Wissen Sie, was Provenienzforschung ist? Sie beschäftigt sich gemäß dem lateinischen PROVENIRE „Herkommen“ mit der Herkunft von Kulturgütern und Kunstwerken und versucht lückenlos deren Eigentumsgeschichte zu klären, vor allem um unrechtmäßigen Erwerb zu identifizieren und gegebenenfalls Rückgaben zu ermöglichen. Mit einem Provenienznachweis – meist mittels Kaufverträgen, Rechnungen, Testamenten, Auktionskatalogen, Inventarbüchern o.ä. – bemühen sich Institutionen, wie etwa Museen, den rechtmäßigen Erwerb von Sammlungsstücken zu belegen. Dr. Conny Dietrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle Provenienzforschung beim Museumsverband Thüringen, führte 2025/2026 einen Erstcheck auf NS-Raubgut in den Beständen des Stadtmuseums Jena durch. JenaKultur hat Dr. Conny Dietrich gefragt, was das bedeutet und was sie herausfinden konnte. Dr. Kristin Knebel, Direktorin der Städtischen Museen, zieht Schlussfolgerungen für die weitere Provenienzforschung bei den Städtischen Museen Jena.
Provenienzforschung ist in der Museumswelt seit einiger Zeit ein wichtiges Thema. Worum geht es dabei?
Dr. Conny Dietrich: Provenienzforschung untersucht die Herkunfts- und Besitzgeschichte von Museumsobjekten. Ziel dabei ist es, die „Biografie“ eines Werkes möglichst lückenlos zu klären. Dabei wird vor allem geprüft, ob das Objekt rechtmäßig in den Besitz des Museums gelangt ist. Leider ist dies nicht immer der Fall. Beispielsweise wurden zwischen 1933 und 1945 Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen durch die Nationalsozialisten gezielt enteignet und ihres Hab und Gutes beraubt. Nicht wenige Objekte wie Kunstwerke, aber auch Alltagsgegenstände gelangten in öffentliche Museen und befinden sich noch heute dort.
Bei der Provenienzforschung geht es weiterhin um Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, das während der Kolonialzeit durch Gewalt oder Machtmissbrauch geraubt wurde. Zunehmend geraten auch die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick. In der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR wurden Kunst- und Kulturgüter zum Beispiel im Zuge von Schlossbergungen, der Bodenreform, Zwangsumsiedelungen oder Republikflucht unrechtmäßig in Staatsbesitz überführt und anschließend verkauft oder an Museen übergeben.
Wird eine unrechtmäßige Herkunft nachgewiesen, bemühen sich Museen um eine gerechte Lösung mit den Nachfahren der betroffenen Personen. Das kann eine Rückgabe der Objekte bedeuten. In vielen Fällen gibt es aber auch andere Formen einer gütlichen und fairen Einigung, bei denen die Gegenstände im Museum verbleiben können.

Was ist ein Erstcheck? Welches Ziel hat eine solche Untersuchung und warum bietet das der Museumsverband Thüringen für seine Mitglieder kostenfrei an?
Dr. Conny Dietrich: Ein Erstcheck ist eine kursorische Vorprüfung, um verdächtige Objekte in Museumssammlungen schnell zu identifizieren. Ziel ist es, erste Anhaltspunkte für unrechtmäßige Erwerbungen zu finden und zu entscheiden, ob eine tiefergehende Untersuchung nötig ist.
Der Museumsverband Thüringen e. V. (MVT) hat 2021 eine Koordinierungsstelle Provenienzforschung eingerichtet, die diese Erstchecks für seine Mitgliedsmuseen kostenfrei anbietet. Der Fokus liegt vor allem auf den mittleren und kleinen Museen, die im Unterschied zu den großen Häusern wie der Klassik Stiftung Weimar kein eigenes Fachpersonal oder Budget für diese komplexe Forschungsaufgabe haben. Hier unterstützt und berät der MVT, zum Beispiel bei der Beantragung von Fördergeldern für vertiefende Forschungen beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg.
Hatten Sie vermutet, dass es im Stadtmuseum Jena Fälle von verfolgungsbedingtem Kulturgut während der NS-Zeit geben könnte? Gab es jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Jena?
