{"id":3598,"date":"2021-02-08T07:36:00","date_gmt":"2021-02-08T06:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=3598"},"modified":"2021-02-05T16:14:43","modified_gmt":"2021-02-05T15:14:43","slug":"man-wollte-schreien-und-konnte-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/02\/08\/man-wollte-schreien-und-konnte-nicht\/","title":{"rendered":"\u201cMan wollte schreien, und konnte nicht\u201d"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Gabor Schablitzki ist einer der einflussreichsten Produzenten elektronischer Musik aus Deutschland. Solo ist er weltweit unterwegs als Robag Wruhme, fr\u00fcher bildete er zusammen mit S\u00f6ren Bodner (Monkey Maffia) das legend\u00e4re Duo Wighnomy Brothers. Er geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcndern des Jenaer Plattenlabels Freude Am Tanzen und sein Sound hat Generationen gepr\u00e4gt. \u201cDas ist alles im Kassa und durch das Kassa entstanden\u201d, erz\u00e4hlt er mir bei einem langen Spaziergang durch Weimar, und nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die wilden 90er. Mit gro\u00dfer Offenheit spricht er \u00fcber den Schock der Wende, Nazi-Polizisten, den Erfolg und die Sehnsucht nach guten alten Zeiten, die es nie gab. Oder doch&#8230; einmal vielleicht. Aber lesen Sie\/lest selbst.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Zur Vorbereitung unseres Gespr\u00e4chs habe ich dir zwei Interviews mit ehemaligen Weggef\u00e4hrten von dir im Kassablanca geschickt. Du hast gesagt, das hat direkt G\u00e4nsehaut und Tr\u00e4nen bei dir verursacht.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Tatsache, dass man an Sachen gar nicht mehr denkt, die einmal ein ganz wichtiger Teil des Lebens waren, worauf man aufgebaut hat, fand ich schon bemerkenswert. Das hat mich sozusagen von hinten eingeholt. Es war gut, sich das alles mal wieder vor Augen zu f\u00fchren, nochmal in diese Zeit eintauchen. Ich hab dann auch <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/07\/20\/kinder-des-kassa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ilja<\/a> gleich geschrieben und gesagt, dass ich stark beeindruckt war.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es war auch sehr interessant von<a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Inge<\/a> zu lesen, wie sie aufgewachsen ist und so. Das ist eine andere Vita, als ich zu erz\u00e4hlen habe. Ich bin ja doch etwas j\u00fcnger und in einer kleineren Stadt aufgewachsen. Aber ich glaube, dass sich unsere Wege immer irgendwie getroffen h\u00e4tten, egal wann der Mauerfall gekommen w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Man liest immer, du kommst aus Jena, aber eigentlich kommst du woanders her, oder?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich komme eigentlich aus Apolda, wie<a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/06\/15\/ich-werd-bloede\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Thomas Sperling<\/a>. Ich bin in Rudolstadt geboren, meine Eltern haben zur damaligen Zeit in Sachsen studiert, und dann war das so ne typische DDR-Geschichte: Fertig mit dem Studium, man brauchte einen Arbeitsplatz, einen Kinderkrippenplatz und eine Wohnung, und diese drei Punkte wurden in Apolda erf\u00fcllt, sodass meine Eltern dahin gezogen sind, als ich ein oder zwei Jahre alt war. Ich habe dort meine Kindheit verbracht. Als die Mauer fiel, hat es dann nicht lange gedauert, bis ich aus der Wohnung raus musste. Ich bin in der Platte gro\u00df geworden, teilte mit meinem kleinen Bruder ein sechs Quadratmeter gro\u00dfes Zimmer. Dadurch, dass von heute auf morgen das komplette System abgeschaltet wurde, und ein neues installiert, da gab es schon einige Dinge, die man erstmal so im Kopf ordnen musste. F\u00fcr eine kurze Zeit hatte ich eine Wohnung in Apolda und dann bin ich auch schon nach Jena gezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Zur Wende warst du wie alt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">15.