{"id":5661,"date":"2021-12-17T07:32:00","date_gmt":"2021-12-17T06:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=5661"},"modified":"2021-12-21T15:43:50","modified_gmt":"2021-12-21T14:43:50","slug":"auf-ein-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/12\/17\/auf-ein-wort\/","title":{"rendered":"Auf ein Wort, Herr Zipf&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Monika Steinh\u00f6fel, Christoph Staemmler, Katharina Georgiev und Christiane Backhaus &#8211; Musiker:innen in der Jenaer Philharmonie und Redakteur:innen der Zeitschrift &#8222;SeitenKlang&#8220; &#8211; sprachen gemeinsam mit Jonas Zipf \u00fcber Corona, Pflichtaufgaben, Musik und vieles mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Soeben erschien die bereits 22. Ausgabe der Jenaer Orchesterzeitschrift &#8222;<a href=\"https:\/\/www.jenaer-philharmonie.de\/magazin-seitenklang.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SeitenKlang&#8220;<\/a>. Die Bratschistin Monika Steinh\u00f6fel hat sie mit einigen Gleichgesinnten ehedem aus der Taufe gehoben, um seither im Team mit anderen Musiker:innen der<a href=\"https:\/\/www.jenaer-philharmonie.de\/\"> Jenaer Philharmonie<\/a> dem Publikum interessante Einblicke in den besonderen Organismus eines Orchesters zu gew\u00e4hren. Seit Beginn der Pandemie ist dieses mit viel Herzblut und Engagement erstellte Blatt oft der einzige verbleibende Kontakt des Orchesters mit der \u00d6ffentlichkeit. Gerade wieder mussten Konzerte abgesagt werden. In dieser komplizierten Situation sprach das Team &#8222;SeitenKlang&#8220; mit Jonas Zipf, Werkleiter von <a href=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/startseite\/605322\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">JenaKultur<\/a> und Pr\u00e4sident des <a href=\"https:\/\/www.kulturrat-thueringen.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kulturrats Th\u00fcringen<\/a>, \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Situation, aber auch die Zukunft der Jenaer Philharmonie. Wir erhielten dankeswerter Weise die Erlaubnis, dieses Gespr\u00e4ch hier wiederzugeben. Es nimmt den Faden unserer Reihe der <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/tag\/corona-gespraeche\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Corona-Gespr\u00e4che<\/a> noch einmal auf, allerdings mit einer anderen Rollenverteilung. Diesmal ist Jonas Zipf der Befragte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-jonaszipfjenaerphilharmonie-christophstaemmler-1000x525.jpg\" alt=\"Portrait von Jonas Zipf\" class=\"wp-image-5706\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-jonaszipfjenaerphilharmonie-christophstaemmler-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-jonaszipfjenaerphilharmonie-christophstaemmler-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-jonaszipfjenaerphilharmonie-christophstaemmler-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-jonaszipfjenaerphilharmonie-christophstaemmler.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Jonas Zipf im Gespr\u00e4ch mit Monika Steinh\u00f6fel | \u00a9Jenaer Philharmonie, Foto: Christoph Staemmler<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>SeitenKlang: Welches ist Ihr liebstes Arbeitsmittel?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jonas Zipf:<\/strong> Das ist der F\u00fcller, ein Geschenk meiner Frau. Er steht symbolisch daf\u00fcr, Unterschriften zu geben. Vorg\u00e4nge werden abgeschlossen, man kommt zu vertraglichen Regelungen, das ist gut. Er steht aber auch f\u00fcr Tiefe und Entschleunigung. Handschriftliches Schreiben ist langsamer und gr\u00fcndlicher. Mein liebstes Arbeitsmittel ist leider nicht mein meistgenutztes. Oft gehe ich mit Handy und der Tastatur des Computer um.