Carsten Müller an der Tür des Kassablanca Jena

Carsten Müller war in den 90ern lange Zeit Türsteher im – oder besser gesagt vor dem – Kassablanca in Jena. #Baseballschlägerjahre. Dass er auch Eisenmüller genannt wird, hat Gründe. Dass er vor allem als Einer gilt, der immer freundlich bleibt, hat die besseren Gründe.

Wenn man dir Anfang der 90er-Jahre begegnet wäre – welcher Jugendkultur hätte man dich denn zugeordnet?

Ich komme eigentlich aus einem schönen Ort im südlichen Sachsen-Anhalt zwischen Jena und Halle. Zur Wende war ich 15. Viele wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die man in der Stadt viel härter gemerkt hat, hat man auf dem Land nicht mitbekommen. Auch was die Subkulturen anging natürlich. Das ist ja nicht so wie heute, wo du dich durch YouTube klicken kannst und aus den sozialen Medien Impuls, Impuls, Impuls kriegst. Damals war es eher so: Entweder erreichen dich Dinge durch einen Zufall, oder sie erreichen dich nicht. Als ich bei der Armee war, 1992/93, habe ich zum ersten Mal Hardcore-Musik gehört. Auf Stube. Madball, Sick of it All. Also, wenn du jetzt nach ner Szene fragst, meine 90er waren doch eher Hardcore und Crossover wie Downset, BodyCount und natürlich Rage against the Machine.

1993 bin ich dann nach Jena gekommen und habe Olli Jahn und Smoking Joe kennengelernt. Als Anfang der 90er diese ganze Crossover-Welle hochkam, da hatten die beiden mit Ed aus Chicago und Franco auch ne Crossover Band, die sich Party Killing Service nannte. Und für die bin ich damals Bus gefahren, habe die Bühne aufgebaut und mit meinem Kumpel Uwe auch bei Konzerten dafür gesorgt, dass es nett ist.

Was heißt das?

Na manchmal hast du ja bei Konzerten Menschen, die das Konzerterlebnis anders interpretieren als die anderen Gäste. Und wir haben dann dabei geholfen, den richtigen Weg zu finden, der manchmal auch nach draußen führte, damit die anderen Gäste ein wirklich gutes Konzerterlebnis haben konnten.

Auf Tour hast du praktisch Rausschmeißer gemacht in Clubs, für die du gar nicht gearbeitet hast?

Ja. Joe war damals mit Ingrid Sebastian (Sozialarbeiterin im Kassa) zusammen. Als das Kassa hier an seinem jetzigen Standort aufmachte – erstmal nur der Turm, die Halle war damals noch Baustelle, da hat Inge mich gefragt, ob ich denn nicht noch einen Nebenverdienst brauche zum Studium. Ich hab gleich ja gesagt, denn ich hatte den Job vorher auch schon gemacht.

Wie kam das?

Ich war 18. Eigentlich wollte ich nur zur Disko in den Nachbarort, nach Billroda, gehen. Das war damals noch ganz klassisch im Dorfgasthof. Unten Kneipe, im 1.OG der Saal, in dem Disko war. Es hatte einen Pächterwechsel gegeben, und an dem Abend, an dem die Neueröffnung war, fuhren 20 Autos mit Apoldaer und Weimarer Kennzeichen vor. Aus denen stiegen Glatzen aus, holten Baseballschläger raus und wollten den Saal stürmen. Der Kneiper war aber so clever und hatte erstens einen großen Stahlriegel hinter die Tür einbauen lassen und dann hat er zwei ehemalige Bereitschaftspolizisten der Volkspolizei, die nach der Wende ihren Job verloren hatten, als Türsteher eingestellt. Die Glatzen schlugen ein Loch in die Tür, aber Harald, einer der Türsteher, hat den ersten, der durchkam, genommen und ihm mit einem Tonfa eine drüber gezogen und ihn blutend durch das Loch in der Tür direkt wieder rausgeschmissen. Oben an den Fenstern standen die 300 Leute vom Saal und haben die Glatzen mit Bierflaschen beschmissen, bis die dann irgendwann wieder in ihre Autos eingestiegen und nach Hause gefahren sind. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.

Du meinst, dass es Gegenwehr gab für die Nazis?

