{"id":8536,"date":"2023-04-02T08:00:00","date_gmt":"2023-04-02T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=8536"},"modified":"2023-04-12T15:46:34","modified_gmt":"2023-04-12T13:46:34","slug":"vor-78-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2023\/04\/02\/vor-78-jahren\/","title":{"rendered":"Vor 78 Jahren&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Todesmarsch der Buchenwald-H\u00e4ftlinge ging am 11. April 1945 quer durch Jena<\/h2>\n\n\n\n<p>Am 11. April 1945, in den Nachmittags- und Abendstunden, wurden in mehreren gro\u00dfen Kolonnen \u00fcber 4500 geschundene Menschen quer durch Jena getrieben, bewacht von 250 schwerbewaffneten SS-Leuten mit Hundestaffeln, vermutlich auch verst\u00e4rkt durch Jenaer Polizeikr\u00e4fte und Volkssturmleute. Es war dies der letzte der sog. Todesm\u00e4rsche, mit denen die Lagerverwaltung des <a href=\"https:\/\/www.stiftung-gedenkstaetten.de\/?Stiftung%20Gedenst%C3%A4tten%20Buchenwald%20und%20Mittelbau-Dora\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.stiftung-gedenkstaetten.de\/?Stiftung%20Gedenst%C3%A4tten%20Buchenwald%20und%20Mittelbau-Dora\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">KZ Buchenwald<\/a> versuchte, das Lager noch vor der Einnahme durch US-Truppen zu evakuieren. Am gleichen Tag konnten die dort noch verbliebenen H\u00e4ftlinge, mehr als 20000, befreit werden, darunter 904 Kinder aus dem \u201eKinderblock 66\u201c.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>\u201eLeidenszug, wie er nicht schlimm genug geschildert werden kann\u201c<\/em> (so ein Zeitzeuge), begann am Abend des 10. April am Lagertor von&nbsp; Buchenwald und f\u00fchrte nach 7 km zum G\u00fcterbahnhof Weimar. Dort wurden die H\u00e4ftlinge noch in der Nacht in eine gro\u00dfe Zahl von Viehwaggons gepfercht. Der Transportzug kam nicht weit: Kurz vor Gro\u00dfschwabhausen wurde die Lokomotive von US-Tieffliegern zerst\u00f6rt. Erst am Nachmittag begann der Fu\u00dfmarsch in \u00f6stlicher Richtung. Die H\u00e4ftlinge wurden immer wieder brutal zu h\u00f6herem Marschtempo angetrieben. Es ging mitten durch den Ort, danach durch den Jenaer Grund, durchs M\u00fchltal, auf zwei verschiedenen Routen durch den Jenaer Weststadtteil und durch die schwer zerst\u00f6rte Innenstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Camsdorfer Br\u00fccke, die nur wenige Stunden sp\u00e4ter gesprengt wurde, wurden die Leidenskolonnen durch die heutige Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe und weiter stadtausw\u00e4rts getrieben. Einigen H\u00e4ftlingen gelang beim Marsch durch die Stadtgebiete die Flucht. Viele wurden, weil sie ersch\u00f6pft waren und nicht mehr weiter konnten, schwer misshandelt, kaltbl\u00fctig erschlagen oder erschossen und blieben am Stra\u00dfenrand liegen. All dies geschah unter den Augen der Jenaer Bev\u00f6lkerung, auch vieler Kinder. Es gab Versuche, mit Wasser oder etwas zum Essen zu helfen, was von den Bewachern brutal unterbunden wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine Bilder von diesem verbrecherischen Geschehen mitten in unserer Stadt, von den vielen Opfern, von den T\u00e4tern. Es gibt aber Erinnerungsberichte, von \u00fcberlebenden H\u00e4ftlingen, von Zeitzeugen, die den Zug damals beobachtet haben, aus wenigen Gerichtsakten sowie aus Erz\u00e4hlungen von Menschen, die damals den H\u00e4ftlingszug als Kinder erlebt haben und die die Bilder von damals ein Leben lang mit sich trugen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00d6stlich von Jena, in Gro\u00dfl\u00f6bichau, wurde eine Gruppe von 20 bis 30 H\u00e4ftlingen, deren Fluchtversuch gescheitert war, auf Befehl Jenaer NS-Funktion\u00e4re im dortigen Steinbruch ermordet. Sp\u00e4ter, in der Gegend um Eisenberg,&nbsp; erlebten viele H\u00e4ftlinge ihre Befreiung. Aber viele andere wurden von ihren Bewachern noch tage- und wochenlang weitergeschleppt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf Initiative des <a href=\"https:\/\/www.aktionsnetzwerk.de\/index.php\/netzwerk\/sprechende-vergangenheit?start=9\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.aktionsnetzwerk.de\/index.php\/netzwerk\/sprechende-vergangenheit?start=9\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eArbeitskreises Sprechende Vergangenheit\u201c e.V.