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Eduard Rosenthal zum 100. Todestag

Ein mann mit rotem Hemd stet vor anderen Menschen und erzählt etwas

Ein Beitrag von Dietmar Ebert

Ein Leben für die Wissenschaft, die Universität und die Stadt Jena geht zu Ende

Als Eduard Rosenthal nach kurzer schwerer Krankheit am 25. Juni 1926 im Alter von 72 Jahren verstarb, wurde er als ausgezeichneter Rechtswissenschaftler, von den Studenten auf Grund seiner klaren, temperamentvollen Vorlesungen geschätzter Hochschullehrer, als ausgleichender Politiker und sozial- sowie kulturell engagierter Stadtbürger gewürdigt. Aus der Sammlung „Steininger“, die sich im Archiv der Stiftung „Preußischer Kulturbesitz“ befindet, geht klar hervor, dass die Nachricht von Eduard Rosenthals Tod durch die großen Zeitungen in Deutschland und Österreich gemeldet wurde. Am 28. Juni 1926 erschien in der Thüringischen Landeszeitung „Deutschland“ ein Nachruf des Landesverbandes der Deutschen Demokratischen Partei, verfasst von Hermann Anders Krüger, der u.a. schrieb: „Er rang um die größten Staatsprobleme wie ein nach der letzten Wahrheit und Schönheit strebender Künstler …“.

Rosenthals Kollegen Rudolf Hübner und Otto Koellreutter würdigten die wissenschaftliche Lebensleistung des Verstorbenen in den Zeitschriften der „Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte“ und dem „Archiv für öffentliches Recht“. Bereits am 26. Juni 1926 erschien ein bewegender Nachruf im Jenaer Volksblatt, in dem betont wurde, dass Eduard Rosenthal der Jenaer Bürgerschaft mehr war als der Schöpfer der Thüringer Verfassung:

„Wir kennen Rosenthal als den intimsten Freund unseres unvergesslichen Professors Ernst Abbe … Bei der Abfassung des Stiftungsstatuts hat Abbe den juristischen Rat Rosenthals eingeholt und in ihm auch einen verständnisvollen Berater in sozialpolitischer Beziehung gefunden. […] Die Lesehalle ist eigentlich sein eigenes Werk, das er seit Jahrzehnten als Vorsitzender des Vorstandes leitete und zu einem der vorbildlichsten Institute seiner Art ausgebaut hatte. In der Jenaer Baugenossenschaft, die er auch finanziell unterstützte, war er viele Jahre Vorsitzender des Aufsichtsrats. Während der Kriegszeit versah er das nicht leichte Amt des Vorsitzenden der Preisprüfungsstelle.“

Ein schwarz-weiß-Foto. Zu sehen ist eine große Halle mit holzvertäfelten Wände und schmalen Kronleuchtern. Männer sitzen an Tischen und lesen.
Lesehalle | © Stadtarchiv Jena

Vita

Eduard Rosenthal wurde 1853 als dritter Sohn von Salomon und Henriette Rosenthal in Würzburg geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er das Gymnasium und begann sein Studium, das er in Heidelberg und Berlin fortsetzte und wiederum in Würzburg abschloss. 1878 promovierte er an der Julian-Maximilians-Universität Würzburg mit der Arbeit „Zur Geschichte des Eigentums in der Stadt Würzburg“. Bereits zwei Jahre später habilitierte er sich mit der Arbeit „Die Rechtsfolgen des Ehebruchs nach kanonischem und deutschem Recht“ an der juristischen Fakultät der Universität Jena und erwarb die Venia Legendi. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft, die Eduard Rosenthal nie verleugnete, blieben ihm Berufungen an andere Universitäten verwehrt. Die juristische Fakultät konnte sich erst 1896 gegen den Kurator der Universität Jena und das Weimarer Staatsministerium durchsetzen, so dass Eduard Rosenthal am 20. März 1896 zum Professor für Rechtswissenschaft, Staats- und Verwaltungs-, Völkerrecht und Rechtsgeschichte berufen wurde.

Nach seiner Berufung zum ordentlichen Professor fand sein Wirken in akademischen und städtischen Kreisen immer mehr Anerkennung. Im Jahr 1899 übernahm er den Vorsitz des Lesehallenvereins und im Wintersemester 1899/1900 wurde er vom Senat zum (Pro-) Rektor der Universität gewählt.

Die folgenden Jahre bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zählen zu den produktivsten seines Lebens. 1906 erschien der zweite Band von Rosenthals „Geschichte des Gerichtswesens und der Verwaltungsorganisation Baierns“. In diesen Jahren trat er auch zunehmend als Sozial- und Staatsrechtler hervor, so in seiner berühmt gewordenen Rede „Ernst Abbe und seine Auffassung von Staat und Recht“, die 1910 im Gustav-Fischer-Verlag Jena erschien und in seiner 1911 im selben Verlag erschienenen Schrift „Die Reichsregierung: eine staatsrechtliche und politische Studie“.

