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Ergebnisse einer Befragung zum Friedensberg-Denkmal und was aus ihnen folgen könnte

Friedensberg Rondell mit Plateau und begehbarer Umrandung

Das Friedensberg-Denkmal oder -Mahnmal auf der als Hainberg bezeichneten Erhöhung in Jena-West beschäftigt uns immer wieder und war auch schon mehrmals Thema in diesem Blog. Nach wie vor steht aus, inwieweit es überformt, verändert und auch weiter genutzt werden soll und kann. Unser heutiger Gastbeitrag von Herrn Dr. Bernd Martens stellt ausgehend von einer Befragung vor allem von Anwohner:innen einige Überlegungen dazu an.

Das Friedensdenkmal in Jena ist ein erstaunliches Beispiel einer gelungenen Umwidmung eines Erinnerungsortes. Ursprünglich als Gefallenendenkmal erbaut, nach 1933 für Nazi-Ausmärsche genutzt, ist es seit 1949 als Friedensdenkmal auf dem Friedensberg in der Jenaer Stadtgesellschaft präsent. Gleichzeitig bietet das Denkmal seit langer Zeit einen desolaten Eindruck, der immer wieder angesprochen wird, an dem sich aber grundsätzlich nichts ändert. Ich werde am Schluss auf diese Problembeschreibung wieder zurückkommen.

Zuvor stelle ich kurz Ergebnisse einer Befragung des Jenaer Vereins für Stadt- und Universitätsgeschichte vor, in der Anwohner zum Friedensberg und -denkmal gefragt wurden. Hinsichtlich des Friedensdenkmals, das Thema dieses Beitrags, ging es um dessen Wahrnehmung und um Änderungsvorschläge. Im Oktober 2021 wurden 220 Fragebögen in sechs Kindertagesstätten in der Umgebung des Friedensberges verteilt. Die Befragung richtete sich an das Personal und die Eltern. Eine geplante, inhaltlich gleiche Befragung in einem Seniorenheim scheiterte an der Pandemielage. 98 Fragebögen kamen zurück, was als guter Rücklauf anzusehen ist. Außerdem wurde eine kleine Stichprobe von 23 zusätzlichen Fällen über andere Verteiler realisiert, um einen Vergleichsmaßstab zu den „Intensivnutzern“ aus dem Umfeld der Kitas zu haben. (Weitere Hinweise zur Umfrage und eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse finden sich im Blog des Vereins für Jenaer Stadtgeschichte)

Die Befragung der „Intensivnutzer“ des Friedensbergs belegt, dass es sich um ein wichtiges lokales Erholungsgebiet handelt. Wer den Friedensberg besucht, schaut auch oft beim Denkmal vorbei. Es gibt meistens keinen konkreten Anlass dafür, sondern eher spielt Neugier eine Rolle. Kinder sind häufig treibende Kräfte zum Besuch des Denkmals, weil auch sie neugierig sind oder weil sie dort ihren Interessen nachgehen möchten. Aussagen von Befragten, die auf das Denkmal als Erinnerungsort oder als Mahnmal gegen Krieg und für Frieden verweisen, sind dagegen selten.

Es wird vehemente Kritik am Denkmal geäußert: Es sei vernachlässigt, vermüllt, nicht einladend, insbesondere für Kinder sei es zudem gefährlich. Vandalismus und Verschandelung werden beklagt. In den Antworten, was man denn ändern könne, zeigt sich in der Vielzahl von Äußerungen die große Unzufriedenheit mit dem Zustand des Denkmals. Vorschläge beziehen sich hauptsächlich darauf, der Verwahrlosung entgegen zu wirken und die Nutzung zu stärken. Manche der vielfältigen Vorschläge lassen sich einfach umsetzen (z.B. Erklärungstafeln aufstellen, Müll beseitigen); andere wohl schwieriger (Schließung in der Nacht, Denkmal pflegen und als Spielplatz für Kinder herrichten); oder sie sind vermutlich kontrovers (Hundeverbot, Errichtung einer Bühne mit Stromanschluss). Weitergehende Veränderungen, wie Eingriffe in die Vegetation, werden eher abgelehnt. Umgestaltungen der bestehenden Bausubstanz werden vereinzelt befürwortet, ebenso dass das Denkmal so bleiben soll, wie es jetzt ist.