Ja, das sowieso. Die hatten sich den Abend wahrscheinlich anders vorgestellt. Aber bei uns in der Gegend war auch diese Art des Überfalls ungewöhnlich, dieser absolute Zerstörungswille. Das war nicht mehr die übliche Kneipenschlägerei, es war ein Angriff. Das war eine völlig neue Qualität. Und vor allem ist auch keine Polizei gekommen. Polizei gab es da quasi nicht.

Und du warst da einfach Gast bei dieser Party?

Ja genau. Infolgedessen wurde dann der leerstehende Dorfkonsum gegenüber vom Gasthof umfunktioniert. Da war dann samstags Training mit Harald. Da ist dann erstmal eine Einlassergruppe aufgebaut worden. Und ich war mit dabei. Wir haben dafür gesorgt, dass es im Dorfgasthof wieder schönere Abende gab.

Das ist aber alles sehr zurückhaltend formuliert von dir.

Das hat einen sehr einfachen Grund. Ich möchte nicht, dass es wirkt wie „Opa erzählt vom Krieg.“ Mich haben Typen immer genervt, die von irgendwelchen „glorreichen Schlachten“ erzählen. Für die meisten Leute ist Gewalt ein Moment, den sie sich nicht freiwillig ausgesucht haben. Und für die meisten Menschen ist eine körperliche Auseinandersetzung ein Moment der Erniedrigung, der für den, dessen Gesichtsknochen zerschlagen, dessen Knie zertreten werden, oft ein lebenslanges Trauma bedeutet. Und daran gibt es absolut nichts Positives.

Was hat der Harald denn mit euch trainiert?

In erster Linie Jiu-Jitsu. Das ist auch das, was zu DDR-Zeiten Polizisten gemacht haben.

Auch in Jena waren Clubs und alternative Wohnprojekte regelmäßig Ziel von Nazi-Attacken. Viele mussten deshalb aufgeben. Das Kassa überlebte diese Angriffe. Warum?

Erstens wegen des engen freundschaftlichen Verhältnisses zu den Hermsdorfern, die immer nach Jena gefahren kamen, wenn es im Kassa Probleme mit Glatzen gab.

Wer sind die Hermsdorfer?

Das waren einfach Jungs aus Hermsdorf und Umgebung. Das ist erstaunlich, dass es dort in den 90ern, also eigentlich auch auf dem flachen Land, wo du auf der einen Seite Gera mit Glatzen hattest, auf der anderen Jena mit Glatzen, eine Community gab, die alle eher so Punk und Hardcore als Hintergrund hatten. Das war eine Gruppe rund um die Bands Ulrike am Nagel und Ugly Hurons, zu der auch einige im besetzten Haus in der Felsenkellerstraße eine Verbindung hatten.

Und der zweite Grund?

Der zweite Grund ist Didi. Als ich im Kassa damals angefangen habe, da stand so ein großer drahtiger Typ mit Schnauzbart und Glatze am Eingang, eine richtige Kante. An meinem ersten Abend hat er mir eine Videokassette in die Hand gedrückt. Darauf war der Film Roadhouse mit Patrick Swayze als Rausschmeißer. Didi meinte: Pass auf, der Film ist totaler Scheiß, aber es gibt drei Regeln da drinne, und die musste halt beim Arbeiten hier wissen.

Welche Regeln waren das?

  1. Wenn es körperlich wird, dann möglichst immer draußen.
  2. Du nimmst nie etwas persönlich, weil es nur dein Job ist.
  3. Immer freundlich sein. Immer!

Damit kommt man tatsächlich schon ziemlich weit. Und das hat uns Didi beigebracht. Ohne ihn hätte es der Laden nicht so weit geschafft. Vorher war das Thema Einlass wenig koordiniert. Es gab immer irgendjemand, der Tür gemacht hat, das waren aber nicht unbedingt Leute, die auch eine Identifikation mit dem Kassa gehabt haben.

Muss ja ein ganz schöner Charakter gewesen sein.

