Chorprobe in Corona-Zeiten

Das Friedens-Mahnmal auf der ehemals Hainberg genannten Erhöhung in Jena-West stand in den letzten Jahren immer wieder wegen seines bisweilen unzumutbaren Zustandes negativ in den Schlagzeilen. Erst vor einem reichlichen Jahr hatten wir das Rondell ausführlich zum Thema Vandalismus in diesem Blog behandelt. Kern der Äußerungen bildete der oftmals ungepflegte und verwahrloste Eindruck, der vielen Nutzern und Anwohnern immer wieder Anlass für Beschwerden bot.

Vandalismusschäden, Graffitibeschmierungen, Müll, Glasscherben und Reste von Lagerfeuern prägen heute das Bild. Die ursprüngliche Bedeutung  des bei seiner Errichtung von 1926 bis 1929 als offizielle Gedenkstätte eines Ehrenhains für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs und 1949 mit der Umwidmung als Friedensmal konnotierten Denkmals geriet in der Öffentlichkeit mehr und mehr in Vergessenheit. Missachtung, Desinteresse und grober Umgang, darüber hinaus auch Missbrauch durch politische Aktionen sind die Folge.

Ein öffentliches Ärgernis, das ungeachtet regelmäßiger Reinigungsmaßnahmen seitens der Stadt das eigentliche Dilemma deutlich macht: Die Öffentlichkeit weiß heute mit dem einstigen Kriegerdenkmal nichts mehr anzufangen. Die ursprüngliche, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg manifestierte Nutzung als Friedens-Mahnmal, als Ort des Gedenkens, der Stille und Erinnerung trifft heute ob seiner trutzigen und fast wehrhaft anmutenden Dimension vor allem bei der jüngeren Generation auf völliges Unverständnis. Die Folge ist ein katastrophaler Umgang mit dem Denkmal, das zu seiner ursprünglichen Funktion als Gedenk- und Erinnerungsstätte in krassem Gegensatz steht.

Friedensbergdenkmal
Vandalismusschäden am Friedensberg-Denkmal sind leider ein häufiges Ärgernis ©JenaKultur, C. Häcker

Was soll man nun tun? Absperren, Überwachen, Unsummen an Geld in permanente Sanierungen stecken, Umnutzen, Umgestalten oder gar Abreißen?

Und dann ist da noch der Aspekt der Denkmalschutzausweisung. In diesem kulturell wichtigen Sinne müsste das Rondell als Denkmalort eigentlich in seinem ursprünglichen Zustand erhalten, bewahrt und ständig gepflegt werden – ein Anspruch, welcher angesichts der permanenten Vermüllung und Beschmierungen einer Sisyphos-Aufgabe gleichkommt.

Diese Frage werden wir jetzt hier leider nicht beantworten können. Dafür gibt es inzwischen erfreulicherweise aber auch ein eigenes Projekt, welches sich dieser Problematik widmet und das Denkmal mit vielen Aktionen, Gesprächsforen und diskursiven Formaten, die möglicherweise in eine dauerhafte künstlerische Intervention gipfeln werden, in die Öffentlichkeit bringt. Der junge Künstler und ehemalige Eduard-Rosenthal-Stipendiat Benjamin Walther aus Berlin hat dazu das Projekt „Re-Constructing Memory“ entwickelt, über das künftig noch öfter zu hören und lesen sein wird.

Benjamin Walther auf der Ausstellungseröffnung IM KÄFIG DER FREIHEIT im Kunstmuseum Wolfsburg, 2016
Quelle: Wikimedia, Foto: Frau Pixi, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Fakt ist jedoch: das vernachlässigte Denkmal mit anderen kulturellen Formaten der Nutzung immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen, ist genau die Strategie, mit der ein Umdenken im Umgang mit dem bis dato unliebsamen Ort möglich wäre. Alternative und teilweise wahrlich unkonventionelle Nutzungen der jüngeren Vergangenheit zeigen deutlich, dass dies ein richtiger Weg sein könnte, um die Akzeptanz vor allem bei jüngeren Nutzern zu erhöhen.

So wurde das Denkmal in 2005, 2011, 2017 und 2018 bereits für Kunstausstellungen und Theaterprojekte genutzt. 2017 fand im November am Volkstrauertag  eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Kriegsgedenken anlässlich der Vorbereitungen zum 100. Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkrieges statt, in deren Fokus das Friedensberg-Denkmal und seine künftige Nutzung stand. 2018 beging die Stadt dann diesen Jahrestag mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen, bei welchem im November das deutsch-französische Weekend „Von Feinden zu Freunden. Ein europäisches Erinnerungsmosaik“ im Mittelpunkt stand. Kernpunkte dieses Wochenendes bildeten der Tag der Stadtgeschichte sowie ein europäisches Theaterevent mit deutschen, französischen und ukrainischen Laiendarstellern auf dem Friedensberg.

Wie kürzlich in der Presse bzw. auch auf den Seiten von JenaKultur zu lesen war, wird das ehemalige Kriegerdenkmal in Zeiten von Corona nun auch als Open-Air Probenstätte von Jenaer Chören genutzt. Inzwischen sind es bereits drei Jenaer Chöre, die diese wunderbare Gelegenheit nutzen. Die Idee dazu stammt von Maximilian Lörzer, Chorleiter des Psycho-Chores e.V. der FSU Jena. Der Chor probt seit Anfang Juni zweimal in der Woche, seit letzter Woche dreimal die Woche in den späteren Nachmittags- und Abendstunden in kleineren Gruppen unter freiem Himmel. Voraussetzung ist ein vom Gesundheitsamt geprüftes und genehmigtes Hygienekonzept, welches inzwischen bis zu 30 Sängerinnen und Sänger gleichzeitig zulässt.

Mitglieder*innen des Psycho-Chors stecken die Abstandsmarkierungen für die Probe ab © Solveig Menrad

Neben dem Psycho-Chor nutzt ebenso der Studierendenchor der Universität Jena „Collegium Vocale“ unter der Leitung von Fabian Pasewald  das Gelände für seine Proben als Open-Air Kulisse. Die Chorteilnehmer kommen zweimal die Woche im Schichtbetrieb von bis zu maximal 30 Teilnehmern abends zusammen. Auch die Jena Jubilee Singers, ebenfalls ein Chor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, haben inzwischen das Denkmal als Podium für ihre Proben entdeckt.

Wenn perspektivisch keine Alternative in einer geschlossenen Räumlichkeit gefunden wird, möchten die Chorsängerinnen und Chorsänger das Friedensberg-Denkmal für ihre Proben über den gesamten Sommer nutzen und hoffen dabei auf weitere Unterstützung der Stadt.

Aber gern doch! Aus der Sicht der Stadt, insbesondere JenaKulturs als öffentlichem Nutzer des Denkmals, ist das ein absoluter Gewinn für das ansonsten eher von der Öffentlichkeit gemiedene Areal und motiviert hoffentlich immer mehr Gäste und Anwohner dazu, das eine oder andere Mal doch auf den Berg zu steigen, um über den Sommer der schönen Chormusik zu lauschen und das Denkmal damit in einem ganz anderen, musikalisch-sinnlichen Licht wahrzunehmen. 

In jedem Fall ist es eine Bereicherung. In dem Sinne: Dankeschön an die Chöre!

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