Allgemein JenaKultur (übergreifend) NSU ungelöst Sonderprojekte Stadtgeschichtsforschung Villa Rosenthal Jena

Zwischen Akten und Erinnerungen: Ein Jahr Forschung zu rechter Gewalt im Jena der 1990er-Jahre

Holzschreibtisch mit geöffnetem Ordner, Büchern, Notizheften und einem geschlossenen schwarzen Laptop, alles verstreut angeordnet.

Was erzählen historische Dokumente über die 1990er-Jahre in Jena? Und was bleibt unsichtbar, wenn wir nur die Akten lesen? Ein Rückblick auf ein Forschungsjahr zwischen Archivarbeit, Zeitzeug:innengesprächen und neuen Fragen an die Stadtgeschichte von der Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin für Politische Bildung Leonie Dellen.

Manchmal sind es wenige Sätze in einem historischen Dokument, die besonders lange beschäftigen. In einem Jahresbericht der Jenaer Straßensozialarbeit von 1997 heißt es über rechte Jugendgruppen, dass die meisten ihrer ehemaligen Mitglieder inzwischen erwachsen geworden seien und „ihren Weg in die Gesellschaft gefunden“ hätten. Andere seien „in den rechten Untergrund gegangen“. Gemeint ist das NSU-Kerntrio, das Anfang 1998 untertauchte. Dieser Satz steht am Ende einer Entwicklung, die mich während meines Stipendienjahres immer wieder beschäftigt hat: Wie wurde rechte und rassistische Gewalt in Jena nach 1989 wahrgenommen? Welche Erklärungen fanden Stadtverwaltung, Politik und Jugendarbeit für die zunehmende Gewalt? Und welche Erfahrungen machten diejenigen, gegen die sich diese Gewalt richtete?

Die 1990er-Jahre im Stadtarchiv

Ein wesentlicher Teil meiner Forschungsarbeit führte mich ins Archiv. Dort habe ich Protokolle des Jugendhilfeausschusses, Verwaltungsakten, Berichte der Straßensozialarbeit und Unterlagen verschiedener Jugendprojekte ausgewertet. Hinzu kamen Zeitungsartikel und Berichte der damaligen „Ausländerbeauftragten“.

Die Dokumente erzählen von einer Stadt im Umbruch. Nach 1989 veränderten sich die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse grundlegend. Der Stellenabbau bei Carl Zeiss und die wachsende Arbeitslosigkeit stellten Politik und Verwaltung vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig nahm die rechte Gewalt zu. Rechte Jugendgruppen prägten bestimmte öffentliche Räume, linke, alternative und migrantisierte Menschen wurden bedroht und angegriffen.

In der kommunalen Auseinandersetzung wurde rechte Gewalt häufig mit den sozialen und ökonomischen Folgen der Wiedervereinigung erklärt. Entsprechend setzte die Stadt auf Jugendclubs, Streetwork und Beschäftigungsangebote. Diese Perspektive war jedoch keineswegs unumstritten. Schon damals forderten einzelne Stimmen, rassistische Einstellungen, gesellschaftliche Verantwortung und den Schutz der Angegriffenen stärker zu berücksichtigen.

Was die Akten erzählen – und was nicht

Bei der Auswertung beschäftigte mich zunehmend die Frage, welche Aspekte rechter Gewalt durch diese Schwerpunktsetzung in den Hintergrund gerieten. Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit betrafen viele Menschen. Warum aber reagierten einige mit rechter und rassistischer Gewalt, während andere ganz andere Wege einschlugen? Und weshalb richtete sich diese Gewalt gezielt gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen?

Vor allem fiel auf, wie viel Raum die Lebensbedingungen und Integrationsmöglichkeiten rechter Jugendlicher in den Akten einnahmen. Die Perspektiven der Angegriffenen waren dagegen deutlich seltener dokumentiert. Mich interessierte deshalb, wie migrantisierte Menschen diese Zeit erlebten, wie Bedrohungen ihren Alltag veränderten und welche Möglichkeiten sie fanden, ihre Interessen zu vertreten.

Die Archivarbeit hat auch gezeigt, dass die Jenaer Jugendarbeit keineswegs einheitlich vorging. Während vor allem kommunale Projekte auf kontinuierliche pädagogische Beziehungen zu rechten Jugendgruppen setzten, formulierten einzelne freie Träger Mitte der 1990er-Jahre ausdrücklich den Schutz derjenigen als Ziel, die von Gewalt bedroht waren. Diese Unterschiede sind für meine Forschung besonders wichtig. Sie zeigen, dass die damaligen Akteur:innen vor schwierigen Entscheidungen standen, aber auch unterschiedliche Antworten darauf fanden. Die Frage war nicht nur, wie rechte Jugendliche erreicht werden konnten, sondern ebenso, für wen Jugendclubs sichere Räume sein sollten.

