Allgemein Ernst-Abbe-Bücherei Jena JenaKultur (übergreifend)

Zwischen regionalen Stimmen und großen Themen

Blick auf eine Bühne mit einer Präsentation und Publikum

Lesefrühling in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Der Lesefrühling in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena hat sich längst als „kleiner Bruder“ des Lesemarathons im Herbst etabliert. Vom 11. März bis 2. Juni verwandelt sich die Bibliothek mit der Unterstützung des Lese-Zeichen e. V. auch in diesem Jahr in einen Ort, an dem Literatur nicht nur gelesen, sondern diskutiert, hinterfragt und erlebt wird.

Acht Veranstaltungen umfasst das diesjährige Programm. Fünf davon sind bereits vergangen. Zeit also für einen genaueren Blick zurück, aber auch nach vorn.

Rückblick: Regionale Stimmen und überraschende Themenvielfalt

Schon die ersten Veranstaltungen haben gezeigt, in welche Richtung sich der Lesefrühling 2026 entwickelt: weg von reinen Buchvorstellungen, hin zu einem bewusst breit aufgestellten Kulturprogramm.

Auffällig ist vor allem die Auswahl der Autor:innen. Die Ernst-Abbe-Bücherei Jena setzt in diesem Jahr gezielt auf regionale Perspektiven: ein Ansatz, der dem Format eine besondere Nähe verleiht.

Auftakt mit Reibung: Identität vs. Mentalität

Den Beginn machte am 11. März eine Debatte über ostdeutsche Identität und gesellschaftliche Unterschiede im ausverkauften Helene-Petrenz-Saal.

Im Gespräch, das von Mario Osterland moderiert wurde, trafen zwei sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Dirk Oschmann, dessen Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ bundesweit für Diskussionen sorgte, und Peter Neumann, der mit seinem Ansatz den Fokus bewusst verschiebt: weg von Identität, hin zu „Mentalitäten“. Gerade diese Gegenüberstellung machte den Abend so spannend. Während Oschmann die Fremdzuschreibung „Ost“ als prägend für gesellschaftliche Ungleichheiten beschreibt, argumentiert Neumann, dass tieferliegende Denk- und Handlungsmuster entscheidender seien als zugeschriebene Identitäten.

Gespräch mit Dirk Oschmann und Peter Neumann | ©Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Literatur als Weltzugang: Südafrika zwischen Wunde und Hoffnung

Am 19. März verband die Jenaerin Silke Matzke an ihrem Abend Literaturvermittlung mit Reiseerfahrung. Im Mittelpunkt stand Südafrika: ein Land voller Kontraste, dessen Geschichte bis heute nachwirkt. Anhand von Texten der Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer und des Schriftstellers Zakes Mda zeigte Matzke, wie Literatur gesellschaftliche Brüche sichtbar macht. Was diesen Abend besonders machte, war die Verbindung aus Lesung, Bildmaterial und persönlichem Erzählen.

Lesung mit Silke Matzke | ©Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Zwischen Abenteuer und Verantwortung: Im Himalaya mit Zahnarztbesteck

Am 24. März folgte einer der ungewöhnlichsten Abende der Reihe und vermutlich einer der eindrücklichsten – nicht nur wegen des überwältigenden Interesses an der Veranstaltung. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und zahlreiche Interessierte konnten nicht mehr an der Veranstaltung teilnehmen. Joachim Hoffmann versprach den Enttäuschten noch am gleichen Abend eine Wiederholung des Vortrags. Diese fand dann am 16. April – ebenfalls wieder im vollen Saal – statt. Joachim Hoffmann nahm also zweimal das Publikum mit in die Hochgebirgsregionen Asiens: Pamir, Karakorum, Himalaya. Doch im Mittelpunkt stand nicht nur das Abenteuer. Seine Erzählungen kreisten um eine besondere Erfahrung: medizinische Hilfe in Regionen, in denen es keine Infrastruktur gibt. Mit einem selbst umgebauten Multifunktionswerkzeug führte Hoffmann in Extremsituationen sogar Zahnextraktionen durch. Souverän führte Hoffmann nicht nur erzählerisch durch die Abende. Die Filme und Fotografien von seinen Reisen wirkten auf das Publikum gleichermaßen faszinierend wie beklemmend.

Blick in die DDR-Kulturpolitik: Verschwundene Verlage

Mit Christoph Links wurde es am 14. April analytisch und historisch präzise. Im Zentrum stand die bisher kaum erforschte Geschichte der verschwundenen Verlage der DDR. Links recherchierte 12 Jahre und zeigt mit seinem Buch „Verschwundene Verlage“, dass deren Verschwinden kein Zufall war, sondern Ergebnis gezielter politischer Steuerung. Anhand seiner Recherchen zu rund 150 Verlagen wurde sichtbar, wie Enteignungen und politische Eingriffe funktionierten, wie wirtschaftlicher Druck gezielt eingesetzt wurde und wie Konkurrenz systematisch ausgeschaltet wurde.