<\/p>\n<p><strong>Als wir anfingen, uns Gedanken zu unserem Gespr\u00e4ch zu machen, waren wir noch optimistisch. Etablierte Hygienema\u00dfnahmen erm\u00f6glichten einen ordentlichen Konzertbetrieb. In der Stadtpolitik wurden auf Grundlage des so lang erarbeiteten Zukunftskonzeptes der JP die Zuschussvereinbarungen beschlossen. Das war wirklich gut!<br><\/strong><strong>Jetzt haben uns die Entwicklungen wieder in der falschen Richtung \u00fcberholt. Hat es Sie \u00fcberrascht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin genauso rational unterwegs wie die allermeisten anderen Menschen. Ich dachte schon, wir kommen so langsam aus der akuten Phase der Pandemie heraus. Daher bin ich nun extrem entt\u00e4uscht. Aber \u00fcberraschend ist der Verlauf nicht. Die einschl\u00e4gigen Experten hatten Recht mit ihren Prognosen. In der Kommune informiert durch den Krisenstab, auf Landesebene als Pr\u00e4sident des Kulturrates haben wir die Lage alle gekannt. Wir gingen davon aus, dass das Impfen erfolgreicher wird. Jetzt ist es so wie es ist und damit sehr schwierig. Vermutlich ist der Kultursektor insgesamt eher linksliberaler, aber auch hier sind wir Abbild der Gesellschaft.&nbsp; Bei \u00fcber 300 Mitarbeiter:innen im Eigenbetrieb und auch unter den 75 Musiker:innen finden sich alle Positionen.<\/p>\n<p>Meiner Wahrnehmung nach geht es um etwas Grunds\u00e4tzlicheres. Die Impfverweigerung ist ein Vehikel f\u00fcr eine Opposition gegen\u00fcber dem Staat, eine gef\u00e4hrliche Situation. In diesem irrationalen Punkt, die Angst vor der Nadel oder vor medizinischen Auswirkungen, kommen Mitmenschen in ein Fahrwasser, das niemand m\u00f6chte. Aber hier muss man differenzieren! In Krisen kommt ein Zeitpunkt, an dem man klar Haltung beziehen muss. Die Grenze liegt da, wo eine Minderheit die Mehrheit dominiert. Und die Mehrheit&nbsp; leidet darunter, dass wir keine hohe Impfquote haben. Man muss nicht mehr nur dar\u00fcber reden, dass wir schlecht miteinander kommunizieren oder Angst vor einer gesellschaftlichen Spaltung haben, sondern wir sollten der schweigenden Mehrheit mehr Selbstvertrauen geben, als immer die Minderheiten umarmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wichtig ist in diesem Prozess, dass wir endlich als Arbeitgeber eine Handhabe im Umgang mit dem Impfstatus haben. Jetzt d\u00fcrfen wir zumindest fragen und ohne Antwort einen Test verlangen, oder der Arbeitnehmer kann nach Hause gehen und muss nicht mehr bezahlt werden. Auch wenn das wieder zu mehr Gegenwehr f\u00fchrt, wird es nicht mehr auf dem R\u00fccken der anderen ausgetragen. Damit kann auch das wirtschaftliche Problem gel\u00f6st werden. Nun ist das Geld vorhanden, f\u00fcr diese Leute Aushilfen bestellen zu k\u00f6nnen. Es ist eine vielschichtige, nicht einfache Situation, die st\u00e4ndig im Wandel ist.<\/p>\n<p><strong>Im mdr sagten Sie neulich: \u201eJetzt langsam m\u00fcssen wir wieder in den Modus umschalten, dass wir \u00fcber mittel- und langfristige Entwicklungen sprechen\u201c. Ist das im Moment \u00fcberhaupt m\u00f6glich, oder ist zu bef\u00fcrchten, dass das Kulturmanagement wieder ganz am Anfang steht? <\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unbedingt langfristig denken. Der Bund startet mit einer neuen Regierung, das hei\u00dft, auch mit einer neuen Verteilung der Mittel. Uns betrifft \u00fcber die BKM (Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Angelegenheiten der Kultur und der Medien) die Ausschreibung zur bundesweiten F\u00f6rderung der Exzellenzorchester. Sicher ist man in den \u00f6ffentlichen Haushalten noch zwei bis drei Jahre \u201eschaumgebremst\u201c, da keiner wei\u00df, welche Auswirkungen die Pandemie hat. Das entbindet uns nicht der Pflicht, \u00fcber die Entwicklung der Kultur nachzudenken. Seit anderthalb Jahren sind wir improvisierend unterwegs. Dabei sind in der Coronakrise Dinge ganz offensichtlich geworden, die schon lange vorhanden waren, zum Beispiel ein riesiges Digitalisierungsdefizit oder der Blick