{"id":4965,"date":"2021-08-20T07:14:00","date_gmt":"2021-08-20T05:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=4965"},"modified":"2021-08-19T08:44:39","modified_gmt":"2021-08-19T06:44:39","slug":"am-23-august-2021-werden-in-jena-fuenf-neue-stolpersteine-gesetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/08\/20\/am-23-august-2021-werden-in-jena-fuenf-neue-stolpersteine-gesetzt\/","title":{"rendered":"Am 23. August 2021 werden in Jena f\u00fcnf neue STOLPERSTEINE gesetzt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Mindestens 60 Menschen aus Jena wurden zwischen September 1940 und August 1941 in der T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein wegen k\u00f6rperlicher, geistiger oder seelischer Erkrankungen von den Nationalsozialisten umgebracht. Der Arbeitskreis \u201eSprechende Vergangenheit\u201c hat in einem langj\u00e4hrigen Forschungsprojekt versucht, ihren Lebensspuren zu folgen und die Umst\u00e4nde ihrer Ermordung aufzuhellen. Auf seine Initiative hin ist am historischen Rathaus am 1. September 2019 eine Gedenktafel enth\u00fcllt worden, auf der die Namen der Opfer, ihr Geburts- und Sterbedatum genannt werden. So sind sie in das Ged\u00e4chtnis der Stadt zur\u00fcck geholt worden. Es ist ein Ort der Erinnerung entstanden, an dem man sich zum Gedenken zusammen finden kann, in st\u00e4dtischer Verantwortung und nachdenklichem Respekt, wo man f\u00fcr die Opfer als Zeichen der trauernden Erinnerung Blumen niederlegt. Es ist ein guter und notwendiger Ort.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Arbeitskreis \u201eSprechende Vergangenheit\u201c&nbsp; nun damit beginnt, f\u00fcr diese ermordeten Menschen Stolpersteine setzen zu lassen, wird eine weitere und andere M\u00f6glichkeit der Erinnerung er\u00f6ffnet. Die Stolpersteine unterbrechen unseren gew\u00f6hnlichen Gang durch bekannte Stra\u00dfen, lassen uns im Alltag \u201estolpern\u201c, vielleicht einen Moment innehalten. Was war hier? Wer war hier? Die Erinnerung gewinnt an Kontur, an Individualit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Ort f\u00fcr unsere Nachfragen entstanden, und es ist zugleich ein Trauerort f\u00fcr die Nachfahren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"668\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6-1000x668.jpg\" alt=\"Stolperstein in Jena\" class=\"wp-image-5002\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6-1000x668.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6-500x334.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6-768x513.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6-1034x690.jpg 1034w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/08\/jenakultur-er-premiere-villarosenthaljenakultur-thomasmueller-6.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Copyright: JenaKultur, Foto: Thomas M\u00fcller<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Stifter und Paten f\u00fcr die Stolpersteine zu finden, ist von jeher in Jena nicht besonders schwierig; das zeigt vielfache Anteilnahme und Interesse. In diesem Jahr werden die Steine von Privatpersonen, von einer Schule und von Vertretern der SPD \u2013 eines der Opfer war langj\u00e4hriges SPD-Mitglied \u2013 gesetzt. Und die Liste derer ist lang, die sich f\u00fcr eine weitere Patenschaft interessieren. In diesem Sinne sind die Stolpersteine auch Orte der zivilgesellschaftlichen Beteiligung und Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich war geplant, mit noch einem weiteren Stein an die Opfer der<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.stsg.de\/cms\/pirna\/startseite\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.stsg.de\/cms\/pirna\/startseite\" target=\"_blank\"> T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein<\/a> zu