Panoramabild vom Windknollen in Jena

Wie an die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt erinnert wird

Am 14. Oktober 1806 trafen bei Jena und Auerstedt französische und preußisch-sächsische Truppen aufeinander. Die Doppelschlacht endete mit einem entscheidenden Sieg der französischen Truppen und hatte weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen. Denkmäler und Erinnerungsorte rund um das ehemalige Schlachtfeld zeugen bis heute von der Auseinandersetzung mit den Ereignissen. Sie erzählen nicht nur von der Schlacht selbst, sondern auch davon, wie zu unterschiedlichen Zeiten an sie erinnert wurde.

Der Napoleonstein – zwischen Mythos und Geschichte

Wer heute den Windknollen bei Jena besucht, kommt kaum am Napoleonstein vorbei. Viele gehen davon aus, dass Napoleon Bonaparte genau an dieser Stelle am 14. Oktober 1806 den Verlauf der Schlacht bei Jena beobachtete. Doch lässt sich das nachweisen?

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein Grenzstein, der die Flurgrenze zwischen Jena und Cospeda markierte. Napoleon biwakierte in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1806 mit seinen Generälen unterhalb des Windknollens. Noch in der Nacht leitete er das Herauftransportieren der französischen Artillerie über den Apoldaischen Steiger an. Der Windknollen war damit zwar ein wichtiger Schauplatz der französischen Aufmarsch- und Kriegsvorbereitungen, bot allerdings nur einen begrenzten Blick auf das eigentliche Gefechtsfeld.

Zwei Jahre später kehrte Napoleon an den Ort seines Sieges zurück. Am 7. Oktober 1808 fanden auf dem Windknollen Feierlichkeiten im Rahmen des Erfurter Fürstenkongresses statt, an denen neben Napoleon unter anderem Zar Alexander I. von Russland und Herzog Carl August von Sachsen-Weimar teilnahmen. Für diesen Anlass wurde als Festarchitektur der sogenannte Napoleon-Tempel errichtet.

Historisches gemaltes Bild mit dem Napoleontempel
Napoleonberg mit Napoleontempel, kolorierte Radierung von Christian Gottfried Heinrich Geissler, um 1808 | © Stadtmuseum Jena

Der Grenzstein wurde in der Folge im Volksmund mit Napoleons Aufenthalt auf dem Windknollen verbunden und als „Napoleonstein“ bezeichnet. Dass Napoleon nach der Schlacht als Zeichen seines Sieges ein „N“ in den Stein hat einmeißeln lassen, ist allerdings eine Legende. Das N wurde erst später ihm zu Ehren ergänzt, wahrscheinlich im Jahr 1808. Zudem ist es topografisch nicht möglich, dass er von dort die Schlacht beobachtet hat.

Nachdem der ursprüngliche Stein im 19. Jahrhundert verschwunden war, wurde er durch einen neuen ersetzt, der an Napoleons Aufenthalt am Windknollen erinnerte. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 waren der Windknollen und seine Umgebung ein sowjetischer Truppenübungsplatz, was zum abermaligen Verlust des Steins führte. 1991 errichteten der Verein „Academica & Studentica Jenensia e. V.“, die Gemeindeverwaltung Cospeda und der Verein „Jena 1806 e. V.“ an gleicher Stelle einen neuen Stein.

Napoleonstein mit Panorama im Hintergrund
Napoleonstein | © M. Kühn

Am Napoleonstein lässt sich besonders deutlich nachvollziehen, wie sich historisch belegte Ereignisse mit späteren Erzählungen und Deutungen verbinden. Er verweist auf Napoleons Aufenthalt am Windknollen und zugleich auf die Geschichte der Erinnerung an die Doppelschlacht.

Das Bissing-Denkmal – ein Ort der persönlichen Erinnerung

Ein anderes Denkmal, das infolge der Doppelschlacht entstand, ist das Bissing-Denkmal. Es erzählt keine Geschichte von großen Heerführern oder militärischen Erfolgen, sondern von persönlicher Trauer und jahrzehntelanger Erinnerung.

Der sächsische Premierleutnant August Wilhelm von Bissing fand am 14. Oktober 1806 bei einem Kavallerieangriff bei Rödigen den Tod. Seine junge Ehefrau Marianne von Bissing reiste ein Jahr nach dem Gefecht zum Schlachtfeld und ließ sich von Bauern des Ortes die Stelle zeigen, an der sie ihren Mann begraben hatten. Der Überlieferung nach konnten persönliche Gegenstände – darunter von ihr selbst mit einem Monogramm bestickte Strümpfe – dazu beitragen, den Gefallenen zu identifizieren.