auf die Diversifizierung des Publikums. Das wird in unserem Zukunftskonzept ausbuchstabiert. Wie bekommen wir den Fu\u00df in die T\u00fcr bei denjenigen, die von Hochkultur und klassischer Musik nicht erreicht werden? Oder ein riesiges Thema: Sind wir nachhaltig? Im Orchesterbereich verursachen z. B. Konzertreisen einen gewissen CO2-Fu\u00dfabdruck. Konzertreisen sind andererseits eine Hauptschlagader des Orchesterlebens. Mit solchen Fragen m\u00fcssen wir uns besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Diese \u00c4ngste sind ja aus diesem ewigen Existenzkampf gewachsen, der unterschwellig immer vorhanden ist. Kurze Wahlperioden, jedesmal neue Verhandlungen machen misstrauisch. Als Orchester mit wachem Auge kommen wir aus der Habachtstellung nicht heraus.&nbsp; <\/strong><\/p>\n<p>Alle k\u00e4mpfen um den n\u00e4chsten Haushalt. Das ist normal. Aber gehen Sie davon aus: Unser Arbeitgeber, damit meine ich JenaKultur, k\u00e4mpft f\u00fcr unsere Philharmonie.<\/p>\n<p><strong>Mit gro\u00dfem pers\u00f6nlichen Aufwand erlangen die Musiker:innen eine Stelle im Orchester. Sie m\u00f6chten hier eine Lebensperspektive entwickeln k\u00f6nnen. Ich kenne keine Musiker:innen, die nicht ihre ganze Energie und ihr k\u00fcnstlerisches Potenzial in den Orchesterdienst einbringen. Nach einem unglaublichen Einsatz seit Kindesbeinen an sind sie endlich an ihrem Lebensziel angekommen. Und dann erwartet sie ein kleinkariertes organisatorisches Geschehen, bei dem viel von dieser Energie verloren geht. <\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ich kann verstehen. Im Orchester entsteht gelegentlich diese Wahrnehmung. Aber mit der Erweiterung von Verwaltungsstellen versuchen wir, dem entgegenzuwirken. Die Orchesterdirektorenstelle wird baldigst wiederbesetzt. Jedoch: Die kleinteiligen M\u00fchen der Ebene, der Verwaltungswahnsinn, die mangelnde Ressourcenausstattung, das sind nach wie vor Themen. Jedenfalls k\u00e4mpfen wir f\u00fcr die Durchsetzung des ausf\u00fchrlich im Zukunftskonzept beschriebenen Wegs.<\/p>\n<p><strong>In der Zeit unmittelbar vor Corona, da hatten wir ein gutes Gef\u00fchl. Mit den neuen Personalien wie Generalmusikdirektor Simon Gaudenz, Orchesterdirektorin Ina Holthaus und weiteren Stellen sowie mit der Aussicht auf unabh\u00e4ngige r\u00e4umliche Probenm\u00f6glichkeiten hatten wir den Eindruck der Anerkennung seitens der Stadt Jena.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ja nicht vorbei. Die Pandemie kostet vor allem viel Zeit und Nerven. Die Entwicklung hat sich deutlich verlangsamt. Den Nackenschlag, dass wir im Zwischenbau des Deutschen Optischen Museums kein Probenhaus bekommen, m\u00fcssen wir jetzt verarbeiten. Diesen R\u00fcckschlag empfinde ich auch als pers\u00f6nliche Niederlage. Jetzt muss es darum gehen, eine Alternative f\u00fcr die Betriebsf\u00e4higkeit der Philharmonie durchzusetzen, die funktioniert und die Erfordernisse genauso gut abbildet. Das Volksbad ist dabei nur eine Hypothese, eine ergebnisoffen zu pr\u00fcfende Vermutung mit sehr vielen Fragezeichen.<\/p>\n<p><strong>Diese Erfahrung teilt jede:r von uns mit Ihnen! Das ist wie bei Monopoly: Gehen Sie zur\u00fcck auf Los, ziehen Sie nicht 4000 Taler ein. <\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, wir gehen nicht ganz zur\u00fcck auf Los, wir gehen zur\u00fcck auf die Badstrasse, die schlechteste Immobilie, und noch nicht einmal bebaut\u2026 Spa\u00df beiseite!<\/p>\n<p>Wichtige Dinge, hinter die wir nicht mehr zur\u00fcckfallen, sind die Finanzierungsperspektiven seitens der Stadt und des Landes. Langfristige Vertr\u00e4ge mit der <a href=\"https:\/\/www.hfm-weimar.de\/start\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hochschule f\u00fcr Musik FRANZ LISZT Weimar<\/a> und die Gr\u00fcndung der <a href=\"https:\/\/www.duale-orchesterakademie-thueringen.