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>So zeitig zu Hause ausgezogen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit einem sechs Jahre j\u00fcngeren Bruder auf sechs Quadratmetern in der Platte, das ging nicht gut. Zu DDR-Zeiten wurde durch die Lehrk\u00f6rper und \u00fcberhaupt durch das ganze System der Lebensweg schon vorbestimmt. Man hat mir nahegelegt, nicht wie alle anderen in Apolda Stricker zu werden, sondern Kunst und Musik zu studieren, weil ich wohl F\u00e4higkeiten besitze, die es zu f\u00f6rdern galt. Dann kam aber die Wende dazwischen. Mein Vater hat verst\u00e4ndlicherweise gesagt, nee, studieren ist erstmal nicht, du musst jetzt Geld verdienen. Das waren so die Reflexe, die eingesetzt haben, nachdem man gemerkt hat, ok, jetzt hat man zwar die wohlriechenden S\u00fc\u00dfigkeiten und Getr\u00e4nke im Regal, aber da klopft ein anderer Ernst des Lebens an die T\u00fcr. Keiner von uns wusste, wie man damit umgeht und wie man das am besten bewerkstelligt. Ich hab das als eine Art Paniksituation empfunden. Von heute auf morgen hat man meine Kindheit infrage gestellt, das war eine ganz schwierige Situation, und da ziehe ich auch die Parallelen zu <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inges Geschichte<\/a>. Freunde sind auf einmal Nazis geworden und haben einen verfolgt. Das ging bis zu Morddrohungen, einfach ein absoluter Wahnsinn.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir sind zwar in der DDR immer irgendwie mit dem Zweiten Weltkrieg und den Faschisten konfrontiert gewesen, aber der Nationalsozialismus hat in dieser Gesellschaft immer latent mitgewabert, genauso wie in der BRD. Durch die Gro\u00dfeltern wurde vieles einfach \u00fcbertragen. Ein Gro\u00dfvater von mir war in Stalingrad, und ich habe ihn irgendwann mal in den Sommerferien, wir hatten das in der Schule dran gehabt, gefragt, wie es war. Sein Gesicht hat sich versteinert und er hat den ganzen Tag nichts mehr gesagt. Ich habe mich auch nie wieder getraut, ihn so etwas zu fragen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab das Gef\u00fchl, dass mit dem Fall der Mauer ein Knoten platzte, und ein richtiger Schub los ging. Es war eine ekelhafte Zeit mit diesen Nazis.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/06\/15\/ich-werd-bloede\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Sperling<\/a> hat in Apolda die ersten Techno-Partys gemacht, so hab ich ihn kennengelernt. Wir sind beide oft nach Berlin gefahren, haben mit dem wenigen Lehrgeld, was wir bekamen, im Hard Wax, damals noch in der Reichenberger Stra\u00dfe 75, Platten eingekauft, und dann ging es noch in den Terrorladen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Was ist der Terrorladen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da gab es so einen Laden in Kreuzberg, der hat T-Shirts verkauft mit Handgranaten drauf, auf denen stand gro\u00df \u201eTerror.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Und damit bist du rumgelaufen damals?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe Wehrdienst verweigert, k\u00f6nnte niemals eine Waffe in die Hand nehmen. Deswegen ist das so kontr\u00e4r, in einem T-Shirt mit einer Handgranate rumzulaufen, aber es war einfach so in dem Moment: Man wollte schreien, und konnte nicht. Oder wenn man geschrien hat, hat es niemand geh\u00f6rt. F\u00fcr mich hat sich die Energie, die sich durch diese Ungewissheit entladen hat, wie Terror angef\u00fchlt. Und das war dann halt mein Ausdruck, mich zu positionieren. Wobei man sagen muss, dass es damals noch nicht so viele <a href=\"https:\/\/www.laenderdaten.info\/terrorismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schwere Terroranschl\u00e4ge<\/a> gab, der Begriff deshalb unbedarfter verwendet wurde. Heute w\u00fcrde ich das nat\u00fcrlich nicht mehr so machen. Aber damals ist man von politischen Ereignissen oder \u00fcberhaupt von der Wende so fertig gewesen, dass die Musik das beste Ventil dargestellt hat, und ich hab mich komplett darauf konzentriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Ventil f\u00fcr was?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass auf einmal alles infrage gestellt ist. Wir versuchten, eine komplette Dekade irgendwie auszuradieren. Die existierte nicht mehr. Oder man musste vorsichtig sein, wie man erz\u00e4hlt, dass man aus Ostdeutschland kommt. Es war alles sehr seltsam und hat vielleicht st\u00e4rker dazu gef\u00fchrt zu rebellieren, als wenn man anders, ohne Mauerfall aufgewachsen w\u00e4re. Aber 30 Jahre nach der Wiedervereinigung haben wir immer noch damit zu tun, dass gegen\u00fcber Ostdeutschland so eine tiefe Abneigung verbreitet wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f2-distille-cup-1999privat--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3602\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f2-distille-cup-1999privat--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f2-distille-cup-1999privat--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f2-distille-cup-1999privat--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f2-distille-cup-1999privat-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Gabor