{"id":6426,"date":"2022-04-10T07:07:00","date_gmt":"2022-04-10T05:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=6426"},"modified":"2022-04-07T11:49:13","modified_gmt":"2022-04-07T09:49:13","slug":"gedenken-an-die-todesmaersche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2022\/04\/10\/gedenken-an-die-todesmaersche\/","title":{"rendered":"Gedenken an die Todesm\u00e4rsche"},"content":{"rendered":"\n<h2>Vor der Befreiung des KZ Buchenwalds am 11. April 1945 starben noch mindestens 250 H\u00e4ftlinge<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Sp\u00e4testens seit dem 24. Februar dieses Jahres ist Krieg in Europa f\u00fcr uns alle wieder zu einer realen Bedrohung geworden, die uns umtreibt und fassungslos macht. Dabei ist es noch nicht mal ein Menschenleben her, dass allenthalben geschworen wurde &#8222;Nie wieder!&#8220; Unser heutiger Gastbeitrag von Till Noack, Mitglied im <a href=\"https:\/\/www.aktionsnetzwerk.de\/index.php\/netzwerk\/sprechende-vergangenheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitskreis Sprechende Vergangenheit<\/a>, erinnert eindr\u00fccklich an die vielen H\u00e4ftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald, die kurz vor der Befreiung auf den sogenannten Todesm\u00e4rschen noch ihr Leben lassen mussten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e14 Unbekannte umgekommen am 11. April 1945 auf dem Evakuierungsmarsch aus dem KZ-Buchenwald\u201c, so stand es auf dem Grabstein auf dem Ostfriedhof (Fotos: siehe unten). Das Grab bedeckt mit Efeu, die Einfassung bemoost und wackelig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u2013 \u201eumgekommen\u201c? <\/p>\n\n\n\n<p>Die sind nicht umgekommen, die wurden ermordet! \u201eUnbekannt\u201c, ja sie waren uns unbekannt und wir kennen ihre Namen nicht, aber k\u00f6nnen wir uns die individuellen Schicksale vorstellen hinter \u201eUnbekannte\u201c. Und \u201eEvakuierungsmarsch\u201c? Das waren Todesm\u00e4rsche! Seit Jahrzehnten werden sie so genannt und wird nicht mehr der technisch anmutende Begriff \u201eEvakuierungsmarsch\u201c verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 2020 suchten Mitglieder des Arbeitskreises Sprechende Vergangenheit, die sich seit Jahren um die Erinnerung an die Verbrechen des Todesmarsches am 11. April 1945 bem\u00fchen, das Grab auf dem Ostfriedhof auf und waren, nun wie soll man es richtig ausdr\u00fccken, sagen wir: unangenehm ber\u00fchrt. Sie fanden es unw\u00fcrdig. Unw\u00fcrdig den Opfern gegen\u00fcber, aber auch besch\u00e4mend f\u00fcr eine Stadt wie <a href=\"https:\/\/www.jena.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jena<\/a>: Unistadt, liberal, b\u00fcrgerschaftlich engagiert, sich gerade auch in der letzten Zeit allen rassistischen, antisemitischen und sonstigen rechtsextremen Tendenzen beherzt entgegenstellend.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 10. April 1945 \u2013 einen Tag vor der Befreiung durch die Amerikaner &#8211; machten sich die Wachmannschaften daran, das KZ Buchenwald zu r\u00e4umen. Verzweifelt versuchte der NS-Staat noch in den letzten Tagen seines Bestehens, den Anschein von Kontrolle der Lage aufrecht zu erhalten. 4.500 H\u00e4ftlinge wurden erst vom KZ zum Bahnhof Weimar getrieben. Der Zug sollte Richtung Osten gehen, auf der Flucht vor den US-Truppen, die aus dem S\u00fcden und Westen heranr\u00fcckten). US-Kampfflugzeuge beschossen die Lok bei Gro\u00dfschwabhausen. \u00dcbernachtung auf der Wiese und am Morgen durch den Grund ins M\u00fchltal und am Carl August vorbei durch Jena. An der Camsdorfer Br\u00fccke stockte der Zug. Manche H\u00e4ftlinge hatten Angst, die Br\u00fccke w\u00fcrde w\u00e4hrend der Querung gesprengt. Hitlerjungen riefen den Wachmannschaften zu, sie sollten die H\u00e4ftlinge ihnen \u00fcberlassen, sie w\u00fcrden sie gleich erschie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-ostfriedhofnoack-1000x525.jpg\" alt=\"Gr\u00e4ber auf dem Ostfriedhof f\u00fcr die Opfer\" class=\"wp-image-6507\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-ostfriedhofnoack-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-ostfriedhofnoack-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-ostfriedhofnoack-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-ostfriedhofnoack.