{"id":4747,"date":"2021-07-26T07:37:00","date_gmt":"2021-07-26T05:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=4747"},"modified":"2021-07-26T16:23:44","modified_gmt":"2021-07-26T14:23:44","slug":"rebell-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/07\/26\/rebell-der-liebe\/","title":{"rendered":"Rebell der Liebe"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Mit wenig Aufwand, etwas Wind im Haar und unb\u00e4ndiger Freiheitsliebe mauserte sich Oliver Jahn schon als Jugendlicher zum Staatsfeind. Erst wurde sein Vater aus der DDR abgeschoben, dann seine Freundin, dann er selbst \u2013 und seine Band Airtramp (so etwas wie die Beatles von Jena) gleich mit. In Berlin besetzte er H\u00e4user und k\u00e4mpfte mit einer deutsch-t\u00fcrkischen Antifa auf der Stra\u00dfe gegen Nazis. Als Sozialarbeiter ging er sp\u00e4ter mit ihnen Bergsteigen. Und wenn er mit seinen Nachwende-Bands Party Killing oder Los Banditos nicht gerade selbst im <a href=\"https:\/\/www.kassablanca.de\/startseite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kassablanca<\/a> auftrat, stand er an der T\u00fcr des Clubs, in dem nun die Freiheit m\u00f6glich war, f\u00fcr die er lange leiden musste. Heute ist der 55-J\u00e4hrige unter anderem f\u00fcr die Organisation des Jenaer Stadtfestes verantwortlich. Mit Christian Gesellmann sprach er \u00fcber Seelen-Aua, die Rolle der JG Stadtmitte f\u00fcr die Friedensbewegung in der DDR, Stasi in der Rose und die Notwendigkeit von Chaos.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Fotos: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/heidi.gumpert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heidi Gumpert<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Olli, du hast schon zu dunkelsten DDR-Zeiten in einem besetzten Haus in Jena gelebt \u2013 Wie ging das denn?&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1983 haben wir ein Haus in der Zw\u00e4tzengasse aufgebrochen und sind eingezogen. Das nannte sich Autonome Republik Zw\u00e4tzengasse 7. Es wohnten f\u00fcnf Leute fest dort, aber es hingen immer viel mehr bei uns rum. Wir teilten uns vier oder f\u00fcnf Zimmer und hatten alle m\u00f6glichen Spa\u00dfideen am Start. Wir hatten eine Kletterwand, machten Kampfsport, aber auch ganz viel Theater und Musik und Quatsch und Chaos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Kannst du dir erkl\u00e4ren, wieso das geduldet wurde?<\/b>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich sch\u00e4tze mal, dass das f\u00fcr die Stasi ganz g\u00fcnstig war. Da konnte man entspannt ein Richtmikrofon gegen\u00fcber ausrichten und au\u00dferdem hatten sie so alle Chaoten auf einem Haufen. Wir waren keine Revolution\u00e4re, eher so Anarchospinner, Spassguerilla, Dadaisten, die gerne gesoffen und M\u00e4dchen kennengelernt haben. Damals war es ja schon \u00fcbelst revolution\u00e4r, wenn sich drei Leute einen Lederhut aufsetzten und durch die Stadt gingen. Die M\u00f6glichkeiten in der DDR, sich frei zu bewegen, waren sehr \u00fcberschaubar.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Es hat dir Spa\u00df gemacht zu provozieren?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es war nat\u00fcrlich auch cool. Heutzutage interessiert es ja kein Schwein, wenn du irgendwas anderes machst. Es ist sehr schwer, Aufmerksamkeit zu erregen. Damals war das ziemlich leicht. Wir haben viele dadaistische Quatschaktionen gemacht. Bei der 1. Mai-Demo zum Beispiel haben wir uns zu zehnt schwarze Anz\u00fcge angezogen und eine schwarze M\u00fctze aufgesetzt und haben uns nur so hingestellt und in den Himmel geguckt. Und da hast du nach &#8217;ner halben Stunde gemerkt, wie sie dich schon geschubst haben von hinten und gezogen und irgendwann haben sie uns in die Ellos (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robur_(LKW)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polizeitransporter Robur LO<\/a>, C.G.) gepackt und dann war es vorbei.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du und deine Freunde seid damals auch f\u00fcr so banale Sachen wie Flo\u00dffahren und \u00f6ffentlich Fr\u00fchst\u00fccken von der Polizei einkassiert worden.&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es klingt aus heutiger Sicht alles total harmlos, normal und niedlich, was wir damals so gemacht haben. Aber du darfst nicht vergessen, das war eine Diktatur, es war ein gleichgeschalteter Apparat. Da war dein Weg vorgezeichnet. Wenn du in irgendeiner Form politisch ausgeschert bist, hast du Stress mit dem Staat bekommen. FDJ, Zivilverteidigung, NVA und so weiter \u2013 das hab ich alles nicht mitgemacht. Ich hab total verweigert. Ich hab auch keinen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bausoldat\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bausoldaten<\/a> gemacht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du hattest auch keinen normalen Personalausweis, sondern den sogenannten &#8222;PM12.&#8220; Was hat es damit auf sich gehabt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den PM12 hatten wir eine zeitlang alle bei Airtramp. Das war so eine Art Spezialausweis f\u00fcr Kriminelle bzw. politisch untragbare Leute. Ich bekam meinen mit 15 und hab ihn nie wieder losbekommen. Das bedeutete, du durftest nicht ins Ausland, nicht ins grenznahe Gebiet \u2013 nicht nach Ost-Berlin und in den Rosenkeller auch nicht. Ich hatte Rose-Verbot. Was echt schei\u00dfe war, denn dort konnte man M\u00e4dchen kennenlernen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Musste damals jeder den Ausweis vorzeigen, bevor er in die Rose ging?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Rose hatte ein richtiges Stasi-Einlass-System. Das hei\u00dft, da waren mehrere Leute nachweislich bei der Stasi aktiv, die geguckt haben, wer reingeht und wer nicht. Mit dem PM12 ist man nicht reingekommen. Eigentlich ist man fast nirgendwo reingekommen. In die anderen Studentenclubs oder zum Beispiel die Ratszeise auch nicht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Hatte man denn mit 15 schon einen Perso?