Außerdem war Eduard Rosenthal Mitglied in vielen Vereinen. Drei von ihnen hat er maßgeblich geprägt. Das sind zum einen der Lesehallenverein und zum zweiten der Verein für Thüringische Geschichte und Altertumskunde. Den Vorsitz in beiden Vereinen übernahm er 1899 und hatte ihn bis zu seinem Tod inne. Der dritte Verein, den Eduard Rosenthal entscheidend geprägt hat, war der Jenaer Kunstverein. 1903 wurde Rosenthal zum Vorsitzenden des Jenaer Kunstvereins gewählt und blieb es bis 1908.

1909 wurde Eduard Rosenthal vom Senat als Vertreter der Universität Jena gewählt, um deren Belange im Landtag des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach zu vertreten, und in den Jahren 1913/14 fungierte er zum zweiten Mal als (Pro-) Rektor der Universität Jena. Eduard Rosenthal war neben seinen Fachgebieten auch im Stiftungs- und Vereinsrecht bewandert. Er trug Sorge dafür, dass zwei der bedeutendsten Nachlässe in Thüringen zusammenhängend erhalten blieben: der Nachlass Friedrich Nietzsches und der Nachlass Ernst Haeckels.

1914 traf die Familie Rosenthal ein schwerer Schlag. Curt Rosenthal, der einzige Sohn von Clara und Eduard Rosenthal, hatte sich gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger gemeldet und starb am 30. Oktober 1914 in einem Nachtgefecht bei Bas-Maisnil in Nordfrankreich.

Aus einem Brief Eduard Rosenthals an Clemens von Delbrück vom 21. Juni 1918 geht klar hervor, dass er seit 1917 unter Industriellen, Parlamentariern und Politikern für einen einheitlichen Staat Thüringen warb. Als 1918 die thüringischen Fürsten abdankten und neun thüringische Republiken entstanden, wurde deren Vereinigung endlich möglich. Neben Freiherr Carl von Brandenstein (Volksstaat Reuß) war es vor allem Eduard Rosenthal, der auf einen „Gemeinschaftsvertrag“ zwischen den „thüringischen Kleinrepubliken“ drängte.

Am 4. Januar 1920 trat der „Gemeinschaftsvertrag über den Zusammenschluss der thüringischen Staaten“ in Kraft. Die Länder Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und der Volksstaat Reuß schlossen sich zum Freistaat Thüringen zusammen. Nun war Eduard Rosenthal der Mann der Stunde. Er erhielt den Auftrag, ein Grundgesetz für den neuen Freistaat Thüringen zu erarbeiten. Seine Kenntnisse des deutschen und internationalen Staatsrechts, seine Erfahrungen als Parlamentarier und sein umfangreiches Wissen der Rechtsgeschichte prädestinierten ihn, den Entwurf einer Verfassung auszuarbeiten, die mit wenigen Änderungen als „Vorläufige Verfassung“ durch den Volksrat von Thüringen verabschiedet wurde und am 12. Mai 1920 in Kraft trat. Nach knapp einjähriger Übergangszeit und Neuwahlen erhielt sie mit leichten Änderungen am 11. März 1921 Gesetzeskraft und besiegelte endgültig die Gründung des Landes Thüringen.

Eine Urkunde in altdeutscher Schrift. Zu lesen ist "Die Verfassung des Landes Thüringen"
Verfassung 1922 | © Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB)

In seinen letzten Lebensjahren erfuhr Eduard Rosenthal zwei für ihn bedeutsame Ehrungen: Am 1. Mai 1920 verlieh ihm der Gemeinderat der Stadt Jena die Ehrenbürgerschaft. Rosenthals lebenslanges soziales Engagement für die Stadt Jena, seine unermüdliche Arbeit in der Preisprüfungsstelle und im städtischen Hilfsverein wurden hierbei ebenso gewürdigt wie sein Wirken als geschickter Vermittler zwischen Stadtverwaltung und Staatsregierung, seine „hervorragende Rolle“ beim Zusammenschluss der Thüringischen Kleinstaaten zu einem „Gesamtstaat“ und sein Verdienst, ihm eine Verfassung zu geben.

Im Oktober 1923 schlossen sich die rechtswissenschaftliche und die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät zur rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zusammen. Bereits in seiner Gedächtnisrede auf Ernst Abbe im Jahr 1910 hatte Rosenthal die engere Verbindung von Nationalökonomie und Staatsrecht gefordert. Gemeinsam mit Heinrich Gerland und Justus Hedemann hatte er sich dafür eingesetzt, dass Wissenschaftler beider Fakultäten zusammenarbeiten. So ist es folgerichtig, dass Eduard Rosenthal die erste Ehrendoktorwürde der neu gegründeten Fakultät verliehen wurde. In einer Feierstunde am 21. Dezember 1923 wurde ihm die Urkunde über seine Ernennung zum Dr. rer. pol. h.c. überreicht.

