Wenn ein Bär fliegen lernt: Ein inklusives Abenteuer bricht alle Grenzen
Kultur entfaltet ihre größte Kraft dort, wo sie Barrieren überwindet und Menschen zusammenbringt, die sich im Alltag vielleicht nie begegnet wären. In Jena ist über die letzten Jahre ein Projekt gereift, das diesen Gemeinschaftsgedanken konsequent ins Zentrum rückt. Was 2021 als künstlerisches Experiment begann, mündet nun in einem außergewöhnlichen Bühnenereignis, das Musik, Tanz und Theater auf neue Weise miteinander verknüpft.
Einblicke in die Erstellung der 16 Bilder für das Atrium des Universitätsklinikums Jena © Tine Drefahl
Den Ausgangspunkt für diese Reise bildete ein Ort, an dem man Kunst vielleicht nicht sofort vermutet: das Atrium des Universitätsklinikums Jena. Dort hängen 16 großformatige, farbenfrohe Bilder, die weit mehr sind als bloßer Wandschmuck. Für eine Gruppe von Menschen mit und ohne Handicap wurden sie zum kreativen Funken für das inklusive Musiktheaterstück „Es fliegt ein Bär“, das nun am Samstag, 11.04.2026 um 16:00 Uhr sowie am Sonntag, 12.04.2026 um 11:00 Uhr zur Aufführung kommt. Seit 2021 wuchs dieses Vorhaben beständig: Was mit ersten schauspielerischen Gehversuchen begann, erweiterte sich im Laufe der Jahre um professionelle Musiker:innen der Jenaer Philharmonie sowie Tänzer:innen. Heute arbeiten 45 Mitwirkende gemeinsam daran, gängige Sehgewohnheiten zu hinterfragen.
Projektleiterin Christine Klemm vom Saale-Betreuungswerk der SBW Lebenshilfe Jena und Regisseurin Kerstin Lenhart vom Theaterhaus Jena bieten spannenden Einblicke in einer Bestandsaufnahme kurz vor der Premiere.
Die Vision: Kultur als Grundrecht
Hinter dem Projekttitel „Kultur für ALLE“ steht die tiefe Überzeugung der SBW Lebenshilfe Jena, dass der Zugang zu Kunst ein universelles Recht ist – so wie es auch in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert wurde. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft oft eine Lücke: Gerade Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf sind im Kulturbetrieb noch immer unterrepräsentiert. Für echte Inklusion bedarf es hier weit mehr als nur des Abbaus baulicher Barrieren. Damit echte Teilhabe gelingt, muss vor allem die persönliche Assistenz und Begleitung sichergestellt sein, die es den Teilnehmenden erlaubt, sich voll auf den kreativen Prozess einzulassen. Dass dieser Weg kontinuierlich beschritten werden kann, verdankt das Projekt auch der Aktion Mensch, die das Vorhaben bereits seit seinem Start im Jahr 2021 fördert.
„Die Menschen sollen so weit wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben und als Menschen mit Möglichkeiten wahrgenommen werden – der besondere Unterstützungsbedarf spielt hier keine Rolle.“
Christine Klemm
Diese Philosophie der „Möglichkeiten“ bildete auch das Fundament für die Entstehung des Theaterstücks. Den konkreten Anstoß für diese künstlerische Reise gab im Sommer 2021 ein Auftrag des Universitätsklinikums Jena (UKJ): Eine inklusive Malgruppe gestaltete 16 großformatige Werke zum Thema „Lebens-Raum“ für das Atrium des Klinikums. Diese Bilder erwiesen sich als weit mehr als eine reine Gestaltungsaufgabe – sie lieferten den inhaltlichen Funken für die eigentliche Grundidee von „Kultur für ALLE“, nämlich die Verschmelzung von bildender Kunst, Musik und Theater. Die Motive dienten im Probenraum als wesentliche Inspirationsquelle, um durch freies Assoziieren eine Geschichte voller Fantasie und Humor zu entwickeln, wobei einige der Maler später auch direkt als Darsteller in das Theaterensemble wechselten.
Ein Netzwerk für neue Erfahrungen
Ein Vorhaben dieser Größenordnung lässt sich nur durch ein engmaschiges Netz aus Partnern realisieren. Während die SBW Lebenshilfe Jena als Träger und das Theaterhaus Jena den organisatorischen Rahmen bilden, wird das Projekt auf der musikalischen Seite durch zwei eigenständige Säulen getragen. Für die spezifische Gestaltung des Stücks zeichnet Tim Helbig verantwortlich, der gemeinsam mit den Teilnehmenden eine ganz eigene Klangwelt erschafft: Aus dem Spiel mit speziellen Klangobjekten entwickeln die Mitwirkenden unter seiner Anleitung eigene Kompositionen.