Die Erinnerung begleitete Marianne von Bissing ihr weiteres Leben. Rund fünf Jahrzehnte nach der Schlacht veranlasste sie die Errichtung eines Denkmals für ihren Mann und plante, an dessen Einweihung teilzunehmen. Doch dazu kam es nicht: Sie starb 1858 in Riesa, bevor sie Rödigen erreichen konnte. Bei der Einweihung des Denkmals wurde sie schließlich mit militärischen Ehren neben ihrem Mann beigesetzt.

Denkmal des Freiherrn von Bissing auf dem Schlachtfeld bei Jena
Denkmal des Freiherrn von Bissing auf dem Schlachtfeld bei Jena, Aquarell mit Deckweißhöhungen, um 1870 | © Stadtmuseum Jena
Denkmal des Freiherrn von Bissing
Bissing-Denkmal | © T. Thieme

Das 1858 errichtete Bissing-Denkmal erinnert an einen einzelnen Gefallenen und zugleich an ein persönliches Schicksal, das sich hinter den Ereignissen der Doppelschlacht verbirgt. Während der Napoleonstein vor allem die Erinnerung an eine große historische Figur verkörpert, steht das Bissing-Denkmal für individuelles Gedenken. Es erzählt von Verlust, Verbundenheit und dem Wunsch, die Erinnerung an einen geliebten Menschen zu bewahren. An der Begräbnisstätte erinnert eine vom Institut zur militärgeschichtlichen Forschung Jena 1806 e. V. aufgestellte Gedenktafel an die Schlacht bei Rödigen.

Weitere Orte der Erinnerung an die Doppelschlacht

Rund um die Schauplätze der Doppelschlacht finden sich noch zahlreiche Orte, an denen sich die Erinnerung an das Ereignis bis heute nachvollziehen lässt.

Karte mit ausgewählten Erinnerungsorten der Doppelschlacht © Günther Queisser

Zusammenstellung mit verschiedenen historischen gemalten Bildern von Denkmalen
Denkmäler vom Schlachtfeld bei Jena 1806, Postkarte Verlag Gustav Neuenhahn, 1906 | © Stadtmuseum Jena

Vierzehnheiligen – ein Dorf im Zentrum der Kämpfe

Das kleine Dorf Vierzehnheiligen nördlich von Jena lag am 14. Oktober 1806 unmittelbar im Zentrum der Kampfhandlungen. Hier trafen französische und preußisch-sächsische Truppen aufeinander; die Gefechte um den Ort gehörten zu den besonders heftigen Abschnitten der Schlacht.

Die Lage des Dorfes macht bis heute deutlich, warum Vierzehnheiligen für die Kämpfe von besonderer Bedeutung war: Von den umliegenden Höhen aus ließ sich das Gelände weit überblicken, während die Wege und Anhöhen die Bewegungen der Truppen beeinflussten.

An diese Ereignisse erinnert auch das Denkmal an der Kirche von Vierzehnheiligen. Es wurde nach einem Entwurf des Berliner Bildhauers Max Unger errichtet und am 14. Oktober 1906, dem 100. Jahrestag der Schlacht, feierlich enthüllt. Gewidmet ist das Denkmal den Opfern der Schlacht bei Jena und nennt die Namen der gefallenen Offiziere. Damit steht es exemplarisch für die Erinnerungskultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Erinnerung an die Schlacht wird in Vierzehnheiligen nicht nur durch das Denkmal sichtbar. Auch die Lage des Dorfes und die Topografie des ehemaligen Schlachtfeldes helfen dabei zu verstehen, warum dieser Platz für den Verlauf der Schlacht eine besondere Bedeutung hatte.

Postkarte mit einem Bild von der Enthüllungsfeier des Denkmals in Vierzehnheiligen
Enthüllungsfeier des Denkmals in Vierzehnheiligen, Postkarte, 1906 | © Stadtmuseum Jena

Das Sachsengrab in Zwätzen – Erinnerung an die Opfer der Schlacht

Nicht alle Erinnerungsorte der Doppelschlacht sind berühmten Feldherren oder Offizieren gewidmet. Das Sachsengrab in Zwätzen erinnert an die 46 einfachen Soldaten, die nach der Schlacht in der Komturei Zwätzen ihren Verletzungen erlagen. Während der Kämpfe und in den Tagen danach diente die Komturei als Lazarett.

