Allgemein Kultur in Jena

Zwischen Partylärm und Kulturleben – Interview mit Jenas Nachtkulturkoordinator

Junger Mann vor einer Wand voller Graffitti

Was macht eigentlich ein Nachtkulturkoordinator? Feiern oder schlafen? Kultur oder Ordnung? Freiraum oder Rücksichtnahme? Seit fast einem Jahr arbeitet Christoph Litwinov als Nachtkulturkoordinator der Stadt Jena. Im Gespräch erzählt er, was Nachtkultur für ihn bedeutet, welche Rolle junge Menschen dabei spielen und warum es manchmal vor allem darum geht, die richtigen Menschen an einen Tisch zu bekommen.

Was macht ein Nachkulturkoordinator und was macht dir an deiner aktuellen Aufgabe am meisten Spaß?

Mein Arbeitsplatz ist weniger ein bestimmter Ort als vielmehr eine Schnittstelle.

Ich beschäftige mich mit Veranstaltungsformaten und Freiflächen, mit Clubs und Kollektiven, mit Jugendlichen und Anwohner:innen, mit Verwaltung und Politik. Es geht um Lärmschutz und Genehmigungen, aber genauso um Kulturförderung, Teilhabe, Sicherheit, Stadtentwicklung und die wirtschaftliche Situation der Nacht.

Oder etwas einfacher gesagt: Ich versuche, möglichst viele Menschen an einen Tisch zu bekommen, bevor aus unterschiedlichen Interessen ein Problem wird. Das klingt vielleicht weniger spektakulär als ein Nachtjob mit blinkenden Lichtern und Bass im Hintergrund. In der Praxis ist es aber genau das, was eine lebendige Nachtkultur braucht: Kommunikation, Vernetzung und Menschen, die sich kümmern.

Ein Rundes Bild in schwarz weiß. Darauf ist der JenTower mit einer Mondischel, darunter steht "NachtKultur"
Logo Nachtkultur © Adrian Kietzmann & Martin Schwarz

Was macht die Jenaer (Nacht)Kultur aus deiner Sicht besonders?

Für mich ist es vor allem ihre Vielfalt und die Größe der Stadt. Jena ist klein genug, dass man sich kennt – aber groß genug, dass ständig neue Ideen entstehen. Es gibt Clubs, Livemusik, Festivals, Kollektive, soziokulturelle Zentren, studentische Veranstaltungen und viele Menschen, die Dinge einfach selbst in die Hand nehmen.

Diese Mischung ist eine große Stärke.

Gleichzeitig stehen wir vor Herausforderungen, die viele andere Städte ebenfalls kennen: steigende Kosten, fehlende Räume, Nutzungskonflikte, verändertes Ausgehverhalten und die Frage, wie kulturelle Orte langfristig erhalten werden können.

Jena muss deshalb nicht alles neu erfinden. Wir können von anderen Städten lernen und gleichzeitig unsere eigenen Erfahrungen weitergeben. Genau dabei hilft mir besonders die bundesweite Vernetzung über das Nachtkonsil. Dort kommen Nachtkulturbeauftragte und weitere Menschen zusammen, die sich professionell mit der Nacht beschäftigen.

Wir haben in den letzten Jahren verstärkt die junge Zielgruppe im Blick. Deren Ausgehverhalten hat sich stark verändert. Ist das Thema auch auf deiner Agenda? Weißt du, was sich junge Menschen aktuell von der Stadt Jena wünschen, wenn es um Kultur- und Freizeitangebote geht?

Die klassische Clubnacht funktioniert nicht mehr für alle so wie noch vor einigen Jahren. Viele junge Menschen suchen kleinere Veranstaltungen, Open-Airs, selbstorganisierte Formate oder andere Möglichkeiten, Kultur und Freizeit miteinander zu verbinden.

Eine Frage beschäftigt mich dabei besonders: Was wünschen sich junge Menschen eigentlich von ihrer Stadt? Ich glaube nicht, dass junge Menschen unbedingt eine riesige Liste mit fertigen Angeboten haben. Häufig geht es vielmehr um die Möglichkeit, selbst etwas zu machen. Deshalb finde ich Projekte spannend, bei denen Jugendliche nicht nur als Publikum vorkommen, sondern selbst zu Veranstalter:innen werden.

