artothek nicht nur eine breite Bevölkerungsschicht, sondern generiert auch ein ganz neues Publikum, indem es die unkomplizierte Auseinandersetzung mit Kunst auch denen möglich macht, die finanziell nicht über die Mittel verfügen, Kunst zu kaufen, oder die sich als Einsteiger:innen mit ihrem Zugang zur Kunst und ihrer Auswahl eines Werkes noch unsicher fühlen. Überdies erfreut sich der Aspekt des Teilens, des „Sharing“, immer größerer Beliebtheit und erweist sich bereits seit Jahren als bewährtes Modell.
Und wie funktioniert es?
Der Weg zum eigenen Kunstwerk gestaltet sich überraschend unkompliziert: Wer einen Bibliotheksausweis besitzt, kann aus einer Auswahl von aktuell etwa 300 im Verleih befindlichen Arbeiten wählen und sie für drei Monate oder auch bis zu einem halben Jahr ausleihen. In der Artothek der Ernst-Abbe-Bücherei stehen eine ganze Anzahl Original-Grafiken, wie auch Drucke und Gemälde zur Auswahl bereit. Dabei u. a. ein signierter Druck von Moritz Götze oder auch ein Original von Armin Mueller-Stahl und zahlreichen etablierten regionalen Künstler:innen. Es gilt: Entdecken, Anschauen, Ausleihen.
Bis zu fünf Kunstwerke können gleichzeitig ohne zusätzliche Kosten entliehen werden. Ist man fündig geworden, kann das Bild genauso wie ein Buch über das Leserkonto ausgeliehen werden. Und dann hängt vielleicht schon bald eine Grafik regionaler Künstler:innen über dem eigenen Sofa oder ein ungewöhnlicher Druck im Arbeitszimmer. Kunst wird so nicht nur betrachtet, sondern tatsächlich „bewohnt“. Und was noch schöner ist: Dank einer Artothek kann und darf man ausprobieren. Sollte man nach einigen Wochen merken, dass ein anderes Bild besser zur eigenen Stimmung oder Einrichtung passt, kann einfach getauscht werden. Die nächste Ausleihe bringt eine neue Perspektive.
Eine lange Tradition in Jena
Dass man in Jena Kunst ausleihen kann, hat bereits eine längere Tradition. Die Eröffnung der ersten Artothek am 7. Oktober 1978 als Spezialabteilung der neuen Zweigbibliothek in Lobeda-Ost stellte sowohl für die Bibliothek selbst wie auch die Stadt Jena und auch für ganz Thüringen eine ausdrückliche Besonderheit dar, besaß doch diese Einrichtung im vormaligen Bezirk Gera zu dieser Zeit ein Alleinstellungsmerkmal und leistete in ihren Anfängen wahre Pionierarbeit. In Jena folgte man damit einer kulturpolitischen Idee, die damals vielerorts in Deutschland aufkam: Kunst sollte nicht nur ausgestellt, sondern aktiv vermittelt werden. Bibliotheken galten dafür als ideale Orte – schließlich sind sie von jeher öffentliche Räume für Bildung, Austausch und kulturelle Teilhabe.
Begonnen wurde damals mit ca. 400 gerahmten Gemäldereproduktionen, aber schon bald wurde das Angebot erweitert: Neben Kunstblättern kamen Fachliteratur, Plakate und schließlich auch Originalgrafiken hinzu. Bis Ende der 1980er Jahre wuchs der Bestand auf etwa 2.000 Werke an, die von etwa 600 regelmäßigen Nutzer:innen – darunter auch Schulen, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen – wiederkehrend ausgeliehen wurden.
Nachdem im Zuge von Umbau, Sanierung und Neustrukturierung im August 1993 die Zweigstelle der Ernst-Abbe-Bücherei in Lobeda-Ost geschlossen worden war und das veränderte räumliche Konzept den Verbleib der Artothek im Gebäude ausschloss, wurde der gesamte Kunstbestand in die Hauptbibliothek im Volkshaus Jena verlagert. Dort blieb die Artothek weiterhin zugänglich, wenn auch in veränderter Form. Der Umzug der Bibliothek ins Interimsquartier in der ehemaligen Augenklinik, im Jahr 2019, erforderte dann die vorübergehende Einlagerung der Kunstwerke.
Seit 2024 ist die Sammlung im neuen Bibliotheksgebäude am Engelplatz, in einem eigenen Bereich in der 2. Ebene des Hauses für die Öffentlichkeit wieder erlebbar. Anknüpfend an ihre lange Tradition als ein fester und besonderer Bestandteil der vielfältigen Angebote der Bücherei, erhält die Artothek nun eine ganz neue Aufmerksamkeit und wird von vielen Nutzer:innen wieder oder ganz neu entdeckt. Der Neubau bietet dafür nicht nur mehr Raum, sondern auch eine zeitgemäße Präsentation, die zum Entdecken und Stöbern einlädt.