Auf Veranlassung des letzten Komturs des Deutschen Ordens in Zwätzen, Heinrich Moritz von Berlepsch, wurde am südlichen Ende des ehemaligen Komtureiparks ein Denkstein für die im Lazarett verstorbenen sächsischen Soldaten errichtet. Anders als das Bissing-Denkmal erinnert das Sachsengrab nicht an das Schicksal eines einzelnen Menschen, sondern an die vielen Soldaten, deren Leid und Tod oft im Schatten der großen militärischen Ereignisse stehen. Das Institut zur militärgeschichtlichen Forschung Jena 1806 e. V. ergänzte den Erinnerungsort später um eine Tafel mit den Namen der Verstorbenen.

Gerade darin liegt seine besondere Bedeutung: Das Sachsengrab macht deutlich, dass die Doppelschlacht nicht nur von Generälen und strategischen Entscheidungen geprägt war. Auch die zahlreichen Verwundeten und Gefallenen gehören zur Geschichte der Schlacht. Das Denkmal hält die Erinnerung an sie wach und macht sichtbar, dass hinter den großen militärischen Ereignissen individuelle Schicksale stehen.

Schwarz-Weiß-Foto von einem umzäunten Grab
Denkmal Sachsengrab in Zwätzen | © Stadtmuseum Jena, G. Kerp

Das Museum 1806 in Cospeda – Geschichte vermitteln

Auch Cospeda ist ein wichtiger Erinnerungsort der Doppelschlacht. Das Dorf liegt am Rand des historischen Jenaer Schlachtfelds. Heute vermittelt das Museum 1806 anhand von Karten, Objekten und anschaulichen Darstellungen den Verlauf der Schlacht und erklärt, wie es zur Niederlage der preußisch-sächsischen Truppen kam und welche Folgen die Ereignisse von 1806 für Menschen, Region und Europa hatten.

Zugleich ist Cospeda ein Ausgangspunkt, um die Landschaft des ehemaligen Schlachtfeldes zu erkunden. Führungen und Rundgänge des Museums zeigen, wie Landschaft und Topografie zum Verständnis der historischen Ereignisse beitragen. Mit einem im Museum erhältlichen historischen Schlachtfeldführer können die Schlachtfelder von Jena und Auerstedt auch selbstständig erkundet werden.

Das Museum in Cospeda steht für eine Form der Erinnerung, die über die reine Darstellung militärischer Ereignisse hinausgeht. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Schlachtverlauf und Heerführer, sondern auch die historischen Zusammenhänge, die Folgen der Doppelschlacht und die Erfahrungen der Menschen vor Ort.

Außenansicht des Museums 1806 in Cospeda
Museum 1806 in Jena-Cospeda | © G. Queisser

Was bleibt? Erinnerungsorte als Spiegel der Geschichte

Zum 220. Jahrestag der Doppelschlacht lohnt sich ein Blick auf die Erinnerungsorte. Sie machen deutlich, dass Geschichte nicht nur aus den Ereignissen selbst besteht, sondern auch daraus, wie Menschen sich an sie erinnern, sie deuten und weitergeben.

Der Napoleonstein ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Er erinnert nicht nur an die Ereignisse des 14. Oktober 1806, sondern erzählt zugleich von der wechselvollen Geschichte der Erinnerung an die Doppelschlacht. An ihm zeigt sich, wie ein historischer Ort durch Überlieferungen, Vorstellungen und Deutungen späterer Generationen geprägt werden kann.

Vielen Dank an Günther Queisser für seine Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags. Wer das historische Areal von 1806 im Film kennenlernen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Militärhistoriker Günther Queisser auf einen Rundgang zu den Originalschauplätzen der Schlacht bei Jena begeben. Dort berichtet er über die Ursachen und den Verlauf der Doppelschlacht und ordnet das historische Geschehen vor Ort ein.


Ein großes Dankeschön an Teresa Thieme, Kuratorin des Stadtmuseums Jena, die diesen Beitrag verfasst hat!

Und nun die Frage an Sie, liebe Leser:innen: Kannten Sie bereits die ganze Geschichte hinter dem Napoleonstein? Und zu welchen weiteren Denkmalen in Jena würden Sie gern mehr erfahren? Lassen Sie es uns gern in den Kommentaren wissen!

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