Aktuell führen wir beispielsweise gemeinsam mit dem Jugendzentrum Eastside einen DJ-Workshop zu den Grundlagen des Veranstaltungsmanagements, der Veranstaltungstechnik und der Veranstaltungsethik durch. Dabei geht es um ganz praktische Dinge: Wie plane ich eine Veranstaltung? Was muss ich technisch beachten? Wie gehe ich mit Besucher:innen um? Welche Verantwortung habe ich als Veranstalter:in? Und wie schaffe ich einen Ort, an dem sich Menschen wohl und sicher fühlen?

Das Schöne daran: Die Jugendlichen setzen das Gelernte direkt um und veranstalten ihre eigene Fete. Vielleicht wird aus einer Jugendparty irgendwann eine Veranstaltungsreihe. Vielleicht entdeckt jemand seine Begeisterung für Veranstaltungstechnik. Vielleicht entsteht einfach eine richtig gute Erinnerung.

Alles drei wären ziemlich gute Ergebnisse.

Gab es Probleme oder Missverständnisse, die dir in den vergangenen Monaten immer wieder begegnet sind? Womit möchtest du hier gern mal aufräumen? Wo siehst du Potenziale, die bislang vielleicht noch nicht ausgeschöpft werden?

Ein häufiges Missverständnis ist für mich, dass Nachtkultur automatisch mit „Party“ gleichgesetzt wird.

Natürlich gehören Clubs, Konzerte, Open-Airs und Tanzveranstaltungen dazu. Aber die Nacht ist auch ein sozialer und kultureller Raum. Menschen treffen sich, lernen sich kennen, entwickeln Ideen, gründen Kollektive, machen Musik, organisieren Veranstaltungen oder verbringen einfach gemeinsam Zeit. Gerade für junge Menschen können solche Orte wichtige Räume sein, um sich auszuprobieren und Gemeinschaft zu erleben.

Eine Stadt wird nicht nur danach beurteilt, welche Einkaufsmöglichkeiten es gibt oder wie schön der Marktplatz ist. Auch die Frage, was abends und nachts passiert, spielt eine immer größere Rolle: Wo können Menschen Kultur erleben? Wo treffen sie sich? Wo entstehen neue Ideen? Und wo kann man nach Ladenschluss überhaupt noch etwas erleben?

Eine weitere große Herausforderung meiner Arbeit ist das Thema Freiflächen. Gemeinsam mit dem biotobt e.V. und dem Beirat für Soziokultur entwickeln wir das Freiflächenprojekt in Jena weiter. Dabei geht es unter anderem um die Nutzung des Alten Schießstands am Steinbach, aber auch um die Suche nach weiteren geeigneten Flächen. Das ist in Jena allerdings nicht ganz so einfach, wie man bei „Wir suchen eine Wiese“ vielleicht denken könnte.

Die Idee hinter dem Freiflächenprojekt ist deshalb auch nicht einfach: „Hier ist eine Wiese – macht mal eine Veranstaltung.“ Wir wollen vielmehr einen Rahmen schaffen, in dem sich auch kleinere, neue oder unerfahrene Veranstalter:innen ausprobieren können.

Unser Ziel ist es, mehr kulturelle Veranstaltungen zu ermöglichen und gleichzeitig die Qualität und Professionalität der Formate zu erhöhen.

Tanzende Menschen auf einer Freifläche. im Hintergrund sind Bäume zu sehen.
Freifläche © Christoph Litwinov

Welche Entwicklungen würdest du dir für die kommenden Jahre wünschen?

Ich möchte Lösungen finden, bei denen möglichst viele Interessen berücksichtigt werden. Die einen möchten am Samstagabend feiern, die anderen möchten schlafen. Beides ist völlig legitim.

Wenn Veranstalter:innen wissen, an wen sie sich mit einem Problem wenden können, wenn Anwohner:innen einen Ansprechpartner haben und wenn Verwaltung und Szene frühzeitig miteinander sprechen, lassen sich manche Konflikte lösen, bevor sie überhaupt eskalieren.

Deshalb sind für mich Vorsorge, Transparenz und frühzeitige Kommunikation wichtige Werkzeuge. Nicht erst reagieren, wenn der Bass schon läuft und der Ärger bereits vor der Tür steht, sondern möglichst vorher miteinander sprechen.

Ein weiterer Bereich, der in meiner Arbeit immer wichtiger wird, ist das Thema Sicherheit. Dabei geht es nicht nur um Polizeipräsenz oder Ordnungsrecht. Sicherheit bedeutet auch Awareness, gute Kommunikation, sichere Heimwege, erreichbare Ansprechpartner:innen und Orte, an denen Menschen wissen, wo sie Unterstützung bekommen.