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dualen Orchesterakademie Th\u00fcringen DOT<\/a> haben uns nach vorne gebracht. Mit Simon Gaudenz als Chefdirigent schreitet das Orchester k\u00fcnstlerisch voran, programmatisch mit Frische, interessant und musikalisch begeisternd f\u00fcr sein Jenaer Publikum.<\/p>\n<p>Die damit verbundene fachlandschaftliche Wahrnehmung ist viel beachtet und ein Gewinn. Aktuelles Hauptaugenmerk muss jetzt sein, alle Notwendigkeiten f\u00fcr einen den k\u00fcnstlerischen Belangen entsprechenden Probenbetrieb zu schaffen. Ich wei\u00df, es wird dabei kein goldener Wasserhahn verlangt, es geht um elementare Grundbedingungen.<\/p>\n<p><strong>Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft z\u00e4hlt zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands. Wie bef\u00f6rdert Ihre Position als Pr\u00e4sident des Th\u00fcringer Kulturrates, aber auch ganz nah als Werkleiter von JenaKultur, also dem quasi-Intendanten der Jenaer Philharmonie, den Schutz dieses besonderen Kulturerbes?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hake ein und widerspreche! Ich mag den Begriff der Intendanz \u00fcberhaupt nicht. Ich bin nicht Intendant der Jenaer Philharmonie. Die k\u00fcnstlerische Gestaltung liegt uneingeschr\u00e4nkt bei Simon Gaudenz. Die Position Intendant per se wird bald der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Diese Hierarchiegl\u00e4ubigkeit ist beinahe anachronistisch.<\/p>\n<p>Ich bin gespalten, was das Welterbe anbelangt. Dieser Titel verhei\u00dft eine ungeheure Wertsch\u00e4tzung, bedeutet Absicherung, auch rechtlich, er bedeutet F\u00f6rdermittel im internationalen Ma\u00dfstab. Negativ ist, dass man sich damit in einen Bereich begibt, wo man zu den Museen, Denkm\u00e4lern und Archiven dieser Welt geh\u00f6rt. Klassische Musik ist nicht museal! Sie ist lebendige, veranstaltungsbezogene Publikumskunst, die sich immer weiter entwickelt und auch ihre Zuh\u00f6rerschaft immer neu gewinnen muss.<\/p>\n<p><strong>Was bietet Ihr Amt als Pr\u00e4sident in diesem Kontext? Kultur ringt momentan wieder einmal ums \u00dcberleben. Die Coronasituation legt blo\u00df, dass die Kultur nicht fest in den gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. In Jena gibt es keinen Kulturdezernenten. Diese Aufgabe \u00fcbernimmt der OB. Ist das nicht ein Interessenkonflikt?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Amt als Pr\u00e4sident des Th\u00fcringer Kulturrats bringt den kulturpolitischen Streit f\u00fcr das Land Th\u00fcringen mit sich. Auf kommunaler Ebene beackere ich den Job eines Kulturdezernenten, auch wenn sich diese Funktion in unserem Jenaer Stadtrat nicht etablieren lie\u00df. Ich ringe um die Sichtbarkeit, dass sich die Jenaer Philharmonie st\u00e4ndig weiter entwickelt. An euch sch\u00e4tze ich sehr die Agilit\u00e4t, mit der ihr beinahe missionarisch f\u00fcr eure Arbeit agiert. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich! Ich versuche, auch den Kritikern zu vermitteln, dass ein Orchester innovativ sein kann, trotzdem seine Kernkompetenz nicht aus dem Auge verliert. Bei aller Ver\u00e4nderung und \u00d6ffnung muss ein Spielraum bleiben, ein gesch\u00fctzter Raum sein, der nicht davon abh\u00e4ngt, dass kurzfristig Publikumserfolge vorzuzeigen sind. Gro\u00dfe Kunst wie gro\u00dfe Wissenschaft entstehen nicht, wenn ich kurzfristig darauf schiele, wie ich morgen Erfolg habe.<\/p>\n<p><strong>Jena sieht sich bekannterma\u00dfen eher als Sport- und Wissenschaftsstadt. Wie kann es trotzdem gelingen, ein gemeinsames Selbstverst\u00e4ndnis herzustellen? Welchen Anspruch vertreten Sie: perfektes Marketing oder k\u00fcnstlerischer Inhalt? Anders gesagt: Wie ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Finanzen und k\u00fcnstlerischen Freir\u00e4umen, das Verh\u00e4ltnis von Kulturmanagement und kreativem Prozess hier im Kulturbetrieb JenaKultur?