{"id":3706,"date":"2021-02-22T07:23:00","date_gmt":"2021-02-22T06:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=3706"},"modified":"2021-02-25T15:26:37","modified_gmt":"2021-02-25T14:26:37","slug":"an-geraden-tagen-nudeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/02\/22\/an-geraden-tagen-nudeln\/","title":{"rendered":"An geraden Tagen Nudeln"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Seit mehr als 20 Jahren holt Martin Dauel gro\u00dfartige Bands auf die B\u00fchne des Kassablanca. Im Interview erz\u00e4hlt er, wie sich der kleine Jenaer Club \u00fcber die Jahrzehnte einen Ruf in der internationalen Musikszene erarbeiten konnte. Martin spricht aber auch offen \u00fcber Sexismus, \u00fcber das \u00c4lterwerden in einem Haus der Jugendkulturen, gelebten Dilettantismus und die Notwendigkeit, nicht von jedem gemocht zu werden. <\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-1000x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3712\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-1000x1000.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-500x500.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-400x400.jpg 400w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1-690x690.jpg 690w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f1-martin-dauel-foto-anne-kathrin-schleif1200-1.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Martin Dauel | \u00a9Anne-Kathrin Schleif<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Seit wann arbeitest du im Kassa und wie kam das?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im November 1997 habe ich das erste Mal im Kassa gearbeitet. Damals gab es noch einen festen Koch und einen Ersatzkoch, und die konnten beide nicht. Der Ersatzkoch, ein Zivildienstleistender, war ein sehr guter Freund von mir und fragte mich, ob ich einspringen kann. Ich hab dann immer mal wieder ausgeholfen. Irgendwann wurde eine Zivildienststelle frei. Ich war zwar nicht auf der Suche danach. Ich hatte vielmehr versucht, drum herum zu kommen, war dreimal bei der Musterung, jedes Mal ein Tauglichkeitsgrad weniger. Aber das Kassa hat mich interessiert. Also machte ich erst ein Praktikum, dann Zivildienst, und inzwischen arbeite ich nun seit 22 Jahren hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wei\u00dft du noch, was du gekocht hast?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Slowakischen Kesselgulasch. Fiel mir ein, weil ich in der Slowakei im Urlaub war. Aber am Ende war das wie bei vielem, was ich im Kassa gemacht habe \u2013 beim Machen habe ich festgestellt, dass ich das gar nicht kann. Also, das Essen war okay. Aber an dem Wochenende waren Les Tambour du Bronx zu Gast, mit ungef\u00e4hr 25 zu verk\u00f6stigenden Leuten, und gleich am Tag darauf war ein Hip Hop Jam mit F\u00fcnf Sterne Deluxe. Ich habe um die 15 Kilo Fleisch gemacht und Kartoffeln und Paprika und was da alles dran kommt, das war unglaublich viel Zeug! Dazu extra noch einen Topf Vegetarisches. Der Plan war, dass das f\u00fcr beide Tage reicht. Als es fertig war, habe ich das Essen in den Backstagebereich hoch gebracht, und bin wieder in die K\u00fcche, wo noch Brote im Ofen waren, die ich mit Kr\u00e4uterbutter bestreichen wollte. Als ich mit den Broten zur\u00fcckkam, war der Gulaschtopf leer und die Franzosen sa\u00dfen mit dem L\u00f6ffel in der Hand da und warteten, was es noch gibt. Die haben auch alle doppelt so viel gewogen wie ich. Das Konzert war jedenfalls gro\u00dfartig. Tambour du Bronx war so eine Art Jugendsozialprojekt, mit jungen Erwachsenen aus Banlieues, viele auch mit krimineller Vergangenheit. Die haben mit Axtstielen auf \u00d6lf\u00e4ssern getrommelt, aber richtig gut, richtig erfolgreich. Das Kassa ist aus allen N\u00e4hten geplatzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Kassa ist f\u00fcr sein Catering ber\u00fchmt, das habe ich schon \u00f6fter geh\u00f6rt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe in der Zeit, in der ich hier gekocht habe, auch viel verkehrt gemacht. Habe zum Beispiel super gern Forelle gemacht, wenn eine Band Fisch wollte, aber immer wieder vergessen, dass es viele Leute gibt, die Forelle einfach nicht gerne essen, weil das mit den Gr\u00e4ten kompliziert ist. Naja. Ich hab mir M\u00fche gegeben, aber mit dem, was heute hier mitunter aufgefahren wird, ist das nicht zu vergleichen. Bei kleineren Anl\u00e4ssen koche ich aber ab und zu noch gerne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Also durch dein Engagement als Koch bist du also zum Kassa gekommen. Bist