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit 14 hatte man schon einen. Nach der Jugendweihe warst du ja in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, sozusagen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wei\u00dft du noch, was der Anlass war, weshalb dein Perso eingezogen wurde?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine erste gro\u00dfe Liebe, Griseldis, stammte aus einer Roma-Familie. Die DDR war ja nicht nur ein chauvinistischer, dikatorischer Schei\u00dfstaat, sondern auch ein rassistischer Staat. Darf man auch nicht vergessen! Die haben meine Freundin und ihre gesamte Familie ausgewiesen. Sie mussten in den Zug einsteigen und ich konnte es nicht verhindern. Sp\u00e4ter versuchten wir, uns in Prag zu treffen. Ich fuhr mit zwei Freunden an die Grenze. Wir gerieten in eine Kontrolle. Die fanden einen Brief, wo unser Plan zum Treffen dummerweise drin stand. Also wurden wir einer sehr sehr gr\u00fcndlichen Leibesvisitation unterzogen, verh\u00f6rt und durften eine halbe Nacht nackt an der Wand stehen. Dann mussten wir zur\u00fcckfahren, uns bei der Kripo in Jena melden. Da haben wir den PM12 bekommen. Wenn du dann sp\u00e4ter irgendwo kontrolliert wurdest und zeigtest den PM 12 vor, haben sie dich sofort mitgenommen. Irgendwann war das in Jena f\u00fcr mich nicht mehr n\u00f6tig. Da haben die mir schon hinterhergerufen, &#8222;Herr Jahn, wo wollnsen hin? Bleiben se mal stehen, Fahndungskontrolle \u2013 Ausweis!&#8220; Die kannten mich leider schon. Am Anfang hatte ich total Schiss. Ich hatte in der Zeit viel Angst, dass sie einen mitnehmen und vor dem Gef\u00e4ngnis.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Irgendwann ist aus der Angst was anderes geworden?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sp\u00e4ter hat mich das eher angestachelt, ich bin bockig geworden. Ich hab mir gesagt: Fickt euch, ihr kriegt mich nicht. Aber das war ganz sch\u00f6n naiv. Am Ende haben sie uns st\u00e4ndig zu Verh\u00f6ren aus der Zw\u00e4tzengasse geholt. Fast jede Woche war einer dran, es wurde immer ungem\u00fctlicher.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Was wollten die denn von euch wissen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Beispiel, wie unsere Kommunikationssysteme nach Westberlin aussehen. Denn wenn jemand von der Friedensbewegung hier in Jena verhaftet worden ist, stand das ein paar Tage sp\u00e4ter im Westen in den Zeitungen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Mit 15 bist du dann auch zum ersten Mal in der JG Stadtmitte aufgetaucht. Wie kam das?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab bei einer Fete in Lobeda M\u00fchle, Kiki, Bolt und Pit kennengelernt, mit denen ich auch sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/airtramp.bandcamp.com\/album\/die-fruehen-jahre-1984-1986\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Airtramp<\/a> gr\u00fcndete. Wir sind schnell Freunde geworden (was wir heute noch sind), die haben mich mitgenommen in die JG Stadtmitte. Ich war ja v\u00f6llig harmlos und vertr\u00e4umt, aber die haben aus Langeweile Kellereinbr\u00fcche in Lobeda gemacht. Ihre Eltern waren Professoren, Ingenieure bei Zeiss, Richter und Staatsanw\u00e4lte. Drau\u00dfen in Lobeda wohnten ja eher die Privilegierten. Im Damenviertel eher die Kinderreichen und schwierigeren F\u00e4lle der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-667x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4750\" width=\"471\" height=\"706\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-667x1000.jpg 667w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-334x500.jpg 334w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-768x1151.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1-460x690.jpg 460w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-1.jpg 1281w\" sizes=\"auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><figcaption>\u00a9Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du und deine Freunde, ihr wart ja schon die dritte Generation ausgeb\u00fcrgerter Jugendlicher aus Jena. Als du gerade die ersten Male die JG Stadtmitte besuchtest, war <\/b><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roland_Jahn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Roland Jahn<\/b><\/a><b> gerade ausgewiesen worden, zwei Jahre zuvor war <\/b><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matthias_Domaschk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Matthias Domasch<\/b><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matthias_Domaschk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>k<\/b><\/a><b> von der Stasi ermordet worden. War dir das nicht bewusst? Hast du das ausgeblendet?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das war allgegenw\u00e4rtig. Aber wenn du einmal anf\u00e4ngst, mit Leuten so ein Gef\u00fchl von Freiheit zu bekommen, dann gibt\u2019s kein Zur\u00fcck. Da konntest du nicht mehr sagen, okay, jetzt geh ich doch noch in die FDJ, mach nen ordentlichen Beruf, werde Zeissianer und kauf mir dann irgendwann in 15 Jahren nen Trabi, werde mit meiner Frau gl\u00fccklich in Lobeda. Das ging dann nicht mehr. Wir wollten nicht gegen den Staat leben oder den Staat abschaffen, wir wollten unsere eigene freie Insel haben, wo wir uns bewegen und artikulieren k\u00f6nnen. Und die JG Stadtmitte war der einzige Ort, wo das ging. Das darf man auch nicht vergessen, es gab eine gro\u00dfe Szene in der DDR. Allein diese ganzen Blueser, &#8222;Kunden&#8220; und Hippies, Punks, Skinheads und was es da alles gab an Subkultur. Die konnten aber alle nur schwer oder gar nicht miteinander. Wir haben die bei Airtramp vor der B\u00fchne geb\u00fcndelt. Die waren alle da, ich wollte alle haben. Ich wollte, dass die sich hin- und herschubsen und durchdrehen, damit irgendwie Chaos ausbricht. Damit die auch mal anfangen k\u00f6nnen aus sich herauszukommen, um die Schei\u00dfe abzusch\u00fctteln sozusagen. M\u00fchle, mein Bandkollege, hat es gehasst, der war eher so Feingeist, intellektuell, aber ich wollte das Chaos, also positives Chaos.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Warum wolltest du das Chaos?