26 Jahre, 164 Kunstausstellungen, 107 Publikationen, 8.000 neue Kunstwerke, 10 Bestandskataloge und ungezählte Überstunden
Man findet wenig Persönliches über ihn, denn Privates hält Erik Stephan aus der Öffentlichkeit am liebsten fern. Aber in einem Artikel, den Lioba Knipping am 16. Juli 2011, und damit ungefähr 10 Jahre nach seinem Start in Jena veröffentlichte, finden sich dann doch ein paar Hinweise persönlicher Art. Er sei ehrgeizig, kämpferisch und seine Lieblingsfarbe sei Orange, die Farbe der Herzfrequenz. Seine Geburtsstadt ist Wurzen in Sachsen, wovon seiner gesprochenen Sprache bis heute ein sympathischer Slang anhaftet, von dort ging er irgendwann nach Dresden, dann Leipzig, studierte Betriebsgestaltung (was für heutige Ohren seltsam klingt, eine ingenieurwissenschaftliche Ausbildung in jedem Fall) und landete dann bis zur „Wende von 1989“ in Berlin, im sagenumwobenen Prenzlauer Berg, wo er in der dortigen Szene erste Kontakte zu Künstler:innen schloss. In den 1990er Jahren wurde es, wie er selber sagt, Zeit für einen Tapetenwechsel, und er arbeitete fortan auf Schloss Burgk, wo er „das Einmaleins der Museumskunst in einem Intensivkurs“ erlernte. Dort war er für aktuelle Kunst zuständig und erhielt schließlich 1999 für seine Arbeit, mit der er sich internationale Achtung erwarb, den „Kulturpreis des Landes Thüringen“ verliehen.
Derart gewürdigt, kam er mit einem kompletten, sechs Ausstellungen umfassenden Jahresprogramm im Jahr 2000 nach Jena, landete dann ein Jahr später einen ersten „Paukenschlag“, wie es die Presse quittierte, mit einer Markus Lüpertz Ausstellung. Bis heute folgten 164 hochkarätige Kunstausstellungen, alle flankiert von aufwendigen Publikationen, insgesamt 107. Zu deren Finanzierung gewann er namhafte internationale Unternehmen wie beispielsweise Siemens in München. Die Qualität seiner Ausstellungen überzeugte eben auch dort.
Er überzeugte aber auch mit seinem Enthusiasmus, seinem über weite Strecken 24/7-Arbeitsstil, seinem unnachahmlichen Einzelkämpfertum, das ihm mitunter auch die Missbilligung seiner Kolleg:innen eintrug, weil er nach ihrer Auffassung zu wenig Kollektivgeist besäße. Aber er verlässt sich eben am liebsten auf sich selbst, denn seinem eigenen hohen Anspruch ist schwer zu genügen. Die ungezählten Überstunden, die er anhäufte und nie abtragen konnte, zeugen von einer besonderen Tugend: LEIDENSCHAFT! Durch sie und mit ihr schuf er sich ein unglaubliches Netzwerk, das letztlich hochkarätige Ausstellungen ermöglichte. Und das in einem Haus – der „Göhre“ in Jena –, das nicht die optimalen Bedingungen für die erste Sahne der Kunstszene bietet. Als „drollig“ werde es wahrgenommen, meinte er. So erstreckt sich auch Erik Stephans Engagement für ein Kunsthaus in Jena oder zumindest besser geeignetere Räume für die Ausstellungen aber auch das Depot über mehr als ein Vierteljahrhundert. Ausgang offen, allerdings ist das Thema in der Stadtgesellschaft nunmehr, auch dank ihm, fest und unverrückbar platziert und muss ab jetzt von anderen weitergetrieben werden.
Bereits 2002 findet sich die erste Erwähnung einer seiner Jenaer Ausstellungen in der ZEIT. Es folgten danach immer wieder regelmäßig Beiträge in den überregionalen Medien: BILD, FAZ, LVZ, 3SAT, MDR, Welt, RTL, ja sogar BBC, Chicago Tribune, und vieles mehr.
Wie war das möglich? Auch hierzu ein Zitat von Lioba Knipping:
Er verströmt einen jugendlichen Charme, so als könne er kein Wässerchen trüben. Doch wenn es um Verhandlungen mit Galeristen, Museen und privaten Leihgebern geht, dann kann Erik Stephan knallhart sein. Damit hat er schon so manche »Nuss geknackt«. Erik Stephan ist nun seit fast elf Jahren Kurator der Jenaer Kunstsammlung, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er einer der erfolgreichsten Ausstellungsmacher in Thüringen ist. Emil Nolde im Jenaer Stadtmuseum, Werke von Rodin, Macke, Picasso, Renoir, Kandinsky es gibt nur wenige große und großartige Künstler der klassischen Moderne, von denen Stephan noch keine Werke in der Saalestadt hätte zeigen können.
Lioba Knipping, 16.07.2011, Thüringische Landeszeitung S. 33
Und was waren nun die erkennbar großen Linien, die er in den zurückliegenden 26 Jahren verfolgte?