<\/strong><\/p>\n<p>Die Breitenwirksamkeit eines Konzertes der Philharmonie auf dem Jenaer Marktplatz ist anders programmatisch motiviert als ein festliches Sinfoniekonzert im Volkshaus. Die Kunst eines funktionierenden Marketings kann das darstellen. Wenn Mahler\/Scartazzini auf dem Programm steht, ist es erst einmal nicht vordergr\u00fcndig, ob ein zahlreiches Publikum kommt oder nicht\u2026 das ist ein wertvoller Mosaikstein im Portfolio unseres Orchesters. Ein k\u00fcnstlerisch unabh\u00e4ngiges Programm, egal ob ich einen Kassenerfolg vorweise oder nicht, das ist ein verteidigungsw\u00fcrdiger Schutzraum. Im besten Falle ist es nat\u00fcrlich ein UND, und es entsteht eine Balance.<\/p>\n<p><strong>Ein Gedanke dieses Weltkulturerbes besteht ja darin, dass Kultur zu einer Pflichtaufgabe der Kommunen wird. Wie sehen Sie die Chance, dass solche Ausgaben zum Selbstverst\u00e4ndnis werden?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist \u00e4hnlich zwiesp\u00e4ltig. Der Status Weltkulturerbe f\u00fchrt zum Status Pflichtbereich. Es w\u00fcrde unsere Finanzierung auf eine dauerhafte Basis stellen. Wir m\u00fcssten nicht mehr diese Verteidigungsk\u00e4mpfe erleben, das Ausgespielt-Werden gegen\u00fcber anderen Leistungsbereichen der Gesellschaft. Warum sind wir weniger wichtig als Bildung? Welche Teile der Kunst und Kultur w\u00fcrde man da herausheben? Wenn die finanzielle Decke nur so und so gro\u00df ist, also nur so und so viel Geld in der Kasse ist, dann kann ich Pflicht darauf schreiben wie ich will, das Geld reicht nur so weit, wie es da ist. So ehrlich ist die Politik am Ende leider selten. Ist es anzustreben, den Verdr\u00e4ngungswettbewerb zu er\u00f6ffnen? Pflichtteil-Diskussion hei\u00dft dieses zweischneidige Schwert und f\u00fchrt kulturpolitisch dazu, dass man Kultur insgesamt nicht ausreichend finanziell ausstattet. Pflicht ist das Wort f\u00fcr den Konfliktfall.<\/p>\n<p>Besser ist es, mit einem guten Konzept wie dem Zukunftskonzept der Jenaer Philharmonie zu \u00fcberzeugen, Mehrheiten und Spielr\u00e4ume zu gewinnen und diese dann in der kommunalen Politik zu verankern. Ich bin daf\u00fcr, positiv zu beschreiben, was es braucht.<\/p>\n<p><strong>Als Musikerinnen und Musiker der Jenaer Philharmonie geben wir mit Herzblut und hochspezialisiertem K\u00f6nnen das Beste, um mit k\u00fcnstlerischer Spitzenleistung der Stadt ein musikalisches Aush\u00e4ngeschild zu liefern. Warum wird dieses Potential nicht voll genutzt, mit dem Orchester die innovative Ausstrahlung der Stadt Jena zu untermauern?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist wahrlich ein Knackpunkt in Jena.<\/p>\n<p>Realistisch m\u00fcssen wir sehen: Wir sind nicht Weimar, Leipzig oder Dresden. Wir sind keine Stadt, in der Kultur eine A-Rolle spielt. Wollen wir, dass unsere Kapelle bei der politischen Veranstaltung im Hintergrund steht? Oder dass wir beim sportlichen Aufstieg von Science City die Fanfare spielen? Wir sollten erreichen, dass wir im Hauptprogramm eines Ereignisses mitspielen und nicht als nette Hintergrundmusik. Jena hat kulturb\u00fcrgerliche Anteile, ist jedoch eine sehr naturwissenschaftlich gepr\u00e4gte Stadt mit einem starken Pro f\u00fcr wissenschaftliche Innovationen. Daher kommt Jenas wirtschaftlicher Erfolg. Wir gewinnen, wenn wir uns selber als Experimentier- und Innovationspool, als junges Ensemble verstehen, passend zur Selbsterz\u00e4hlung der Stadt Jena. Wir verlieren, wenn wir auf der kulturb\u00fcrgerlichen Pose verharren.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was nehmen wir als Fazit mit in das neue Jahr?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir etwas gelernt haben in der ganzen letzten (Pandemie-)Zeit, dann kommt es vor allem darauf an, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Die Welt ist volatil geworden, nicht erst seit Corona. St\u00e4ndig passieren Dinge, die man vorher nicht berechnen und kalkulieren kann. Agieren wir nicht kurzatmig, sondern gemeinsam aus dem Halt einer festen \u00dcberzeugung heraus.