Das Stadtteilzentrum Lobeda, Außenansicht

Monika Klaus geht in den Ruhestand und wünscht sich, dass JenaKultur die Hände schützend übers LISA halten möge

Es ist ein trüber Januartag, als wir uns mit Monika Klaus im LISA verabreden. Nach über 23 Jahren als Verantwortliche im „Lobedaer Informations-, Spaß- und Aktionszentrum“, wie das Akronym LISA ausgesprochen heißt, ist der Januar 2022 ihr letzter Arbeitsmonat vor dem Ruhestand. (Nebenbei: Es sind unterdessen viel zu viele, die nun wie sie ausgerechnet in der Pandemie und mithin unverdientermaßen fast sang- und klanglos von JenaKultur-Bord gehen. Dabei ist es so wichtig, ihre Geschichte und Geschichten zu erfahren, festzuhalten, sie weiter zu erzählen, damit sie nicht verlorengehen, denn sie sind ohne Übertreibung ein Teil der Jenaer Stadtgeschichte!)

So wollen wir nun Monikas Arbeit als „Urgestein“ in der Jenaer Kulturszene noch einmal Revue passieren lassen, und auch wissen, was sie uns für die weitere Arbeit mit auf den Weg geben will.

Monika Klaus in ihrem Büro im LISA, am Schreibtisch sitzend
Monika Klaus an ihrem Schreibtisch im LISA | ©JenaKultur, BL

Es wird ein wirklich berührendes, dennoch heiteres Gespräch, eines, das auch wieder einmal deutlich macht, wie sehr das Große und Ganze von all den Einzelnen, von all denen, die im Hintergrund und fast im Verborgenen blühen, aber mit Herzblut dabei sind, abhängt.

Monika ist eine von diesen Vielen.

Sie wurde 1955 in Jena geboren. Ihr Vater war bis 1976 Leiter des Jenaer Volkshauses. Von ihm hat sie die Leidenschaft für Kunst und Kultur quasi in die Wiege gelegt bekommen. Dennoch macht sie zunächst eine Lehre zur Feinoptikerin bei ZEISS. Ein Jahr arbeitet sie in dem Beruf und spürt, dass das nicht das ist, was sie wirklich machen möchte. Gleichwohl resümiert sie rückblickend, jede Station in ihrem Leben war für ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig und habe sie auf diese oder jene Weise weiter gebracht. Die Tätigkeit als Feinoptikerin etwa habe sie die Achtung vor jedweder körperlicher Arbeit gelehrt.

Mitte der 70er Jahre – sie hat bereits erste eigene praktische kulturelle Erfahrungen als Mitglied im Jugendklubrat des Zentralen Kulturhauses Volkshaus gesammelt – geht sie zur Ausbildung an die FDGB-Jugendkulturschule nach Leipzig-Leutzsch. Dort werden junge Leute für eine „mittlere Kulturkaderlaufbahn“ der DDR ausgebildet. Klar, habe Ideologie dabei eine große Rolle gespielt, keine Frage, sagt sie, aber zugleich wurde so viel praktisches Handwerkszeug vermittelt, wurden Kunst- und Kulturveranstaltungen aller Genres in der gesamten DDR besucht und analysiert, dass sie immer noch regelrecht ins Schwärmen gerät, wie wertvoll dieses eine Jahr gewesen sei, wie es sie nach vorn gebracht habe.

Fertig ist sie mit 20 und will nicht zurück nach Jena und in den Schoß der Eltern. Deshalb bewirbt sie sich als Kinder- und Jugendreferentin im Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza, lebt als 2er WG in einer Einraumwohnung, gründet in Schwarza einen Jugendklub und verdient sich die ersten eigenen Kultursporen in der Praxis.

Die Liebe bringt sie 1980 zurück nach Jena. Ein halbes Jahr arbeitet sie im Kulturhaus Optik, dem alten Schützenhof in Jena Nord, ehe sie wegen Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter eine geregeltere Arbeitszeit braucht und in den Kulturbereich der Firma SCHOTT einsteigt.

Sie wird Gruppenleiterin Kultur und koordiniert die Arbeit von mehr als zwanzig SCHOTT-Kulturgruppen.

Dann kommen die politische Wende 1989/90 und mit ihr all die Erfahrungen, die der Systemwechsel dem Einzelnen bescherte. Nicht nur SCHOTT dampft sein kulturelles Engagement ein und bringt auch in diesem Segment vielen aus der Belegschaft Arbeitslosigkeit.

Monika ordnet als Letzte die kulturellen Dinge bei SCHOTT, dann schließt sie quasi die Türen ab und steht sprichwörtlich auf der Straße. Sie ist unterdessen Mutter von zwei kleinen Kindern und kann sich Trübsal nicht leisten. Auf den Tipp einer Bekannten hin bewirbt sie sich beim Arbeitsamt, erhält eine ABM-Stelle und organisiert ein Jahr lang sogenannte 41A-Maßnahmen, die ehemalige DDR-Bürger fit für den kapitalistischen Arbeitsmarkt machen sollen: Bewerbungstraining, Hilfe bei der Beantragung von Geldern und dem Ausfüllen von Formularen usw.

Sie lernt viel Leid kennen, sieht gestandene Personen in Tränen und Wut ausbrechen, weil sie am Systemwechsel und ihrem Geworfensein verzweifeln. Sie spürt: Das macht mich auf Dauer kaputt, ich muss mir was anderes suchen.

Zunächst zieht sie deshalb der Tätigkeit im Arbeitsamt wieder die Arbeitslosigkeit vor.