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>So sah der Grabstein vor der Sanierung aus | Fotos: \u00a9Till Noack<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Besonders viele Zeitzeugen-Berichte gibt es zu den Vorf\u00e4llen in Jena-Ost. Zeitzeugen berichten von Morden am Denkmal f\u00fcr den Krieg 1870\/71, am Spielplatz Schlippenstra\u00dfe und an der Gembdenbachbr\u00fccke bei der Stra\u00dfenbahnendhaltestelle in Jena-Ost. Besonders viele Zeitzeugen konnten sich an die grauenvollen Ereignis am heute noch bestehen Spielplatz an der Ecke K.-Liebknecht-Stra\u00dfe\/Schlippenstra\u00dfe, nur 800 Meter vom Ostfriedhof entfernt, erinnern:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftsetzer Karl Stankiewicz aus Jena:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Leidenszug, wie er nicht schlimm genug geschildert werden kann. M\u00fcde, ersch\u00f6pft zogen die Menschen hier durch. Viele mit Lappen an den F\u00fc\u00dfen, bei manchen sah man die Fu\u00dfgelenke darin, wie bei Kindern. Nachdem an der Gr\u00fcnen Tanne, am Denkmal und an der Trasse H\u00e4ftlinge erschossen wurden, geschah dasselbe am Spielplatz. Drei H\u00e4ftlinge setzen sich ans Schaufenster bei B\u00e4cker Geist, genau an der Steintreppe, die zum Steingraben f\u00fchrt. Einer der H\u00e4ftlinge versuchte mit allen Mitteln, die Sitzenden zum Weitermarschieren zu \u00fcberreden. Es gelang ihm nicht. Er verabschiedete sich und rannte hinter dem Zug her. [&#8230;] Die abschlie\u00dfende SS in Soldatenm\u00e4nteln, gesund aussehend, sprach mit einem H\u00e4ftling, der bei \u201eGeist\u201c sa\u00df. Sie packten ihn an und f\u00fchrten ihn an den Spielplatz. Hier musste er \u00fcber den Zaun sehen. Als er noch ein paar Schritte lief, bekam er einen Fu\u00dftritt, st\u00fcrzte hin, mit dem Gesicht ins Geb\u00fcsch, bekam noch einen Tritt und blieb dann liegen. Dann gingen die beiden SS-Leute zu den anderen. Den einen der H\u00e4ftlinge \u00fcberredeten sie nach dem Spielplatz zu laufen: \u201eDa kannst Du viel besser ausruhen.\u201c Er ging, w\u00e4hrend der zweite unf\u00e4hig war zu laufen. Er wurde an den Armen gepackt und wie ein St\u00fcck Holz \u00fcber die Stra\u00dfe geschleift. Es war ein furchtbarer Anblick. Der so Geschleifte musste durch den Zaun kriechen, ein paar Tritte sollten dem Ersch\u00f6pften und vollkommen Ermatteten dieses Durchkriechen \u201eerleichtern\u201c. Alles sah so roh, so brutal aus, dass man den SS-Viechern alles zutrauen konnte. Die Lage der drei wurde noch mit den F\u00fc\u00dfen korrigiert, dann zog der eine die Pistole und schoss. Er sah, dass der eine H\u00e4ftling nicht richtig getroffen war. <em>[&#8230;] <\/em>Die drei H\u00e4ftlinge blieben liegen und kein Mensch k\u00fcmmerte sich in den n\u00e4chsten Tagen um sie. Der Zug ging weiter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als all das passierte, am Nachmittag des 11. April, war Buchenwald schon befreit. Sch\u00e4tzungsweise 250 Menschen wurden w\u00e4hrend des Todesmarsches zwischen dem KZ Buchenwald und Eisenberg ermordet. Mindestens 16 in Jena. 14 von ihnen haben nun ihre letzte Ruhest\u00e4tte auf dem Ostfriedhof bekommen. Und jetzt auch ein w\u00fcrdigeres Grab. Nun tr\u00e4gt der Stein diese Inschrift.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-gedenken-an-die-todesmaersche-ostfriedhof-stein-copyright-j-neubauer-1000x525.jpg\" alt=\"Inschrift auf dem Todesmarsch-Gedenksteinc\" class=\"wp-image-6502\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-gedenken-an-die-todesmaersche-ostfriedhof-stein-copyright-j-neubauer-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-gedenken-an-die-todesmaersche-ostfriedhof-stein-copyright-j-neubauer-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-gedenken-an-die-todesmaersche-ostfriedhof-stein-copyright-j-neubauer-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/04\/jenakultur-gedenken-an-die-todesmaersche-ostfriedhof-stein-copyright-j-neubauer.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Inschrift auf dem neu gestalteten Gedenkstein f\u00fcr den Todesmarsch 1945, Ostfriedhof Jena | \u00a9J\u00f6rg Neubauer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am neugestalteten Grab werden der Oberb\u00fcrgermeister der Stadt und die Ortsteil-B\u00fcrgermeisterin am<\/em> <em>11. April um 11.30 Uhr einen Kranz niederlegen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit dem 24. Februar dieses Jahres ist Krieg in Europa f\u00fcr uns alle wieder zu einer realen Bedrohung geworden, die uns umtreibt und fassungslos macht. 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