beim Distille-Cup 1999, dem Fu\u00dfballturnier des Clubs Distillery in Leipzig, im Dress von Lok Kassablanca (Nr. 24, \u201cBeefcake\u201d). \u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f3-distille-cup-1999privat--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3603\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f3-distille-cup-1999privat--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f3-distille-cup-1999privat--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f3-distille-cup-1999privat--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f3-distille-cup-1999privat-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Hast du ein Beispiel f\u00fcr so einen Moment, in dem du gern geschrien h\u00e4ttest, aber nicht konntest?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach einem meiner ersten Besuche im Kassablanca, damals noch im Villengang, wollte ich nach dem Konzert mit meinem Auto wieder nach Hause fahren, nach Apolda. Am Johannistor in Jena hielt mich eine Polizeistreife an. Es war morgens um 5. Ich sollte einen Alkoholtest machen. Das habe ich getan, und dann meinte der eine Polizist, dass doch mein Scheinwerfer kaputt sei. Ich schaute nach und sagte, nee der ist gar nicht kaputt. Dann trat er ihn kaputt und sagte: doch, der ist kaputt. Ich hatte l\u00e4ngere Haare, trug so ein Terror-T-Shirt \u2013 Indizien daf\u00fcr, links zu sein. Das war die Zeit, als der NSU in Ruhe sein Unwesen treiben konnte in Jena, unter anderem eine Kofferbombe f\u00fcrs Theatercaf\u00e9 baute, obwohl er von verschiedenen Beh\u00f6rden \u00fcberwacht wurde.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/angriffe\/interview-mit-ovidio\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">An dem Abend, als die Nazis den Villengang st\u00fcrmen wollten<\/a>, war ich auch da. Das war das erste Mal, dass ich so ein seltsames Gef\u00fchl hatte, das ich nicht einordnen konnte. Das kam alles beim Lesen des Interviews mit Inge wieder hoch. So ein Gef\u00fchl von Zerbrechlichkeit. Und dass wir als Gesellschaft viele Dinge auf der Strecke liegen gelassen haben.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ab einer gewissen Zeit ist das mit den Nazis auch weniger geworden. Aber sie waren immer noch allgegenw\u00e4rtig. Auf einmal sind die zu den Partys gekommen und wollten abklatschen. Die, die mich fr\u00fcher gejagt haben, fanden das auf einmal ganz cool, was ich bzw. wir da machen. Das war surreal. Aber es hat nicht dazu beigetragen, dass dieser Konflikt wieder reaktiviert wurde. Man hat so gedacht, gut, okay, die sind jetzt irgendwie auf einer anderen Schiene, das hat sich jetzt erledigt. Wobei sich dieser ganze Schei\u00df mit den Faschisten nie erledigen wird, du hast immer Leute, die so einen Nationalstolz haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Statt Musik und Kunst zu studieren, hast du dann doch eine Lehre gemacht.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hab aus schierer Verzweiflung versucht, erstmal irgendwas zu machen. Hab drei Anl\u00e4ufe genommen, bis ich bei etwas das Gef\u00fchl hatte, das k\u00f6nnte ich so halbwegs durchziehen. Durch einen Mitsch\u00fcler, dessen Eltern nach der Wende relativ schnell den Schalter umlegen konnten und eine Steuerkanzlei er\u00f6ffneten, kam ich zu einer Lehre als Steuerfachassistent. Der Abschluss hat dann dazu beigetragen, dass ich meinen Zivildienst im Kassa machen konnte. Das und Thomas Sperling nat\u00fcrlich. Und das hat dann wiederum dazu gef\u00fchrt, dass ich sp\u00e4ter auch im Kassa angestellt war und die Lohn- und Finanzbuchhaltung gemacht habe.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich bin dem Kassa so unfassbar dankbar daf\u00fcr, weil sich dadurch der Kreis wieder geschlossen hat, ich zur\u00fcck zur Musik und zur Kunst kam. Denn f\u00fcr mich war es in dieser Zeit unglaublich schwer, meinen Job richtig zu machen. Dass ich mich f\u00fcr Musik und Kunst interessiert habe, und das sehr sehr intensiv, das hat ja was mit Emotionalit\u00e4t zu tun, das war f\u00fcr mich eine Erf\u00fcllung. Das Schieben von Zahlen hingegen ist sehr rational. Dadurch, dass ich im Kassa beides an einem Ort erfuhr, wurde f\u00fcr mich schnell klar, was ich bevorzuge. Meine Arbeit, das Rationale, tat ich bald nur noch sehr ungern. Gleichzeitig begannen wir, im Kassa den Plattenladen und das Plattenlabel zu