\u00a0<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weil ich glaube, dass das n\u00f6tig ist, wenn man in so engen Strukturen unterwegs ist, damit man nicht einrostet. Von fr\u00fch bis nachmittag auf der Arbeit ist und dann musste noch einkaufen und Alltag blablabla. Ich habe dann viele Veranstaltungen mitorganisiert, auch in der Friedenskirche. Da ging schon das Chaos los, pl\u00f6tzlich standen sich da Skinheads und Punks gegen\u00fcber. Und Polizei hat ja nicht geholfen, die wollten nur am Ende alle einkassieren, haben teilweise die Kirche umstellt. Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_Kasparick\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stadtjugendpfarrer Ulli Kasparick<\/a> und ich sind immer raus und rein, haben verhandelt, dass die die Leute nicht verhaften. W\u00e4hrenddessen pissten die Punks \u00fcberall an die Gr\u00e4ber, an die romantischen und so. Die &#8222;Kirche von Unten&#8220; war der einzige Ort in der DDR, wo du \u00fcberhaupt sein, wo du dich artikulieren und Subkultur auch leben konntest. Dadurch haben viele auch ausgerechnet dort ihren \u00c4rger kanalisiert. Du darfst nicht vergessen, mit langen Haaren bist du hier in der Ratszeise, in der Rose, du bist nirgendwo reingekommen. Du warst \u00fcberall wie ein Auss\u00e4tziger. Die Schwulen- und Lesbendisko in der JG war die geilste Party \u00fcberhaupt. Die hat Alf-K. Heinecke zusammen mit Martin D\u00f6hler und Teilen des Arbeitskreises &#8222;Homosexuelle Liebe&#8220; der evangelischen Studentengemeinde angeleiert. Da sind alle hin gerammelt. Da wurde getanzt, es war ein besonderes Klima in der Luft. Wir haben von Anfang an gelernt, dass die unterschiedlichen Menschen, auch die anstrengenden, dass man sich aushalten muss, ein bisschen Toleranz f\u00fcreinander entwickeln sollte, auch wenn man so anders ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"DDR 1987 Jugendliche aus Jena -Ein Film von Peter Wensierski\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rS-GuEgKoiU?start=2&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Mit Martin D\u00f6hler geh\u00f6rte sogar ein Bandmitglied von Airtramp zu den sp\u00e4teren Gr\u00fcndern des Kassa.&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alf-K. Heinecke, ebenfalls ein Gr\u00fcnder des Kassa, war auch ein wichtiger Teil von Airtramp, er hatte ein gro\u00dfes Musikwissen und eine gro\u00dfe Wohnung, wo sich alle Musiker gern getroffen haben. Der war schon anders drauf, der hat so viel Reggae und Ska geh\u00f6rt und Vortr\u00e4ge dazu gemacht. Ich hab mit Alf einen Vortrag \u00fcber Roots Reggae gemacht, das war glaube ich 1984.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>War die JG ein offener Treff auch tags\u00fcber?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja. Es gab ein Vorbereitungsteam, wo jeder mitmachen konnte. In diesem Team wurden dann Veranstaltungen zusammen festgelegt. Das war alles sehr gleichberechtigt, ein gewisser demokratischer Prozess, auch wenn wir diesen Begriff damals nicht benutzt haben. Es war aber trotzdem so, dass alle m\u00f6glichen Leute, auch die, die ein bisschen anders und schwierig waren, da ein Platz hatten. Das war klar. Und in dem Geist bin ich aufgewachsen. Als ich reinkam in die JG Stadtmitte, das war ja vielleicht so 82\/83, da waren noch ziemlich viele &#8222;Gurus&#8220; da, Leute mit richtig langen Haare, langen B\u00e4rte, und ich dachte erst: H\u00e4 was isn das? Was sind das f\u00fcr Freaks? Hatte aber auch ein bisschen Ehrfurcht vor denen, weil die so eine gro\u00dfe Aura hatten und in der ungeschriebenen Hierarchie ganz oben standen. Aber sp\u00e4ter haben wir das dann nicht mehr Ernst genommen, da haben wir die die ganze Zeit auch nur verarscht und Quatsch gemacht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Der Historiker Henning Pietzsch leitet die Geschichtswerkstatt Jena, bis zu seiner Ausreise aus der DDR 1988 war er regelm\u00e4\u00dfiger Gast der JG Stadtmitte. 2005 ver\u00f6ffentlichte er seine Doktorarbeit &#8222;Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970\u20131989&#8220;, die man <\/i><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/972217886\/34\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>hier<\/i><\/a><i> downloaden kann.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie war das mit Schule und Ausbildung in der DDR f\u00fcr dich?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stressig. Ich hab Gas- und W\u00e4rmenetzmonteur gelernt im Energiekombinat Gera. Dann hab ich im Heizwerk Nord, d\u00fcsterer ging es nicht, mal gearbeitet, in der L\u00f6bstedter Stra\u00dfe zwischen &#8222;Russen-B\u00e4ckerei&#8220; und Schlachthof. Pl\u00f6tzlich gab es f\u00fcr mich keine Planstelle mehr, weil ich den Dienst an der Waffe verweigert hatte. Dann hab ich mich als freier Gitarrenlehrer durchgeschlagen, doch es schwebte dieser <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C2%A7_249_StGB_der_DDR\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Asozialenparagraf<\/a> \u00fcber mir, sie h\u00e4tten mich theoretisch in den Knast schicken k\u00f6nnen, weil ich keinen richtigen Job hatte. Mit Gl\u00fcck wurde ich Heizer und Hausmeister in der Musik- und Kunstschule. Aber Abi oder studieren war f\u00fcr mich nicht drin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Warst du als Heizer und Hausmeister nicht total unterfordert?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den anderen Airtramp-Mitgliedern ging es ja \u00e4hnlich, die haben meist bei der Volkssolidarit\u00e4t gearbeitet, Essen ausgefahren und so. Aber dadurch, dass wir nix zu tun hatten, haben wir dann halt f\u00fcnfmal die Woche geprobt. Wir hatten zu Beginn null Ahnung. Wir hatten alte Radios, da hat man irgendwie was drangel\u00f6tet, das klang erstmal bestimmt ganz schlimm, und dann wurden wir immer besser.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Aufnahmen von Airtramp aus den Jahren 1984 bis 1986 kann man <\/i><a href=\"https:\/\/airtramp.bandcamp.com\/album\/die-fruehen-jahre-1984-1986\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>hier<\/i><\/a><i> anh\u00f6ren. Sie sind in den Jahren 1984 bis 1986 in den R\u00e4umen der JG &#8222;Stadtmitte&#8220; entstanden. Zum Equipment geh\u00f6rten: ein L\u00f6tkolben, diverse Dr\u00e4hte, ein Sammelsurium an Mikrofonen, ein Vermona 12 Kanal Mixer, Billigteile wie EQ und Kassettendeck aus dem Westen sowie ein selbstgebauter Kopfh\u00f6rerverst\u00e4rker f\u00fcr 6 Kopfh\u00f6rer in einer Pappkiste.