Dr. Conny Dietrich: Ein vor zehn Jahren durchgeführtes Provenienzforschungsprojekt in der Kunstsammlung lieferte bereits erste Hinweise für NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter innerhalb der stadtgeschichtlichen Bestände. Daran konnte ich bei meiner Untersuchung anknüpfen. Im Vergleich zu anderen Städten hatte Jena keine sehr große, aber eine besonders präsente und fest in das städtische Leben integrierte jüdische Gemeinde. Später ausgegrenzte Personen wie beispielsweise der Universitätsprofessor Theodor Meyer-Steineg waren Mitglied im Vorstand des Museumsvereins gewesen, der die Tätigkeit des Stadtmuseums maßgeblich unterstützte. Zu betonen ist, dass neben der jüdischen Bevölkerung, die zweifellos die größte Opfergruppe bildete, auch zahlreiche andere gesellschaftliche Gruppen wie politische Gegner, Sinti und Roma oder Homosexuelle systematisch ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden.
Wie war denn das Museum in der Zeit des Nationalsozialismus organisiert?
Dr. Conny Dietrich: Als städtische Einrichtung war das Stadtmuseum Jena fest in die Strukturen der nationalsozialistischen Stadtverwaltung eingebunden. 1934 hatte Oberbürgermeister Armin Schmidt, von 1932 bis 1937 auch Kreisleiter der NSDAP, in Jena als erster Stadt in Thüringen ein zentrales Kulturamt gebildet, das der ideologischen Gleichschaltung diente. Unliebsame Führungskräfte wie die Museumsdirektorin Johanna Hofmann-Stirnemann wurden durch regimetreue Nationalsozialisten wie Werner Meinhof ersetzt, der 1936 sein Amt antrat. Nach dessen frühem Tod 1940 blieb das Museum ohne Leitung. Die Museumsarbeit lag allein in den Händen der wenigen, nicht zum Militärdienst eingezogenen Mitglieder des Museumsvereins und des Museumswarts. Obwohl die wissenschaftliche Arbeit ruhte, blieb das Museum auf Anweisung des Oberbürgermeisters weiterhin geöffnet und konnte auch Neuerwerbungen verzeichnen. Ab spätestens Ende 1943 engagierte sich dann vor allem der Volkskundler Oskar Schmolitzky ehrenamtlich für das Museum. Ihm ist es zu verdanken, dass die bedeutendsten Objekte in den hinter der Stadtkirche errichteten Großbunker ausgelagert wurden und somit wenigstens ein Fünftel der Sammlung vor den schweren Bombardierungen Jenas im Frühjahr 1945 gerettet werden konnte.
Welche Quellen konnten Sie nutzen oder haben Sie gefunden, um Informationen zu erhalten?
Dr. Conny Dietrich: Leider sind bei den Luftangriffen auf Jena zahlreiche Aktenbestände und vor allem ein wichtiges Inventarbuch verlorengegangen, das die Erwerbungen der Jahre 1937 bis 1945 dokumentiert. Neben dem noch vorhandenen Inventarbuch der Eingänge bis 1936 habe ich im Stadtarchiv Akten des Kulturamtes, eine Akte des Museumsvereins und Personalunterlagen sowie digitalisierte Tageszeitungen auf Hinweise nach Erwerbungen durchforstet. Zur Identifizierung der Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer habe ich zudem zeitgenössische Adressbücher ausgewertet. Bei meiner Recherche konnte ich natürlich auch auf vorhandene Publikationen zur Museums- und Sammlungsgeschichte, zur jüdischen Geschichte Jenas und Thüringens sowie auf das Lexikon zur Stadtgeschichte zurückgreifen. Und, ganz wichtig: Ich hatte in Susanne Bartsch, der Sammlungsverantwortlichen der Städtischen Museen Jena, eine kompetente Unterstützung, vor allem bei der Durchführung von Autopsien. Dabei werden einzelne Objekte auf Provenienzmerkmale wie Sammlerstempel oder handschriftliche Vermerke untersucht. Auf Basis dieser Recherchen und Begutachtungen habe ich alle Erwerbungen entsprechend des etablierten Ampelsystems des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste bewertet.
Können Sie kurz das Ergebnis beschreiben?
Dr. Conny Dietrich: Wie schon erwähnt, hat die stadtgeschichtliche Sammlung einen Großteil ihres Bestandes im Zweiten Weltkrieg verloren. Der Erstcheck konzentrierte sich auf die 279 heute noch vorhandenen Objekte, die im Zeitraum von 1933 bis 1945 in die Sammlung kamen.