Wir haben immer gesagt, Didi ist für uns durch die Tiefen des Lebens gegangen, um uns davon zu berichten, damit du nicht selbst dort hingehen musst. Didi war nach dem Abitur und abgeschlossener Ausbildung Kampfschwimmer bei der NVA, musste dann aufhören wegen eines Tauchunfalls. Dann hat er versucht zu flüchten und wurde erwischt. Wegen bewaffneter Republikflucht – seine Bewaffnung war ein simples Taschenmesser – saß er dann sieben Jahre im Knast, davon ein Jahr in Brandenburg in Einzelhaft, was ihn als Typen natürlich geprägt hat. Aber solche Typen machen es am Ende aus. Didi ist für mich nach wie vor eine der prägendsten Begegnungen in meinem Leben. Das ist manchmal schwer zu erklären.

Waren das die Geschichten, die er erzählt hat?

Nee, Geschichten können dir Viele erzählen. Wenn Didi gearbeitet hat, musste er sich einfach nur oben auf die Galerie stellen und in den Saal reingucken. Da konnte man sehen, wie Menschen mit Charisma fokussieren können. Man wusste einfach, Didi ist da, und da ist an dem Abend Ruhe. Das Tolle am Kassa, generell, war, dass du hier die Möglichkeit hattest, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Durch die Art von Künstlern, die da waren, durch die Vielfältigkeit, die da war, aber auch durch die Unterschiedlichkeit der Menschen, die sich hier getroffen haben. Das ist damals eine absolute Besonderheit gewesen, nicht nur in Jena, sondern allgemein im Osten zu dieser Zeit.

Türsteherlegende: Didi. | © privat

So wie du das jetzt erzählst, ist das eine Aneinanderkettung glücklicher Zufälle, die dazu geführt haben, dass du Türsteher geworden bist. Aber irgendwie gibt es ja auch Gründe, warum einem bestimmte Dinge zufallen. Warum ist gerade das dein Ding geworden?

Als ich zehn Jahre alt war, gab es in meiner Klasse einen Jungen namens Oliver, dessen ausgewähltes Opfer ich war. Daran erinnere ich mich noch gut. In dieser Zeit habe ich aber auch gelernt, mich zu wehren. Und mit zwölf habe ich dann einen Zehntklässler umgehauen. Mir ist damals klar geworden, dass es immer ein physisches Gegengewicht braucht, um eben auf diese nicht selbst gewählte Gewalt antworten zu können.

Nicht jeder kann das, sich wehren. Das hat auch nichts damit zu tun, ob du Kampfsport machst oder nicht. Es geht um deine mentale Einstellung. Ich hatte dieses „Talent“ und habe es eingesetzt, wenn es notwendig war. Vor allem Anfang und Mitte der Neunziger brauchte es eben dieses selbstorganisierte Gegengewicht zu den zahlreichen Idioten dieser Zeit. Und das Gegengewicht im Kassa waren die Hermsdorfer, waren Didi und unsere damalige Tür-Mannschaft.

Jeder von uns hatte in seinen verschiedenen Lebenssituationen, noch vor der Kassa-Zeit, Gewaltexzesse erlebt, die jeglicher Kneipenschlägerei-Romantik entbehren, sondern uns einfach nur Grenzen der absoluten körperlichen und seelischen Unversehrtheit aufgezeigt haben. Auch wenn wir uns heute mit den Jungs treffen, sprechen wir eigentlich nie über diese Momente.

Warum nicht?

Weil das keine Erinnerungen sind, die es wert sind, Erinnerungen zu sein. Das einzig Positive ist im Rückblick, dass es uns gelungen war, im Kassa einen Rückzugsraum für Menschen zu schaffen, die damals kaum Rückzugsräume hatten. Egal, ob Goth, Punk, Queer oder jeder und jede Andere, die aus irgendeinem Grund an anderen Orten Jenas damit rechnen mussten, zusammengeschlagen oder belästigt zu werden – das Kassa war für sie ein Safe-Place und unsere Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass es so bleibt. Es musste egal sein, wie jemand aussieht oder welcher Szene er sich zugehörig fühlt, wichtig war und ist, dass der Mensch dahinter gut ist. Nicht mehr und vor allem nicht weniger. Wer diese Einstellung nicht hatte, wurde nicht in unserer Mannschaft akzeptiert oder wurde erst gar nicht Teil davon. Tür-Poser waren inakzeptabel. Das Ganze ist ein harter Job und kein Ego-Dancing.

Wie oft standest du an der Tür des Kassa?

Insgesamt zehn Jahre lang habe ich den Job im Kassa, aber auch in anderen Klubs gemacht. Im Schnitt kam ich da auf etwa 100 Nächte pro Jahr, an denen ich gearbeitet habe.

