{"id":4285,"date":"2021-05-26T07:28:00","date_gmt":"2021-05-26T05:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=4285"},"modified":"2021-05-25T12:47:09","modified_gmt":"2021-05-25T10:47:09","slug":"provenienzforschung-in-der-kunstsammlung-jena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/05\/26\/provenienzforschung-in-der-kunstsammlung-jena\/","title":{"rendered":"Provenienzforschung in der Kunstsammlung Jena"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Kunstwerke und Artefakte k\u00f6nnen uns viele Geschichten erz\u00e4hlen: die ihrer Entstehung und ihrer Urheber:innen, von Glaubensweisen und Lebensarten der Zeit, der sie entstammen, pers\u00f6nlichen Schicksalen und vielem mehr. Ihre eigene Geschichte jedoch ist oft schwer zu rekonstruieren und birgt nicht selten eine unmoralische oder gar verbrecherische Herkunft \u2013 etwa von sogenanntem &#8222;NS-Raubgut&#8220;, also Werken, die ihren insbesondere j\u00fcdischen Eigent\u00fcmer:innen infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgungsbedingt entzogen wurden.<br><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In der <a href=\"https:\/\/www.kunstsammlung-jena.de\/de\/startseite\/678376\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kunstsammlung Jena<\/a> wurden die eigenen Best\u00e4nde bereits im Jahr 2014 systematisch auf ihre Provenienz, also Herkunft und Besitzverh\u00e4ltnisse, untersucht. Manuela Dix leitete diese Forschungen und berichtet hier von Vorgehensweisen, Erkenntnissen und Ertr\u00e4gen dieser Detektivarbeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">Als ich im Jahr 2014 das auf drei Jahre angelegte Projekt der Provenienzforschung in der Kunstsammlung Jena begann, war diese die erste Institution unter kommunaler Tr\u00e4gerschaft in Th\u00fcringen, die sich mit der systematischen Aufarbeitung der eigenen Sammlungsgeschichte im Kontext der Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandersetzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nachdem die Frage nach der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Besitzverh\u00e4ltnisse der in Museen und Sammlungen befindlichen Kunstwerke in den letzten Jahren an \u00f6ffentlichem und medialem Interesse zugenommen hat, besch\u00e4ftigen sich immer mehr H\u00e4user mit ihrer eigenen Vergangenheit. So auch die Kunstsammlung Jena, deren Best\u00e4nde sich im Wesentlichen aus drei Schwerpunkten zusammensetzen:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify\">\n<li>Werke aus der Sammlung des ehemaligen <a href=\"https:\/\/www.jenaer-kunstverein.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jenaer Kunstvereins<\/a> (vorwiegend Klassische Moderne)<\/li>\n<li>Werke aus der Zeit der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) bzw. DDR<\/li>\n<li>internationale zeitgen\u00f6ssische Werke<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-inventarbuch-jenaer-kunstverein-1000x525.jpg\" alt=\"Seite aus einem Inventarbuch des Jenaer Kunstvereins mit verschiedenen handschriftlichen Eintragungen, Streichungen und Stempeln\" class=\"wp-image-4280\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-inventarbuch-jenaer-kunstverein-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-inventarbuch-jenaer-kunstverein-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-inventarbuch-jenaer-kunstverein-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-inventarbuch-jenaer-kunstverein.