Gespräche, die den Blick verändern

Neben der Arbeit mit historischen Dokumenten waren zahlreiche Hintergrundgespräche ein wichtiger Teil meines Forschungsjahres. Menschen, die die Entwicklungen in Jena selbst miterlebt, sich damals engagiert oder beruflich damit auseinandergesetzt hatten, teilten ihre Erinnerungen und Einschätzungen mit mir. Diese Gespräche halfen mir, die Akten besser einzuordnen, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen und neue Fragen zu entwickeln. Ich möchte mich bei allen bedanken, die sich auf diese Gespräche eingelassen und ihre Erinnerungen mit mir geteilt haben. Das war für mich persönlich ebenso bereichernd wie für meine Forschung.

Besonders wichtig war es mir, auch mit Menschen zu sprechen, die Anfang der 1990er-Jahre nach Jena gekommen waren und die damalige Situation aus einer Perspektive erlebt hatten, die in den Verwaltungsakten häufig in den Hintergrund tritt. In den Interviews ging es um das Studium, erste Erfahrungen in einer neuen Stadt, Begegnungen und Freundschaften. Aber auch um rassistische Anfeindungen, Bedrohungen und die Frage, wie sich Menschen in einer Umgebung bewegten, in der sie sich nicht überall sicher fühlen konnten.

Die Gespräche verdeutlichten, dass rassistische Gewalt weit über einzelne Angriffe hinauswirkte. Für migrantische Menschen in Jena bedeutete sie eine gemeinsame Erfahrung von Bedrohung und Ausgrenzung, die den Alltag, die Nutzung öffentlicher Räume und das Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit prägte. Zugleich wurde deutlich, dass die Betroffenen nicht nur individuell auf diese Situation reagierten, sondern auch Netzwerke aufbauten, sich gegenseitig unterstützten und zunehmend gemeinsam für ihre Interessen eintraten.

Gerade im Zusammenspiel mit den historischen Dokumenten eröffneten diese Erinnerungen neue Perspektiven. Während in den Akten häufig darüber beraten wurde, wie gewaltbereite Jugendliche besser integriert werden könnten, machten die Interviews sichtbar, welche Folgen die Gewalt für die Angegriffenen hatte und welche Fragen nach Sicherheit, Teilhabe und Selbstbestimmung in der damaligen Problembearbeitung weniger Aufmerksamkeit erhielten.

Was von einem Forschungsjahr bleibt

Nach einem Jahr zwischen Archivakten, Zeitungsbeständen und persönlichen Gesprächen ist mir vor allem deutlich geworden, wie viele Perspektiven auf die Jenaer 1990er-Jahre bislang noch wenig Beachtung gefunden haben. Während Verwaltungsakten vor allem politische Entscheidungen, institutionelle Zuständigkeiten und pädagogische Konzepte dokumentieren, eröffnen die Interviews Einblicke in den Alltag der Menschen, die von rechter und rassistischer Gewalt betroffen waren. Erst durch die Verbindung dieser unterschiedlichen Quellen wird sichtbar, wie weit die Erfahrungen der Angegriffenen und die Schwerpunkte der damaligen kommunalen Problembearbeitung teilweise auseinanderlagen.

Das Stipendienjahr hat mir ermöglicht, diesen unterschiedlichen Spuren nachzugehen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, deren Erinnerungen wichtige Perspektiven auf die Jenaer Stadtgeschichte eröffnen. Die Forschung ist damit lange nicht abgeschlossen. Deutlich geworden ist aber, dass die Geschichte rechter und rassistischer Gewalt in Jena nicht allein aus der Perspektive der Täter und der mit ihnen befassten Institutionen erzählt werden kann. Zu ihr gehören ebenso die unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswege der Menschen, die von dieser Gewalt betroffen waren – ob sie in Jena blieben, sich organisierten oder die Stadt verließen. Erst wenn diese Perspektiven einbezogen werden, lässt sich die Geschichte der 1990er-Jahre in Jena in ihrer Vielschichtigkeit erzählen.

Abschlusspräsentation

Am Freitag, dem 13. November 2026, 19 Uhr, wird Leonie Dellen ihre Recherche- und Forschungsergebnisse erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die Veranstaltung im StadtLab Jena am Markt 1 ist Teil der Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „Jena Erinnert! 15 Jahre (danach) – Jena und der NSU Komplex“. Der Eintritt ist frei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.