Konzert 360° № 2 der Jenaer Philharmonie im Volkshaus Jena am 17.01.2024 © JenaKultur, C. Worsch
Parallel zu dieser aktiven Erarbeitung öffnete die Jenaer Philharmonie bereits früh ihre Türen, um den Teilnehmenden durch regelmäßige Besuche der 360°-Konzerte eine unmittelbare Nähe zur klassischen Musik zu ermöglichen. Diese unterschiedlichen künstlerischen Begegnungen dienten vor allem einem Ziel: Hemmschwellen abzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, auf der die eigentliche Inszenierung erst wachsen kann.
Genau hier setzt die Regiearbeit von Kerstin Lenhart an. Für sie ist diese gewachsene Vertrautheit die entscheidende Voraussetzung, um mit dem inklusiven Ensemble behutsam in die Proben zu gehen. Statt ein fertiges Skript abzuarbeiten, nutzt sie den geschützten Raum der intensiven Probewochen, um das Stück organisch aus der Gruppe heraus zu entwickeln.
Vertrauen als Motor der Inszenierung
Geduld und Toleranz bilden das Fundament dieser Arbeit. Herausforderungen wie sprachliche Barrieren oder Momente der Überforderung wurden im Prozess offen thematisiert. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die soziale Komponente: Die gemeinsamen Mahlzeiten während der Pausen ließen die Gruppe zu einem festen Ensemble zusammenwachsen, in dem Respekt und gegenseitige Verlässlichkeit an erster Stelle stehen.
„Die Teilnehmenden sind wahrhaftige Performer. Sie sind voll im Jetzt, voll dabei und besitzen ein starkes Durchhaltevermögen. Menschen wachsen in diesem Prozess oft über sich hinaus.“
Kerstin Lenhart
Das Ergebnis dieser gemeinsamen Anstrengung ist eine Erzählung vom Ausbruch aus der Enge, von Abenteuern und Neubeginn. Die Handlung blieb dabei stets flexibel: So fliegen Tiere in den Weltraum und eine Eisprinzessin tritt auf. Trotz dieser fantastischen Elemente schwingen sozialkritische Töne mit, die das Stück zu einem Kommentar zu unserer unruhigen Welt machen.
Teil-Aufführung des Musiktheaterstückes „Es fliegt ein Bär“ im Theaterhaus Jena am 06.12.2025 © Theaterhaus Jena
Ein Finale mit Weitblick
Die interdisziplinäre Umsetzung macht die Inszenierung greifbar: Während ein Streichensemble der Jenaer Philharmonie das Geschehen begleitet, musizieren die Teilnehmenden mit speziellen Klangobjekten selbst. Sonia Castellanos, die als Verantwortliche für die Tänzerinnen das Projekt bereichert, lässt durch ihre Choreografien neue körperliche Ausdrucksformen entstehen.
Obwohl die seit 2021 bestehende Förderung durch die Aktion Mensch bis Sommer 2026 gesichert ist, blickt Christine Klemm bereits voraus. Um die erreichte Sichtbarkeit und die gewachsenen Strukturen nicht zu verlieren, müssen langfristig neue Finanzierungsmodelle und dauerhafte Kooperationen gefunden werden. Doch vor den Zukunftsfragen steht nun erst einmal die Begeisterung über das Erreichte im Vordergrund. Die Hoffnung aller Beteiligten ist groß, dass sich der Geist der Inklusion bei der Premiere unmittelbar auf das gesamte Publikum überträgt.
„Wir wünschen uns ein volles Haus und freuen uns auf die vielen Menschen aus Jena und Umgebung, die Lust haben, diesen besonderen Moment mit uns zu teilen“, sagt Christine Klemm mit Blick auf die beiden Aufführungen. „Es wäre wunderbar, wenn die Begeisterung unserer Mitwirkenden direkt spürbar wird.“ Kerstin Lenhart ergänzt: „Wir laden alle herzlich ein, sich auf dieses gemeinsame Abenteuer einzulassen und die Energie dieses Ensembles in ihrer vollen Dimension zu erleben. Es wird ein Erlebnis, das zeigt, wie viel Kraft im Miteinander steckt – wir freuen uns auf jeden einzelnen Gast.“
Ein volles Haus, ja, das wünschen wir allen Beteiligten ebenso und hoffen, mit diesem Beitrag Lust auf die Veranstaltung gemacht zu haben – mit es in Jena viele weitere tolle inklusive Projekt wie diese geben wird! Wie sieht es aus, liebe Leser:innen? Statten Sie diesem Ensemble am 11. oder 12. April 2026 einen Besuch ab??












