Detailansicht „Neue Göhre“ an der Rückseite der Göhre am Markt

Das Stadtmuseum Jena „Alte Göhre“ am Markt 7 ist wohl fast allen Jenaer Einwohner:innen bekannt. Auch Tourist:innen haben mitunter schon interessiert vor der Beschilderung in Jena und vor dem Haus am Markt 7 gestanden. Mit seiner imposanten Fachwerkfassade prägt das Gebäude seit Jahrhunderten das Stadtbild Jenas und war schon immer ein zentraler Ort des Zusammenkommens. Doch was steckt hinter den spätgotischen Fenstern und woher kommt eigentlich der Name „Göhre“?

Was verraten uns die Zeitzeugendokumente?

In den Sammlungen des Stadtmuseums befinden sich einige kleine Schätze: Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden viele Werbepostkarten, die das Gebäude am Markt zur Zeit der Weinstuben zeigt. Zu jener Zeit scheint das Gebäude ein beliebter Ort gewesen zu sein.

Viele Menschen drängten sich an den Tischen vor dem Lokal. An der Hauswand stand „Weinstuben. Wein- u. Zigarren-Handlung. Paul Göhre.“ Auf der Postkartenunterschrift von 1916 taucht ebenfalls die Bezeichnung „Göhre am Markt“ auf. Der Name „Göhre“ könnte zu dieser Zeit also bereits in der Öffentlichkeit nicht nur mit dem Inhaber, sondern auch mit dem Gebäude beziehungsweise dem Lokal verbunden worden sein. Doch was ist über den Inhaber des Lokals Paul Göhre bekannt?

Paul Göhre – Namensgeber und Weinhändler aus Jena

Obwohl die „Göhre“ ein bekanntes Gebäude am Jenaer Markt ist, ist über den Besitzer und Namensgeber auf den ersten Blick wenig in den zeitgenössischen Zeitungen und Quellen zu finden. Orientierungspunkte lieferte ein nicht öffentliches Interview der Städtischen Museen Jena aus dem Jahr 2013 mit einem seiner Enkel.

Demnach sei Paul Göhre kein einfacher Weinhändler gewesen, sondern habe zunehmend mit gehobenen Waren gehandelt. Im Jahr 1893 erwarb er den Markt 7 und richtet dort, wie schon seine direkten Vorbesitzer, einen Weinhandel ein. Am 4. Mai 1894 bekam er die Konzession zum Ausschank von Wein und anderen alkoholischen Getränken. In den folgenden Jahren expandierte er, stellte einen eigenen Küfer (frühere Bezeichnung für Fassbauer) ein und nutzte den Fürstenkeller zur Lagerung seiner Weine. Aus den Erinnerungen seines Enkels ging zudem hervor, dass er Briefmarken für den Versand nach Lettland, Estland und sogar Russland auf die Weinpakete geklebt habe. Er berichtete auch davon, dass sein Großvater als Erster in Jena Apfelwein verkauft habe. 1907 erwarb Paul Göhre außerdem das benachbarte Haus (die ehemalige Marktmühle, heute die „Neue Göhre“) und verband beide Häuser über ein Treppenhaus. In den Folgejahren kaufte er einige Häuser rund um den Markt, so auch den Markt 8.

4 bunte Wein-Etiketten der Weingroßhandlung Paul Göhre
Wein-Etiketten der Weingroßhandlung Paul Göhre, Sammlung Städtische Museen © Städtische Museen Jena

Die Beliebtheit der „Weinstuben Paul Göhre“ lässt sich nicht nur auf den Postkarten nachverfolgen. Das Gedicht „In der Göhre“ von Wolf Wälsung aus dem Jahr 1929 liefert einen zeitgenössischen Blick.

Gedicht mit Foto Wälsung, Wolf, „In der Göhre“, in: Thüringer Monatsblätter, 37. Jahrgang, Nr. 4, 1929, S. 53.
Wälsung, Wolf, „In der Göhre“, in: Thüringer Monatsblätter, 37. Jahrgang, Nr. 4, 1929, S. 53.

Gedicht zum Nachlesen:

In der Göhre.
(Mel.: Die Lore am Tore.)

Die Göhre in Jena such‘ ich gern auf.
Da weiß ich ein trauliches Mädchen.

Die Fensternische! – Vom Markt grüßt heraus
Mit fröhlichem Winken mein Schätzchen. –
In der Göhre in Jena gefällt es gut:
Dort kenn‘ ich ein schwarzbraunes Mädchen
Von vollschlankem Wuchse, die Lippen wie Blut,
die Augen wie feurige Rädchen.

