{"id":5126,"date":"2021-09-03T07:30:00","date_gmt":"2021-09-03T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=5126"},"modified":"2021-09-03T07:59:34","modified_gmt":"2021-09-03T05:59:34","slug":"gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/09\/03\/gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945\/","title":{"rendered":"Gedenkstele und Gedenkbuche erinnern an den \u201eJenaer Todesmarsch\u201c vom 11. April 1945"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eEin Leidenszug, wie er nicht schlimm genug geschildert werden kann\u201c<\/em>, so hat ein Jenaer B\u00fcrger, der es selbst vom Stra\u00dfenrand aus gesehen hat, das Ereignis bezeichnet: Den letzten Todesmarsch von H\u00e4ftlingen aus dem KZ Buchenwald, der in den Nachmittagsstunden des 11. April 1945 quer durch Jena getrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war dies das letzte gro\u00dfe Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft in Jena \u2013 zwei Tage sp\u00e4ter war die Stadt durch US-Milit\u00e4r besetzt. Der Todesmarsch vom 11. April war ein Zug von \u00fcber 4500 geschundene Menschen, bewacht von ca. 250 schwer bewaffneten SS-M\u00e4nnern mit Hundestaffeln, vermutlich auch verst\u00e4rkt durch Jenaer Polizeikr\u00e4fte und Volkssturmleute. Es war dies der letzte der sog. Todesm\u00e4rsche, mit denen die Lagerverwaltung des KZ Buchenwald versuchte, das Lager noch vor der Einnahme durch US-Truppen zu evakuieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sonntag, 5. September 2021, ab 11 Uhr wird durch den Jenaer Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Nitzsche unweit der Camsdorfer Br\u00fccke in einer <a href=\"https:\/\/www.jena-veranstaltungen.de\/veranstaltungen\/05-09-2021-todesmarsch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00f6ffentlichen Veranstaltung<\/a> eine Gedenkstele eingeweiht, gleichzeitig auch eine Gedenkbuche im Rahmen des Programms \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/lebenshilfewerk-weimar-apolda.de\/gedenkprojekt-1000-buchen\/\" target=\"_blank\">1000 Buchen<\/a>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-todesmarsch-johannisfriedhof-webjenakultur-2-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5150\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-todesmarsch-johannisfriedhof-webjenakultur-2-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-todesmarsch-johannisfriedhof-webjenakultur-2-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-todesmarsch-johannisfriedhof-webjenakultur-2-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-todesmarsch-johannisfriedhof-webjenakultur-2.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Gedenktafel auf dem Johannisfriedhof in Jena | \u00a9Bernd Adam<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es erinnern in Jena ja bereits mehrere schwarze Metall-Tafeln an diesen Todesmarsch, nur: sie erkl\u00e4ren und erz\u00e4hlen kaum etwas. Um dieses schreckliche Ereignis auch f\u00fcr die heutige Zeit zu erhellen, hat der Arbeitskreis \u201e<a href=\"https:\/\/www.aktionsnetzwerk.de\/index.php\/netzwerk\/sprechende-vergangenheit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sprechende Vergangenheit<\/a>\u201c in den zur\u00fcckliegenden Jahren viele Quellen erforscht und vor allem nach Zeitzeugen gesucht, die noch \u00fcber das Geschehen berichten konnten. So fanden sich betagte Frauen und M\u00e4nner, die als Kinder oder Jugendliche diesen schrecklichen Todesmarsch erlebt hatten und nun, nach weit mehr als einem halben Jahrhundert und oft zum ersten Mal davon erz\u00e4hlen konnten. Was sie gesehen und miterlebt haben, hat sie ein Leben lang begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sichtlich heute noch ersch\u00fcttert, berichtete der Schott-Arbeiter G.H.: <em>\u201eDie Menschen in Lumpen gekleidet, teilweise nur Lappen oder Holzpantinen an den F\u00fc\u00dfen, so schlurften sie \u00fcber das Pflaster unserer Stadt. Alle f\u00fcnf bis zehn Meter, rechts und links des Zuges, antreibende SS-Leute. St\u00e4ndig ostw\u00e4rts jagende, Staubwolken aufwirbelnde Autos der Wehrmacht steigerten die Qual der vor Hunger und Durst v\u00f6llig entkr\u00e4fteten Menschen ins Unermessliche. Jeder aber, der nicht weiter konnte, wurde r\u00fccksichtslos von der SS-Bewachungsmannschaft erschossen.\u201c<\/em> Und Frau B. aus Erfurt erinnerte sich: <em>\u201eMein Bruder zog mich aufgeregt die Schlippenstra\u00dfe hinauf zu unserem Spielplatz. Dort oben zog eine endlose Kolonne Menschen die \u201eStra\u00dfe der SA\u201c (heute Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe) vorbei, gehetzt von bewaffnetem deutschen Milit\u00e4r und kl\u00e4ffenden Hunden. Ich sah die sich m\u00fchsam voranschleppenden, ersch\u00f6pften Menschen in gestreifter Einheitskleidung. Und dann sah ich das Entsetzliche: Gleich hinter der Spielplatzabgrenzung lagen drei dieser Menschen in ihrem Blut. Sie hatten sich wohl zum Ausruhen auf die Eisenstangen gesetzt und waren erschossen worden. Sie waren hinten \u00fcber gefallen, lagen auf unserem Spielplatz.