Allgemein Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Von der Lesehalle zum Helene-Petrenz-Saal: Der 31. Jenaer Lesemarathon

Ernst-Abbe-Bücherei Jena im Juni 2026

Vom 20. Oktober bis zum 15. Dezember 2026 laden die Ernst-Abbe-Bücherei Jena und der Lese-Zeichen e. V. wieder dazu ein, Literatur nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln, sondern live zu erleben.
Dabei schließt sich auch ein historischer Kreis: Ende 1895 fassten Ernst Abbe, Eduard Rosenthal und Hermann Zeiss den Entschluss zur Einrichtung einer Öffentlichen Lesehalle, der späteren Ernst-Abbe-Bücherei. Zum 31. Mal wird aus dem Gedanken der Lesehalle auf ganz andere Weise gelebte literarische Öffentlichkeit: Beim Lesemarathon wird die Ernst-Abbe-Bücherei zum Ort für Geschichten, Begegnungen und Gespräche. Was uns besonders freut: In diesem Jahr waren gleich zwei Titel aus dem Programm für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.

Ein Sommer, der nicht vergangen ist

Der Auftakt am 20. Oktober führt direkt in eine Zeit, in der vieles noch offenstand. Ingo Schulze nimmt uns in seinem neuesten Roman „Das Wasser im August“, der für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert war, mit in den Sommer 1979. Sein Erzähler reist Jahrzehnte später nach Mecklenburg und eine unerwartete Begegnung lässt eine alte Geschichte plötzlich wieder lebendig werden. Was war damals wirklich? Und kann eine Liebe zu früh kommen – oder zu spät?

Ingo Schulze
Ingo Schulze | © Andrea Labes

Am nächsten Abend ist Jenas aktuelle Stadtschreiberin im Helene-Petrenz-Saal zu Gast: Die Lyrikerin Dilek Mayatürk stellt ihren zweisprachigen Gedichtband „Wenn du lächelst, zerfällt ein roter Apfel in Scheiben“ vor. Ihre Gedichte entstehen zunächst auf Türkisch und anschließend auf Deutsch, allerdings nicht als klassische Übersetzung, sondern als zweite Version desselben Gedichts. Sprache wird so selbst zum Thema: zu einem Raum, in dem sich Bedeutung verschiebt und verändert.

Dilek Mayatuerk
Dilek Mayatürk | © Julia Baier

Zwischen Dürre und Aufbruch

Literatur kann träumen, erinnern und erzählen – sie kann aber ebenso mitten in den Fragen unserer Gegenwart stehen.
Am 22. Oktober macht sich Frank Quilitzsch auf die Suche nach den Ursachen und Folgen von Dürre und Hochwasser. In „Wenn keine Brünnlein fließen. Thüringen zwischen Dürre und Flut“ begegnet er Menschen, die mit ausbleibendem Wasser ebenso kämpfen wie mit plötzlich überlaufenden Flüssen und Stauseen.
Ganz woanders beginnt die Reise von Max Baudrexl. Nach einem schweren Unfall seiner Frau beschließt er, Norwegen der Länge nach zu durchwandern. Sein Reisebericht „Fühlt sich nach Leben an“ (27. Oktober) erzählt von einsamen Nächten im Zelt, skandinavischem Herbst, Freiheit und der Frage, wann es Zeit ist, dem eigenen inneren Kompass zu folgen.

 Max Baudrexl
Max Baudrexl | © privat

Familiengeschichten, die nachhallen

Ein Schwerpunkt des Programms liegt auf Beziehungen, Herkunft und den Spuren, die Menschen in ihrem Leben hinterlassen.
In „Die Riesinnen“, ein Roman, der zurecht seit 30 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste steht, erzählt Hannah Häffner am 29. Oktober die Geschichte dreier Frauen aus drei Generationen. Ihre Leben sind eng miteinander verbunden und doch von ganz unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit und Zugehörigkeit geprägt. Ein sprachgewaltiger Roman über Mütter und Töchter, über Natur und die Sehnsucht, den eigenen Weg zu finden.
Noch weiter zurück reicht Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ (14. November), das für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert war. Margarethe, Marianne, Monika und Miriam: vier Generationen einer Familie, deren Geschichte von den Weltkriegen bis in die Nachkriegszeit und die 1960er-Jahre reicht. Im Mittelpunkt steht auch ein Familienkonflikt um die Geburt eines unehelichen schwarzen Kindes – die Autorin selbst ist dieses Kind. So wird persönliche Familiengeschichte zugleich zu einem Stück (ost)deutscher Geschichte.

Miriam Carbe
Miriam Carbe | © Wolfgang Stahr

Und auch Lena Gorelik, die bereits 2021 in Jena zu Gast war, blickt am 17. November auf eine Beziehung, die wohl kaum jemanden unberührt lässt: die zwischen Müttern und Kindern. „Alle meine Mütter“ erzählt von Liebe und Zweifel, von Muttersein und Nicht-Muttersein, von Verlust, Bindung und der Frage, welche Art von Mutter man selbst sein möchte.

Lena Gorelik
Lena Gorelik | © Thomas Dashuber

Geschichte hat viele Gesichter

Wer sich für historische Stoffe und regionale Geschichten interessiert, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Frank Esche öffnet am 19. November mit dem „Thüringer Mord-Pitaval IV“ historische Kriminalakten und präsentiert 27 weitere spektakuläre Fälle. Insgesamt dokumentiert seine vierbändige Reihe 83 Fälle aus Thüringen aus der Zeit von 1606 bis 1978.