Er setzte, wie gesagt, nicht einfach auf die Klassische Moderne, die ja heutzutage ein Garant für Publikumserfolge ist, sondern er bezog diese immer auf Jena selbst, auf hiesige Traditionen, Künstler:innen, die hier gewirkt hatten, auf das Jena zu Beginn des 20. Jh., das Maßstäbe setzte. Auf diese Weise brachte er die Lichtstadt überregional in mehrfacher Weise ins Gespräch. Es entstanden Retrospektiven mit einem besonderen Wert. Ob Emil Nolde (2003), Auguste Rodin (2005) oder Wassily Kandinsky (2009): diese Ausstellungen wurden zu Blockbustern mit jeweils hohen fünfstelligen Besucherzahlen. Für Jenas Geschichte war auch die Ausstellung zu Erich Kuithan wichtig, der als Leiter der Jenaer Mal- und Zeichenschule und mit seiner Ornamentik im Volkshaus Jena Spuren hinterlassen hat.
Neben der Klassischen Moderne gab es als weiteren Strang immer wieder aktuelle Kunst und hochkarätige Fotografie-Ausstellungen. Besonders herausragend: Joel Peter Witkin (2002) Robert und Shana ParkeHarrison (2004) James Nachtwey (2006) Sally Mann (2007) Charles Fréger (2023)
Ein dritter Strang widmete sich der DDR- und regionalen Kunst, wodurch auch immer wieder in der bundesdeutschen Kunstszene Achtungszeichen gesetzt werden konnten. Waltraud Ehrlich-Schmidt (2005) Jana Gunstheimer (2006) Achim Heidemann (2009) Falko Bärenwald (2009/2010) Lothar Zitzmann (2012/2013) Wolfgang Mattheuer (2017) Erika John (2018)
Nicht Gefälligkeit, sondern Qualität war dabei für Erik Stepan immer wichtigstes konstituierendes Element, und gleichzeitig bot er regionalen Künstler:innen mit dem überall hochgeschätzten Ausstellungsgeschehen, mit wachsender überregionaler Wertschätzung und Strahlkraft der Kunstsammlung Jena einen Rahmen, in dem sie selbst auch überregional ins Schaufenster rückten, ihre Reputation erhöhen konnten. Besonders zwei DDR-Ausstellungen machten regelrecht Furore und wurden in den Medien gefeiert: Der große Schwof (Fotografien, 2023) und erst in diesem Jahr So viel Silber im Grau (2026).
Besondere Highlights außerdem:
Eine Ausstellung von Werken von Martha Colburn (2020/2011): eine der facettenreichsten und ungewöhnlichsten Video-Künstlerinnen unserer Zeit. In der Ausstellung wurden 22, vor allem neue, Filme und Collagen erstmals in Deutschland gezeigt. Deshalb wurde die Ausstellung auch in der überregionalen Presse, bis hin nach Amerika, gefeiert als erste Ausstellung von Martha Colburn in Deutschland.
Dann eine Ausstellung der Sammlung Prinzhorn (2002). Kunst psychisch Kranker am Beginn des 20.Jh.
Wichtig für die Kunstsammlung: In der Zeit seines Wirkens und dank seiner Wertschätzung verdreifachte (!!) sich die Sammlung auf ungefähr 12.000 Arbeiten, vorwiegend auf Papier bzw. im kleinplastischen Bereich.
Erik Stephan erarbeitete hierfür auch zehn umfangreiche Bestandskataloge (drei zur Sammlung Opitz-Hoffmann, zwei zu den Wunschbildern = Erwerbungen der Kunstsammlung, je einen zur DDR-Kunst, zu Felix Martin Furtwängler, Lothar Zitzmann, Erich Kuithan und Erika John), erfasste die Sammlung darin. Solche Kompendien sind wichtig, um der Fachwelt zu zeigen, was man hat. Immer öfter werden nämlich auch Werke von anderen Häusern in Jena angefragt.
Ein Beispiel für eine ganz wichtige Schenkung ist die Sammlung Opitz-Hoffmann (2016 und 2023/24): Mit dieser Schenkung wurde der Bestand um die Kunst der BRD der 1960er, 1970er und 1980er Jahren, als es zwei deutsche Staaten gab, ergänzt. Bis dahin ein Desiderat in der Sammlung.
Weitere Sammlungen bzw. Schenkungen, die sich ihm verdanken:
Sammlung Werner (davon sind bisher ca. 250 Werke bereits in Jena, die übrigen gibt es nach Ableben des Sammlers Andreas Werner aus Frankfurt/Main)
Sammlung Hartwig und Christl Prange (ca. 250 Arbeiten)
Schenkung des Künstlers Felix Martin Furtwängler (ca. 2.700 Arbeiten)
Sammlung (ca. 150 Werke) von Hans-Jürgen Wilke / Berlin mit Werken Conrad Felixmüllers
FORUM KONKRETE KUNST (rund 150 Werke der Konkreten Kunst von knapp 100 Künstlern aus 15 Ländern)
Was für eine Bilanz! Sie macht, um ehrlich zu sein, ein bisschen demütig und sprachlos.
Nun beginnt für Erik Stephan ein neuer Lebensabschnitt. Mit dem kleinen Filmporträt möchten wir uns herzlich verabschieden, Danke sagen und alles Gute wünschen.
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