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>L.C. erinnerte sich auch an Versuche, den Leidenden zu helfen: <em>\u201eIch sah den Elendszug kommen und stellte einen Eimer Wasser auf die Stra\u00dfe, aber sofort kamen Wachm\u00e4nner und warfen den Eimer um und schlugen auf die Menschen, die trinken wollten. Ich bekam auch mit dem Gewehrkolben einen Schlag in den Magen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"385\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-planskizze-web-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5148\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-planskizze-web-1.jpg 720w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-planskizze-web-1-500x267.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption>Planskizze vom Weg des Todesmarsches der H\u00e4ftlinge.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Solche und \u00e4hnliche Berichte zeigen das furchtbare Leid, das die H\u00e4ftlinge bei ihrem Marsch quer durch Jena erfahren mussten &#8211; vom M\u00fchltal kommend, durch den westlichen Stadtteil, \u00fcber die Camsdorfer Br\u00fccke und hinter Jena-Ost wieder aus der Stadt hinaus. Und zwar genau&nbsp; an dem Tag und zu den gleichen Nachmittagsstunden, als das US-Milit\u00e4r das KZ Buchenwald besetzen und Tausende der dort noch verbliebenen H\u00e4ftlinge befreien konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug f\u00fchrte noch weit \u00fcber Jena hinaus; es sind auf dem Weg sch\u00e4tzungsweise 250 H\u00e4ftlinge get\u00f6tet worden, nur wenige konnten fliehen. Rund um Eisenberg hat sich der gr\u00f6\u00dfte Teil des Zuges aufgel\u00f6st, vom US-Milit\u00e4r \u00fcberrollt; aber kleinere Kolonnen sind noch den ganzen April \u00fcber weitergeschleppt worden, per Bahn oder zu Fu\u00df, bis in die Oberpfalz, eine Gruppe sogar bis zum KZ Mauthausen in \u00d6sterreich. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Informationsstele und die Gedenkbuche wollen f\u00fcr dieses furchtbare Kapitel unserer Stadtgeschichte ein sprechender Gedenkort sein. Der 11. April soll im Kalender des Ged\u00e4chtnisses der Stadt Jena ein besonderes Datum sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-einladung-einweihung-gedenkstele-webberndadam-1-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5149\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-einladung-einweihung-gedenkstele-webberndadam-1-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-einladung-einweihung-gedenkstele-webberndadam-1-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-einladung-einweihung-gedenkstele-webberndadam-1-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/09\/jenakultur-gedenkstele-und-gedenkbuche-erinnern-an-den-jenaer-todesmarsch-vom-11-april-1945-einladung-einweihung-gedenkstele-webberndadam-1.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Einladung zur Einweihung des Gedenkortes am 5. September 2021 | \u00a9Bernd Adam<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gisela Horn, bis 2015 Literaturwissenschaftlerin an der FSU Jena, hat vor 14 Jahren im Rahmen des Jenaer Aktionsnetzwerks gegen Rechtsextremismus den Arbeitskreis &#8222;Sprechende Vergangenheit&#8220; gegr\u00fcndet (seit 2021 e.V.). Der Kreis von unterschiedlichen Menschen aus Jena, in dem auch Dr. Wolfgang Rug (bis 2005 Dozent an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen in Baden-W\u00fcrttemberg) mitarbeitet, engagiert sich f\u00fcr die Erforschung und Erhellung der Jenaer Stadtgeschichte bes. in der Zeit der NS-Herrschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Name des Arbeitskreises &#8222;Sprechende Vergangenheit&#8220; steht f\u00fcr den Anspruch, das Wissen \u00fcber die Zeit des NS in Jena zu vertiefen und lebendig zu halten und es durch \u00f6ffentliche Informations- und Gedenk-Veranstaltungen auch an j\u00fcngere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger weiterzugeben. Der Arbeitskreis will in Jena Zeichen der zivilgesellschaftlichen und der st\u00e4dtischen Verantwortung f\u00fcr dieses schwere Erbe der Stadtgeschichte setzen.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Wir danken Herrn Dr. Wolfgang Rug f\u00fcr diesen ber\u00fchrenden Gastbeitrag. <br><\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der letzte Todesmarsch von H\u00e4ftlingen aus dem KZ Buchenwald, der in den Nachmittagsstunden des 11. 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