du zuvor auch als Gast hier gewesen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hier am Gleis 1 nicht. Vorher, im Villengang und im Paradiescaf\u00e9, ja. Ich hing aber viel im besetzten Haus ab, gleich hier nebenan. Und in der JG Stadtmitte, da bin ich eigentlich mehr oder weniger gro\u00df geworden. Wie so einige hier aus dem Kassa. Die linke Szene war damals stark vernetzt durch die unterschiedlichen WGs. Man hat sich einfach viel getroffen, Sachen gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eine Wegbegleiterin<\/a><\/u><\/strong><strong> von dir in den 90er-Jahren hier im Kassa sagte mal zu mir, der Martin ist eigentlich der wirkliche Punk. Was meint sie damit?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Herzen trage ich das schon. Und musikalisch ist das nat\u00fcrlich eine ziemlich wichtige Geschichte f\u00fcr mich, die wichtigste vielleicht, auch heute noch. Dazu gekommen bin ich \u00fcber Schulfreunde, die in eine Junge Gemeinde gegangen sind, damals noch gar nicht die JG Stadtmitte, sondern eine ganz kleine Junge Gemeinde in der Bebelstra\u00dfe. Dort haben mir Schulfreunde Kassetten \u00fcberspielt, die sie in der Bibliothek ausgeliehen hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was hast du w\u00e4hrend deines Zivildienstes im Kassa gemacht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich war im B\u00fcro von <u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/06\/15\/ich-werd-bloede\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Sperling<\/a><\/u>, praktisch als Nachfolger von <u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/07\/20\/kinder-des-kassa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Danny Engel<\/a><\/u>. Hab gemeinsam Zivi gemacht mit <u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SRnghOBhq_c&amp;t=878s&amp;ab_channel=KassablancaJena\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ollinger<\/a><\/u> und <u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mW_OoeL4JKg&amp;ab_channel=FreudeamTanzenRec.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S\u00f6ren<\/a><\/u>. Wir machten das Programmheft und die Flyer, ich hab da ganz viel von Thomas gelernt, der mit der Software halbwegs vertraut war und mir das beibrachte. Ich hab vorher mal versucht, eine Lehre zu machen als Informatikassistent. Dadurch hatte ich ein paar Grundlagen im Umgang mit Computern. Wir arbeiteten damals mit FreeHand 7 und Photoshop \u2013 wei\u00df gar nicht, ob das schon die 5 war. Wir hatten einen Rollcontainer, heute werden darin die Farbfolien von der Abteilung Licht aufbewahrt, indem waren die Infos zu den Events des jeweils aktuellen und n\u00e4chsten Monats drin \u2013 Bandfotos, Infotexte und so weiter. Alles analog, denn digitalen Datenverkehr gab es noch nicht in dem Sinne. Und weil ich mit Punkmusik gro\u00df geworden bin, hab ich schon w\u00e4hrend meines Zivis die ersten Konzerte gemacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"836\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200-836x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3709\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200-836x1000.jpg 836w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200-418x500.jpg 418w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200-768x919.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200-577x690.jpg 577w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f2-mit-bildunterschrift1200.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 836px) 100vw, 836px\" \/><figcaption>Adobe-Vorfahr FreeHand7 \u2013 Die Software der Zukunft der Vergangenheit<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Fragt ihr eigentlich die Bands an oder fragen die Bands euch an?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heute ist es eher so, dass die Bands anfragen bzw. ihre Agenturen. Zumindest was die gr\u00f6\u00dferen Konzerte angeht, ist das alles viel professioneller als fr\u00fcher. Als ich anfing, hat das Faxger\u00e4t vielleicht zwei- bis dreimal mal die Woche Faxe von Agenturen ausgespuckt, wo verschiedene Bands draufstanden und deren Tourzeitraum, und dann konntest du da anrufen oder ein Fax zur\u00fcckschicken und die anfragen. Zum Teil hab ich es sogar noch so gemacht, dass ich in meine Plattenkiste geguckt habe und da stand dann im Idealfall auf den Platten eine Adresse drauf, an die ich eine Postkarte schicken konnte. Dann ging das ne zeitlang hin und her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was geh\u00f6rt alles zum Konzert