gr\u00fcnden, was ja dann auch sehr erfolgreich geworden ist. Das ist alles im Kassa und durch das Kassa entstanden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f4-lohnbuchhaltung-waggonprivat--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3605\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f4-lohnbuchhaltung-waggonprivat--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f4-lohnbuchhaltung-waggonprivat--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f4-lohnbuchhaltung-waggonprivat--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f4-lohnbuchhaltung-waggonprivat-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Im hinteren Waggon machte Gabor fr\u00fcher die Finanz- und Lohnbuchhaltung des Kassa. \u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Mit dir als Mann f\u00fcr die Finanzen, das hat kein gutes Ende genommen. Was war da los?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich war ehrlich gesagt ganz sch\u00f6n \u00fcberfordert. Das war ein ganz sch\u00f6nes Volumen, sowohl die Auszahlungen der Zivis und der Festangestellten zu bewerkstelligen, also Lohnbuchhaltung zu machen, als auch den wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb abzurechnen, den Zweckbetrieb und dann noch die F\u00f6rdermittel zu beantragen. Ich hab auch die Einnahmen zur Bank geschafft, war mit wahnsinnig viel Bargeld unterwegs, das war ne unheimliche Verantwortung. Ich hab das alles allein gemacht. Irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich mich nicht mehr getraut habe zu sagen, ich kann nicht mehr, das geht schief. Und dann ging es irgendwann einfach nicht mehr. Da gab es dann auch Unterhaltungen mit Inge. Die ich eigentlich nie als Mutti empfunden habe, sondern wirklich, wie sie es auch gesagt hat, wie eine Schwester. Sie hat mir in dieser Zeit auch geholfen, einen Weg raus zu finden, was dann dazu gef\u00fchrt hat, dass jemand anders eingesetzt wurde f\u00fcr den Job. Und man letztlich auch festgestellt hat, dass es zu viel f\u00fcr eine Person ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Also das hat nicht zu einem Bruch gef\u00fchrt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nein. Alf (Alf-K. Heinecke ist einer der Gr\u00fcnder des Kassa, C.G.) hat eine ganz sch\u00f6n dicke Haut gehabt. Wir haben eigentlich nie ein abschlie\u00dfendes Gespr\u00e4ch dar\u00fcber gehabt. Ich denke, alle haben einfach gesehen und verstanden, der Gabor ist einfach \u00fcberfordert, der hat seine Gedanken in der Musik, und da geh\u00f6rt er auch hin. Aber es hat nicht zu einem Bruch gef\u00fchrt. Der hat woanders stattgefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wo?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als ich dann irgendwann einen Burnout hatte und die Rei\u00dfleine ziehen musste, das hat zu Missverst\u00e4ndnissen gef\u00fchrt, nicht mit dem Kassa, sondern mit dem Label und letztlich mit Jena. Wir waren nicht wirklich in der Lage, das gut auszudiskutieren und eine L\u00f6sung zu finden. Beziehungsweise hab ich dann die L\u00f6sung darin gefunden, dass ich 2008 gesagt hab: Okay, ich muss hier raus. Ich verlasse die GbR, verlasse das Label, ich muss jetzt erstmal atmen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am 31.12.2009 haben S\u00f6ren und ich das letzte Mal zusammen als Wighnomy Brothers aufgelegt, in Hamburg, nachdem wir eine Mexiko- und USA-Tour gemacht haben, nachdem sich das eigentlich alles so angef\u00fchlt hat wie: Warum eigentlich trennen? Aber wir haben das dann doch durchgezogen, und seit dem geht jeder seinen eigenen Weg. Nach 17 Jahren gemeinsam Auflegen war das nat\u00fcrlich eine enorme Sache und hat zu Stimmungen gef\u00fchrt, die sich nicht so gut angef\u00fchlt haben. Und da gab es einen Bruch, und das war auch ganz schwer, damit umzugehen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr meine kreative Phase war es gut, weil ich die Musik immer dazu genutzt habe, um Dinge zu verarbeiten und da irgendwie die Energie, die nutzlos entstand, egal ob positiv oder negativ, reinpacken konnte. 2010 hab ich ein Album gemacht, zwei EPs, eine Mix-CD &#8211; das kam alles 2011 raus und hat den Grundstein gelegt f\u00fcr meine Solo-Karriere. Und dann war ich richtig unterwegs. Ich hab dann auch nochmal zwei Jahre gebraucht, ehe ich mich zurecht gefunden habe. Mir hat einfach die Kommunikation gefehlt. Wenn man da stundenlang im Flugzeug sitzt oder drei, vier Wochen auf Tour ist und nicht einfach zusammen abh\u00e4ngen kann, sondern sich allein die Zeit vertreiben muss. Ich bin nicht so der Typ, der rausgeht und sofort die Sonne genie\u00dft oder so. Ich muss mich erstmal akklimatisieren, muss mich erstmal so reintasten in alles. Gerade wenn man in einem Land ist, wo man die Sprache nicht versteht. Das war halt alles sehr neu.