Sie brachte behend mir den perlenden Wein,
Den die Reben des Rheins uns gegeben,
und plauderte mit mir von Sonnenschein
Und luftigem Jenaer Leben.
Sie rief in mir die Erinnerung wach
An Zeiten, die längst sind entschwunden;
Denn unter der Göhre gastlichem Dach
Verträumte ich selige Stunden. –

Wann immer das Schicksal nach Jena mich bringt,
Stets werde zur Göhre ich eilen.
Und ich hoffe: Ein schwarzbraunes Mädel winkt
Und ladet mich ein zum Verweilen. –
Dann folge ich freudig der lieblichen Maid,
Und wenn die Gläser erklingen,
Versinket im funkelnden Wein alles Leid,
Weil mich Jugend und Frohsinn umschlingen!

Quelle: Wälsung, Wolf, Thüringer Monatsblätter, 37. Jahrgang, Nr. 4, 1929, S. 53.

Wälsung liefert mit seinem Gedicht einen wichtigen Hinweis. Er zeigt, dass der Begriff „Göhre“ als Bezeichnung der „Weinstuben Paul Göhre“ durchaus zu seiner Zeit gängig war. Dies lässt sich mit der Beliebtheit des Lokals in Verbindung bringen. Viele Personen, die in den 1930er Jahren im Hause verkehrten, hoben die Bedeutung der Weinstube hervor. Heinz Voigt schrieb 2012 in der OTZ-Serie „Jenaer Kneipengeschichten“ (Ausgabe 20): „Allenfalls können sich Einwohner der Jahrgänge um 1930 erinnern, dass es ein vornehmes Lokal gewesen sein muss.“

beige Postkarte Göhre Innenansicht (Casino) um 1930
Göhre Innenansicht (Casino) um 1930, Sammlung Städtische Museen Jena. © Städtische Museen Jena

Dass ein Gebäude nach seinem Besitzer oder Betreiber benannt wird, ist nicht ungewöhnlich. Im Fall von „Göhres Weinstuben“ könnte sich der Name „Göhre“ im Laufe der Zeit als Bezeichnung für das Lokal und schließlich auch für das Gebäude etabliert haben.

Auch die spätere Bezeichnung „Alte Göhre“ und „Neue Göhre“ steht damit in Zusammenhang. Wie erwähnt erwarb Paul Göhre 1907 die ehemalige Marktmühle und ließ an ihrer Stelle ein neues Gebäude errichten. Mit den Bezeichnungen „Alte Göhre“ und „Neue Göhre“ konnten die beiden Gebäude des Ensembles unterschieden werden.

Von der Weinstube zum Museum

Nachdem der Gebäudekomplex nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst von der Staatlichen Handelsorganisation (HO) genutzt wurde, ging er in den Besitz der Stadt über. Daraufhin wurden die „Alte“ und „Neue Göhre“ für eine neue Nutzung freigegeben und zwischen 1982 und 1986 größtenteils saniert.

bunter Bastellbogen der „Alten Göhre“
Bastellbogen der „Alten Göhre“ © Stadtmuseum Jena

Da das Stadtmuseum Jena nach dem Zweiten Weltkrieg keine Ausstellungsfläche mehr hatte, wurde 1988 eine ständige Ausstellung in der umgebauten „Göhre“ eröffnet. Von 2000 bis 2003 erfolgte eine grundlegende Rekonstruktion der „Alten Göhre“ aufgrund von statischen Problemen.

„Alte“ und „Neue Göhre“

Außenansicht der „Alten Göhre“ mit Kulturdenkmal-Schild
Außenansicht der „Alten Göhre“ mit Kulturdenkmal-Schild © Stadtmuseum Jena

Neben dem Schild, welches über die „Alte Göhre“ informiert, wurde jüngst im Durchgang zur Saalstraße ein weiteres Schild am Gebäudeensemble angebracht. Dort wird die Geschichte der „Neuen Göhre“ kurz erklärt.

Die „Neue Göhre“ beherbergt heute die Kunstsammlung Jena. Auch die nicht öffentlich zugänglichen Bereiche, darunter die Sammlungsbereiche, die Verwaltung oder die Museumsdirektion befinden sich dort. Das Stadtmuseum und die Kunstsammlung sind für die Besucher:innen über den Eingang mit der Museumskasse in der „Alten Göhre“ zu erreichen und können ganzjährig besucht werden.

Fotografie in bunt: Detailansicht der „Alten Göhre“, Fassade, Fenster, Bögen, Schriftzug "Stadtmuseum" und "Kunstsammlung"
Detailansicht der „Alten Göhre“ 2021 © JenaKultur, C. Worsch

Wussten Sie bereits vorher, woher der Name „Göhre“ stammte? Haben Sie in Ihrer Familie eventuell auch überlieferte Erinnerungen, Postkarten oder altes Material über die „Göhre“? Schreiben Sie uns gerne an stadtmuseum@jena.de!

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