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Seite aus dem Inventarbuch des Jenaer Kunstvereins. Eintr\u00e4ge wahrscheinlich aus den fr\u00fchen 1930er Jahren \u00a9St\u00e4dtische Museen Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Gegenstand meiner Recherchen wurden alle Werke, die seit 1933 in die Kunstsammlung gelangten und die bis 1945 geschaffen worden waren. So blieben von den ca. 4.000 Arbeiten, die sich 2014 in der Sammlung befanden, noch ungef\u00e4hr 1.100 Werke aus den Bereichen Malerei, Druckgrafik, Zeichnungen und Aquarelle zur weiteren Recherche \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durch l\u00fcckenhafte Dokumentation bei der Bestandsaufnahme, wenig Quellenmaterial und fehlende Unterlagen gestaltete sich meine Arbeit \u00fcberaus schwierig. Ein wichtiger Arbeitsschritt war die Sichtung der Kunstwerke und die fotografische Dokumentation aller m\u00f6glichen Hinweise und Merkmale, welche Informationen zum Werk und dessen Geschichte liefern k\u00f6nnten. Das sind u. a. Stempel, Aufkleber, Signaturen, Wasserzeichen oder Bezeichnungen. Mit den Ergebnissen konnte ich anschlie\u00dfend mit der tieferen Recherche beginnen, Archive und Bibliotheken aufsuchen, Galerien kontaktieren und dergleichen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-burghardt-paul-drei-rosen-1938-detail-3-1000x525.jpg\" alt=\"Stempel mit dem Aufdruck &quot;Kunstverein Jena&quot; und der handschriftlichen Inventarnummer 476 auf Papier\" class=\"wp-image-4279\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-burghardt-paul-drei-rosen-1938-detail-3-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-burghardt-paul-drei-rosen-1938-detail-3-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-burghardt-paul-drei-rosen-1938-detail-3-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-burghardt-paul-drei-rosen-1938-detail-3.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Stempel des Jenaer Kunstvereins auf der R\u00fcckseite des Schieferschnitts &#8222;Drei Rosen&#8220; von Paul Burghardt von 1938 \u00a9St\u00e4dtische Museen Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">Nach meiner dreij\u00e4hrigen Arbeit ergab sich f\u00fcr die Kunstsammlung Jena folgendes Bild: F\u00fcr ca. 3.500 Werke lie\u00df sich eine unbedenkliche Provenienz rekonstruieren, etwa 420 Arbeiten haben eine bislang nicht eindeutig gekl\u00e4rte Provenienz und 10 Kunstwerke weisen eine bedenkliche bzw. belastete Herkunft auf. Das bedeutet, dass Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug existieren. Sie alle stammen vom ehemaligen Jenaer Kunstverein, dessen Sammlung in den 1930er Jahren in den Besitz der st\u00e4dtischen Kunstsammlung \u00fcberf\u00fchrt worden war. Der damalige Museumsdirektor Werner Meinhof hatte sie erworben, zum Teil im Kunsthandel, zum Teil in einer gro\u00dfen Tauschaktion im Jahr 1937 mit der <a href=\"https:\/\/www.nierendorf.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Galerie Nierendorf in Berlin<\/a>.<br>W\u00e4hrend erstere sich nicht eindeutig zur\u00fcckverfolgen lassen, liegt f\u00fcr die Werke aus der Tauschaktion ein eindeutiges Bild vor. Diese vier Arbeiten von Lovis Corinth, Otto Dix, Carl Hofer und Georg Schrimpf waren von dem j\u00fcdischen Unternehmer Eugen Buchthal um 1937 in die Galerie Nierendorf eingeliefert worden, kurz bevor dieser 1938 nach Gro\u00dfbritannien emigrierte. Da es sich hier um eine Flucht aufgrund der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten gehandelt hat, m\u00fcssen die vier Kunstwerke als NS-verfolgungsbedingt entzogen gelten. Daher wurden sie der <a href=\"https:\/\/www.lostart.de\/Webs\/DE\/LostArt\/Index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lost Art-Datenbank<\/a> gemeldet \u2013 einer Plattform, auf der Objekte mit Hinweis auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, bzw. nach vermissten Werken gesucht werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sollte sich auf unseren Lost-Art-Eintrag eine anspruchsberechtigte Person melden, werden wir bem\u00fcht sein, eine faire und gerechte L\u00f6sung zu finden. Das k\u00f6nnte neben der R\u00fcckgabe oder dem R\u00fcckkauf auch eine Tauschvereinbarung oder der Abschluss eines (Dauer-)Leihvertrages sein. Die verbliebenen 6 Werke, f\u00fcr die eine bedenkliche Herkunft nachgewiesen wurde, m\u00fcssten weiter untersucht werden. Bis zum Abschluss meiner Recherchen fehlten in diesem Fall noch Unterlagen wie Versteigerungskataloge oder Angebotslisten, die eine Verbindung