Am 20. November steht mit „Aus der Asche“ Wolfgang Hilbig im Mittelpunkt. Der Filmessay von Ede Müller spürt Meuselwitz nach – jener ostthüringischen Landschaft aus Tagebau, Industrie und Herkunft, die Hilbigs literarisches Werk geprägt hat. Anschließend sprechen die ehemalige Jenaer Stadtschreiberin Nancy Hünger und Ede Müller über Hilbigs Literatur, über Orte der Herkunft und Orte der Abwesenheit.

Vom Leben, das man sich selbst baut

Manchmal beginnt eine Geschichte mit einer großen Entscheidung. Madeleine Becker, einst Studentin in Jena, zieht auf einen alten Bauernhof in der Steiermark. In „Gekommen, um zu bleiben“ erzählt sie von Renovierungschaos, Tieren, Natur und der Suche nach einem Leben, das zu den eigenen Vorstellungen passt. Dabei geht es um ganz grundsätzliche Fragen: Wie möchte ich leben? Mit welchen Menschen? Und wie lassen sich Menschen-, Tier- und Umweltwohl miteinander verbinden?
Auch Cindy Speich erzählt von Selbstbestimmung – allerdings aus einer ganz anderen Lebenswelt. In „Ich bau mir ’ne Welt, die Männern nicht gefällt“ berichtet sie von Baustellen, Familienalltag und den Reaktionen auf eine Frau, die sich Raum nimmt. Mit trockenem Humor und klarer Haltung geht es um Rollenbilder und darum, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn Geschichten ins Wanken geraten

Am 25. November wird es im Jenaer Kunstverein literarisch experimenteller. Gorch Maltzen und Stefan Petermann begegnen sich mit ihren Erzählungen unter dem Titel „Stehen. Schwanken. Kippen?“. Ihre Geschichten handeln von Menschen an Nicht-Orten, von Übergängen und von Momenten, in denen das vermeintlich Vertraute ins Rutschen gerät.
Und dann wäre da noch die vielleicht naheliegendste Frage eines Lesemarathons:

Warum lesen wir eigentlich?

Eine Antwort darauf versucht Meike Winnemuth, bekannt als die Frau, die bei „Wer wird Millionär?“ eine halbe Million Euro gewann und ein lang Jahr ein blaues Kleid trug, am 26. November zu geben. In „Eine Seite noch: Warum Lesen uns so glücklich macht“ erzählt sie von einem Sommer, in dem sie sich durch die unterschiedlichsten Bücher liest – von Seneca über Tolstoi und Virginia Woolf bis Sally Rooney, von der Bibel bis „Fourth Wing“. Dabei entdeckt sie nicht nur neue Literatur, sondern auch etwas über die Menschen, die lesen.

Abenteuer für junge Leser

Natürlich gehört zu einer Lesereihe im Herbst auch ein bisschen Grusel: Am 12. Dezember präsentieren Christopher Tauber und Timo Grubing ihren Comic „Bammel“, ein Mystery-Abenteuer für Kinder ab elf Jahren. Außerdem geht es mit der Graphic Novel „Die drei ??? und das Ritual der Schlangen“ auf Spurensuche mit Justus, Peter und Bob – inklusive düsterer Prophezeiung, geheimnisvollem Schlangenritual und dem Diebstahl wertvoller Tiere.

Christopher Tauber
Christopher Tauber beim Lesemarathon 2025 | © EAB Jena

Bücher, die auf die Wunschliste gehören

Wer auf der Suche nach Buchempfehlungen ist, entdeckt am 8. Dezember vielleicht seinen nächsten Lieblingsroman. Bei der „Bücherstunde auf der Bühne“ stellen Katja Müller und Evelyn Meyer, Leiterin und Öffentlichkeitsarbeiterin der Ernst-Abbe-Bücherei, Neuerscheinungen vor, die sie selbst begeistert haben. Persönliche Empfehlungen, Gespräche und jede Menge Lesestoff inklusive.

Bücherstunde 2025
Bücherstunde 2025 | © EAB Jena

Zum Abschluss wird es noch einmal winterlich und ruhig: Ina Bhatter liest am 15. Dezember aus „Rauhnachttage“. Ihre Protagonistin Luise gerät nach einem Schicksalsschlag aus dem Gleichgewicht und findet ausgerechnet über die Rituale der Rauhnächte langsam zurück zu Ruhe, Klarheit und Zuversicht.

Ein Herbst voller Geschichten

Der 31. Jenaer Lesemarathon zeigt einmal mehr, wie viele Welten sich in Büchern öffnen lassen: Es geht um Liebe und Familie, um Herkunft und Zukunft, um Natur und Klimawandel, um Selbstbestimmung, Reisen und viele mehr.
Vielleicht ist genau das die schönste Einladung des Lesemarathons: sich Zeit zu nehmen. Für eine Geschichte. Für einen Gedanken. Für eine fremde Perspektive. Oder einfach für ein Buch, das man noch nicht kennt.
Der 31. Jenaer Lesemarathon findet vom 20. Oktober bis 15. Dezember 2026 statt. Veranstaltungsorte sind die Ernst-Abbe-Bücherei und der Jenaer Kunstverein. Der Vorverkauf läuft über die Jena Tourist-Information sowie bei den Veranstaltungen des Lese-Zeichen e.V. über dessen Webseite.

Weitere Informationen gibt es unter www.stadtbibliothek-jena.de.

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