machen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum einen die Technische Vorplanung \u2013 was brauchst du auf der B\u00fchne? Dann die Kalkulation \u2013 mit wieviel Leuten rechnest du? Und die Abrechnung. F\u00fcr mich geht es beim Booking aber auch darum, mehr als nur ein Konzert zu machen. Ich will auch am Gesellschaftsbild etwas \u00e4ndern, und f\u00fcr Gruppen, die unterrepr\u00e4sentiert sind, Sachen an den Start bringen. Pers\u00f6nlicher Geschmack spielt bei der Auswahl nat\u00fcrlich eine Rolle. Aber das wird weniger, weil man mit Mitte 30 oder 40 nicht mehr den Draht zu den ganz jungen Leuten in der Zielgruppe hat. Wichtiger ist zu lernen, Nein zu sagen, Sachen nicht zu machen. Ich hab ja immer auch die Idee, dass ich diese Band supporten und bekannter machen will, wenn die geil sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gerade in dem Genre, mit dem ich mich besch\u00e4ftigt habe \u2013 Gitarrenmusik, Weltmusik, Ska, Reggae \u2013 war es jahrelang so, dass man etwas Internationales auf die B\u00fchne stellen musste, damit \u00fcberhaupt Leute kommen. Das ist schon eine ganz Weile nicht mehr so. Heute haben wir mit deutschen Bands einen ganz anderen Erfolg, g\u00e4stemengenm\u00e4\u00dfig, als mit ausl\u00e4ndischen Bands. In einer Stadt wie Jena ist es total schwierig, Bands zu buchen, die toll sind, aber total unbekannt. Das funktioniert mit so festen Strukturen wie dem Punkrockkaffee, wo es aber auch keinen Eintritt kostet. Aber wenn man es finanziell nicht halbwegs ausgeglichen hinbekommt, dann kann man es halt nicht machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dann gibt es Bands, die hast du schon l\u00e4nger auf dem Schirm, und dann stellst du fest, dass du in den letzten Monaten massiv viele Leute mit Shirts von dieser Band in der Stadt gesehen hast, grad in einer Studentenstadt, und dann denkst du: Okay, jetzt kann ich das mal versuchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f3-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca120-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3720\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f3-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca120-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f3-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca120-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f3-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca120-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f3-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca120.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Martin Dauel (links) beim Weiten des Horizonts Anfang des Jahrtausends mit Wendelin Wei\u00dfbach (Metaboman). <br>\u00a9Kassablanca Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Also den Publikumsgeschmack einzusch\u00e4tzen musstest du erstmal lernen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mein Problem war glaube ich immer, dass ich musikalisch bissl in der Vergangenheit fest hing. Bands, mit denen du gro\u00df geworden bist, die feierst du bis zum geht nicht mehr. Ist halt bl\u00f6d, wenn das au\u00dfer dir kaum jemanden interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Umgekehrt habe ich aber auch Sachen gebucht, nur weil ich dachte, die ziehen viele Leute, aber selbst mochte ich die gar nicht. Und dann war das Konzert ganz toll. Chumbawamba zum Beispiel. Am Ende kamen da nur 180 Leute, aber das Konzert war Bombe, wahnsinnig tolle Show, unglaublich sympathische Leute. Da denke ich total gern zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber ich habe auch wirklich erstaunlich viele Konzerte in den Sand gesetzt, wo ich fest der Meinung war: Das l\u00e4uft, das wird voll. Was ich am Anfang noch gemacht habe, wenn es mal nicht so gut lief, wenn weniger Leute kamen als erwartet: Noch am Abend mit den Bands \u00fcber die H\u00f6he der Gage zu reden. Das w\u00fcrde ich heute nicht mehr machen, finde ich hochgradig unanst\u00e4ndig. Aber das habe ich damals einfach nicht besser gewusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Stelle ich mir als eher unangenehme Gespr\u00e4che vor.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sch\u00e4me ich mich auch daf\u00fcr. Mit gro\u00dfen Bands, die keine finanziellen Probleme haben, macht man das ja auch nicht. Da kommt man gar nicht in die Situation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wenn wir schon bei unangenehmen Gespr\u00e4chen sind \u2013 lokalen Bands absagen zu m\u00fcssen, ist wahrscheinlich nicht so sch\u00f6n.