Also etwa 1.000 Mal. Das ist ’ne Menge. War das nicht langweilig, stundenlang vor der Tür zu stehen und die Anderen haben Spaß?

Nö. Langweilig war das nie. Schon gar nicht, wenn das Haus voll war. Mich hat es gefreut, wenn die Leute Spaß hatten oder meine Kollegen zu sehen. Wir funktionierten auch wirklich als Team sehr gut. Und man macht das ja als Team, und nicht alleine. Da sind sehr unterschiedliche Typen mit dabei gewesen, aber das hat es vielleicht gerade ausgemacht. Wir sind nie als superharte Typen aufgetreten, die mit betonierter Miene an der Tür stehen. Das war nicht unser Stil. Wir haben uns auf die Gäste gefreut. Bei der Kulturarena stehe ich noch heute am liebsten hinter der Bühne und freue mich, in glückliche Gesichter zu sehen. Das ist großartig, das ist die Art von Energie, die den Antrieb unserer Arbeit ausmacht und die mir im Moment extrem fehlt.

Acki und Arndt haben ihre schönsten 90er Anzüge für den Swingabend aus Vaters Schrank geholt. | © privat

Warum hast du dann aufgehört?

Ich wurde dann irgendwann müde im Kopf. Du musstest dich da ja trotz allem Spaß Nacht für Nacht mit den Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen.

Wenn da so eine Schlange ist vor der Tür, checkst du doch bestimmt schon mal aus, wer da steht. Auf was achtet man da?

Wenn du das lange machst, kriegst du ein Bauchgefühl. Du merkst einfach, ob jemand entspannt ist oder nicht. Wie dir jemand begegnet, ob er dir in die Augen gucken kann, wie er sich verhält. Und dann weißt du, ist jemand heute gut drauf oder hat er einen schlechten Abend und dann musst du erst nochmal eine direkte Ansprache machen. Meistens, wenn das Leute aus Jena waren, dann kannte man die. Und die kannten uns und dann konnte man viel Stress schon anders lösen. Das Physische macht, wenn man seinen Laden gut im Griff hat, am Ende vielleicht 20 oder 30 Prozent aus.

Was sagst du dann so in einer Gefährderansprache?

Das kommt immer auf dein Gegenüber an. Du erinnerst die Menschen nochmal daran, dass es Benimmregeln gibt. Und manchmal hilft allein das schon. Hört sich total einfach an, aber du brauchst natürlich auch Respekt und Vertrauen auf der anderen Seite, damit das auch gehört wird. Und das musst du dir erarbeiten. Wenn du eine Provokation ins Leere laufen lässt, tut dem das manchmal mehr weh, als wenn sie von dir rausgeworfen werden.

Und was sind so die typischen Probleme, wo du eingreifen musst?

Ab Mitte der Neunziger stand das Glatzenthema gar nicht mehr so im Mittelpunkt. Aber es ging dann wie in allen Clubs, da ist das Kassa auch keine Ausnahme, natürlich auch um das Thema Droge. Da hatten wir immer eine sehr klare Einstellung dazu. Das hieß, alles, was hart ist, hat im Laden nichts zu suchen. Das heißt nicht, dass man es völlig verhindern kann, wir sind ja nicht naiv. Aber das Geschäft hat woanders stattzufinden. Punkt. Und dann ging es auch schon immer darum, dass Männer manchmal Frauen gegenüber nicht die richtige Achtung mitbringen.

Wir haben das beide nie explizit erwähnt. Aber Stress gibt es eigentlich nur mit Männern, oder?

Ja. Zu 99 Prozent. Und was eigentlich noch auffälliger ist: Typen nehmen sich total zusammen, wenn sie in weiblicher Begleitung kommen. Weshalb zum Beispiel bei manchen Abenden so mancher Typ, der woanders ständig aus dem Rahmen gefallen ist, sich im Kassa immer benommen hat, weil er wusste, dass hier viele sehr nette Frauen sind. Nichts wirkt disziplinierender auf Männer als die Anwesenheit von Frauen. Je mehr Frauen da sind, desto weniger Stress. Auch an der Tür. Die wunderbare Andrea war die erste feste Frau in unserem Team, aber auch generell an der Kassa-Tür.