Bisher konnten keine eindeutigen Belege für unrechtmäßige Erwerbungen oder Zuweisungen von Raubgut durch städtische Behörden gefunden werden. Allerdings lassen sich aufgrund der schlechten Quellenlage gerade für die problematischen Jahre ab 1937 kaum Aussagen über die Herkunft der Objekte treffen.
Festzuhalten ist, dass das Stadtmuseum Jena in der NS-Zeit Werke von Kunsthandlungen erwarb, die mit NS-Raubkunst handelten. Im Rahmen der Untersuchung wurden einige wenige möglicherweise problematische Zugänge identifiziert, deren Herkunft nun gezielt weiter erforscht werden muss. Zugleich konnten einige bislang fragliche Provenienzen geklärt sowie viele Jenaer Bürgerinnen und Bürger identifiziert werden, von denen das Stadtmuseum Objekte erwarb oder als Geschenk erhielt. Für die Sammlungs- und Museumsgeschichte bilden diese neuen Erkenntnisse eine große Bereicherung.
JenaKultur: Und hier noch eine Frage an die Museumsdirektorin: Sind die Städtischen Museen jetzt fertig mit der Provenienzforschung oder wie geht es weiter?
Dr. Kristin Knebel: Fertig ist man mit der Provenienzforschung eigentlich nie, denn es ist eine Daueraufgabe der Museen. Jedes Objekt, das in ein Museum kommt, hat eine Provenienz. Das heißt, es kommt aus einem anderen Besitz und derjenige oder diejenige, die es den Museen übergibt, hat es möglicherweise auch wieder von anderen erworben, geschenkt bekommen oder vielleicht geerbt. Diese Herkunftsgeschichte gilt es zu erforschen und zu dokumentieren, auch unabhängig von verfolgungsbedingten Kontexten, die zunächst einmal besonders im Fokus stehen.
Unsere Aufgabe ist es nun zum einen für einzelne Objekte aus der stadtgeschichtlichen Sammlung, die zwischen 1933 und 1945 erworben worden sind, die Herkunftsgeschichte – wenn möglich – noch weiter zu klären. Und dann kommt ein wesentlich größeres Arbeitspaket auf uns zu, nämlich die Erforschung der Erwerbungen aus der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Unsere Inventarbücher geben uns erste Hinweise darauf, dass sich Verdachtsfälle für unrechtmäßige Enteignungen oder verfolgungsbedingten Entzug seit Ende des 2. Weltkriegs auch in unseren Sammlungen finden könnten, sowohl in der Kunstsammlung als auch im Bestand des Stadtmuseums. Um diese zeitintensiven Nachforschungen bewältigen zu können, benötigen wir zusätzliche Personalkapazitäten. Wir hoffen sehr, dass wir durch Fördermittel, die wir dafür beantragen wollen, Unterstützung erhalten und uns dieser Aufgabe widmen können.
Auch die Untersuchung, ob es in den Sammlungen Objekte gibt, die aus kolonialen Kontexten stammen, steht noch aus. Die Zusammensetzung unserer Bestände lässt jedoch vermuten, dass es auf diesem Feld nur wenig zu finden gibt.
Am Ende ist unser Ziel, Rechtssicherheit für die Städtischen Sammlungen herzustellen, ihre Geschichte zu kennen und transparent zu machen und für Fälle von verfolgungsbedingtem Kulturgutentzug gute und faire gemeinsame Lösungen zu finden.

Der MDR hat auch über das Thema berichtet. Hier zwei Links:
07.04.2026 MDR Thüringen Journal
08.04.2026 MDR Aktuell Kulturdesk
Wir staunen selbst immer wieder, welche Themen in den unterschiedlichen Bereichen von JenaKultur bearbeitet werden müssen, welche unterschiedlichen Expertisen dafür vonnöten sind. Das Provenienzthema gehört dabei zu den sehr spannenden und auch, wenn man etwa an die NS-Raubkunst denkt, bewegenden. Hatten Sie damit bereits Berührungspunkte? Möchten Sie noch etwas wissen? Fragen Sie gern. Wir bemühen uns um kompetente Antworten.
