{"id":6130,"date":"2022-02-26T10:30:00","date_gmt":"2022-02-26T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=6130"},"modified":"2022-02-28T09:42:00","modified_gmt":"2022-02-28T08:42:00","slug":"der-tod-tanzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2022\/02\/26\/der-tod-tanzt\/","title":{"rendered":"Der Tod tanzt"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><em>Wir alle sind fassungslos. Krieg in Europa. Von Claudia Dathe, lange Zeit bei der B\u00fcrgerstiftung in Jena besch\u00e4ftigt, eng angebunden an zahllose Projekte bei JenaKultur, nicht zuletzt das <a href=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/projekte_und_festivals\/europaeisches_erinnerungsmosaik\/811421\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Themenjahr<\/a> &#8222;Von Feinden zu Freunden&#8220; erreichte uns dieser Gastbeitrag, den wir heute spontan ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chten. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 10. November 2018 versammelten sich hunderte Jenaer am Friedensberg, um sich die Theaterperformance \u201eZwischen den Fronten\u201c anzuschauen, ein Erinnerungsmosaik, dass drei junge Theaterteams aus Jena, Aubervilliers und Tscherniwzi (Ukraine) in einem gemeinsam Projekt erarbeitet und einstudiert hatten. Damit sollte dem Ende des Ersten Weltkriegs gedacht werden, das sich am 11. November 2018 zum einhundertsten Mal j\u00e4hrte. Das Leitungsteam mit Dramaturgen von der Freien B\u00fchne Jena, les Tr\u00e9taux de France und dem Gedankendach Czernowitz hatten \u00fcber ein halbes Jahr gemeinsam die Choreografie erarbeitet und mit den Schauspieler:innen geprobt, gemeinsam waren die Gruppen im August 2018 nach Tscherniwzi gefahren, um sich kennenzulernen, die Stadt in der Bukowina, aus der Paul Celan stammt, zu besuchen und das St\u00fcck zu proben. Sie schufen ein Erinnerungsmsosaik, das neben universellen Fragen den Blick an die ehemalige West- und Ostfront des Krieges richtete und f\u00fcr viele Jenaer vielleicht zum ersten Mal zeigte, dass es auch vor einhundert Jahren schon die Ukrainer als Volk gegeben hatte und dass sie an der Bruchlinie lagen zwischen Ost und West, aufgerieben in den Armeen des Habsburger Reiches und des russischen Zaren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/02\/jenakultur-der-tod-tanzt-img-4082-beschnitten-1000x525.jpg\" alt=\"Krieg in Europa\" class=\"wp-image-6139\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/02\/jenakultur-der-tod-tanzt-img-4082-beschnitten-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/02\/jenakultur-der-tod-tanzt-img-4082-beschnitten-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/02\/jenakultur-der-tod-tanzt-img-4082-beschnitten-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2022\/02\/jenakultur-der-tod-tanzt-img-4082-beschnitten.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Auch aus Tscherniwzi (Ukraine) gab es Beteiligte am Projekt &#8222;Zwischen den Fronten&#8220; 2018 | Foto: \u00a9 Anja Schwing<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Im Februar 2022 schauen wir in die Ukraine \u2013 nach Charkiw, Odessa, Kyjiw, Cherson \u2013 und sehen Panzer, Bombardements und fliehende Menschen. Putins Angriff auf die Ukraine. Wir sind erstarrt.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tten wir fr\u00fcher hingeschaut, h\u00e4tten wir 2008 Putins Einmarsch in Georgien, 2014 die Annexion der Krim, 2020 die Niederschlagung der Revolution in Belarus und im Oktober 2021 die Unterwerfung der kasachstanischen Opposition gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ukraine schwebt \u00fcber dem Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir gefeiert haben mit der Performance im November 2018 \u2013 das Ende des Ersten Weltkrieges und im Zuge dessen die beginnende Anerkennung und Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts kleiner V\u00f6lker \u2013, wird gerade vor unseren Augen zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann und ich haben von 2000 bis 2005 in Kyjiw gelebt und an zwei Hochschulen Studierende unterrichtet, die wie alle jungen Menschen mit Neugier und Hoffnung in die Zukunft schauten. Durch diese Zeit und durch meine Arbeit als \u00dcbersetzerin f\u00fcr ukrainische Literatur habe ich viele Freunde in verschiedenen Orten des Landes, und ich werde in diesen Tagen oft gefragt, wie sie sich f\u00fchlen. Die Antworten der Freunde sind knapp: sind zu Hause, habe die Kinder von meinem Bruder, holen Brot. Die