Eine Stadt schläft nicht, sobald es dunkel wird. Ein Teil meiner Arbeit findet deshalb auch dort statt, wo man Nachtkultur vielleicht nicht sofort vermuten würde: in Ausschüssen, Ortsteilräten und Gesprächen mit der Verwaltung.

Die Nacht ist Teil des städtischen Lebens – wirtschaftlich, kulturell und sozial.

Clubs, Livemusikspielstätten, Gastronomie und andere Kulturorte schaffen Arbeitsplätze, ziehen Menschen in die Innenstadt und sorgen dafür, dass Städte auch dann lebendig bleiben, wenn die Geschäfte längst geschlossen haben. 

Nicht verschweigen wollen wir, dass du deine Ausbildung bei JenaKultur gemacht hast. Darauf sind wir ja stolz! Hättest du damals gedacht, dass du einmal in diesem/einem so ungewöhnlichen Beruf arbeiten würdest?

Vermutlich nicht, denn eine solche Stelle gab es damals noch gar nicht und wahrscheinlich hätte ich während meiner Ausbildung nicht gedacht, dass ich irgendwann einmal darüber nachdenke, welche Freifläche für welche Art von Veranstaltung geeignet sein könnte oder warum eine bestimmte Genehmigung eigentlich so funktioniert, wie sie funktioniert. Aber genau das macht den Job für mich so interessant.

Welche Erfahrungen aus deiner Ausbildung helfen dir heute noch?

Das Verständnis für Veranstaltungsabläufe natürlich. Aber auch die Erfahrung, dass eine gute Veranstaltung aus unglaublich vielen kleinen Zahnrädern besteht. Technik, Künstler:innen, Kommunikation, Budget, Personal, Sicherheit, Publikum – alles muss irgendwie zusammenpassen.

Heute ist mein Blick allerdings ein anderer. Heute frage ich mich zusätzlich: Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit solche Veranstaltungen in Jena überhaupt stattfinden können? Das ist ein ziemlich großer Perspektivwechsel.

Gibt es aktuell konkrete Veranstaltungen, mit denen die die Nachtkultur in Jena aufpeppen möchtest?

Besonders spannend an meinem Job finde ich, dass man nicht mehr nur in einzelnen Clubs oder einzelnen Veranstaltungen denkt, sondern zunehmend als gemeinsame Szene. Und manchmal wird aus diesem Denken und dieser Vernetzung eine gemeinsame Nacht. Genau deshalb freue ich mich besonders auf den 23. Oktober 2026. An diesem Abend findet die Lange Nacht der Clubkultur in Jena statt: Neun Locations, ein gemeinsames Ticket und eine ganze Nacht lang die Möglichkeit, die Jenaer Clublandschaft neu zu entdecken.

Die Lange Nacht ist für mich deshalb mehr als nur eine weitere Veranstaltung im Kalender. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Menschen miteinander sprechen, sich vernetzen und bereit sind, ihre eigenen vier Wände beziehungsweise Clubtüren ein Stück weit zu öffnen.

Und genau das finde ich großartig: Neun unterschiedliche Locations, unterschiedliche Stile, unterschiedliche Menschen – aber eine gemeinsame Nacht.

Vielleicht entdeckt man dabei einen neuen Lieblingsort. Vielleicht trifft man alte Bekannte. Vielleicht lernt man Menschen kennen, mit denen man irgendwann selbst etwas auf die Beine stellt.

Und vielleicht merkt man an diesem Abend ganz nebenbei, was Nachtkultur eigentlich sein kann: Nicht nur feiern, sondern Begegnung. Nicht nur einzelne Clubs, sondern eine gemeinsame Szene. Nicht nur Lärm oder Unterhaltung, sondern ein Teil dessen, was eine Stadt lebendig macht.

Am Ende geht es für mich deshalb nicht darum, Jena nachts möglichst laut oder möglichst leise zu machen.

Es geht darum, eine gute Nacht möglich zu machen.

Poster zur Bewerbung der Langen Nacht der Clubkultur
Poster „Lange Nachrt der Clubkultur“ © Adrian Kietzmann

Dann wünschen wir viel Erfolg bei der erste Langen Nacht der Clubkultur! Wir sehen uns sicherlich im Volksbad!

Wir bedanken uns bei Christoph für diesen ausführlichen und spannenden Einblick in die Arbeit der Nachtkulturkoordination in Jena! Der Beitrag zeigt sehr anschaulich, wie vielfältig das Thema Nachtkultur ist und wie viel Vernetzung, Kommunikation und Engagement dahintersteckt.

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