Allgemein Sonderprojekte Stadtgeschichtsforschung

Nach dem Verschwinden – der Tag der Stadtgeschichte geht an verlorene Orte in Jena

Alte Fotografie der alten Bibliothek in Jena

Mit der Stadthistorikerin Dr. Jenny Price sprach unsere Kollegin Eva Göbel

Frau Dr. Price, der 14. Tag der Stadtgeschichte steht unter dem Titel „Erinnerungsräume: Jenas verschwundene Bauwerke“. Was hat Sie persönlich an diesem Thema besonders gereizt?

Als Historikerin beschäftigt es mich sehr, woran und wie erinnert wird. Schon länger frage ich mich auch, ob Erinnerungen einen Ort brauchen, und was passiert, wenn dieser nicht mehr existiert. In Jena fehlt das Herz der Stadt – die Altstadt. Doch den Jentower wollen wir heute auch nicht missen. Was macht dieser Wandel mit unserem Selbstverständnis, und was können uns die verlorenen Gebäude über unsere Geschichte verraten? Welche Industrien waren früher wichtig, die heute keine Rolle mehr spielen, und warum kam es überhaupt zu den Veränderungen? Uns geht es nicht darum, um das Verschwundene zu trauern, sondern Verständnis zu schaffen für die Hintergründe des Stadtwandels. Es gibt auch wahnsinnige Geschichten zu erzählen über die Gebäude, die erhalten wurden und wie sich die unterschiedlichsten Menschen dafür eingesetzt haben. Das kann man erst erkennen, wenn man sieht, was nicht mehr da ist.

Der Tag der Stadtgeschichte hat sich seit seiner Einführung 2009 als feste Größe im Kulturkalender etabliert. Was macht dieses Format aus Ihrer Sicht so besonders – und warum lohnt sich ein Besuch auch für Menschen ohne historisches Vorwissen?

Wir begehen diesmal tatsächlich schon den 14. Tag der Stadtgeschichte. Das zeigt, dass sich das Format bewährt hat und über die Jahre ein festes Publikum entwickelt hat. Die Idee dafür stammt von meinem Vorgänger, Dr. Rüdiger Stutz, der das Veranstaltungsformat nach Vorbild von Städten wie Halle und Stuttgart hier in Jena eingeführt hat. Der Tag der Stadtgeschichte sollte demnach ein Forum sein für bürgerliche Initiativen und Vereine, die sich mit der Stadtgeschichte beschäftigen. Es sollte wissenschaftliche Erkenntnisse an die Öffentlichkeit vermitteln und zum Austausch einladen. Immer gab es Kooperationen mit Vereinen und Gruppen der Stadt, die das Programm mitgestalteten.

Das ist für mich ein wichtiger Punkt – dass der Tag der Stadtgeschichte aus dem Engagement der Menschen in Jena wächst und ihre Projekte auch der Öffentlichkeit präsentiert. Denn die Vereine und Arbeitskreise unserer Stadt leisten Unglaubliches für die Aufarbeitung und Vermittlung der Stadtgeschichte. Viele der Menschen, die sich dort engagieren, sind selbst nicht Historiker:innen, sondern haben sich aus eigener Überzeugung und ein besonderes Interesse in die Themen eingearbeitet. Fachwissen ist also keine Voraussetzung für die Teilnahme. Vielmehr sollte die Geschichte einer Stadt alle interessieren, die dort leben oder daherkommen. Denn es ist etwas anderes, sich durch eine Stadt zu bewegen, wenn man weiß, was dort über die Jahrhunderte geschah oder welchen Wert die Orte haben, die zu unserem Alltag gehören.

Hier ein paar Impressionen vom 13. Tag der Stadtgeschichte, der dem Thema „Schule vor Ort“ gewidmet war.

In diesem Jahr erwartet die Besucher:innen ein vielfältiges Programm aus Vorträgen, Führungen, Workshops und einem Stadtgespräch. Worauf dürfen sich die Gäste besonders freuen? Gibt es Programmpunkte, die Sie besonders ans Herz legen möchten?

