Allgemein Stadtgeschichtsforschung

Mut und Widerstand in Jena 1983 –– 30 Jahre plus 1 Tag

Denkmal für die politisch Verfolgten in der SBZ und der DDR

Anlässlich des 3. Oktober 2025, also anlässlich 35 Jahren Deutsch-deutsche Wiedervereinigung, fand in der Jenaer Ernst-Abbe-Bücherei eine Veranstaltung zum Thema „Jenaer Lebenswege vor und nach der Wiedervereinigung“ statt. Eine Gesprächspartnerin damals war Monika Lembke, Ideengeberin und Mitbegründerin des sogenannten Weißen Kreises und Autorin des Buches „Wir dulden noch viel zu viel. Der Weiße Kreis – Ein stiller Protest, der in die Freiheit führte“ (Paramon Verlag, 2024). Sie möchte gern an dieser Stelle die Informationen zum Weißen Kreis vertiefen und hat uns freundlicherweise den folgenden sehr persönlichen Text gesandt. Wir platzieren ihn wiederum im Umfeld eines denkwürdigen Datums, dem 17. Juni.

Monika Lembke
Monika Lembke ©privat

Am 17. Juni 1953 streikten Arbeiter in der DDR gegen das SED-Regime – auch in Jena. Der Volksaufstand wurde brutal niedergeschlagen. Doch der Mut, Widerstand zu leisten, ließ sich nicht niederhalten. Dreißig Jahre und einen Tag später, am 18. Juni 1983, war Jena erneut ein Ort des Widerstands – lautlos, ohne Transparente, ohne Sprechchöre. Und dennoch mit Folgen, die die DDR erschütterten.

Ich gehörte zu den Menschen, die das verlogene DDR-System ablehnten. Deshalb entschied ich mich, 1982 einen Ausreiseantrag zu stellen, um dieses Land gemeinsam mit meiner Familie zu verlassen. Im März 1983 nahm sich mein Sohn das Leben, da er nach unserer Antragstellung den Schikanen in seiner Schule nicht gewachsen war.

Was viele nicht wissen: An den Schulen der DDR war die Stasi systematisch präsent, mitten unter den Lehrern. Schulleiter und Pädagogen wurden als sogenannte FIM (Führungs-Inoffizieller-Mitarbeiter) eingesetzt, die ihrerseits ein Netz von Informanten um sich herum aufbauten und kontrollierten. An der Spezialschule Carl Zeiss, die unser Sohn besuchte, war dies keine Ausnahme, sondern gelebte Praxis. Dr. Winfried Leiterer war Direktor dieser Schule und gleichzeitig ein Führungs-IM (FIM). Er führte und kontrollierte ca. 30 Spitzel, alle an den Schulen in Jena. Die Stasi-Akten, die ich später – auf Basis von Forschungsanträgen bei der BStU – einsehen konnte, umfassten allein zu dieser Schule Hunderte von Seiten.

Über Jahre hinweg hatte ich die Schuld für den Tod meines Sohnes allein bei mir selbst gesucht. Doch in meinen Gesprächen mit Oppositionellen aus Jena wurde mir bewusst, dass auch er ein Leidtragender des DDR-Regimes war. Nun wollte ich genauer hinschauen, und so begab ich mich auf die Spurensuche. Ich stellte noch einen zweiten Forschungsantrag bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) zum Thema: „Zersetzung von Familien, die einen Ausreiseantrag gestellt haben.“ Die Auswertung dieser Akten lieferte mir umfangreiche Erkenntnisse zu den Ereignissen in Jena während der 1980er Jahre.

