{"id":7548,"date":"2022-10-07T07:26:00","date_gmt":"2022-10-07T05:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=7548"},"modified":"2022-10-06T15:14:28","modified_gmt":"2022-10-06T13:14:28","slug":"jenas-festkultur-als-imagefaktor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2022\/10\/07\/jenas-festkultur-als-imagefaktor\/","title":{"rendered":"Jenas Festkultur als Imagefaktor"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der diesj\u00e4hrige Stadtgeschichtstag pr\u00e4sentiert Filme \u00fcber die Paradiesfeste und Stadtjubil\u00e4en von 1936 bzw. 1986<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die akademische und st\u00e4dtische Festkultur Jenas verband sich sp\u00e4testens seit der 300-Jahr-Feier der Universit\u00e4t 1858 mit dem Namen des vor den Toren der Stadt gelegenen Jenaer Paradieses. Die seither begr\u00fcndete Tradition der Paradiesfeste bildet den Schwerpunkt einer multimedialen Pr\u00e4sentation, die Doris Weilandt auf dem <a href=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/projekte_und_festivals\/tag_der_stadtgeschichte\/832468\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zw\u00f6lften Tag der Stadtgeschichte<\/a> am 8. Oktober 2022 ab 10:00 Uhr im Historischen Rathaus Jena vorstellen wird.<\/p>\n<p>Gest\u00fctzt auf historische Filmfragmente und -ausschnitte, verfolgt die Veranstaltung das Ziel, am Gegenstand der Jenaer Festkultur den historischen Wandel der st\u00e4dtischen Imagepolitik zu veranschaulichen. W\u00e4hrend in der Fr\u00fchmoderne noch die Rede von &#8222;Stadtpers\u00f6nlichkeiten&#8220; die Runde machte \u2013 bekanntlich bezeichnete Goethe Jena als &#8222;n\u00e4rrisches Nest&#8220; \u2013 deuteten sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Ver\u00e4nderungen an. Die st\u00e4dtische \u00d6ffentlichkeitsarbeit stellte immer st\u00e4rker das Besondere und Positive einer Stadt heraus, um deren Ansehen im \u00fcberlokalen Ma\u00dfstab zu verbessern oder einem Imageschaden in Folge negativer Auswirkungen der beschleunigten Industrialisierung entgegenzuwirken. Im Allgemeinen wird unter Image ein &#8222;optimiertes Vorstellungsbild&#8220; verstanden, in dem sich Wahres und Falsches, Rationales und Emotionales, Existentielles und Imagin\u00e4res mischt. Es stellt also keine reine Fiktion dar. Wie die nationale und regionale konnte sich demzufolge auch die lokale Imagepolitik niemals vollst\u00e4ndig von den jeweiligen Realit\u00e4ten abl\u00f6sen. Das unterschied die st\u00e4dtische Imagepolitik von der politischen Propaganda. Doch mit ihrer Hilfe wurden soziale Gegens\u00e4tze gegl\u00e4ttet oder sogar ausgeblendet und die \u00d6ffentlichkeit in h\u00f6chst selektiver Weise informiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"899\" height=\"630\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-paradiesfest1936.jpg\" alt=\"Historische Postkarte &quot;Paradiesfest&quot; von 1936, auf der viele Menschen im Gr\u00fcnen mit Karussels im Hintergrund abgebildet sind\" class=\"wp-image-7554\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-paradiesfest1936.jpg 899w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-paradiesfest1936-500x350.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-paradiesfest1936-768x538.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 899px) 100vw, 899px\" \/><figcaption>Schaulustige vor einer B\u00fchne auf der Rasenm\u00fchleninsel \u00a9Jena. Vier Jahre Kulturpflege, Jena 1937, S. 40<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext gewann das Stadtambiente als Zuschreibung wachsende Ausstrahlungskraft, verstanden als eine ortsspezifische Atmosph\u00e4re, die dem Stadtraum ein besonderes Gepr\u00e4ge verleihen w\u00fcrde. W\u00e4hrend sich die Jenaer Stadtverwaltung angesichts des maroden Theaters nicht so recht als Stadt der Hochkultur in Szene zu setzen vermochte, konstruierte sie im Zuge der aufkommenden St\u00e4dtekonkurrenz mit Apolda und Weimar das Label von der &#8222;Universit\u00e4tsstadt im Gr\u00fcnen&#8220; mit dem Paradies als Glanzpunkt. Dieses Image konnte durch die dortige Anlage von Wanderwegen und die Aufforstung der stadtnahen Bergh\u00e4nge durchaus Glaubw\u00fcrdigkeit beanspruchen, selbst angesichts der m\u00e4chtigen Schlote von Schott. Die filmische Inszenierung des Paradieses als Ausflugsziel und Festplatz erl\u00e4utert Doris Weilandt zum Tag der Stadtgeschichte am Beispiel von vier Filmausschnitten. Dieses Material umfasst Aufnahmen von Volks-, Betriebs- und Kinderfesten auf der Rasenm\u00fchleninsel, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und