erinnern. Dass ein Enkel dies ablehnte zeigt, wie schwierig und belastend der Umgang mit der famili\u00e4ren Vergangenheit sein kann. Denn diese Ablehnung war Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Die von uns recherchierten Fakten, die wir durch Archivstudien und Kontakte zu der heutigen Gedenkst\u00e4tte Pirna-Sonnenstein gewinnen konnten<strong>, <\/strong>lie\u00dfen die famili\u00e4re Erinnerung auf einmal zusammenst\u00fcrzen. Da gab es im Haus des Enkels die Sterbeurkunde f\u00fcr den Gro\u00dfvater, die den Stempel Hartheim bei Linz (Oberdonau) trug; es lag ein \u201eTrostbrief\u201c vor, in dem von einem \u201esanften und nicht schmerzhaften Tod\u201c die Rede war; es war eine Urne zugestellt worden, die im Jenaer Familiengrab Platz fand. Und auf der anderen Seite das Gedenk- und Opferbuch der T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein, in dem akribisch genau die Ermordung des Gro\u00dfvaters festgehalten wurde. In Pirna-Sonnenstein verstarb niemand \u201esanft und nicht schmerzhaft\u201c, sondern er wurde dort in einer 21 qm gro\u00dfen \u201eDuschkammer\u201c vergast, mit ihm noch 20 andere Menschen. Und seine Asche wurde nicht in eine Urne abgef\u00fcllt, sondern sie wurde hinter der T\u00f6tungsanstalt den Elbhang hinunter gekippt. <\/p>\n\n\n\n<p>In Pirna\u2013Sonnenstein hatte es einen Sonderbeauftragten gegeben, dessen Aufgabe darin bestand, die Verwandten mit gef\u00e4lschten Dokumenten in die Irre zu f\u00fchren und so weitere Nachforschungen zu verhindern.&nbsp;Diese Information durch die Wissenschaftler der Gedenkst\u00e4tte Pirna-Sonnenstein war ein Schock. Und es ist verst\u00e4ndlich und zu respektieren, dass man nun erst einmal in Trauer und innerhalb der Familie mit diesen erschreckenden Tatsachen umgehen m\u00f6chte, vielleicht wird es sp\u00e4ter einen Stolperstein geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erz\u00e4hlung von dem vorerst nicht gesetzten Stolperstein soll darauf verweisen, dass die Stolpersteinsetzung kein Ritual ist und sein darf, sondern dass diese etwas zu tun hat mit uns selbst, mit uns etwas macht. Sp\u00fcrbar ist das auch am 9. November, wenn in Jena der \u201eKlang der Stolpersteine\u201c ert\u00f6nt und sich hunderte Menschen an den Stolpersteinen treffen, zur Erinnerung, zur Besinnung, zur Mahnung.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr erinnern wir an:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Luise Eismann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Luise Eismann wurde am 15. August 1906 in Jena geboren. Im August 1934 kam sie in das Carl-Friedrich-Hospital in Blankenhain. Es erfolgte eine Meldung an das Erbgesundheitsgericht und es wurde ein Verfahren zur Sterilisation eingeleitet. Am 7. November 1940 wurde Luise Eismann im Rahmen der Aktion T4 in der T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein umgebracht. Sie wurde 34 Jahre alt. Ihr letzter Wohnaufenthalt vor ihrer Klinikeinweisung war Jena, Unterm Markt 7. Dort arbeitete sie als Hausangestellte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gertrud Korte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gertrud Korte wurde am 6. Oktober 1880 in Jena als Tochter des Stadtrevisors geboren. 1907 begann ihre Krankengeschichte. Sie wurde in die Landesanstalt nach Stadtroda verlegt, der Vater wollte sie auf keinen Fall wieder zu Hause aufnehmen. 1915 kam sie dann nach Blankenhain, es schlossen sich weitere Aufenthalte in Stadtroda an. Am 12.11.1940 wurde sie nach Pirna-Sonnenstein gebracht, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft am gleichen Tag ermordet wurde. Gertrud Korte wurde 60 Jahre alt. Sie wohnte bis zu Beginn ihrer Krankheit in der Rathausgasse 1.