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nein, bei Jenaer Bands mache ich mich nicht gerade beliebt, wenn ich sage: Nee, das reicht nicht, bei uns spielt ihr nicht. Oder wenn ich sage, bevor ich eine Band zum zweiten Mal spielen lasse, sollten zwei Jahre vergangen sein. Musikalisch haben wir die Messlatte \u00fcber die Jahrzehnte ziemlich hoch gelegt, und da tut man Bands nicht unbedingt einen Gefallen, sie hier spielen zu lassen, wenn sie einfach noch nicht soweit sind. Dann ist man halt der Idiot, der immer wieder Nein sagt. Aber erstens halte ich es f\u00fcr eine unserer Aufgaben, so oft es geht neuen Schei\u00df anzubringen. Und dann ist es auch so meine Erfahrung, dass es f\u00fcr Bands nicht gut ist, in der gleichen Region zu oft zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie triffst du deine Auswahl?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man sitzt halt viel vor dem Rechner, h\u00f6rt sich Musik an, guckt sich die Videos und die Klickzahlen bei Youtube und Spotify an. Guckt, wer mit wem verbandelt ist. Wenn du eine Band magst, dann magst du vielleicht auch die Musik, die die m\u00f6gen. Ich gehe nat\u00fcrlich auch viel auf Konzerte, da siehst du dann auch wieder viele Band T-Shirts oder stehst mit irgendwem am Tresen und quatschst \u00fcber Musik. Auch das Punkrockkaffee ist ja fast eine Art Stammtisch, wo \u00fcbelst viel \u00fcber Musik gequatscht wird. Der G\u00fcnni, der seit Jahren die Bar macht, wenn Punkrockkaffee ist, kommt immer unglaublich vorbereitet an. Er hat immer einen Beutel mit CDs dabei, und das Cover von der CD, die er gerade spielt, stellt er immer auf den Tresen neben den Verst\u00e4rker, damit jeder gucken kann, was gerade l\u00e4uft, w\u00e4hrend er sein Bier bestellt, und dr\u00fcber reden kann. Dass man sich Ideen von anderen Menschen holen kann, ist durch die Pandemie nat\u00fcrlich viel schwerer geworden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f4-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3713\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f4-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f4-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f4-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f4-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Momente, f\u00fcr die ein Booker lebt. \u00a9Kassablanca Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie oft passiert es dir heute noch, dass du bei einem Booking v\u00f6llig daneben greifst?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich glaube, in den letzten zwei Jahren ist mir das nur selten passiert. Aber in meinen mehr als 20 Jahren schon oft. Das geht auch gar nicht anders. Komplett risikofrei zu buchen geht vielleicht, ist aber unspannend. Es ist auch nicht Aufgabe eines soziokulturellen Zentrums, einfach nur Sachen zu machen, die funktionieren. Ich wei\u00df, dass wir nicht \u00fcberall beliebt sind. Aber dass man nicht \u00fcberall beliebt sein will, ist ja mitunter auch ein Standpunkt. Ich empfinde es als einen Vorteil, dass wir nur kommunal gef\u00f6rdert werden, und nicht abh\u00e4ngig sind von Landesmitteln, weil die Leute, die \u00fcber uns entscheiden, uns kennen, wissen, wer wir sind und was wir machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Booking ist ja ein ziemlich wichtiges Element f\u00fcr den Erfolg des Hauses. Wie l\u00e4uft das intern, gibt es da einen Abstimmungsprozess, welche Bands spielen? Es gibt ja auch im Kassa ganz unterschiedliche Geschm\u00e4cker.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ist ja das, wovon das Haus lebt \u2013 dass die Leute ganz unterschiedliche Geschm\u00e4cker und Ideen haben. Wir hatten lange Zeit relativ regelm\u00e4\u00dfige Treffen mit den Bookern. Aber dadurch, dass man hier viel aufeinander sitzt und miteinander zu tun hat, spricht man sowieso miteinander, oder ruft mal kurz durch: Ey, ich hab hier die M\u00f6glichkeit dieses und jenes zu machen, was sagst&#8217;n du dazu? Und dann gibt es auch Sachen, die macht man einfach, weil man sich relativ sicher ist. Es gibt so ein paar wenige Geschichten, wo man wei\u00df, das funktioniert, und die anderen sind dabei, und tragen das mit, da muss man nicht mehr gro\u00df dr\u00fcber reden. Ich w\u00fcrde ja auch einen Teufel tun, Thomas zu sagen, wie er eine Technoparty machen soll, weil er das nat\u00fcrlich viel besser wei\u00df als ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gerade beim Thema Live-Musik spielt es auch eine gro\u00dfe Rolle, welche Kontakte man in die jeweilige Szene und zu den Agenturen