Wie bist du Mitglied der Werkleitung bei JenaKultur geworden?

Ich hab mich irgendwann Ende der 90er mal für ein Praktikum bei der Kulturarena (KA) beworben. Das war so der Einstieg. Danach war ich vier Jahre Bühnenleiter bei der KA. Später habe ich dann bei JenaKultur den Veranstaltungsbereich aufgebaut und seit sechs Jahren bin ich in der Werkleitung.

Hast du studiert?

Ja, Politikwissenschaften hier in Jena und in Siena, Italien, und dann noch ein Zweitstudium im Bereich Marketing.

Carsten Müller | © C. Gesellmann

Was von dem, was du in deinem Türsteher-Dasein gelernt hast, nützt dir jetzt noch was bei deiner Arbeit? Zum Beispiel für eine frustrierende Beratung mit dem Kulturministerium?

Also Didi hat mir beigebracht, dass du den Rücken gerade machen musst im Leben. Dass du für das, was du tust, einstehen musst, egal ob das positiv oder manchmal negativ ist. Ansonsten hast du nach dieser Tür-Zeit schon eine gewisse Belastbarkeit.

Die Ruhe weg?

Na ich kann schon sehr unruhig oder besser ungeduldig sein. Aber ich hab manchmal so Situationen, wo ich merke, es läuft gerade irgendwas total scheiße, dann erinnere ich mich aber an das eine oder andere Lebensereignis aus dieser Tür-Zeit und da weiß ich einfach, das Leben kann dich noch in ganz andere Nischen bringen.

Ich glaube, ich weiß was du meinst. Aber das war trotzdem ein bisschen rätselhaft…

Wenn dir jemand mit einem Messer gegenüber steht, dann macht dir das die Gratwanderung des Lebens deutlich bewusster, als wenn du mal einen schlechten Tag in einem Ministerium gehabt hast. Wenn du sowas erlebt hast, relativieren sich viele Sachen, die einem sonst so im Leben begegnen.

Das hast du erlebt, dass dich jemand mit dem Messer bedroht hat, hier an der Tür?

Ja.

Wie kam das?

Da gab es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen, der eine hat sich bedroht gefühlt, hat ein Messer dabei gehabt und stand dann vor mir, weil ich schlichten musste, und war halt einfach auf 180 und hat es dann gegen mich gerichtet.

Sie nannten ihn Eisenmüller. | © privat

Wie ist das ausgegangen?

Die Situation haben wir zu zweit gelöst. Das war eigentlich ein Stammkunde damals, der in einer emotionalen Ausnahmesituation war. Wir haben es erstmal geschafft, ihn zu fixieren und ihm das Messer abzunehmen. Und dann haben wir ihn nach Hause geschickt. Nach einer Woche ist er wiedergekommen und hat sich bei uns bedankt.

Wofür hat er sich bedankt?

Dass wir ihn davor bewahrt haben, dass er in der Situation, in der wir eingeschritten sind, möglicherweise einen Weg gegangen wäre, der sein Leben für immer verändert hätte. Das war jemand, der das verstanden hat.

Habt ihr ihn wieder reingelassen?

Ja.

Warum?

Es gibt Leute, die sind aggressiv, weil sie aggressiv sein wollen. Weil sie einfach Bock haben, jemanden kaputtzumachen. Da ist es klar, dass wir sie nicht mehr reinlassen. Bei diesem Typ handelte es sich um jemanden, der in einer Bedrängungssituation war, da gab es eine Vorgeschichte mit einer Schlägerei. Das hat sich auch nicht wiederholt.

Wie wird das eigentlich entschieden, Hausverbot?

Es gab immer die Montagsrunde im Kassa, wo sowohl die Woche vorbereitet als auch die Wochenenden nochmal ausgewertet wurden. Und da wurden dann auch die „Spezialfälle“ nochmal auf den Tisch gepackt.

Also direkt mit Namen, wer was gemacht hat, und wie man damit umgeht?