Mit Graffiti beschmutzter Innenraum des Rondells Friedensbergdenkmal in Jena
Im Inneren des Rondells ©JenaKultur, C. Häcker
Innenraum Friedensbergdenkmal: Das Denkmal in Form eines Rondells, auf der Anhöhe des Hainberges gelegen, ist vom Forstweg her über eine Stufenanlage und einen von Bäumen gesäumten Hauptweg zugänglich.
Die Anlage misst im Durchmesser 30 Meter und ist von einem ca. 2,50 m hohen Mauerring umschlossen. In der Mitte des Rondells befindet sich ein altarähnlicher massiver Gedenksteinblock mit einer eingemeißelten Inschrift: "DIE TOTEN DER KRIEGE MAHNEN ZUM FRIEDEN". Auf dem Gedenkstein konnte zu besonderen Anlässen ein Feuer entzündet werden. Der begehbare Mauerring kann auf zwei gegenüberliegenden Seiten durch je eine steinerne Treppe erreicht werden. Die Galerie wird nach außen durch eine ca. ein Meter hohe steinerne Brustwehr abgeschlossen, nach innen durch ein Eisengeländer gesichert. Das Rondell ist über ein hohes monolithenes Portal mit schmiedeeisernem Tor zu betreten. Darüber befindet sich eine Inschrift: "Unseren Gefallenen 1914 | 1918". 1949 Umwidmung des Denkmals: neue Inschrift "Die Toten der Kriege mahnen zum Frieden".

Die Befragten sind sich relativ einig, dass das Denkmal aktuell kein angenehmer Ort ist, aber was macht man nun mit den Ergebnissen? Im Weiteren folgt meine persönliche Meinung.

In der Vergangenheit wurde oft argumentiert, dass sich die Probleme mit dem Friedensdenkmal architektonisch lösen ließen. Wenn es „zeitgemäßer“, „transparenter“, nicht so „abweisend“, „durchlässiger“ gestaltet sei, werde es sich zum Besseren wenden. Ich halte das für einen Irrtum. Das Problem des Denkmals besteht meiner Ansicht nach darin, dass es funktionslos ist und zugleich – eben in seinem verwahrlosten Zustand – unser gebrochenes Verhältnis zum Frieden widerspiegelt.

Ursprünglich als Erinnerungsort für kollektive Rituale gedacht, sind ganz grundsätzlich in modernen individualisierten Gesellschaften solche Andachtsstätten obsolet geworden. Es fehlt der konkrete Anlass das Denkmal zu besuchen, höchsten dass man selbst bzw. die Kinder mal gucken möchten, wie es dort aussieht. Und man stellt fest: Immer noch – oder schon wieder – verwahrlost!

Inzwischen sehe ich in diesem Zustand ein Sinnbild dafür, dass zwar die Umwidmung des ursprünglichen Gefallenendenkmals erfolgreich war, doch was verstehen wir heute eigentlich unter Frieden? 1949 war Frieden das Ende eines furchtbaren Weltkrieges und die Befreiung Deutschlands von einem verbrecherischen Regime durch die Alliierten, weil die deutsche Gesellschaft dazu nicht fähig gewesen war.