hat. Es gibt genug Bands, wo ich mir nicht mehr aussuche, ob, wann und zu welchen Bedingungen ich das machen m\u00f6chte, sondern wo ich von der Agentur ein vertrauensw\u00fcrdiges Angebot kriege. Da geht es dann nur noch um die Machbarkeit, und ansonsten ist man einfach mehr oder weniger dankbar, dass man das Angebot gekriegt hat. Andererseits haben wir uns als Kassa das ja auch \u00fcber Jahre erstritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was genau erstritten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass Bands tats\u00e4chlich zu uns wollen. Wir hatten einige Bands hier, die m\u00fcssen nicht im Kassablanca spielen, die m\u00fcssen auch nicht in einem Laden spielen, der doppelt oder dreimal so gro\u00df ist. Die haben einfach Bock drauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Und was ist das, das die am Kassa so sch\u00e4tzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich glaube, der Umgang miteinander, auch tags\u00fcber, dass wir ne gute Mischung haben aus \u00dcberzeugung zur Musik und Spa\u00df dran, gepaart mit einem professionellen Arbeiten. Wir sind platzm\u00e4\u00dfig begrenzt. Aber das Ambiente ist halt sch\u00f6n, die Stimmung ist gut, das Publikum ist toll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was ist denn wichtig, damit Bands sich wohlf\u00fchlen? Gehst du mit den spazieren oder was?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn man Zeit hat. Ich war auch schon mit Bands beim Fu\u00dfball. Oder mit einem Tourmanager oder einem Booker, wenn alles l\u00e4uft und die Abteilung Technik besch\u00e4ftigt ist und es sind zwei Stunden Leerlauf, dann sackst du den ein und gehst in die S\u00fcdkurve. Essen ist ganz wichtig. Als ich angefangen habe, Booking zu machen, gab es eine Band, ich glaube Muff Potter, in deren Catering-Rider stand: an geraden Tagen Nudeln und an ungeraden Tagen Reis. Weil es halt \u00fcberall nur Nudeln mit Rot oder Reis mit Schei\u00df gab. Und damit es das nicht zweimal hintereinander gab, stand das so bei denen auf dem Zettel. Wenn du mal anrufst und fragst: Worauf habt ihr denn wirklich mal Bock, wollen wir mal was anderes machen? Dann wird das sofort wahrgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Also einfach ein guter Gastgeber sein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, am Ende sind es G\u00e4ste, und f\u00fcr mich als Booker ist es eine sehr sehr einfache Geschichte: Alles, was du einer Band Gutes tust, macht das Konzert besser. Und alles, was das Konzert besser macht, finden die Leute geiler, und dann kommt das Publikum auch wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>K\u00fcmmert ihr euch auch um die Unterkunft f\u00fcr die Bands?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum einen haben wir ein Hotel, mit dem wir fest zusammen arbeiten. Mittlerweile gibt es auch immer mehr Nightliner-Produktionen, wo die Bands nachts im Tourbus schlafen. Und unbedingt geh\u00f6rt auch unser Schlafwagen zum Ambiente des Ladens, der, seit er ausgebaut und saniert wurde, noch mal eine ganz andere Qualit\u00e4t hat. Gerade nicht-europ\u00e4ische Bands feiern das \u00fcbelst, in einem Schlafwagen russischen Fabrikats zu schlafen. Du f\u00e4llst direkt von der B\u00fchne ins Bett, musst nicht nochmal f\u00fcnf Kilometer mit dem Auto oder dem Taxi fahren, kannst doch mal noch ein Bier mehr trinken. Das geht zwar nur, wenn die Band Bock drauf hat. Aber ganz viele Sachen k\u00f6nnten wir nicht machen, wenn es den Schlafwagen nicht g\u00e4be. Wenn auf der Turmb\u00fchne zwei oder drei Bands von au\u00dferhalb spielen sollen und du musst da ein Hotel bezahlen, ist schnell soviel Geld weg, und dann kannst du es halt nicht machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f5-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3715\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f5-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f5-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f5-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f5-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Der Hierwirdimmerganzfestgeschlafenwagen. \u00a9Kassablanca Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Nach deinem 13-monatigen Zivildienst hast du f\u00fcr ein halbes Jahr in einer Grafikagentur gearbeitet und 1999 bist zur\u00fcck ins Kassa. In welcher Funktion bist du dann hier eingestellt worden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wei\u00df nicht, so richtig haben wir das nie benannt. Im Gro\u00dfen und Ganzen Konzerte und \u00d6ffentlichkeitsarbeit, Netzwerkarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Klingt so, dass es keine sehr feste Organisationsstruktur gibt im Kassa, sondern alles eher ein flie\u00dfender Prozess ist. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf jeden Fall. Das Programm h\u00e4ngt schon sehr stark davon ab, was den einzelnen Leuten so gef\u00e4llt, die hier aktiv sind, welche Ideen sie selbst einbringen. Klar gibt es ein gemeinsames Ziel. Wei\u00df gar nicht, ob man das definieren kann. Aber schon mit dem Schwerpunkt auf Subkultur. Aber man braucht immer den Input von Au\u00dfen, es passiert ja auch so viel. Als ich hier angefangen hab, gab es f\u00fcr mich eigentlich nur Punkrock und Hardcore und Geschrammel und Geschrei. Ich hab mich erst durch das Kassa langsam weiter ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Seit 1999 bist du hier fest eingestellt. Wie l\u00e4uft das, planst du l\u00e4ngerfristig oder verl\u00e4ngert sich dein Vertrag immer von Jahr zu Jahr?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jetzt mache ich mir eigentlich das erste Mal Gedanken, was sp\u00e4ter mal ist. Lange habe ich das gar nicht gemacht. Was das angeht, bin ich wahrscheinlich schon Punk. Ich hab das immer gern gemacht, sehr gern. Aber heute denke ich manchmal, wie naiv ich eigentlich war, mich in dieses Gesch\u00e4ft reinzuh\u00e4ngen, ohne von Tuten und Blasen eine Ahnung zu haben. Das einfach mal zu machen. Es dauert halt eine zeitlang, bist du das gro\u00dfe Ganze siehst. Ich habe 1999 hier ein Konzert gemacht mit Soulfly, das war das neue Projekt des S\u00e4ngers von <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sepultura\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sepultura<\/a><\/u>. Ich fand das total geil, dass wir das machen konnten. Da hab ich soviel gelernt an einem Tag wie nie. Die Kalkulation ist ja nur das eine, welche Gage die bekommen, und wie viel Eintritt wir nehmen m\u00fcssen. Es war klar, dass die H\u00fctte voll wird. Aber was es bedeutet, dann auf einmal mit solchen Stars umzugehen, und den Anspr\u00fcchen, die damit einhergehen, davon hatte ich keine Ahnung. Gerade f\u00fcr uns Zonis war das ja immer noch neu, dass es eine bestimmte Sorte Cola braucht, damit ein Konzert stattfinden kann oder so. Und vielleicht gibt es diese Cola in Ostdeutschland zu der Zeit gar nicht, und im Internet konnte man das auch nicht mal eben bestellen. Da h\u00e4tte soviel schief gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hast du ein paar Anekdoten zu besonders anspruchsvollen Bands?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da gibt es sicher einige, aber das muss wirklich nicht in die \u00d6ffentlichkeit, da geht es ja auch um Personen. Wir haben das halt im Kassa dann relativ schnell gelernt, dass man bestimmte Anspr\u00fcche erf\u00fcllen muss, damit es sch\u00f6n ist. Und versuchen auf unsere Art und Weise mehr als nur die Anspr\u00fcche zu erf\u00fcllen. Mittlerweile sehe ich auch manche Dinge einfach anders. Wo ich fr\u00fcher die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf zusammen geschlagen h\u00e4tte beim Blick auf den Catering-Rider einer ber\u00fchmten Band, habe ich heute auf dem Schirm, was das bedeutet, wenn man wochenlang auf Tour ist, vielleicht sogar in einem fremden Land oder Kontinent. Man kommt am Flughafen an, wird in einen Bus verfrachtet, f\u00e4hrt los, baut auf, macht einen Soundcheck, kriegt zu Essen, was auch immer man kriegt, macht ein Konzert, betrinkt sich, f\u00e4llt ins Bett und dann geht es zum n\u00e4chsten Venue. Und so geht das Tag f\u00fcr Tag f\u00fcr Tag. Wenn dann mal was sch\u00f6n ist, und man auch mal einen R\u00fcckzugsraum hat, dann macht das schon was aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>So ins kalte Wasser geschmissen zu werden \u2013 wird das immer noch praktiziert im Kassa oder w\u00e4r das heute einfach unprofessionell?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gerade unsere Lehrlinge oder Bufdis bringen viele Ideen ein und es ist auch immer noch ein Vorteil des Kassa, dass man ins kalte Wasser geworfen wird. Aber es steht dir auch immer jemand zur Seite, der dich machen l\u00e4sst, und eher unterst\u00fctzt als beeinflusst. Da braucht man auch Vertrauen. Meiner Meinung nach ist das ein wichtiger Teil des Kassa, aufmerksam zu sein und ein offenes Ohr zu haben, wenn etwas Neues passiert, Sachen mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f6-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3716\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f6-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f6-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f6-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-an-geraden-tagen-nudeln-f6-mit-bildunterschrift-foto-kassablanca1200.