in den Jahren 1957 und 1972 stattfanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Festkultur der Stadt Jena zielte im Verlauf des 20. Jahrhunderts vornehmlich auf (Volks-) Gemeinschaftssinn und identit\u00e4tsstiftende Angebote, die auf das Engste mit dem jeweiligen politischen System verkn\u00fcpft waren. Die Historiker J\u00f6rg Opitz und R\u00fcdiger Stutz veranschaulichen das zum Tag der Stadtgeschichte am Gegenstand der aufw\u00e4ndig inszenierten Festwochen aus Anlass der Jenaer Stadtjubil\u00e4en von 1936 und 1986. Sie st\u00fctzen sich auf Filmsequenzen der historischen Festz\u00fcge, die aus Anlass dieser Jubil\u00e4umsfeiern aufgenommen wurden. Neben einer Einordnung der Bewegtbilder, sehen sie sich methodisch herausgefordert, die Image bildenden Stadtrepr\u00e4sentationen im Nationalsozialismus und in der DDR vergleichend zu kommentieren. Eine Besonderheit der Jahrhundertfeiern in DDR-St\u00e4dten bestand in der Fokussierung auf den jeweiligen Industriestandort, demgegen\u00fcber das st\u00e4dtische Gemeinwesen und seine Einwohner als Imagefaktoren in den Hintergrund traten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-stadtjubilaeum1986stadtmuseumjena-1000x525.jpg\" alt=\"Fotografie eines Festumzugs in Jena von 1986, auf der ein als Panzer dekorierter Umzugswagen vor Publikum f\u00e4hrt, auf dessen Ladefl\u00e4che eine brennende Stadt dargestellt wird mit der Aufschrift &quot;Wo man B\u00fccher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen&quot;\" class=\"wp-image-7555\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-stadtjubilaeum1986stadtmuseumjena-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-stadtjubilaeum1986stadtmuseumjena-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-stadtjubilaeum1986stadtmuseumjena-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/10\/jenakultur-stadtjubilaeum1986stadtmuseumjena.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Festumzug 1986: Jena im Faschismus \u00a9Stadtmuseum Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dennoch unterstreichen nicht nur vorliegende biografische Quellen, sondern auch die Filmausschnitte den Eindruck, dass sich die Erinnerung an die 1986er-Festwoche Jenas bei den Schaulustigen am Stra\u00dfenrand wie den zahlreichen G\u00e4sten der Stadt tief ins Ged\u00e4chtnis eingegraben hat. Die Attraktivit\u00e4t der 750-Jahr-Feier resultierte aber nicht allein aus den einmaligen kulturellen und gastronomischen Angeboten. Vielmehr vermittelte die Stadt als lokale Lebenswelt in besonderer Weise \u00fcber die einschneidenden Z\u00e4suren des 20. Jahrhunderts hinweg Kontinuit\u00e4t, Stabilit\u00e4t und langfristige Orientierung.<\/p>\n<p>Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass die heutigen Mediengesellschaften immer mehr Kurs darauf nehmen werden, anstelle solcher verb\u00fcrgten Erfahrungen Imagebilder zuzulassen bzw. zu konstruieren. Die Kehrseite dieses Trends besteht in der Tatsache, &#8222;dass Images weder Wahrheitscharakter noch Bestand abgefordert werden kann.&#8220; (Imke Valbert) Infolgedessen wird wohl das nach wie vor bestehende Desiderat an kritischen Analysen zur j\u00fcngeren Stadtgeschichte und Erinnerungskultur Jenas noch sp\u00fcrbarer werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Waren Sie vielleicht selbst bei der 750-Jahr-Feier im Jahr 1986 dabei, liebe Leserinnen und Leser? Was ist Ihr &#8222;Image&#8220; von Jena, wie hat es sich \u00fcber die Jahre ge\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p><em>Wir freuen uns \u00fcber Ihre Gedanken in den Kommentaren und nat\u00fcrlich auch auf Ihre rege Teilnahme beim Tag der Stadtgeschichte am 8. Oktober 2022 ab 10:00 Uhr im Historischen Rathaus Jena. Der Eintritt ist frei.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der diesj\u00e4hrige Stadtgeschichtstag pr\u00e4sentiert Filme \u00fcber die Paradiesfeste und Stadtjubil\u00e4en von 1936 bzw. 1986 Die akademische und st\u00e4dtische Festkultur Jenas verband sich sp\u00e4testens&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":7553,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,9,358],"tags":[77,359],"class_list":["post-7548","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-jenakultur","category-stadtgeschichtsforschung","tag-stadtgeschichte","tag-tag-der-stadtgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7548"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7570,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7548\/revisions\/7570"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}