Heute stellen sich in Bezug auf Krieg und Frieden Fragen, die kontrovers diskutiert werden, doch auf die das Friedensdenkmal keine Antwort geben kann. Ist es richtig, den Frieden im Inneren durch den Export von Krieg in andere Regionen der Welt zu sichern? Wie in Afghanistan oder Mali. Wie kann Krieg überhaupt verhindert werden? – Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine stellt sich diese Frage ganz virulent! – Und wie können wir heute des Friedens gedenken? Manchmal kommt mir der augenblickliche heruntergekommene Zustand des Friedensdenkmals geradezu als eine Allegorie dafür vor, dass Frieden, in einem umfassenden Sinne, mehr sein muss als die Abwesenheit von Krieg in der Region Europas, in der wir zufällig leben.

Also, was machen mit dem Friedensdenkmal? Ich möchte noch auf zwei Sachverhalte hinweisen:

  1. Anscheinend sind auch jüngere Menschen am Denkmal interessiert. Nach den Befragungsergebnissen suchen Kinder durchaus das Denkmal auf und zwar nicht zur pädagogischen Belehrung, sondern um ihrer Neugier, ihren Interessen an einem geheimnisvollen Ort oder dem Spiel nachzugehen. Und ebenso nutzen Jugendliche das Denkmal auf ihre Art, nur werden deren expressive Interventionen (meistens) als nicht angemessen angesehen.
  2. Viele Befragte beklagen die fehlenden Möglichkeiten, das Denkmal überhaupt sinnvoll zu nutzen, denn das setzt Infrastruktur voraus. Es fängt bei Sitzbänken an und könnte – wenn man den Vorschlägen der Befragten folgt – bis zu Spielgeräten für Kinder oder einer professionellen Bühne gehen.

Schließlich möchte ich selber noch drei Vorschläge machen:

  • Detaillierte Informationstafeln, welche sich nicht auf die Baugeschichte beschränken, sondern die mehr als 70 Jahre Friedensdenkmal zum Schwerpunkt haben. Außerdem könnte man so eine Öffentlichkeit, die es bereits bis zum Denkmal geschafft hat, beispielsweise mit den Vorschlägen zur Umgestaltung, die der Stadthistoriker Dr. Stutz im Bauaktenarchiv gefunden hat, oder dem Konzept von Benjamin Walter bekannt machen.
  • Sitzbänke! Ein Friedensdenkmal ohne jegliche Möglichkeit der Kontemplation ist widersinnig.
  • Freigabe für die Gestaltung des Denkmals durch Graffitis, nach deren künstlerischer Qualität. Das heißt, Schmierereien werden entfernt, künstlerische Interventionen durch Sprayer werden gefördert.
Graffitti im Friedensbergrondell
Immer wieder Vandalismus und Verschmutzung im Friedensbergdenkmal | ©Dr. Bernd Martens

Meines Erachtens läuft das auf zwei Handlungsoptionen hinaus, die überdies den Vorteil besitzen, dem Denkmalschutz zu genügen:

Entweder bleibt der Zustand wie bisher. Doch dann wäre es nur konsequent, das Tor zu schließen, um unliebsame Nutzungen zu unterbinden und die laufenden Kosten gering zu halten. Vielleicht würden künftige Generationen einen besseren Umgang mit dem Denkmal finden. Oder das Denkmal wird für Aktivitäten geöffnet, die von einer Mehrheit der Stadtgesellschaft als friedlich und angemessen angesehen werden. Dann muss allerdings die Diskussion darüber geführt werden, was „angemessen“ ist, und die entsprechende Infrastruktur muss zur Verfügung gestellt werden. Um es in Schlagworten zu sagen: Das Friedensdenkmal würde zum friedlichen „Erfahrungsraum“, ein Konzept, das im Übrigen manchen modernen Denkmälern zugrunde liegt.


Das Thema, wie wir angemessen mit Erinnerunsgorten, Denkmalen und generell mit Kunst im öffentlichen Raum umgehen sollten, ist ein immerwährendes. Pauschale Antworten sind schwierig. Gleichwohl würden wir uns freuen, wenn Sie sich zum Friedensberg-Denkmal im speziellen und zur Wortmeldung von Herrn Dr. Martens im besonderen äußern und mit uns ins Gespräch kommen würden.

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