<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00fcllen Sie Ihren eigenen mentalen Tank auf?<\/strong><\/p>\n<p>Kraft tanke ich zuhause gerade bei Leonard Bernstein, obenauf seine erste Sinfonie \u201eJeremiah\u201c. Ich besch\u00e4ftige mich viel mit Hindemith. Mein Gro\u00dfonkel ist als Paul-Hindemith-Experte emeritierter Musikprofessor in Freiburg und langj\u00e4hriger Pr\u00e4sident der Hindemithgesellschaft.<\/p>\n<p>Daneben h\u00f6re ich eine Menge Jazz, Kamasi Washington, Bill Withers. Und ich fiebere der neuen Platte von Radiohead entgegen! Meine absoluten Favoriten\u2026 Da bin ich wie ein kleiner Junge. Wenn diese Platte rauskommt, blocke ich mir einen Abend, dass ich mir die Musik in Ruhe anh\u00f6ren kann. Dieses prickelnde Gef\u00fchl habe ich bei Musik so wie mit meinem Fu\u00dfballverein.<\/p>\n<p><strong>Danke f\u00fcr dieses ausf\u00fchrliche Interview.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-seitenklangteamjenaerphilharmonie-1000x525.jpg\" alt=\"Das Redaktionsteam des SeitenKlangs an einer Franz Liszt-Statue, die eine Mund-Nase-Bedeckung tr\u00e4gt und Ausgaben des Magazins im Arm h\u00e4lt\" class=\"wp-image-5712\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-seitenklangteamjenaerphilharmonie-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-seitenklangteamjenaerphilharmonie-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-seitenklangteamjenaerphilharmonie-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-seitenklangteamjenaerphilharmonie.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Das Redaktionsteam des SeitenKlang-Magazins | \u00a9Jenaer Philharmonie, Foto: Christoph Staemmler<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>In diesem Gespr\u00e4ch, so finden wir, werden viele Punkte angesprochen, die uns nicht erst seit Corona bewegen. Muss Kultur zu einer Pflichtaufgabe werden, so wie es die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth fordert? Was ist uns ein Spitzenorchester wert? Und: wie kommen wir aus der Krise? Gerade der Jahreswechsel ist eine Zeit der Besinnlichkeit und Ruhe, jenseits von den Pflichten des Alltags. Vielleicht haben Sie Mu\u00dfe, mit uns in den Dialog zu treten? Wir w\u00fcrden uns freuen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-auf-ein-wort-herr-zipf-seitenklang-22.pdf\">SeitenKlang Nr. 22<\/a><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/12\/jenakultur-auf-ein-wort-herr-zipf-seitenklang-22.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der gegew\u00e4rtigen komplizierten Corona-Situation, in der mal wieder vieles heruntergefahren werden muss, sprach die Redaktion des SeitenKlangs, der Orchesterzeitschrift der Jenaer Philharmonie, mit Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur und Pr\u00e4sident des Kulturrats Th\u00fcringen, \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Situation aber auch die Zukunft der Jenaer Philharmonie. Wir erhielten dankeswerter Weise die Erlaubnis, dieses Gespr\u00e4ch hier wieder zu geben. 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Diesmal ist Jonas Zipf der Befragte.<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":358,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,13,9,706,10],"tags":[473,127,810,811],"class_list":["post-5661","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-jenaer-philharmonie","category-jenakultur","category-kultur-in-jena","category-kulturpolitik","tag-corona","tag-konzerte","tag-pflichtaufgabe","tag-seitenklang"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5661"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5790,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5661\/revisions\/5790"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}