<\/i>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie haben deine Eltern das alles wahrgenommen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1976 hat sich der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oskar_Br%C3%BCsewitz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pfarrer Br\u00fcsewitz <\/a>vor seiner Kirche angebrannt, um gegen die angepasste Rolle der Kirche in der DDR zu demonstrieren. Das war der beste Freund meines Vaters Ernst Sagem\u00fcller. Daraufhin ist mein Vater, der Regisseur war zu DDR-Zeiten, zwangsweise abgeschoben worden. Ich hab meinen Vater nie im Osten kennengelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine ganze Familie hat Stress gekriegt wegen mir. Sippenhaft. Diktatur. Meine Mutter hat in der Musikschule \u00c4rger bekommen. Meine Schwester war an der Palucca-Schule, sp\u00e4ter beim Friedrichstadtpalast, die haben sie entlassen. Mein Bruder war Profi-Fu\u00dfballer in der zweiten DDR-Liga und ist rausgemobbt worden. Im Februar 1987 wurde ich dann in den Westen abgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"20 jahre JG Stadtmitte Jena 1970   1990\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/2yWtnl74lsQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie ist das abgelaufen mit deiner Ausb\u00fcrgerung?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab mich ein halbes Jahr lang um eine Frau bem\u00fcht, Tina, die wohnte auch in der Zw\u00e4tzengasse. Irgendwann durfte ich bei ihr \u00fcbernachten. Fr\u00fch um 6 klopfte es an der T\u00fcr, und ging auch gleich auf, man hat ja nie zugeschlossen, und pl\u00f6tzlich war das Zimmer voller Polizisten und Kriminalpolizei. Ich lag im Bett. &#8222;Sind Sie Herr Jahn?&#8220; Ich sage, ja. &#8222;Ihr Zug f\u00e4hrt 13:30 Uhr&#8220;, sagten die, und dass ich noch paar \u00c4mtersachen erledigen m\u00fcsste vorher. Ich wollte mich wenigstens noch von meiner Mutter verabschieden, die wohnte im Damenviertel, aber ich konnte sie nicht erreichen. Da hab ich einen Zettel an die T\u00fcr gemacht: Bin im Westen. Von Jena-West sind immer die schei\u00df Z\u00fcge abgefahren. Da ist auch Griseldis abgeschoben worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du bist da einfach reingesetzt worden? Hat niemand aufgepasst?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nein, die h\u00e4tten dich ja eh gekriegt. Du musstest diesen Zug nehmen, Tina hat mich noch zum Bahnhof gebracht. Ich bekam eine Staatenlosigkeitserkl\u00e4rung. Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte die noch. Die musste ich allerdings abgeben an der Grenze. Das war so einfach. Man hat ja immer soviel geh\u00f6rt, Sch\u00fcsse an der Grenze und so. Ich hab einfach diesen bl\u00f6den Wisch abgegeben und durfte weiterfahren. Und dann war ich pl\u00f6tzlich im Westen. Ich musste ins Aufnahmelager in Gie\u00dfen. Ausgestiegen bin ich aber erstmal in Essen. Da war die Griseldis, sie lebte in einer Kommune. Ihr Freund war aber eifers\u00fcchtig und hat das Mobiliar kaputt gehauen, das war voll psychom\u00e4\u00dfig. Darfste nicht vergessen, die hat drei Jahre auf mich gewartet, und wir waren so jung. Fantasie und Erwartungen entsprachen nicht der Wirklichkeit.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Und was hast du dann gemacht? Die anderen Mitglieder von Airtramp sind ja ebenfalls abgeschoben worden.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dann haben meine ganzen Kumpels angerufen und meinten, ey, was willstn du im Westen? Komm nach Westberlin. Westdeutschland, da will niemand hin. Also bin ich nach Berlin geflogen. Die haben mich abgeholt am Flughafen, dr\u00fcckten mir einen Joint in den Mund, dann suchten wir erstmal zwei Stunden lang den Ford Capri, fuhren nach Kreuzberg. Ich hab nur noch gelacht, war v\u00f6llig dr\u00fcber und dann hatte ich da pl\u00f6tzlich ne WG, wohnte dort mit ein paar Punkerfrauen aus Westdeutschland und den Jungs von <a href=\"https:\/\/daily.bandcamp.com\/features\/negazione-feature\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Negazione<\/a>, das ist ne ziemlich krasse Band aus Italien gewesen. Wir wohnten gegen\u00fcber vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg-von-Rauch-Haus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rauch-Haus<\/a>, aus meinem Fenster habe ich auf den Mauerstreifen geschaut. Wir machten gleich Musik. Die waren mir erst zu schnell. Ich war ja eher so hippiem\u00e4\u00dfig, bei denen ging sofort die Post ab.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-2-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4753\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-2-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-2-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-2-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-2.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>&#8222;Zwischen T\u00fcrken und Westdeutschen wohnen Hunderte Jenaer in Kreuzberg\u2026&#8220;, hei\u00dft es in einem <\/b><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rS-GuEgKoiU&amp;list=LL&amp;index=52&amp;ab_channel=FilmezumMauerfall\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Dokumentarfilm aus dem Jahr 1987<\/b><\/a><b>. War das wirklich so?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja. Als wir in Kreuzberg ankamen, war f\u00fcr mich ein Zimmer in ner WG gekl\u00e4rt, ich h\u00e4tte sofort einen Job haben k\u00f6nnen, die haben mich bei den \u00c4mtern unterst\u00fctzt. Peter R\u00f6sch oder Roland Jahn waren f\u00fcr mich da, man hat sich geholfen. Es gab eine Jena-Community, die wirklich gut zusammengehalten hat.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du hast dann eine Kampfausbildung gemacht. Wieso?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1989 ging der H\u00e4userkampf in Berlin los. Wir haben ein Haus besetzt, da stand noch die Mauer. Das hei\u00dft, wir haben unseren West-Ausweis vorgezeigt, weil wir offiziell im Westen gewohnt haben, sind \u00fcber die Grenze nach Ost-Berlin in die Adalbertstra\u00dfe am Kottbusser Tor, haben dort in unserem besetzten Haus gewohnt. Wenn wir in die Schule mussten (wir haben damals Abi am Sch\u00f6neberg Kolleg nachgeholt) oder zum Arbeitsamt, dann sind wir wieder zur\u00fcck und haben immer unseren Ausweis vorgezeigt. Irgendwann waren die Grenzer weg. Und irgendwann war ein Loch in der Mauer und dann war sie weg.