<\/a> am 11. April 2023 eingeweihte Gedenkstele an der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe in Wenigenjena markiert zusammen mit der vor zwei Jahren errichteten Stele bei der Camsdorfer Br\u00fccke eine Gedenkspur durch den \u00f6stlichen Teil der Stadt.&nbsp; Der letzte Buchenwald-Todesmarsch ist das letzte gro\u00dfe Verbrechen der NS-Terrorherrschaft in Jena und bleibt somit ein St\u00fcck Jenaer Stadtgeschichte und einer lebendigen Gedenkkultur.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gedenken an Robert J. B\u00fcchler (1929-2009)<\/strong><\/h2>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2023\/04\/jenakultur-vor-78-jahren-robertjehoshuabuechlerjuliane-werner-1000x525.jpg\" alt=\"Robert Jehoshua B\u00fcchler\" class=\"wp-image-8554\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2023\/04\/jenakultur-vor-78-jahren-robertjehoshuabuechlerjuliane-werner-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2023\/04\/jenakultur-vor-78-jahren-robertjehoshuabuechlerjuliane-werner-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2023\/04\/jenakultur-vor-78-jahren-robertjehoshuabuechlerjuliane-werner-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2023\/04\/jenakultur-vor-78-jahren-robertjehoshuabuechlerjuliane-werner.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Robert Jehoshua B\u00fcchler (*1929 &#8211; \u20202009) \u00a9Juliane Werner<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die neue Stele in Wenigenjena erinnert in besonderer Weise an <strong>Robert Jehoshua B\u00fcchler<\/strong>, der als 16-J\u00e4hriger unter den H\u00e4ftlingen war, die an dieser Stelle vorbeigetrieben wurden. Robert B\u00fcchler, am 1. Januar 1929 in einer j\u00fcdischen Familie inTopo\u013e\u010dany\/Slowakei geboren, wurde im September 1944 mit seiner gesamten Familie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort hat er seine Eltern und seine Schwester Ruth zum letzten Mal gesehen, die wie die meisten seiner vielen Angeh\u00f6rigen ermordet wurden. Im Januar 1945 wurden tausende H\u00e4ftlinge aus Auschwitz nach Westen verbracht, viele in das KZ Buchenwald. Am 23. Januar kam B\u00fcchler in lebensbedrohlichem Zustand in Buchenwald an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im sogenannten \u201eKleinen Lager\u201c k\u00e4mpfte er im \u201eKinderblock 66\u201c mit 900 anderen Kindern ums \u00dcberleben. Kurz vor der Befreiung des KZ musste er mit dem letzten Todesmarsch das Lager verlassen. Hinter Eisenberg gl\u00fcckte ihm die Flucht. US-Truppen brachten ihn nach Jena, in die am Sportplatz am Jenzig eingerichteten Krankenbaracken. Dar\u00fcber sagte er sp\u00e4ter: <em>\u201e<\/em><em>In Jena bin ich zum zweiten Mal geboren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>1948 ist er nach Israel ausgewandert und hat gemeinsam mit anderen Holocaust-\u00dcberlebenden den Kibbuz \u201eLehavot Haviva\u201c gegr\u00fcndet. Unter ihnen war auch Ester Herz, die seine Frau wurde. Im Kibbuz arbeitete er beim H\u00e4userbau, als&nbsp; Landwirt und Schreiner. Seit 1964 ver\u00f6ffentlichte B\u00fcchler Berichte \u00fcber seine Zeit in den Lagern, organisierte Treffen mit \u00dcberlebenden in Israel, forschte zur j\u00fcdischen Geschichte der Slowakei und \u00fcber den Buchenwalder \u201eKinderblock 66\u201c. Nach seinem Geschichtsstudium arbeitete er im Moreshet Archive und war f\u00fcr die Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem in Jerusalem t\u00e4tig. In den 80er Jahren nahm B\u00fcchler erste Kontakte zur Gedenkst\u00e4tte Buchenwald auf, die er seit 1990 wiederholt besuchen konnte. Er unternahm Vortragsreisen als Zeitzeuge der NS-Verbrechen, er engagierte sich im \u201ePublic Committee of Auschwitz Survivors\u201c, im H\u00e4ftlingsbeirat der Buchenwald-Stiftung