Der Abend, bei dem auch der Leiter des Vopelius Verlags, Bernd Rolle, vom Verschwinden und der Reaktivierung seines Verlags berichtete, war weniger emotional als andere, dafür umso aufschlussreicher. Christoph Links erzählte exemplarisch vom Verschwinden Thüringer Verlage und öffnete damit einen Blick auf die Mechanismen von Kulturkontrolle.

Lesung mit Christoph Links | ©Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Familiengeschichte neu erzählt: Die Töchter der Manns

Den bislang letzten Termin bildete am 21. April die Lesung von Annette Seemann – und damit ein klassisch literarischer Abend, der dennoch neue Perspektiven bot. Im Fokus standen Erika, Monika und Elisabeth Mann – die Töchter von Thomas Mann und Katia Mann. Seemanns Ansatz ist dabei besonders spannend: Sie löst die drei Frauen aus dem Schatten ihres berühmten Vaters und erzählt ihre Lebenswege als eigenständige Geschichte.

Lesung mit Annette Seemann | ©Ernst-Abbe-Bücherei Jena

Ausblick: Drei Autorinnen – drei Themen

Die kommenden Veranstaltungen zeigen noch deutlicher, wie vielfältig der Lesefrühling gedacht ist.

Sachbuch trifft Gesundheit: Carolin von Edlinger

Ein Beispiel ist die Lesung mit Carolin von Edlinger, die am 5. Mai 2026 ihr Buch „Das ABC der Vitamine“ vorstellt. Hier steht weniger die klassische Lesung im Vordergrund, sondern ein informativ-dialogisches Format. Die Jenaer Ärztin klärt auf: Welche Rolle spielen Vitamine im Körper? Woran erkennt man Mangelerscheinungen? Und wie lässt sich Gesundheit im Alltag konkret verbessern?

Caroline von Edlinger | ©Steffen Walther

Zwischen Popliteratur und Poesie: Zwei weibliche literarische Stimmen zum Abschluss

Am 28. Mai ist Anne Freytag zu Gast und stellt ihren neuen Roman „Laute Nächte“ vor, der im April 2026 erscheint. Im Mittelpunkt steht eine ungewöhnliche WG-Konstellation, deren Mitglieder sich zwischen Aufbruch, Verlust und Selbstfindung bewegen. Zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung treffen sie erneut aufeinander – und stellen sich den Fragen, die sie nie ganz losgelassen haben. Eine Geschichte über Freundschaft, Identität und die Spuren, die das Leben hinterlässt.

Den literarischen Schlusspunkt setzt am 2. Juni Sarah Lorenz mit ihrem Debütroman „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“. Darin erzählt sie von Elisa, die sich trotz schwieriger Lebensumstände immer wieder neu erfindet. In einer ebenso berührenden wie poetischen Sprache entsteht eine Liebeserklärung an das Leben, an Bücher – und an die Dichterin Mascha Kaléko, die der Protagonistin als imaginäre Gesprächspartnerin dient.

Buchcover mit einem abstrakten Bild einer liegenden Frau
Anne Freytag: „Laute Nächte“ | © kampa Verlag
Buchcover mit einem gemalten Gesicht einer Frau
Sarah Lorenz: „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ | © Rowohlt Verlag

Fazit: Ein Programm, das bewusst Grenzen überschreitet

Der Lesefrühling 2026 in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena zeigt, wie flexibel Literaturveranstaltungen heute sein können.

Was dieses Jahr besonders auffällt:

  • die starke Einbindung regionaler Autor:innen
  • die Öffnung hin zu Sachbuch- und Alltagsthemen
  • und der klare Fokus auf Austausch statt Frontalveranstaltung

Nach fünf bereits erfolgreichen Terminen sollte deutlich geworden sein, dass die Ernst-Abbe-Bücherei Jena mit diesem Programm nicht nur unterhalten will. Sie will ins Gespräch bringen. Und genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf die verbleibenden Veranstaltungen. Denn der Lesefrühling ist noch lange nicht zu Ende.


Welche Themen finden Sie besonders spannend? Wen würden Sie gern einmal zum Lesefrühling einladen? Schreiben Sie uns wie immer gern einen Kommentar!

  1. Christa Niedner

    Schade, dass erst nachträglich über die meisten Lesungen und Gespräche informiert wurde!

    • Es tut uns leid, wenn Sie etwas verpasst haben, was Sie interessiert hätte, aber auf der Webseite der Ernst-Abbe-Bücherei ist alles prominent beworben, auch mit ausführlichen Texten zu den Lesungen. Schauen Sie doch dort künftig immer mal vorbei, damit das nicht wieder passiert. Herzliche Grüße vom JenaKulturBlog-Redaktionsteam

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