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Als die Mauer weg war, kamen die Nazis aus ihren L\u00f6chern.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gegen\u00fcber von unserem besetzten Haus gab es ein Neubaugebiet, wo pl\u00f6tzlich ganz viele Nazis ankamen und uns st\u00e4ndig \u00fcberfallen haben. Am Anfang wollten wir nur reden, das ist aber mit Steinen und Molotowcocktails beantwortet worden. Die wollten uns ausr\u00e4uchern. Also fingen wir an, uns zu bewaffnen und zu radikalisieren. Ich habe drei-, viermal in der Woche Kampfsport gemacht. Da war ein chinesischer Trainer, der hat Kung Fu unterrichtet, und dann war noch einer von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pal%C3%A4stinensische_Befreiungsorganisation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PLO<\/a>, der hat in Nahkampf ausgebildet. Ziel war, dass wir im Stra\u00dfenkampf gut funktionieren. Wir mussten uns selber helfen, weil von der \u00fcberforderten Ost-Polizei keine Hilfe zu erwarten war. Nach einem krassen \u00dcberfall durch die Nazis haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: Das passiert uns nicht nochmal. Irgendwann haben wir die uns auch nochmal geschnappt, eingekesselt, hier und da paar aufs Maul gegeben. Dann haben wir einige nackt ausgezogen und gesagt: Hier, wir haben jetzt deinen Ausweis, kennen deine Adresse, wenn nochmal irgendwas passiert, stehen wir bei dir vor der T\u00fcr. So haben wir versucht, ein bisschen Ruhe reinzukriegen, damit wir da friedlich leben konnten. Aber es war schon ne ganz sch\u00f6n aufgeheizte Stimmung. Ich hab mit einer deutsch-t\u00fcrkischen Antifagruppe trainiert, Flugbl\u00e4tter verteilt und im Ernstfall relativ zielgerichtet versucht, die Dinge zu kl\u00e4ren. Durch die gesamte Situation der besetzten H\u00e4user in Berlin, gab es pl\u00f6tzlich eine extreme Power und starke Vernetzung in der Szene. Auch zum besetzten Haus in der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe 58 in Jena gab es gute Kontakte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Ich hatte Probleme, die Bilder von dir von vor und nach der Wende in Einklang zu bringen. Ich habe dich da kaum wiedererkannt&#8230;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich mich auch nicht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Ich meine, klar, neue Klamotten und so. Mehr Muskeln. Aber selbst die K\u00f6rperhaltung und die Gesten sind ganz andere&#8230;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da ist viel passiert, verletzungsm\u00e4\u00dfig. Wenn Verletzungen passieren, hat man so ein taubes Gef\u00fchl und ist zu vielem f\u00e4hig.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du meinst die Verletzungen, die dir zu DDR-Zeiten zugef\u00fcgt wurden?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In diesem Film von Wensierski direkt nach der Ankunft in West-Berlin hab ich noch gar nichts gecheckt, ich hab noch gar nicht realisiert, dass ich im Westen bin, was es \u00fcberhaupt bedeutet, im Westen zu sein, und was ich da zu tun habe. Ich stand v\u00f6llig neben mir, lief wie im Nebel rum. An eine Aufarbeitung der Erlebnisse im Osten war nicht zu denken, es str\u00f6mte ja so viel Neues auf uns ein. Das war alles zu viel und zu schnell passiert f\u00fcr mich, vermute ich heute mal.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Es ist auf jeden Fall sehr viel zu verarbeiten f\u00fcr einen Teenager. Was hat denn Kreuzberg auf dich f\u00fcr einen Eindruck gemacht?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Verr\u00fcckt, kalt! D\u00fcster, grau, brutal, direkt, heftig. Wir haben erstmal Abi nachgemacht. Und sind aber nat\u00fcrlich auch um die Welt gefahren. Wir hatten uns alle krankschreiben lassen auf DDR-Depressionen, haben fortlaufend unsere Geh\u00e4lter des Ostens gekriegt. Im Osten war Hausmeister\/Heizer ein Looserjob, aber im Westen war es eine gutb\u00fcrgerliche Arbeit, wo du pl\u00f6tzlich Kohle gekriegt hast. Also haben wir uns beim Arbeitsamt das Geld abgefasst, sind erstmal in der Weltgeschichte rumgefahren. Das war nat\u00fcrlich schon geil. Das erste Mal Spanien und Portugal sehen. M\u00fchle, Wolfi und ich, wir haben eine Zeit lang Stra\u00dfenmusik in Italien, Kroatien und Griechenland gemacht, einfach losgefahren, keiner hatte einen F\u00fchrerschein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%BCrgen_Fuchs_(Schriftsteller)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>J\u00fcrgen Fuchs<\/b><\/a><b>, der in Jena gro\u00dfartige B\u00fccher geschrieben hatte und zehn Jahre vor dir ausgeb\u00fcrgert wurde, meinte, im Westen gab es noch kurz einen Hype um ihn, aber dann hat sich keiner mehr f\u00fcr ihn oder seine Literatur interessiert. War es bei dir \u00e4hnlich?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe J\u00fcrgen Fuchs in Berlin kennengelernt. Das war ein sehr nachhaltiger Eindruck, den ich von dem Treffen mit ihm hatte. Weil das ein sehr authentischer, sehr tiefer und toller Mensch war. Wir hatten da so einen Kreis, um die Jenaer weiter zu unterst\u00fctzen. Als Freya Klier und Kraftczyk verhaftet wurden, haben wir zum Beispiel Demonstrationen an der Mauer organisiert. Und ja, mir gings auch so. Im Osten hatten wir was in unserer Szene zu sagen gehabt, wurden erst genommen. Wir konnten uns artikulieren, hatten ein gemeinsames klares Feindbild, diese d\u00e4mlichen Volltrottel von betonk\u00f6pfigen Opafunktion\u00e4ren. im Westen hat man mich immer so vorgestellt: &#8222;Hier ist der Olli ausm Osten.&#8220; Erste Frage immer: &#8222;Wie bistn r\u00fcbergekommen?