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Vor dem Konzert ist nach dem Konzert. \u00a9Kassablanca Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Irgendwie dachte ich immer, du bist Sozialarbeiter. Weil du so ein ausgeglichener Typ bist. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wei\u00df ich gar nicht, ob das so stimmt. Ich mache halt die Sachen gerne, f\u00fcr die ich mich interessiere. Das war schon in der Schule so. In den F\u00e4chern, die mich nicht interessiert haben, war ich ziemlich schlecht. Aber vielleicht denkst du das mit dem Sozialarbeiter auch nur, weil du mich vor ein paar Jahren mal zu dem <u><a href=\"https:\/\/krautreporter.de\/2318-wie-eine-schulerin-das-nachtleben-ihrer-stadt-fur-frauen-sicherer-machte?shared=780c5135-7151-4b60-997d-abb0163fe1c7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">offenen Brief von Alina Sonnenfeld interviewt hast<\/a><\/u>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Stimmt, da ging es um Sexismus in der Jenaer Clubkultur, um \u00dcbergriffe auf Frauen auch im Kassa.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine Erfahrung als Konzertveranstalter ist: Je mehr Frauen sich wohlf\u00fchlen bei einer Veranstaltung, umso sch\u00f6ner ist die Veranstaltung. Die besten Konzerte sind die, wo Frauen mit im Pogo-Mob sind, dort, wo es hei\u00df her geht in den ersten Reihen. Das ist leider viel seltener, als man denkt. Da reicht halt ein Vollidiot, der daf\u00fcr sorgt, dass es immer weniger Frauen in so einem Mob gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So ein Club spiegelt ja auch allt\u00e4gliche Gesellschaft wieder. Wenn sich Frauen sicher und wohl f\u00fchlen, dann ist das was Gutes. Gerade in einem Club- und Konzertkontext \u2013 man geht da ja hin, um sich frei zu f\u00fchlen. Alf (Kassa-Mitgr\u00fcnder Alf-K. Heinecke) sagt immer, Freiheit und Unbeschwertheit sind ganz wichtige Punkte f\u00fcr das Kassa. Es ist so schwer, w\u00e4hrend einer Pandemie irgendetwas zu machen, weil eben diese Unbeschwertheit nicht mehr da ist, wenn man aufpassen muss, dass man Abst\u00e4nde einh\u00e4lt und eine Maske tr\u00e4gt, oder nicht tanzen darf. Das entspricht alles Null dem, was hier normalerweise gelebt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><u><a href=\"https:\/\/krautreporter.de\/2318-wie-eine-schulerin-das-nachtleben-ihrer-stadt-fur-frauen-sicherer-machte?shared=780c5135-7151-4b60-997d-abb0163fe1c7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eure Reaktion auf die Kritik von Alina<\/a><\/u><\/strong><strong> fand ich stark. Ihr habt das angenommen, sie eingeladen und ihre Verbesserungsvorschl\u00e4ge umgesetzt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Frage stellt sich f\u00fcr mich gar nicht. Wenn jemand kommt und dieses Thema anspricht, dann nehme ich das ernst. Nat\u00fcrlich kann man sich auch bedroht f\u00fchlen von so einem offenen Brief wie von Alina. Weil wir das ja auch nicht wollen, was sie da beschreibt. Und was man nicht will, sieht man manchmal auch nicht. Das Thema war aber nicht neu, und wenn man sich mit Frauen unterh\u00e4lt, die schon l\u00e4nger bei uns ein- und ausgehen, wird das offensichtlich. Also muss man so einen Brief einfach als Anstupser sehen, oder als Arschtritt, dass es einfach wieder mal dran war, wieder mehr auf das Thema zu achten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Trotzdem, du machst das jetzt seit 22 Jahren. Es passiert ja dann vielen, dass sie denken, niemand kann ihnen noch was erz\u00e4hlen. Wie schafft man es, nicht betriebsblind zu werden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man muss sich schon immer hinterfragen. Gerade beim Thema Sexismus hat sich auch bei mir die Wahrnehmung ge\u00e4ndert in den letzten Jahren. Ich habe in den 90ern auch noch Spr\u00fcche gedr\u00fcckt, wo ich heute denke: Schei\u00dfe, daf\u00fcr sch\u00e4me ich mich echt. Obwohl ich ja schon in einer linken Szene gro\u00df geworden bin, wo das schon immer thematisiert wurde. Aber dazu muss man dann einfach stehen. Es war eine andere Zeit, trotzdem war es dumm. Kann ich nicht mehr zur\u00fcckdrehen. Aber ich kann probieren, dann eben heute geilen Schei\u00df zu machen, der tats\u00e4chlich auch gesellschaftlich etwas voranbringt. Was mir weiterhilft, ist die