Urkunde in altdeutscher Schrift
Ehrenpromotionsurkunde Eduard Rosenthal | © Universitaetsarchiv Jena

Am 12. Februar 1925 legte Eduard Rosenthal aus Alters- und gesundheitlichen Gründen sein Landtagsmandat nieder und am 13. Februar 1925 wurde er von seinem Mandat entpflichtet.

1925 war Eduard Rosenthal Mitbegründer der Thüringer Verwaltungsakademie und federführend an den theoretischen und praktischen Vorarbeiten zu einer Landesverwaltungsordnung beteiligt, die deutschlandweit und darüber hinaus zu den modernsten ihrer Zeit gehörte.

Als er am 25. Juni 1926 starb, war er ein in Jena und Thüringen hochgeachteter Wissenschaftler, Politiker und Stadtbürger. Der damalige Dekan der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Justus W. Hedemann, sagte in seiner Trauerrede in der Aula der Universität: „Nie hat er eingerissen, sondern immer nur aufgebaut.“

Ehrungen anlässlich seines 100. Todestages

Das Portrait eines Mannes. Er trägt ein schwarzes Hemd und einen markanten Schnurrbart.
Eduard Rosenthal: 1853 bis 1926 | © Universitätsarchiv Jena

Die Stadt Jena, die Friedrich-Schiller-Universität Jena, JenaKultur und der Neue Lesehallenverein e.V. werden Eduard Rosenthal anlässlich seines 100. Todestages mehrfach ehren.

Am Donnerstag, dem 25. Juni 2026, findet um 19.30 Uhr im Helene-Petrenz-Saal der Ernst-Abbe-Bücherei eine literarisch-historische Veranstaltung statt, die den Titel trägt: „Die Bibliothek als Lebensspur“. Dr. Dietmar Ebert, Vorsitzender des Neuen Lesehallenvereins e.V., wird über Eduard Rosenthals Wirken als Vorsitzender des Lesehallenvereins in der Zeit von 1896 bis 1914 sprechen, und Thomas Witzgall, Fachreferent für rechtswissenschaftliche Literatur an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, wird Wissenswertes über den Verbleib von Eduard Rosenthals Arbeitsbibliothek erzählen.

Am Freitag, den 18. September 2026, werden die Stadt Jena, die Friedrich-Schiller-Universität Jena und JenaKultur – mit freundlicher Unterstützung der jenawohnen GmbH – innerhalb eines festlichen Symposiums an den verdienstvollen Hochschullehrer, „Vater“ der Thüringer Verfassung, Ehrenbürger der Stadt Jena und Ehrendoktor der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät erinnern. Es werden zahlreiche Redner:innen und Teilnehmer:innen erwartet und sie alle werden unterschiedliche Facetten von Eduard Rosenthals Leben und Werk beleuchten.

Zu den geladenen Gästen zählt Dr. Andreas Obrecht, der Ururenkel von Eduard Rosenthals ältestem Bruder, den Sie Samstagnachmittag, dem 19. September 2026 in der Ernst-Abbe-Bücherei in einer Lesung erleben können. Darüber hinaus wird zum ersten Mal eine von Dr. Dietmar Ebert sowie Constanze Mann erarbeitete und von Peter Mühlfriedel gestaltete Wanderausstellung zu sehen sein, mit dem Titel: „Eduard Rosenthal – Zwölf Blicke auf sein Leben“. Ihre Entstehung wurde durch die jenawohnen GmbH und die Ernst-Abbe-Stiftung gefördert.
Diese wird nach dem Festsymposium für drei Wochen ebenfalls in den Räumen der Ernst Abbe Bücherei zu sehen sein.

Eine runde milchglasige Scheibe in einer Hauswand. Auf ihr stehen Name und Lebensdaten von Eduard und Clara Rosenthal
Dezentrales Denkmal für Eduard Rosenthal | © JenaKultur, A. Beetz

Wenn Eduard Rosenthal anlässlich seines 100. Todestages wieder angemessen geehrt wird, so ist das allen zu danken, die sich seit mehr als 30 Jahren bemühen, die Erinnerung an die Familie Rosenthal wieder fest im kulturellen Gedächtnis der Stadt Jena und des Landes Thüringen zu verankern, vor allem dem Eigentümer der Villa Rosenthal, der jenawohnen GmbH (Stadtwerke Jena Gruppe) und dem Eigenbetrieb JenaKultur, die dafür Sorge tragen, dass sowohl das Haus als auch der Garten der Rosenthals seit 2009 wieder im Sinne des ehemals stadtbekannten Ehepaares genutzt werden.

Wir bedanken uns bei Dietmar Ebert für den umfangreichen Beitrag zu Eduard Rosenthal und laden alle Leser:innen recht herzlich am 25. Juni 2026 um 19:30 Uhr zur Veranstaltung „Die Bibliothek als Lebensspur“ in die Ernst-Abbe-Bücherei ein.

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