zu einem Vorbesitzer und einem m\u00f6glichen Entzug im Zusammenhang mit der NS-Diktatur belegen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"574\" height=\"630\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-corinth-lovis-bergsee-oj-kl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4309\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-corinth-lovis-bergsee-oj-kl.jpg 574w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/05\/jenakultur-corinth-lovis-bergsee-oj-kl-456x500.jpg 456w\" sizes=\"auto, (max-width: 574px) 100vw, 574px\" \/><figcaption>Lovis Corinth, Bergsee, o. J. \u2013 eines der vier Werke aus der Sammlung Buchthal \u00a9St\u00e4dtische Museen Jena<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">Betrachtet man schlie\u00dflich die Ergebnisse des Projektes, wirken die Zahlen der Objektstatistik zun\u00e4chst wenig spektakul\u00e4r. So konnten nur 0,1 % der Werke als NS-verfolgungsbedingt entzogen identifiziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dar\u00fcber hinaus ergaben sich verschiedene positive Nebeneffekte, allen voran der Erwerb eines moralischen Siegels, welches die Kunstsammlung Jena als eine Institution ausweist, die keine Scheu vor dem kritischen Blick in die eigene Historie hat. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist auch der Wissenszuwachs um die Sammlung, die mit dieser intensiven Recherchearbeit einhergeht. Insofern hat sich dieses Projekt f\u00fcr mich im Nachhinein als eine \u00e4u\u00dferst dankenswerte, wenngleich nicht immer erf\u00fcllende Aufgabe dargestellt, denn nicht selten liefen Recherchen ins Leere und hinterlie\u00dfen Desiderate, die letztlich keine l\u00fcckenlose Verfolgung der Provenienzen zum Ergebnis hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nichtsdestotrotz ist Provenienzforschung ein wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit, welcher im Tagesgesch\u00e4ft oft zu kurz kommt. So geh\u00f6rt doch zu ihren Kernaufgaben neben dem Sammeln, Forschen und Bewahren auch die Wissensvermittlung. Daher sollten Museen auch das Selbstverst\u00e4ndnis haben, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und das Wissen um die eigene Geschichte, zu der auch die Herkunft der Kulturg\u00fcter geh\u00f6rt, zu erforschen, zu hinterfragen und zu dokumentieren. Denn Provenienzforschung ist viel mehr, als ein blo\u00dfes Feststellen von Standorten und Besitzverh\u00e4ltnissen, vermag sie es doch Lebenswege nachzuzeichnen und Schicksale ins Licht der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken. Insofern ist die Provenienzforschung ein essentielles Werkzeug gegen das Vergessen!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr diese spannenden Einblicke, Frau Dix!<\/strong><br><strong>H\u00e4tten Sie gewusst, welch detektivische Forschungen in einem Museum anfallen, liebe Leserin und lieber Leser? Haben Sie selbst sich schon mit der Provenienzforschung besch\u00e4ftigt oder haben Sie eine Frage an unsere Expertin?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie immer freuen wir uns, mit Ihnen ins Gespr\u00e4ch zu kommen!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunstwerke und Artefakte k\u00f6nnen uns viele Geschichten erz\u00e4hlen: die ihrer Entstehung und ihrer Urheber:innen, von Glaubensweisen und Lebensarten der Zeit, der sie entstammen,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":4300,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,9,18],"tags":[227,696,707,733],"class_list":["post-4285","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-jenakultur","category-kunstsammlung","tag-forschung","tag-kunstsammlung-jena","tag-kunstverein","tag-provenienz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4285"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4310,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4285\/revisions\/4310"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4300"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}