Heute ist die Artothek in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena mit derzeit 588 Werken die einzige aktive Kunstausleihe in Thüringen, die öffentlich zugänglich ist und als aktiver Kulturort genutzt wird.

Buch und Kunst in guter Nachbarschaft – Ausstellungen bieten Raum für regionale Kunst
Mit der Wiederbelebung der Artothek ist in der Ernst-Abbe-Bücherei auch ein weiterer Gedanke verbunden: Die Bibliothek wird verstärkt zu einem Ort, an dem regionale Kunst sichtbar wird. Wie schon vormals im alten Bibliotheksgebäude, im Volkshaus Jena, präsentieren wieder regelmäßig Künstler:innen aus Jena und der Region ihre Arbeiten und erhalten damit eine zusätzliche Plattform, um ihre Arbeiten einem breiten Publikum vorzustellen. Entlang der weitläufigen, lichten Flächen der beiden oberen Ebenen des Bibliotheksgebäudes ist, je nach Format und Größe der Bilder, ausreichend Platz für die Präsentation von etwa 40 Kunstwerken. Die wechselnden Ausstellungen bringen dabei immer neue Perspektiven in die Räume der Bibliothek und laden Besucher:innen dazu ein, Kunst ganz nebenbei zu entdecken: beim Stöbern zwischen den Regalen, beim Lernen oder während eines kurzen Aufenthalts. Das Konzept der Artothek erfährt auf diese Weise eine ganz wunderbare Ergänzung, indem es Räume gestaltet für Entdeckungen, Austausch und unmittelbare Kunsterlebnisse, die in spontanen Begegnungen mit künstlerischem Schaffen aus der Region entstehen.
Einmal mehr wird die Bibliothek so zu einem offenen, lebendigen Ort der Kultur, an dem Literatur, Kunst und Stadtgesellschaft miteinander in Dialog treten.
Kunst erleben – auch im kunstpädagogischen und therapetischen Kontext
Die Artothek bietet auch die Möglichkeit für kunstpädagogische Begegnungen, etwa in Kooperation mit Tageskliniken. Gerade hier wird besonders deutlich, dass die Sammlung mehr als eine Kunstleihe ist. Sie ist zugleich ein Raum für Austausch und kreative Bildung.
So finden in Zusammenarbeit mit Tageskliniken regelmäßig kunstpädagogische Veranstaltungen statt. Es werden gemeinsam Werke aus der Sammlung betrachtet, besprochen und auch als Ausgangspunkt für eigene kreative Prozesse genutzt. Im Mittelpunkt steht dabei kein kunsthistorisches Vorwissen, sondern die persönliche Wahrnehmung. Inspiriert von den betrachteten Arbeiten können dann auch eigene gestalterische Ideen ausprobiert werden – etwa durch Zeichnen, Collage oder andere einfache kreative Techniken. Der Fokus liegt dabei nicht auf einem perfekten Ergebnis, sondern auf dem Prozess des Gestaltens und dem unbefangenen Austausch über Motive, Stimmungen oder mögliche Bedeutungen der eigenen Werke.
Sehr oft sehen wir in diesen Veranstaltungen und den Gesprächen wie das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung gestärkt wird und Kreativität und Lebensmut ganz zaghaft aufblühen. Besonders für Menschen mit dementiellen und mentalen Einschränkungen kann Kunst ein Zugang zu verloren geglaubten Erinnerungen sein, denn Kunst ist ein Medium, das nonverbal wirkt, Emotionen anspricht und Erinnerungen aktiviert.
Solche Formate zeigen, wie Kunst auch außerhalb klassischer Ausstellungsräume wirken kann. Sie schafft Zugänge, fördert Wahrnehmung, Verständnis und Ausdruck und bietet Menschen in besonderen Lebenssituationen neue Perspektiven. Die Artothek wird so zu einem Ort, an dem kulturelle Teilhabe und therapeutische Impulse zusammenfinden.






Ausstellungseröffnungen und Veranstaltungen in der Artothek
Neugierig geworden? Dann probieren Sie es aus!
Wir laden Sie herzlich ein zu Ihrer ganz persönlichen Entdeckung in der Artothek der Ernst-Abbe-Bücherei Jena.
Stöbern Sie bei Ihrem nächsten Besuch einmal in aller Ruhe durch die Sammlung und lassen Sie sich inspirieren. Vielleicht wartet dort schon das perfekte Bild für die eigene Wand auf Sie. Auf Zeit zwar – aber mit bleibendem Eindruck.
Wow! Da bleibt uns nur der Autorin Anke Scherzer, Mitarbeiterin der EAB Jena, für diesen tollen Beitrag zu danken!