Ich glaube, das kommt darauf an, wofür man sich selbst am meisten interessiert oder welche Formate man bevorzugt. Ich möchte natürlich betonen, dass es auch Angebote für Familien gibt. So findet in der Künstlerischen Abendschule Jena nachmittags ein Erzähl- und Malcafé für verschiedene Generationen statt, und in der Imaginata laufen Vorführungen zum immersiven Denkmal für Erhard Weigel – eine 360-Grad-Filmvorführung, die auch durch Weigels Haus der Erfindungen führt; etwas, was wir uns nur noch vorstellen können, aber was hier wieder erlebbar wird. Das Weigelsche Haus gehört zu den Sieben Wundern Jenas, aber musste dennoch dem Straßenbau weichen. Das ist wirklich emblematisch für das Problem, dass historische Gebäude einen noch so großen kulturellen Wert haben können, und dennoch neue Entwicklungen in einer dynamisch wachsenden Stadt oft Vorrang haben.

Da hat sich leider nicht viel verändert, aber heute gibt es dafür neue Methoden der Dokumentation, die auch vorgestellt werden. So präsentiert ein Team aus Wissenschaftlern der Friedrich-Schiller-Universität und 3D-Künstlern aus Weimar einen digitalen Rundgang durch die Tierarzneyschule aus Goethes Zeiten, die bis vor kurzem in Jena noch stand. Und es gibt einen Spaziergang zu historischen Industriebauten, die noch vorhanden sind aber nur für unbestimmte Zeit. Da erwartet die Teilnehmenden sogar eine Führung durch das alte Rechenzentrum neben dem Johannisfriedhof, das extra als Behausung des ersten Robotron-Großrechners gebaut wurde.

Doch nicht alle Erinnerungsräume sind Errungenschaften, auf welche die Stadt stolz sein kann. Trotzdem müssen wir an sie erinnern. Das zeigen die Vorträge zu Bauten im Nationalsozialismus, die Zeugnisse des Unrechts sind, oder der Stadtrundgang zu Orten, die eine historische Bedeutung für die Opfer des Nationalsozialismus haben. Mir war es wichtig, auch diese Geschichten zu erzählen, denn die Erinnerung an den Nationalsozialismus spielt in Jena eine bedeutende Rolle, und es ist wichtig, hier in der Vermittlung auch auf lokale Spezifitäten einzugehen.

Für diejenigen, die sich für Fotoaufnahmen interessieren, kann ich besonders den zweiten Vortragsblock zu Bildern des Stadtwandels empfehlen, und natürlich würde ich jedem vorschlagen, an einem der vielen Stadtrundgänge und Führungen teilzunehmen, die direkt an die Orte der verschwundenen Gebäude gehen. Die Auswahl ist groß, aber die Führungen bieten ausschließlich Menschen an, die sich ausführlich mit den Gebäuden und Geschichten beschäftigt haben und viel Unbekanntes erzählen können.

Die sogenannte "Schrammei"
In der Schrammei führten die zwei Schwestern Anna und Christine Schramm um 1800 ein Gästehaus für Studenten, das 1789 bis 1793 der erste Jenaer Wohnort von Friedrich und Charlotte Schiller war | © Stadtmuseum Jena

Der Veranstaltungstag verbindet wissenschaftliche Perspektiven mit Stadtrundgängen und Angeboten für verschiedene Generationen. Wie gelingt es, Fachthemen rund um Stadtwandel, Abriss und Erinnerung lebendig und zugänglich zu vermitteln?

Ich glaube, das macht sich ganz von selbst, weil die beteiligten Menschen sich wirklich für das Thema begeistern und das vermitteln wollen. Sogenannte „Lost Places“ haben schon lange Anziehungskraft, weil sie den Verlust vor Augen bringen und nochmal die Gelegenheit bieten, diese Geschichte zu dokumentieren und fotografisch zu sichern. Sie sprechen auch oft von einer anderen Zeit, denn das Verschwinden kann auch kulturelle Gründe haben und geht mit einem Gesellschaftswandel einher. Wir beschäftigen uns zwar mit der nächsten Stufe – die Orte nach dem Verschwinden – aber auch das hat etwas Mysteriöses, denn wir können uns trotz der erhaltenen Quellen oft nur noch schwer vorstellen, wie das Gebäude ausgesehen haben kann oder wie es war, es zu betreten. Es ist also eine gewisse Kreativität gefordert, die jede und jeder in sich entdecken kann.