Dann, im April 1983, kam das Verhör in der Abteilung Inneres in einem Schulungssaal. Eine Frau saß ganz hinten im Raum und schrieb alles mit. Erhöht auf der Bühne dieses Saales saß ein junger Stasi-Typ in einem langen schwarzen Ledermantel rittlings auf einem Stuhl. Dieser Anblick war für mich erschreckend. Solche Bilder kannte ich nur aus Nazifilmen. Ganz freundlich sagte er: „Also gucken Sie mal, Sie sind doch selber schuld. Warum haben Sie denn einen Ausreiseantrag gestellt? Ist doch klar, dass sich Ihr Sohn jetzt umgebracht hat. Und denken Sie ja nicht, dass Sie jetzt rauskommen.“ Auf dem Amt für Arbeit sagte mir ein Stasi-Herr in sehr freundlicher Art: „Ihr Ausreiseantrag ist für immer und ewig abgelehnt, und Sie wissen ja: Sie werden wieder eingegliedert, Sie kommen sowieso nicht raus, denn Sie sind ja weder kriminell noch asozial.“ Er erklärte mir dann, dass es eine „Wiedereingliederungskommission“ gibt, die „solche wie uns“ wieder eingliedern würden.

Mein Sohn war tot, ich wurde stigmatisiert, es folgten Verhöre. Das musste ein Ende haben. Ich hatte eine Idee: Wir stellen uns auf einen Platz, da werden wir schon Aufmerksamkeit erreichen.

Was dann geschah

Wir trafen in dieser Zeit immer wieder andere Ausreiseantragsteller mit gleichen Sorgen und Schwierigkeiten. Fristlose Entlassungen, keine Arbeit und ewiges Warten, dann die Angst vor weiteren Repressalien. Man durfte auf keinen Fall den Mut verlieren. Für den Abend des 11. Juni 1983 verabredeten wir uns in einer Runde mit weiteren Antragstellern: Michael Gerber, Kerstin Hergert, Rüdiger und Hannelore Studanski, Katrin und Uwe Stiem und Monika und Bernd Schröder. Verzweifelt suchten wir nach dem richtigen Weg, die Ausreise zu erhalten, ohne uns in Gefahr zu begeben. Wir redeten uns die Köpfe heiß, wie wir endlich aus diesem Staat herauskommen könnten. Mir kam dann wieder meine Idee in den Sinn, die ich schon einmal geäußert hatte: Wir gehen in die Öffentlichkeit und stellen uns einfach auf einen zentralen Platz. Damit wollte ich mich unbedingt durchsetzen. Es sollte ein stummer Kreis ohne Transparente sein. Als Zeichen des gewaltlosen Protests wollten wir weiße T-Shirts tragen. Wir wollten aktiv etwas gegen den Staat tun, uns gegen die Staatsmacht auflehnen und endlich nein sagen. Gleichzeitig wollten wir keinen Anlass bieten, sofort verhaftet zu werden – wir wollten still sein.

Der Weiße Kreis auf dem Platz der Kosmonauten mit Zuschauern in Jena
Der Weiße Kreis auf dem Platz der Kosmonauten mit Zuschauern in Jena | ©BStU/Stasi-Unterlagen-Archiv

Am 18. Juni 1983, einem Samstag um 9 Uhr morgens, standen wir zum ersten Mal auf dem Platz der Kosmonauten – dem heutigen Eichplatz – 12 Menschen in weißer Kleidung, schweigend, voller Angst.
Woche für Woche kamen wir wieder. Es gab zwischendurch Absprachen und konspirative Treffen. Es durfte nichts schiefgehen. Die Stasi beobachtete, setzte unter Druck, suchte die Rädelsführer. Am 5. Samstag erreichte unser Widerstand den Westen: Die Medien berichteten über den Weißen Kreis. Am sechsten Samstag standen plötzlich 180 Menschen auf dem Platz – aus Jena, aus Thüringen, aus vielen Orten der DDR.

Am siebten Samstag griff die Staatssicherheit durch – 34 Personen wurden verhaftet. Am 10. August 1983 durften mein Mann und ich legal ausreisen. Insgesamt erhielten damals 143 Menschen aus Jena die Genehmigung – das Regime wollte uns „Störenfriede“ loswerden.