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meta Langstroff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meta Langstroff wurde am 30. April1891 in Bad Liebenstein geboren. Sie lebte mit ihrem Mann und 2 Kindern in Jena in der Lutherstra\u00dfe 72. 1937 wurde sie in die Landesheilanstalt Stadtroda aufgenommen, am 26. September 1940 wurde sie in die T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht und dort ermordet. Sie wurde 49 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kurt Hanitzsch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Hanitzsch wurde am 27.April 1882 in Chemnitz geboren. Er erlernte den Beruf eines Kaufmanns. 1910 heiratete er, 1911 wurde seine Tochter geboren. Nach seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg zog er nach Jena und war als Handelsvertreter t\u00e4tig. Die Familie wohnte in der Golmsdorfer Stra\u00dfe 9. Er war langj\u00e4hriges SPD-Mitglied. Kurt Hanitzsch wurde 1935 verhaftet und in das KZ Bad Sulza gebracht. 1937 kam er in die Landesheilanstalt Blankenhain. Am 18. September 1940 ermordete man ihn in der T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Stolperstein wird gesetzt f\u00fcr ein kleines M\u00e4dchen, dessen Schicksal Sch\u00fcler:innen der Waldorfschule in der Gedenkst\u00e4tte von Auschwitz erforscht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonia Maria Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sonia Maria Wagner war ein Kind aus einer Roma-Familie. Sie wurde am 28. April 1934 in Jena geboren. Das Jenaer Jugendamt \u00fcbernahm die Vormundschaft. Die Familie hielt sich in der Folge an verschiedenen Orten auf, wurde 1943 dann nach Auschwitz deportiert, wo Sonia Maria Wagner am 15. Juni 1943 ermordet wurde. Sie wurde 9 Jahre alt. Der Stein ist am Gries platziert, da hier in den 1920er Jahren ein Stellplatz f\u00fcr Wagen der Roma und Sinti war.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Zeitplan f\u00fcr die Setzung der Steine:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">9.00 Uhr: Unterm Markt 7 f\u00fcr Luise Eismann<br>ca. 9.20 Uhr: Hinterm Rathaus (ehemals Rathausgasse 1) f\u00fcr Gertrud Korte<br>ca. 9.50 Uhr: Lutherstra\u00dfe 72 f\u00fcr Meta Langstroff<br>ca. 10.20 Uhr: Br\u00fccke Am Gries f\u00fcr Sonia Maria Wagner<br>ca. 10.50 Uhr: Golmsdorfer Stra\u00dfe 9 f\u00fcr Kurt Hanitzsch<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Diesen Gastbeitrag verdanken wir Frau Dr. Gisela Horn, Germanistin, Buchautorin und engagierte B\u00fcrgerin, u.a. im <\/em>A<em>rbeitskreis &#8222;Sprechende Vergangenheit&#8220; e.V.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Idee f\u00fcr das dezentrale Erinnerungsmal STOLPERSTEINE stammt von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.stolpersteine.eu\/start\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.stolpersteine.eu\/start\/\" target=\"_blank\">Gunter Demnig.<\/a> Seit 1992 verlegt er f\u00fcr die  Opfer der NS-Zeit vor ihrem letzten selbstgew\u00e4hlten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir. Inzwischen liegen STOLPERSTEINE in 1.265 Kommunen Deutschlands und in 21 L\u00e4ndern Europas. Jeweils am 9. November werden in Jena die Opfer beim <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/klang-der-stolpersteine.de\/wp\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/klang-der-stolpersteine.de\/wp\/\" target=\"_blank\">&#8222;Klang der Stolpersteine&#8220;<\/a> geehrt.<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1992 werden auf Initiative des K\u00fcnstlers Gunter Demnig in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern sogenannte STOLPERSTEINE verlegt, die an die Opfer der NS-Herrschaft erinnern. Am 23. August kommen auch in Jena f\u00fcnf neue Stolpersteine hinzu. 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