Viele der vorgestellten Orte – von der historischen Altstadt bis zu verschwundenen Industrie- oder Wissenschaftsbauten – existieren heute nicht mehr. Warum ist es wichtig, sich gerade mit dem „Nicht- mehr-Sichtbaren“ auseinanderzusetzen?

Mit dem Fokus auf die verschwundenen Gebäude unserer Stadtgeschichte wollen wir vor allem zeigen, welche reiche und weitreichende Geschichte Jena hat und auch Verständnis für die Gründe des Stadtwandels schaffen. Es geht auch ein Stück weit darum, gewisse Geschichten wieder auszugraben und vor dem Vergessen zu retten. Denn Geschichtsschreibung ist immer eine Auswahl an Quellen oder Akteuren. So entscheiden politische Verhältnisse oft Geschichtsnarrative, und Menschen fühlen sich nicht immer vertreten. Zum Beispiel sind die verehrten Büsten in Jena alle von Männern. Heißt das, Frauen haben früher nicht existiert? Natürlich nicht, aber es gibt ein Ungleichgewicht in der Geschichtsschreibung, dem wir heute entgegenwirken müssen. Stadtgeschichte kann aber inklusiver werden, wenn mehr Menschen daran beteiligt sind und wenn wir Quellen wieder ans Licht bringen, die diejenigen repräsentieren, die in der Minderheit sind oder es waren. Das gilt also nicht nur für Gebäude, aber Bauwerke sind einfach sehr greifbar und sehr komplex, weil sie über die Jahre verschiedene Nutzungen haben und Generationen überdauern, bis sie dann auf einmal weg sind.

Das historicshe Romantikerhaus
In dem historischen Romantikerhaus in der Leutragasse wohnten Dorothea Schlegel und Caroline Schelling mit ihren Ehemännern August und Friedrich Schlegel | © Stadtmuseum Jena

Der Tag endet mit einem öffentlichen Stadtgespräch unter dem Motto „Wie erinnern wir an das verschwundene Jena?“. Welche Impulse wünschen Sie sich aus der Stadtgesellschaft – und warum ist der Dialog mit den Bürger:innen so zentral für Ihre Arbeit als Stadthistorikerin?

Tatsächlich haben sich im letzten Jahr Bürger:innen bei der Stadt gemeldet, die sich mehr Vermittlung von verschwundenen Orten und Personen wünschen, zum Beispiel über das Bürgerbudget. In Jena gibt es dafür schon viele verschiedene Beispiele, von Schildern zu Gedenksteinen und Kunstwerken. Das Stadtgespräch soll diese Frage diskutieren, denn wir müssen erst entscheiden, welche Schwerpunkte uns am wichtigsten sind, und welche Erinnerungsformen zu uns passen. Das geht nicht ohne die Stadtgesellschaft, denn sonst wird die Erinnerung auch nicht angenommen. Als Gesprächspartner haben wir Vertreter:innen der Stadt, der Universität Jena und der Ernst-Abbe-Stiftung gewonnen, die historische Häuser, Grundstücke und Sammlungen verwalten, die über Ausgaben der Stadt entscheiden und Denkmäler schützen und vermitteln. Das Stadtgespräch wird die Fragen wieder aufgreifen, die zum Tag der Stadtgeschichte aufgeworfen wurden, und anhand von lokalen Beispielen diskutieren, wie Erinnerung funktioniert und was wir gegen das Vergessen unternehmen können, auch bei Neuentwicklungen im Städtebau.

Für meine Arbeit ist ein solcher Austausch natürlich unabdingbar. Nicht nur, weil Bürger:innen der Stadt Jena so viel Wissen zur Stadt haben, das eben nicht in den Archiven oder Sammlungen liegt, aber auch weil es ihre Geschichte ist und wir es gemeinsam erkunden müssen.

Modell Neutor von Regina Lange
Das Modell von Regina Lange in der Neugasse markiert den früheren Standort des mittelalterlichen Neutors | © JenaKultur, C. Häcker

Der Tag der Stadtgeschichte findet am 14. März 2026 ab 10:30 Uhr in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena und an verschiedenen Orten in Jena statt. Das komplette Programm finden Sie auf der JenaKultur-Webseite.

Wir wünschen Ihnen viele interessante Erkenntnisse und freuen uns über Rückmeldungen hierzu!

Und wir danken für das aufschlussreiche Gespräch.

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