Warum 1984 die Lawine rollte

Die Stasi dachte: Mit der massiven Entlassung von 143 feindlich negativen Kräften im August 1983 wäre das Ausreiseproblem gelöst. Doch die Geschichte zeigte: Das war erst der Anfang. Die in Gang geratene Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. In Jena und vielen anderen Städten der DDR bildeten sich erste Ausreisegruppen. Die Ausreisewilligen übernahmen in den folgenden Jahren bis zum Mauerfall die Protestformen des Weißen Kreises, um ihrem Ausreisebegehren Nachdruck zu verleihen.
Was danach geschah, ist aus den Akten belegbar:

Weißes Laken als Zeichen des Protests
Ein weißes Bettlaken als Zeichen des stillen Protests des sogenannten Weißes Kreises | ©BStU/Stasi-Unterlagen-Archiv (Mediathek)
Anzahl-Übersiedler aus der DDR in die BRD seit dem Mauerbau 1961
Anzahl der Übersiedler aus der DDR in die BRD seit dem Mauerbau 1961 | Quelle: Monika Lembke, „Wir dulden noch viel zu viel“, Paramon Verlag 2024, S. 167.

Die Zahl der Ausreiseanträge in der DDR vervierfachte sich. Von rund 14.800 im Jahr 1983 auf über 57.500 im Jahr 1984. Das war keine Folge des Helsinki-Abkommens von 1975. Das war die direkte Wirkung dessen, was in Jena begann: Menschen sahen, dass öffentlicher, gewaltloser Widerstand möglich war. Weiße T-Shirts, weiße Fahnen, weiße Bänder wurden zum Symbol der Ausreisebewegung in der gesamten DDR. Diese Lawine war nicht mehr aufzuhalten. Das SED-Regime wurde von innen destabilisiert – nicht erst durch die Botschaftsflüchtlinge im Herbst 1989, sondern durch das, was sechs Jahre früher auf einem Platz in Jena begann.

Was vergessen wird

Die Geschichte des Widerstands in der DDR beginnt in den Erzählungen meist mit dem Herbst 1989: den Montagsdemonstrationen, den Botschaftsflüchtlingen, dem Mauerfall. Das ist richtig – aber es ist nicht vollständig. Die Geschichte des Weißen Kreises muss in die Geschichtsbücher eingehen – als Widerstand und Mut der Menschen in Jena 1983. Es ist nicht genug, den Mauerfall zu kennen. Man muss auch wissen, wer die Steine ins Rollen gebracht hat.

1983 gab es in Jena bereits den ersten organisierten öffentlichen Widerstand. Es waren Menschen, die zeigten: Wir dulden noch viel zu viel.


Monika Lembke

Buchcover von "Wir dulden noch viel zu viel" in Lila mit gelber Schrift
Monika Lembkes Veröffentlichung zum Weißen Kreis in Jena erschien 2024 im Paramon Verlag | Buchcover ©JenaKultur

Zu diesem Buch gibt es unterdessen eine von der Autorin erarbeitete Handreichung für Lehrkräfte als Unterrichtsmaterial für die Fächer Geschichte, Sozialkunde, Poltik und Ethik der Jahrgangsstufen 10 bis 12.

Vita Monika Lembke:

Monika Lembke, geboren 1946, stellte 1982 mit ihrer Familie in der ehemaligen DDR einen Ausreiseantrag, war Ideengeberin und Mitbegründerin des Weißen Kreises in Jena und konnte mit ihrer Familie 1983 in die Bundesrepublik ausreisen. Ihr Sohn nahm sich im März 1983 das Leben. Sie lebte in Aachen, studierte, arbeitete als Grafikdesignerin und führte eine Kunstgalerie. Dokumente ihrer Familiengeschichte befinden sich im „Zeitgeschichtlichen Forum“ in Leipzig. Für die Jenaer Zeitschrift „Gerbergasse 18“ schrieb sie den Artikel „Gegen das Vergessen“. Als Zeitzeugin erzählt sie ihre Geschichte in Schulen und Bildungsforen für politische Bildung. Seit 2009 lebt sie in Leipzig.

Liebe Leser:innen, wie geht es Ihnen? Dieses Schicksal hat uns betroffen gemacht und zugleich mit Hochachtung vor dem Mut der Mitglieder des Weißen Kreises erfüllt. Geschichte muss präsent bleiben, damit aus ihren Erfahrungen Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft gezogen werden können. Vielleicht haben Sie auch Erlebnisse, die Sie mit uns teilen möchten? Wir freuen uns und danken zugleich Monika Lembke für diesen Text.

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