Ja. Es gab Leute, die haben ein Jahr Hausverbot gekriegt. Und auch welche, die sind prinzipiell nicht reingekommen. Aber selbst wenn wir Hausverbot erteilt haben, hat derjenige immer die Möglichkeit bekommen, nochmal das Gespräch mit uns zu suchen. Haben viele natürlich nicht gemacht. Aber die, die mit uns geredet haben und Einsicht gezeigt haben, für die ist das Hausverbot dann meistens verkürzt oder gleich wieder aufgehoben worden. Es geht ja um Respekt, wie gesagt. Den bekommt man nicht, indem man der härteste Schläger ist. Irgendeiner ist immer schneller als du. Und Angst und Respekt sind zwei völlig unterschiedliche Paar Dinge. Aber du bekommst Respekt, indem du Regeln in einem Laden nachvollziehbar aufstellst, diese vorlebst und Strafen so aussprichst, dass man auch versteht, warum man bestraft wird. Das ist oft nicht einfach, das mussten wir auch erst lernen. Wenn du den Job gut machst, bist du der Schiedsrichter, das neutrale Element. Aber wenn du scheiße pfeifst, akzeptiert dich auch keiner als Schiedsrichter. Ich meine, wenn du in einen Club gehst, wie nimmst du denn gute Leute an der Tür wahr?

Na im besten Fall, indem ich die gar nicht sehe. Freundlich sein ist immer schön. Natürlich. Ist immer uncool, wenn man an der Tür angeguckt wird wie: Was willst’n du hier?

Genau. Bei uns im Team hatte deshalb auch jeder seinen Szeneschwerpunkt. Es gab beispielsweise Leute, die haben immer donnerstags gearbeitet, wenn Dark Wave war. Das war auch wichtig, denn die Leute wussten dann, ah, hier sind Olaf und Acki, und ich kann immer zu denen kommen, wenn was ist, und ich kenne die und das ist ein gutes Gefühl.

Olaf | © privat

Ich hab meist die Tür für die ganzen House- und Technosachen für Spatz gemacht. Die Gay-House-Reihe gilt heute noch als legendär. Oder die ersten Hip-Hop-Partys und Konzerte Ende der 90er. Organisiert vom großartigen Danny Engel, Ollinger und Ilja und Shame. Es bringt nichts, wenn du jemanden hinstellst, der mit einer bestimmten Szene nichts anfangen kann, dann kriegt er auch keinen Draht zu den Gästen. Und die Gäste waren uns immer wichtig. Nachdem wir im Kassa ein Konzert der mongolischen Oberton-Sänger von Hun-Huur-Tu erlebt hatten, haben Arndt, Alex, Jan, Oli und ich ein Weihnachtskonzert für 200 Gäste auf Naturvölker-Instrumenten gegeben. Als Dankeschön von der Tür für unsere Gäste. Ich hab den Mitschnitt neulich nach mehr als zwanzig Jahren wieder gehört. Mehr Weihnachtsfrieden ging nicht.

Türsteher Weihnachtskonzert 1998. | © privat
Jan, Alex und Arndt. | © privat

Inzwischen freut man sich ja schon fast drauf, mal wieder abgetastet zu werden.

Die Clubs fehlen, auf jeden Fall. Es wird Zeit, dass es wieder los geht. Die Herausforderungen, vor denen die Clubs eh alle stehen, sind durch die Pandemie noch größer geworden. Überall, wo ein Laden zumacht, wird es schwer, dass wieder ein neuer aufmacht, egal ob das was Subkulturelles ist oder was Kommerzielleres, gerade noch in einer Stadt wie Jena mit dieser Bauverdichtung. Deswegen gucken wir im Moment schon, dass die Clubs diesen Corona-Winter überstehen. Das ist aber nicht einfach. Deswegen ist die rechtliche Anerkennung der Clubs als Kulturorte, die jetzt endlich kommt, extrem wichtig. Vielleicht ist das wenigstens etwas Positives aus dieser Krise, denn die Forderung gab es schon seit Jahren, doch bisher ist die gesellschaftliche Relevanz der Clubs nicht so erkannt worden. Aber ohne Clubs bleibt die junge Kultur auf der Strecke. Egal ob in Jena oder an jedem anderen Ort. Und dafür lohnt sich das Kämpfen noch heute.


Christian Gesellmann
Chisrtian Gesellmann | © Martin Gommel

Christian Gesellmann: Das Kassa feierte letztes Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club geprägt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben – und natürlich mit Ihnen/dir teilen, hier auf diesem Blog, auf Facebook und Instagram.

Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen/dir und Ihren/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: allesgute@kassablanca.de

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