&#8220; Das war einfach so, du hast dieses Stigma gehabt. Ich kannte Leute, die haben in Jena extremes Th\u00fcringisch gequatscht, und in Berlin haben die auf einmal hochdeutsch geredet, weil die keinen Bock mehr hatten, in diesem Klischee rumzuschwimmen. Man hat sich nicht besonders ernst genommen gef\u00fchlt als Zoni. Was mich auch so ein bisschen unflexibel im Denken gemacht hat. Ich war da echt ein bisschen sch\u00fcchtern und eingesch\u00fcchtert, hab teilweise auch geschluckt, dass ich mich so ein bisschen zweiter Klasse f\u00fchlen sollte. Eigentlich war an deiner Person gar nicht so wirklich ein Interesse, sondern eher an der Story. Der Tod von Matthias Domaschk ist jedenfalls nie aufgekl\u00e4rt worden und der von J\u00fcrgen Fuchs auch nie.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Kampfausbildung und Stra\u00dfenkampf \u2013 waren das auch so Versuche, \u00fcberhaupt erstmal wieder klar zu kommen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bestimmt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das gut f\u00fcr mich war. Zur\u00fcck in Jena hab ich Freunde wiedergetroffen, die so wirklich coole, ruhige typische Jenenser waren, wo du erstmal zu denen hingehen kannst und dann wird Tee getrunken und dann wird Schach gespielt und dann wird gequatscht, das kannte ich \u00fcberhaupt nicht mehr. In West-Berlin war Aktion angesagt, du hast Leute getroffen, mit denen bist du weggegangen. Du hast niemanden Zuhause getroffen, mit dem den ganzen Abend bei nem Tee gelabert, das gab\u2019s nicht. Mir haben dann auch Leute gesagt, Ey das ist krass, wie hart du geworden bist. Ich hab das aber gar nicht so richtig wahrgenommen. Weil ich auch so ideologisch gef\u00e4rbt war. Wenn jemand was sagte, was nicht in mein Weltbild passte, habe ich mir manchmal das Recht herausgenommen k\u00f6rperlich zu werden, weil er der B\u00f6se und ich der Gute war, so in der Richtung. Ich hab damals sehr zielgerichtet reagiert, ohne zu zucken. Als ich nach der Wende nach Jena zur\u00fcckkam, hab ich mich generell erstmal gewundert, was hier los war. Das kannte ich von West-Berlin so nicht, dass Ausl\u00e4nder gejagt werden und abends konnte man nicht entspannt auf der Stra\u00dfe rumlaufen. Johannisstra\u00dfe, da war oft Action. Ich hab 1993 im Kassa als T\u00fcrsteher angefangen, ich dachte ich sehe nicht richtig, was da abging. Also es war schon ne krasse Rauheit an der T\u00fcr. Man musste da erstmal bestimmte Markierungen setzen, sich Respekt holen, damit Ruhe einkehrt.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Trotzdem hat es nicht lang gedauert, da bist du mit Nazis Bergsteigen gegangen&#8230;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Genau, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Outward_Bound\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Outward Bound<\/a> hie\u00df das Konzept. Da bin ich mit zehn vorbestraften Nazis, die kurz vorm Gef\u00e4ngnis waren, in die Berge, nach Berchtesgaden gefahren, um da ein Iglu zu bauen und darin zu \u00fcbernachten. Da hab ich die so ein bissl n\u00e4her kennengelernt und gemerkt, dass jeder ein Individuum f\u00fcr sich ist, und dass man nicht pauschalisieren sollte, weil das einfach nicht funktioniert. Jeder von denen hatte seine eigene Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-3-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4754\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-3-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-3-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-3-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-3.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie kam es denn dazu?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe in Jena Sozialp\u00e4dagogik studiert und ein Praktikum in dieser Richtung gesucht, da ich einfach gemerkt habe, dass Gewalt echt nicht die L\u00f6sung ist. Das wusste ich auch schon fr\u00fcher, ich kam ja aus der pazifistischen Denke. Aber diese West-Berliner H\u00e4rte der Stra\u00dfe hatte mich davon abgebracht. Und auch die Leute, mit denen ich da unterwegs war. Du darfst nicht vergessen ich war im Hausplenum, Stra\u00dfenplenum, Bezirksplenum Vertreter und dann sa\u00df ich am Runden Tisch, wo es darum ging, dass s\u00e4mtliche besetzten H\u00e4user in Berlin einen Mietvertrag kriegen, also alle oder keiner. Das hei\u00dft, ich war ziemlich tief da drin. Ich hab mich zum Beispiel damals nie mit nem Nazi unterhalten, \u00fcberhaupt nicht. Nazi aufs Maul, aus und fertig.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Hat es was gebracht, mit den Nazis zu reden?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ist schwer zu sagen. Die sind fast alle in den Knast gewandert. Das war auch sicher etwas blau\u00e4ugig gewesen. Mir ging es um eine direkte Auseinandersetzung, darum, selbst mehr zu begreifen. Damals war ich k\u00f6rperlich auch wirklich fit und konnte denen was dagegensetzen, so dass die merkten, dass sie sich k\u00f6rperlich nicht mit mir anlegen sollten, sondern dass es eher um miteinander reden und Kommunikation geht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Was ist denn deine Geschichte mit dem Kassa?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab im Kassa als T\u00fcrsteher angefangen, da war es noch im Villengang. Mit Didi, Olaf, Akki und anderen Freunden. Es war sehr bunt und oft un\u00fcbersichtlich an der T\u00fcr. Und da gingen solche Sachen ja auch gleich los wie \u00dcberfall aufs Kassa, wo da eine gro\u00dfe Gruppe von Nazis auf die T\u00fcr zukamen. Wir haben zu f\u00fcnft oder sechst gesagt, okay, wir gehen jetzt hier raus und machen die T\u00fcr hinter uns zu. Wenn wir zur\u00fcckkommen, gibt\u2019s ein Klopfzeichen, ansonsten macht ihr bitte nicht mehr auf. Und dann gings <i>uff! ha! zack! Hehe.