JenaKultur (übergreifend) Kulturpolitik

15 Jahre JenaKultur – Der Gründungs»mythos«

Stadtansicht Jena von oben

In unseren Neujahrsgrüßen haben wir versprochen, dass wir in diesem Jubiläumsjahr immer mal wieder relevante, besondere Aspekte unseres Eigenbetriebs näher beleuchten wollen, da JenaKultur doch für viele – übrigens sogar intern – nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln ist. An sich nicht schlimm, denn Sie gehen eben in unsere Einrichtungen, besuchen Veranstaltungen und Projekte – Kulturmarken mit oft viel längerer Tradition als den 15 Jahren, die JenaKultur gerade mal auf dem Buckel hat. Gut so. Aber es ist eben doch eine ganz besondere Konstruktion und daher lohnenswert zu ergründen, wie man überhaupt auf die Idee kam, eine solche zu schaffen und was man sich davon versprach. Das soll uns heute beschäftigen.

Wir haben dazu übrigens vor knapp zwei Jahren ein längeres Interview mit den »Gründungseltern« von JenaKultur geführt: Dr. Margret Franz, erste Werkleiterin von JenaKultur von 2005 bis 2013, heute für das Bündnis 90/Die Grünen Mitglied im Jenaer Stadtrat, und Martin Berger, damals designierter Kaufmännischer Leiter des Eigenbetriebs und heute Fachdienstleiter für Haushalt, Controlling und Organisationsentwicklung.

Wie war also die Ausgangslage, Anfang der Nuller-Jahre?

Die Stadt Jena war zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer sehr angespannten Haushaltssituation. Es brauchte neue Ideen, um dennoch innovativ und vor allem investiv bleiben zu können. Junge, kreative (Dezernenten-)Köpfe brachte 1999 die Koalition aus FDP (OB Dr. Peter Röhlinger), SPD (Frank Jauch, Finanzen, und Dr. Albrecht Schröter, Kultur) und CDU (Christoph Schwind, Stadtentwicklung) zusammen.
Dazu Frau Dr. Franz: »Sie erzeugten so eine Stimmung des Neubeginnens und des Neuanfangs. Ich glaube, diese beiden Dinge, auf der einen Seite die drei Dezernenten, die innovativ sein wollten, und auf der anderen Seite wir Kulturleute, die wir auch innovativ sein und vor allem nicht auf der Strecke bleiben wollten, hat dazu geführt, dass wir den Prozess in die eigene Hand genommen haben.«

Die  Koalition wurde Treiber für einen höchst produktiven, konzertierten Prozess des »Outsourcings«, also des Auslagerns einiger städtischer Aufgaben an relativ autonome Tochtergesellschaften.
2003 entstand der städtische Eigenbetrieb Kommunale Immobilen Jena (KIJ). Er wurde in die Lage versetzt, stellvertretend für die Stadt kreditwürdig zu sein, indem er für ein paar Jahre einen Kapitalstock aus städtischen Anteilen der jenawohnen GmbH erhielt. Seine beispiellose Erfolgsgeschichte lässt sich erahnen, wenn man auf den Sanierungsstand unserer Schulen schaut. Auch dafür wird Jena vielerorts zurecht beneidet.

Jenaer Rathaus Am Anger 15
Hier wird Politik gemacht: Jenaer Rathaus am Anger | © Stadt Jena, Tobias Stepper

Derart inspiriert und motiviert, entstand wenig später – genaugenommen zwischen Weihnachten und Silvester 2003 – auch die Idee, alle freiwilligen Aufgaben der Kommune, etwa Kultur, kulturelle Bildung, Tourismusmarketing und Sonderprojekte, in einem Eigenbetrieb mit eigener strategischer Leitung und Personalhoheit zusammenzufassen.
Davon versprach man sich nicht nur, die Kosten besser im Blick zu behalten – zu deckeln sozusagen – sondern womöglich neue Synergien und Potentiale zu erzeugen: »Damit sollte sichergestellt werden, dass alles doppelt so gut wird, aber nur noch halb so viel kostet. Und weil die Stadt gerade Anfang der Nuller-Jahre diverse Haushaltsprobleme hatte, sollte das alles bereits zum 1. Januar 2004 starten«, erinnert sich Martin Berger, und dachte: »Wow, da haben wir volle 36 Stunden Zeit.«
Schließlich ging dann JenaKultur (oder wie der technische Begriff heißt »KMJ, Kultur und Marketing Jena«) zu Neujahr 2005 an den Start. Ein Aufbruch ohnegleichen. Trotz allem fast eine Sturzgeburt.

Bis dahin waren ja all die beschriebenen Aufgaben auf unterschiedliche Bereiche der Stadtverwaltung verteilt: Die kulturellen Einrichtungen gehörten zum Kulturamt, die Volkshochschule zum Bildungsbereich, die Märkte und Stadtfeste zum Ordnungsamt und – lustigerweise – der Tourismus mit der Jena Tourist-Information zum Kommunalservice. Man habe gar nicht gewusst, was dadurch alles redundant gemacht werde, sagt Frau Dr. Franz: »Alle Kosten, die überhaupt anfallen könnten – angefangen von den Immobilienkosten, über die Personalkosten bis hin zu Dienstleistungen, die wir von der Stadt oder woanders her wahrnehmen würden – die mussten recherchiert werden. Die waren alle schön verteilt irgendwo in diesem riesigen städtischen Haushalt.«

Das Solidarprinzip

Es lässt sich erahnen, was da in Gang gesetzt wurde. Auch, dass es bei den bunt zusammengewürfelten Akteuren nicht nur Freude, sondern auch viel Skepsis und Verunsicherung gab: »Jetzt wird die Kunst dem Mammon zum Fraß vorgeworfen«, befürchteten einige KollegInnen.

Schnell wurde aber auch den Letzten klar, dass diese Eigenbetriebsgründung einen Glücksfall bedeutete. Es entstand nämlich eine starke kulturelle, nicht mehr auseinanderdividierbare Solidargemeinschaft: »Selbstständiger zu werden, das war ganz wichtig, unabhängiger, um auch dann mittelfristiger und langfristiger planen zu können. Das war wichtig für uns. Personalhoheit zu bekommen, um ordentliche Leute einstellen zu können, um nicht immer die Wanderpokale der Stadtverwaltung abzukriegen. Das war ganz wichtig«, fasst Frau Dr. Franz zusammen.

 

Ein Pfund, mit dem wir bis heute wuchern können. Und: Durch die geniale Idee, JenaKultur jeweils für 4 Jahre eine Zuschussvereinbarung zu geben, kam man aus den korsettartigen Zwängen von Jahresplanungen heraus, konnte bis zu einem gewissen Punkt unternehmerisch denken, konnte Ausgaben nämlich selbstverantwortlich auch über Jahres- und Bereichsgrenzen hinaus planen, einsetzen. Die so entstandene Flexibiltät machte viele Großprojekte in den Folgejahren erst möglich. Etwa das Jahr der Wissenschaft 2008!

Aber das ist ein neues Thema, das wir zu einem späteren Zeitpunkt behandeln werden. Gern können Sie das erwähnte Interview hier herunterladen. Vielleicht haben Sie ja Interesse und Lust gefunden, noch tiefer in unseren Gründungsmythos einzusteigen?


Wir würden uns freuen, wenn Sie uns wissen ließen, wie Sie JenaKultur erleben, was Sie gut oder auch schlecht finden. Wir sind ja noch sozusagen in der Pubertät und können Impulse aller Art zur Weiterentwicklung wirklich gut gebrauchen!


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