Antworten fallen knapp aus, es ist nicht die Zeit f\u00fcr lange Befindlichkeitserkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir gegenw\u00e4rtig erleben, ist der Erm\u00e4chtigungsmoment von Russland als Imperium. Er erobert den postsowjetischen Raum ohne R\u00fccksicht, welchen Weg die unabh\u00e4ngigen L\u00e4nder in den letzten Jahren genommen haben, ohne R\u00fccksicht auf die Menschen und ihren pers\u00f6nlichen und politischen Willen. Putin hat seinen Apparat, seine Armee im Griff, sie sind ihm zu Diensten. Was wissen wir von den Menschen in Russland, von den Lehrer:innen, Kraftfahrer:innen, IT-Spezialisten? Nichts, denn Putins Apparat schirmt uns von der russischen Gesellschaft ab. Wir sehen Putins Russland, nicht das Russland von Alexander Puschkin, Leo Tolstoi und Anna Achmatowa.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schlussszene unserer Performance am 10. November tanzte der Tod hoch \u00fcber den Menschen und zeigte seine triumphierende Grimasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Imperium Russland unterwirft seinen Nachbarn. Deutschland hat sich durch seine Energiepolitik freiwillig in russische Abh\u00e4ngigkeit begeben. Deswegen z\u00f6gert unsere Au\u00dfenministerin mit Sanktionen, auch Deutschland zappelt am Haken, wenngleich nicht milit\u00e4risch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo die politischen Mittel begrenzt sind, k\u00f6nnen wir als B\u00fcrger aktiv werden:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie Fragen zum Land und zur Lage haben, fragen Sie!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie Geld haben, spenden Sie!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie Glauben haben, beten Sie!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie ein Herz haben, schauen Sie nicht weg!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonst tanzt der Tod, und der Vorhang f\u00e4llt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia Dathe<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hier noch ein Veranstaltungshinweis<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sprachlos die Sprache verteidigen<br>Lesen f\u00fcr die Ukraine<\/strong><br>Der Tag des gro\u00dfen Krieges, der nie h\u00e4tte kommen d\u00fcrfen, jetzt ist er da. Die Menschen in der Ukraine, die der russischen Aggression ausgeliefert sind, haben unser Mitgef\u00fchl und unsere Unterst\u00fctzung. In Russland sehen die von Repressionen drangsalierten B\u00fcrger verzweifelt zu, wie in ihrem Namen ein Verbrechen an ihren engsten Nachbarn begangen wird. In Belarus erleben sie, wie die Ukraine von ihrem Territorium aus \u00fcberfallen wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir suchen nach Worten im Krieg. Worten, die uns helfen, aus diesem Abgrund wieder herauszukommen. Worten der Wahrheit, die wir mit unseren Freunden und Kollegen im Osten Europas teilen.<br>An diesem Nachmittag h\u00f6ren wir literarische Stimmen aus der Ukraine, aber auch aus Russland und Belarus, in deutscher \u00dcbersetzung gelesen von Berliner Autorinnen und Autoren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit:<br>Nora Bossong, Max Czollek, Julia Franck, Durs Gr\u00fcnbein, Yurij Gurzhy, Joachim Helfer, Dmitrij Kapitelman, Enis Maci, Herta M\u00fcller, Karl Schl\u00f6gel, Uljana Wolf, Deniz Y\u00fccel<br>Und Texten von:<br>Juri Andruchowytsch, Yevgenia Belorusets, Elena Fanajlowa, Alissa Ganijewa, Artur Klinau, Kateryna Mishchenko, Valzhyna Mort, Katja Petrowskaja, Sasha Marianna Salzmann, Maria Stepanova, Serhij Zhadan<br><strong>Gorki Theater Berlin<\/strong><br><strong>Samstag, 26.02.2022, 16 Uhr<br>Youtube Livestream: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/zrmkQFBRh38\">https:\/\/youtu.be\/zrmkQFBRh38<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle sind fassungslos. Krieg in Europa. Wer stoppt Putin? Was f\u00fcr ein Irrsinn? Von Claudia Dathe erreichte uns dieser Gastbeitrag.<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":6141,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[836,484,838,837],"class_list":["post-6130","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-frieden","tag-solidaritaet","tag-stoppt-putin","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6130"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6161,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6130\/revisions\/6161"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6141"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}