<\/i> Ich hab dem Didi in diesen Momenten immer den R\u00fccken freigehalten. Es war wichtig, dass wir fest zusammen gestanden haben. Didi hat auch diese ganze <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/05\/31\/zwischen-notwehr-und-nett-bleiben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">T\u00fcrsteherphilosophie<\/a> sehr stark vertreten, und wir haben alle von ihm gelernt und dann gemeinsam St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck weiterentwickelt. Weil eigentlich waren wir Leute, die alle keinen Bock auf Gewalt hatten. In erster Linie war das Kassa f\u00fcr mich wirklich ein underground Club, multikulti, der ganz ganz viele tolle Sachen und Bands&nbsp; am Start hatte, ganz viele verschiedene Musikstile, und es war gro\u00dfartig, diese ganze breitgef\u00e4cherte Kultur mit zu erleben und mit zu entwickeln. Das pr\u00e4gte viele Menschen unserer Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jena ist eine Provinzstadt, wo Menschen ne zeitlang sind und wenn sie sich weiterentwickeln wollen, dann gehen sie woanders hin. Aber damals gab es noch ganz viele verschiedene Szenen, das gibts ja jetzt nicht mehr. Es gab ne Gitarren- und Hardcore- und Ska- und Dark Wave- und Hip-Hop-Szene \u2013 nicht nur die Technoszene. Und es gab zum Beispiel auch die <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inge<\/a>, die in die Monatshefte des Kassablanca Gedanken \u00fcber Sinnhaftigkeit des gemeinsamen Agierens gebracht hat. Ich habe das geliebt, weil genau darum gings ja, dass wir ne Gemeinschaft sind, die zusammen etwas besonderes in die gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaft hineingeben. Trotzdem sollte man sich immer fragen, wo stehen wir, was macht Sinn, was macht keinen Sinn, war das jetzt cool oder nicht? &#8211; kann man ja alles mal fragen, das kostet ja nichts. Sowas war f\u00fcr mich wichtig und ich bin da dann auch irgendwann an meine Grenzen gekommen und dann hatte ich keinen Bock mehr, da bin ich rausgegangen. Mir war das dann irgendwann bissl zu \u00f6de, nur an der T\u00fcr zu stehen, also ich wollte dann auch weiter. Trotzdem hab ich auch sp\u00e4ter immer wieder die Kollegen besucht und hab mich an der T\u00fcr auch als Gast wohlgef\u00fchlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Auch als Sozialarbeiter warst du im Umfeld des Kassa weiter t\u00e4tig.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mich interessieren Menschen, die in extremen Situationen sind. Wenn einer so total zugehackt vor mir sitzt, und irgendwann entdeckt man ne total tolle Seite an dem und merkt wie seine Augen gl\u00e4nzen und der traut sich den Schei\u00df aber einfach nicht zu, ist halt ein Angstbei\u00dfer oder so, und dieses Angst bei\u00dfen hat den nat\u00fcrlich zehn Jahre in den Knast gebracht und jetzt denkt er sein Leben ist zu Ende, dann sag ich: <i>Ey nee vergiss es, dein Leben ist zu Ende, wenn es zu Ende ist. Und wenn du rauskommst, haste die Chance irgendwie den Arsch zusammenzukneifen und weiterzugehen und mal was zu lernen oder du kannst halt wieder in dein Loch zur\u00fcckgehen. Das kannst du dir \u00fcberlegen. Du kannst was geiles machen.<\/i> Das find ich spannend, sowas.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-4-oillijahn-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4757\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-4-oillijahn-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-4-oillijahn-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-4-oillijahn-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/07\/jenakultur-rebell-der-liebe-4-oillijahn.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie hast du denn die ganzen traumatisierenden Erlebnisse in deinem eigenen Leben letztlich verarbeitet?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wahrscheinlich mache ich deswegen bis heute weiter diese Arbeit als Ausstiegsberater aus Rechtsextremismus und Gewalt. Es gibt bestimmte Erlebnisse, die kannst du nicht verarbeiten. Ich hab ja das ganze Paket abgefasst in der DDR, nicht das halbe, und das ist wie so ne Wunde, die sich nicht schlie\u00dft und wenn man zum Beispiel \u00fcber solche Sachen redet, sp\u00fcrt man sie sofort. Das ist real, man sp\u00fcrt es richtig deutlich. Aus dieser Wunde kommt ganz viel Energie. Die ist mittlerweile sehr positiv, aber das war auch mal ganz anders. Diese Energie hat es mir erm\u00f6glicht, alle m\u00f6glichen Sachen zu machen. Und gef\u00fchllose Sachen sicherlich auch. Deswegen kann ich manchmal diese krassen Typen gut verstehen. Das ist ja keine Entschuldigung f\u00fcr deren Taten, aber ich verstehe, dass es eine Quelle gibt, so eine Aua-Quelle, wo das herauskommt. Ich denke, was meine Sache angeht, habe ich das inzwischen ganz gut reflektiert. Aber trotzdem wird es immer da sein.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Drogenberater bist du auch gewesen.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1993 hab ich bei der Suchthilfe Th\u00fcringen angefangen. Damals hat sich der Arzt hier ja praktisch noch die Handschuhe angezogen, wenn ein Kiffer gekommen ist. Die hatten \u00fcberhaupt keine Ahnung, gab in der DDR ja auch kaum Drogen au\u00dfer Alkohol. Nach der Wende gab es hier in Jena pl\u00f6tzlich 300 Heroinabh\u00e4ngige. Das war ziemlich viel, aber durchaus im bundesdeutschen Durchschnitt. Pl\u00f6tzlich hattest du auch das Thema Minderj\u00e4hrige und Prostitution und so ein Schei\u00df, gute Freunde auf Heroin. Also wir haben ein Hilfesystem aufgebaut f\u00fcr Ostth\u00fcringen, das hab ich dann so drei Jahre gemacht. Ich hatte auch viel mit Migrationsthemen zu tun. Irgendwann sagte mein Chef: &#8222;Hier, mit den Kanaken kannst du arbeiten.&#8220; Und genau, dann bin ich rausgemobbt worden aus der Nummer. Das war f\u00fcr mich auch ne sehr spannende Zeit, aber dann hatte ich eigentlich keinen Bock mehr auf Sozialarbeit. Ich wurde dann Musikmanager und hab bei der Kulturarena gearbeitet. Mittlerweile organisiere ich das Stadtfest hier in Jena, das war auch eine sch\u00f6ne Herausforderung. Denn vor 12,13 Jahren \u2013 keiner von uns ist da aufs Stadtfest gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Warum nicht?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weil das ne ziemlich stumpfe Angelegenheit war. Immer diese Coverbands, und die Leute bringen ihr eigenes Bier mit und schlagen sich. Und Leute die anders aussehen, die werden vom Platz gejagt. Damals hat <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/05\/31\/zwischen-notwehr-und-nett-bleiben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carsten M\u00fcller<\/a> gesagt: &#8222;Hier, das machst du jetzt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Was hast du dann anders gemacht?