und im Internationalen Buchenwald-Komitee. Besonders wichtig war ihm sein Engagement in der Friedensbewegung \u201ePeace Now\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Th\u00fcringer Landesregierung hat ihm im April 2009 den <a href=\"https:\/\/www.staatskanzlei-thueringen.de\/arbeitsfelder\/orden\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.staatskanzlei-thueringen.de\/arbeitsfelder\/orden\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eVerdienstorden des Freistaats Th\u00fcringen\u201c <\/a>verliehen. Wenig sp\u00e4ter, am 14. August, ist er im Kreis seiner gro\u00dfen Familie gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert B\u00fcchler hat Jena mehrfach besucht, hat mit jungen Menschen gesprochen und viele in Jena mit seiner liebensw\u00fcrdigen und menschenfreundlichen Art beeindruckt. Seine Botschaft war: <em>\u201eIhr jungen Deutschen tragt keine Schuld, aber unsere Geschichte ist euer Erbe.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Oberb\u00fcrgermeister der <a href=\"https:\/\/startseite.jena.de\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/startseite.jena.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stadt Jena<\/a>, Dr. Thomas Nitzsche, hat die Jenaer B\u00fcrgerschaft eingeladen, am 11. April 2023 um 17.00 Uhr an der feierlichen Einweihung der Gedenkstele nahe beim Angergymnasium in Wenigenjena teilzunehmen. Der Direktor der Stiftung Gedenkst\u00e4tte Buchenwald und Dora, Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, sowie die Tochter Von Robert B\u00fcchler, Frau Ruth Buchler-Chanash, werden anwesend sein.&nbsp; Anschlie\u00dfend wird Frau Buchler-Chanash in der Aula des Angergymnasiums \u00fcber das Leben ihres Vaters erz\u00e4hlen und sich in das Goldene Buch der Stadt Jena eintragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir danken Herrn Dr. Wolfgang Rug vom Arbeitskreis &#8222;Sprechende Vergangenheit&#8220;, der das dunkle Kapitel des Todesmarsches durch Jena erforscht, sehr herzlich f\u00fcr diesen Gastbeitrag!<\/em> <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nachtrag<\/h2>\n\n\n\n<p>Der MDR Rundfunk hat die Einweihung der Gedenk-Stele am 11.04.2023 und die Hintergr\u00fcnde filmisch sehr gut begleitet. Diesen Beitrag wollen wir denen, die nicht dabei sein konnten nicht vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-16018d1d wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-color has-dark-blue-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/thueringen\/ost-thueringen\/jena\/zweiter-weltkrieg-holocaust-todesmarsch-erinnerung-robert-buechler-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Beitrag im MDR Th\u00fcringen Journal<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>    <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Nachmittagsstunden des 11. April 1945 wurden ca. 4.000 geschundene Menschen, H\u00e4ftlinge des KZ Buchenwald, auf dem letzten Todesmarsch quer durch Jena getrieben. Auf dem Weg des Menschenzuges starben sch\u00e4tzungsweise 250 H\u00e4ftlinge. Sechzehn Ermordete wurden sp\u00e4ter auf Jenaer Friedh\u00f6fen bestattet. Einer derer, die den Marsch \u00fcberlebten, war der damals 16-j\u00e4hrige Robert J. B\u00fcchler. Erfahren Sie mehr \u00fcber ihn und sein Leben in dem Gastbeitrag des Arbeitskreises Sprechende Vergangenheit e. V.<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":8548,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,11,358],"tags":[471,958,959,790],"class_list":["post-8536","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-denkmale","category-stadtgeschichtsforschung","tag-gedenken","tag-robert-jehoshua-buechler","tag-stele","tag-todesmarsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8536","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8536"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8631,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8536\/revisions\/8631"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8548"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}