Abermals als ABM fängt sie schließlich im Jenaer Haus der Kinder an. Dann werden irgendwann Freiwillige für eine neue Kinderfreizeiteinrichtung in Lobeda, dem späteren KLEX, gesucht und aus der Kahlaischen Straße abkommandiert. Monika ist dabei und kreiert dort mit fünf weiteren Frauen von der Pieke auf neue Veranstaltungen für Kinder, baut Netzwerke auf …

Keine der Frauen wird in eine Festanstellung übernommen. Monika wird folglich abermals arbeitslos, verdingt sich als Kellnerin, arbeitet zwischenzeitlich in der Lobedaer Galerie (heute Stadtteilbüro in Lobeda) und später in einer SAM-Gruppe an der Vorbereitung des Weimarer Kulturstadtjahres 1999 mit.

Dort erfährt sie vom Vorhaben der Stadt, ein Stadtteilzentrum in Lobeda-West, dem ehemaligen Kindergarten „Käthe Duncker“, eröffnen zu wollen. Sie bewirbt sich auf die ausgeschriebene Koordinatorenstelle. Nicht sie ist die Glückliche von etwa 40 Bewerber:innen. Obwohl bei der Stellenausschreibung stand „Bewerbungen von Frauen bevorzugt“, macht ein Mann das Rennen. Anders als Monika hat er jedoch keinen langen Atem, gibt nach ein paar Monaten auf, und nun kommt endlich Monika zum Zuge und dorthin, wo sie nach ihrer Odyssee beruflich Wurzeln schlagen wird.

Am 1. Dezember 1998 ist ihr erster Arbeitstag im LISA. Weder Schreibmaschine noch Computer stehen zur Verfügung; die erste Abrechnungen macht sie handschriftlich. Und sie hadert mit der Namensgebung für das neue Stadtteilzentrum, das zum 26. April 1998 eröffnet wurde. Sie findet „Lobedaer Informations-, Spaß- und Aktionzentrum“ sperrig, akzeptiert diesen Namen aber schlussendlich, zumal er das Ergebnis eines öffentlichen Ideenwettbewerbs ist. Sie widmet nun all ihr Können und ihre Liebe dem Aufbau des neuen Stadtteilzentrums. Dabei hat sie beim Netzwerken in und außerhalb des Stadtteils die Worte des Vaters im Ohr: „Du musst und kannst nicht alles selber machen. Du musst Dir Partner suchen. Jede Einmietung sollte auch etwas fürs Haus bringen.“ Mit dieser Maxime fährt sie gut. Eines ergibt sich aus dem anderen. Sie beginnt mit kleineren Laienausstellungen, die Bürger:innen ins Haus bringen. Akkordeonorchester und Videoaktiv und Jazzenthusiasten und auch ein seiner Wirkungsstätte beraubter DJ lassen sich im LISA neben anderen Mietern nieder und erfüllen Stück für Stück das Haus mit Leben. Monika findet, es ist eine Perle geworden, klug habe man beim Umbau alt und neu verknüpft, das Gestaltungskonzept mit den Pastellfarben begeistert sie, herrlich sind die großen Blumenfenster, die den grünen Daumen garantieren, aber auch das Umfeld sei liebevoll gestaltet, der große Garten mit den Skulpturen von Volkmar Kühn sei durch die Jahreszeiten ein idyllisches Kleinod inmitten der Plattenbausiedlung…

Der große Saal im LISA mit roten Stühlen in Reihen
Der große Saal im LISA bietet viele Möglichkeiten | ©JenaKultur, C. Worsch

Und: Das Haus sei als das, was es immer sein sollte – Wohngebietstreff, Stadtteilzentrum… – angenommen worden. Dafür ist sie unendlich dankbar und hält es für keine Selbstverständlichkeit. „Alles kann ich also nicht falsch gemacht haben“, sagt sie augenzwinkernd mit Bezug auf die kleineren und größeren Kämpfe, die sie gegen unterschiedlichste Widerstände kämpfen musste. Deshalb wünscht sie sich, dass JenaKultur die Hände über das LISA halten möge, dass das Haus im Fokus bleibe und nicht als ungeliebter Satellit wahrgenommen werde. Ihrer Nachfolgerin wünscht sie Kraft und Ausdauer, den guten Weg auch die nächsten Jahre mit all den Mieter:innen und Bürger:innen Lobedas und Jenas weiter zu beschreiten. Schön fände sie auch, wenn es noch intensivere Kooperationen mit den einzelnen Bereichen und Einrichtungen von JenaKultur, etwa der Musik- und Kunstschule oder der Volkshochschule, geben könnte.

Und wir? Wir wünschen Dir, liebe Monika, alles Gute. Wir danken Dir sehr herzlich für dieses Gespräch, mehr noch für Deine Arbeit in all den Jahren. Behalte Deine Energie, Deinen Optimismus, Deine Bodenständigkeit und Deinen Humor und: Bleibe vor allem gesund!

Monika Klaus im Portrait vor neutralem Hintergrund
Monika Klaus ©JenaKultur, M. Stacke

Sind Sie hin und wieder Gast im LISA? Und kennen Sie Monika Klaus? Vielleicht gibt es etwas, dass Sie ihr und uns schon immer einmal sagen wollten?

  1. Grosser, Klaus

    Die Perle braucht wieder neuen Glanz und finanzielles und personelles Engagement von Seiten von JenaKultur, aber das Geld wurde ja bei 72 HOUR URBAN ACTION versenkt.

  2. Was für ein gelungener und interessanter Beitrag! Schön, auch mal etwas mehr über diejenigen bei JenaKultur zu hören, die sonst immer eher am Rande wuseln, aber nicht minder tatkräftig und engagiert für unsere Kultur in dieser Stadt arbeiten. Was für eine erstaunliche Biografie.
    In dem Sinne vielen Dank für den schönen Beitrag und vor allem herzlichen Dank und alles Gute an Monika Klaus!

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