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir haben das konzeptionell nochmal neu aufgezogen. An diesen Schl\u00e4gertagen, wo es immer nur Stress gab, haben wir zum Beispiel mal eine portugiesische Folkloreband spielen lassen. Und ganz viel Security aufgestellt. Oder eine karibische Nacht eingef\u00fchrt, wo eine kubanische Band spielt, und dann kommen alle Tanzvereine aus ganz Th\u00fcringen und pl\u00f6tzlich wird auf dem ganzen Marktplatz Salsa getanzt. Ich wollte, dass da alle m\u00f6glichen verschiedenen Leute zusammenkommen und Spa\u00df haben. Ich meinte: Carsten, machen wir das wirklich? Und er: Ja, ziehs durch. Und da muss man sagen, er hat wirklich einen Arsch in der Hose gehabt, das auch zu vertreten. Das hat dann ne zeitlang gedauert. Mein Motto war, das Stadtfest ist ein Fest f\u00fcr alle Menschen, die in dieser Stadt leben. Meine allerliebste Veranstaltung ist, wenn die Leute vorne Pogo tanzen, und weiter hinten trinken die Alten ihr Weinchen und alle haben Spa\u00df und verstehen sich.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Das alles nebenbei zu deiner Karriere als Musiker?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, darf man nicht vergessen, dass ich seit 22 Jahren bei Los Banditos spiele und wir haben teilweise 100 Konzerte im Jahr gehabt. 1993 ging es mit Party Killing los, 1996 war das vorbei, und dann bin ich bei Los Banditos in den Tourbus gestiegen und wir haben die n\u00e4chsten zehn Jahre 100 Konzerte gemacht im Jahr.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Kann ich dich ja endlich mal fragen, was es mit dem <\/b><a href=\"https:\/\/www.losbanditos.de\/product-page\/rebell-der-liebe-poster\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>nackten Typ auf eurem Plakat<\/b><\/a><b> auf sich hat. Meine Theorie war immer, dass das vielleicht jemand aus der Band ist?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nee, wir haben in diesen fr\u00fchen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konkret_(Zeitschrift)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konkret<\/a>-Zeitschriften, wo es um sexuelle Befreiung ging, wundersch\u00f6ne provozierende Bilder gefunden.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Ich fand das cool, dass ihr mit dem Plakat auch mal ein anderes Bild von M\u00e4nnlichkeit transportiert, das war so Adam-und-Eva-m\u00e4\u00dfig, so unschuldig.&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, hat was unschuldiges, was ehrliches. Ist am Strand und der hat auch noch so ne coole Hippiekette um, und zeigt halt sein Gem\u00e4cht nicht, um zu zeigen, guck mal, was ich f\u00fcr ein tolles Gem\u00e4cht hab, sondern er steht einfach nur so da. Wir haben immer mal wieder versucht, ein neues Plakat zu machen, aber wir konnten es einfach nicht toppen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Nach dem Abstecher ins Hardcore-Genre mit der Band <\/b><a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/user-125884034\/party-killing-service\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Party Killing Service<\/b><\/a><b> bist du mit den Los Banditos auch wieder ein kleines bisschen ruhiger geworden.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Party Killing war f\u00fcr mich ne unfassbar geile Band, weil das so ne Energie hatte. Das war so ne krasse Energie, die in die Musik floss, diese roughe Zeit in den 90ern. Diese Energie hatte ich mit keiner anderen Band je wieder.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Von Airtramp zu Party Killing ist auf jeden Fall ein ganz sch\u00f6ner Sprung gewesen.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab ja auch ne Ausbildung als klassischer S\u00e4nger, hab zum Beispiel Solo gesungen in einem Gospelchor und danach mit Party Killing auf der B\u00fchne durchgedreht. Ich liebe die Musik und die verschiedenen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten, will mich da gar nicht immer so festlegen. Das entsteht immer, wenn man eine Verbindung zu anderen Menschen eingeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Warst du nach der Wende eigentlich noch ab und zu in der JG Stadtmitte?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am 25.12.1989, an dem Tag, als Rum\u00e4niens Diktator <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nicolae_Ceau%C8%99escu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ceau\u0219escu<\/a> ermordet wurde, haben wir in der JG Stadtmitte mit Airtramp ein Reunion-Konzert gegeben. Aber nach der Wende begann dort die \u00c4ra Lothar K\u00f6nig. Vorher war f\u00fcr mich eher eine Zeit, wo versucht wurde gleichberechtigt und gemeinsam zu entscheiden. So wie Lothar das dann durchgezogen hat, war kein Platz mehr f\u00fcr mich. So ging es vielen anderen von den alten JG-Leuten auch. Aber das ist nicht schlimm, ich bin ja auch weitergegangen. Trotzdem finde ich die Idee der JG Stadtmitte immer noch super, hat mich tief gepr\u00e4gt. Tommy Auerbach, Walter Schilling, Blase \u2013 das waren echte Helden f\u00fcr mich. Die haben so viel Liebe ausgestrahlt. Und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Es haben sich&nbsp; ganz viele Leute gern in deren N\u00e4he aufgehalten, ich auch. Und sie haben dieses ganze Konzept von der offenen Arbeit \u00fcberhaupt erst entwickelt in den 1970ern.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Dass die JG Stadtmitte eine gro\u00dfe Rolle gespielt hat bei der Entstehung des Kassa, allein schon wegen der personellen \u00dcberschneidungen, ist klar. Aber als es das Kassa einmal gab, scheint die Beziehung irgendwie abzubrechen.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ist mir in dieser Stadt nat\u00fcrlich auch immer bissl auf den Keks gegangen, dass jeder kleine Verein sein S\u00fcppchen f\u00fcr sich kocht. Dass in so einer kleinen Stadt immer wieder Mauern aufgebaut werden und gesagt wird: Wir sind so und die sind so. Und dabei sind alle gar nicht so weit voneinander entfernt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"Christian Gesellmann\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann | \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Christian Gesellmann: Das Kassa feierte letztes Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit wenig Aufwand, etwas Wind im Haar und unb\u00e4ndiger Freiheitsliebe mauserte sich Oliver Jahn schon als Jugendlicher zum Staatsfeind. 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