Arbeit, durch die ich viel Input habe, viele unterschiedliche Leute kennenlerne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr mich waren zum Beispiel <u><a href=\"https:\/\/buehne-fuer-menschenrechte.de\/nsu-monologe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die NSU-Monologe<\/a><\/u> eine wichtige Erfahrung. Da kamen Angeh\u00f6rige von Opfern zu Wort, und es ging mal nicht um Uwe, Uwe und Beate. Man muss den Betroffenen zuh\u00f6ren. Was soll ich schon \u00fcber Rassismus erz\u00e4hlen, der darunter noch nie zu leiden hatte? Und ganz \u00e4hnlich ist es beim Thema Sexismus. Wenn jemand darunter leidet, dann muss ich dem zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr mich ist es deshalb auch wichtig daf\u00fcr zu sorgen, dass wir mehr Frauen auf der B\u00fchne haben. Das ist gar nicht so einfach wie gesagt, denn die Branche ist sehr m\u00e4nnlich dominiert, und ich muss ja trotzdem auch wirtschaftlich arbeiten. Mich besch\u00e4ftigt auch die Frage, wie wir wieder mehr fremdsprachige Bands ins Programm aufnehmen k\u00f6nnen, gerade auch solche, die die Minderheiten hier in Jena ansprechen und reflektieren. Was das angeht, muss ich ehrlich sagen, fehlen mir im Moment die richtigen Kontakte. Ich bin halt selbst auch beeinflusst dadurch, dass ich zu einer bestimmten medialen Zielgruppe geh\u00f6re als wei\u00dfer <u><a href=\"https:\/\/www.liebesleben.de\/fuer-alle\/geschlechtsidentitaet\/cis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cis-Mann<\/a><\/u>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber das ist das Sch\u00f6ne an Jena, dass die Stadt so ein Schmelztiegel ist. Ich habe hier mal an einem Dienstagabend, da ist immer der schwul-lesbische Abend, die Queer-Lounge, eine Frau kennengelernt, mit der ich mich \u00fcber feministischen Hip Hop in Deutschland unterhielt. Sie kam aus Spanien und meinte, dort g\u00e4be es viel mehr davon, und dass sie mir mal ein paar Links schicken will. Acht Wochen lang ist nichts passiert, irgendwann kam eine Mail mit zweieinhalb Seiten voll Informationen zu Bands und Songs und Texten. Das hat mich v\u00f6llig geflasht und ein paar Sachen habe ich dann tats\u00e4chlich auch gebucht.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hast du Angst, zu alt f\u00fcr diesen Job zu werden? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Klar, das geh\u00f6rt glaube ich mit dazu. F\u00fcr mich ist es bis heute eine der geilsten Geschichten, wenn wir hier zusammen ein Konzert organisieren, und der Saal bebt. An einem gro\u00dfen Abend arbeiten hier bis zu 30 Leute, und man teilt diesen Moment mit der ganzen Crew. Diese sozialen Kontakte brechen nat\u00fcrlich durch die Pandemie massiv ein, und dann setzt so ein Alterungsprozess ein, hab ich das Gef\u00fchl. Es fehlt der Kontakt zu den vielen Leuten, die hier immer wieder neue Energie reinbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe gerade angefangen eine Liste zu machen, so A bis Z, mit allen Bands, mit denen ich bisher gearbeitet habe. Das mache ich noch nicht lange, aber es sind jetzt so 250 und das ist nur ein kleiner Teil. Deswegen hatte ich auch ein bisschen Panik vor diesem Interview, denn wenn ich anfange zur\u00fcck zu denken \u00fcber diese lange Zeit, dann ist das immer so punktuell. Und mir fallen da so viele geile Moment ein und es ist so schwer, da etwas raus zu greifen. Was mir bei der Arbeit an der Liste auch aufgefallen ist: Es dr\u00e4ngen sich vor allem die Bands in den Vordergrund, die ich nicht gemacht habe. Also Sachen, die mir fehlen, die ich super gern gemacht h\u00e4tte. Das ist gar nicht so f\u00fcrchterlich viel, das sind vielleicht so 20 oder so, wo wir vielleicht die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tten, das zu machen, und dann haben wir es aber aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nie gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Joe Strummer hatte ich zum Beispiel nie auf der B\u00fchne. Hab ich mich nie getraut, und dann ist er gestorben. Fugazi. Napalm Death. Toots &amp; The Maytals. Linton Kwesi Johnson. Na, vielleicht sind es auch mehr als 20.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"Christian Gesellmann\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann | \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Christian Gesellmann: Das Kassa feierte letztes Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit mehr als 20 Jahren holt Martin Dauel gro\u00dfartige Bands auf die B\u00fchne des Kassablanca. 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