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"671\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-671x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3606\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-671x1000.jpg 671w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-335x500.jpg 335w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-768x1145.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-1030x1536.jpg 1030w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag-463x690.jpg 463w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f5-interview-gabor-soeren-1995t-mag.jpg 1171w\" sizes=\"auto, (max-width: 671px) 100vw, 671px\" \/><figcaption>\u201cDie E-W\u00fcrfler machen sich kaputt\u201d &#8211; legend\u00e4res und wahrscheinlich erstes Interview der eher unbekannten Apoldaer DJs S\u00f6ren und Gabor aus dem Jahr 1995. Erschienen im wunderbaren, leider nicht mehr existenten T-Mag.** \u00a9T-Mag<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><b>Techno hast du vorher auch schon gemacht. Was hat das Kassa f\u00fcr dich zu so einem wichtigen Anziehungspunkt gemacht, abgesehen von der Arbeit?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den Techno hatte ich vor dem Kassa schon entdeckt und lieben gelernt. Kassa war nochmal die Intensivierung des Gef\u00fchls, weil da alle m\u00f6glichen Menschen aufeinander getroffen sind. Ich habe da so viel gelernt, was Toleranz angeht, Verst\u00e4ndnis zu haben. Es gibt eine Anekdote, die das ganz gut beschreibt: Im Turmcaf\u00e9 gab es oben unter dem Dach so eine kleine DJ-Kanzel. Da hab ich Musik aufgelegt, den ganzen Abend so ganz entspannte Kaffee-Musik gespielt. Irgendwann dachte ich, gut okay, langsam gehts hier gen Ende, ich spiel jetzt noch irgendwas aus der Zeit, wo ich Kind war. Ich wei\u00df nicht mehr genau, was ich da gespielt hab, aber es war irgendwas bekanntes wie City oder Puhdys. Auf jeden Fall gab es einen ganz heftigen Disput, weil jemand, der am Einlass arbeitete, eine ganz andere Geschichte aus der DDR zu erz\u00e4hlen hatte als ich, und ihn hat das Lied eben nicht wie mich an die alte Zeit erinnert mit einer sch\u00f6nen Verbindung, sondern er hat totale Panik bekommen, hat sich \u00fcberhaupt nicht wohlgef\u00fchlt. Er mich angemacht, wie ich denn darauf k\u00e4me, so eine Musik zu spielen. Sowas konnte nur im Kassa passieren, das war wirklich ein Treffpunkt von ganz speziellen Seelen, und da bin ich unfassbar dankbar daf\u00fcr. Egal, welches Konzert stattgefunden hat, ich wollte eigentlich bei jedem dabei sein. Da war es v\u00f6llig egal, ob das Hip Hop, Dub oder Reggae war, ob das Theaterst\u00fccke waren, politische Podiumsdiskussionen, alles.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es war schwer, da am Tag zu arbeiten und die Zahlen zu machen, sich am Abend in die Halle reinzustellen und aufzugehen, dann nach Hause zu fahren, Musik zu machen bis fr\u00fch um 5, und dann wieder auf Arbeit zu gehen &#8211; das war ne ganz verr\u00fcckte Zeit. Aber da ist so viel passiert in mir, gerade weil man mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun hatte, das mich definitiv sehr sehr stark gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"630\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f6-ontheroadagainprivat-.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3607\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f6-ontheroadagainprivat-.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f6-ontheroadagainprivat--500x315.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f6-ontheroadagainprivat--768x484.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>On the road again. \u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><b>Dass man auch lernt, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen&#8230;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja nat\u00fcrlich. Ich hatte das vorher nie gehabt, dass jemand was anderes aus der DDR erz\u00e4hlen konnte. Man hat nat\u00fcrlich gewusst, da gab es was. Ich hatte zum Beispiel das Problem, dass ich in der Schule recht gut war. Das f\u00fchrte dazu, dass irgendwann mal zwei Offiziere zu uns in den Unterricht kamen. Sie baten unsere Klassenlehrerin, ihnen das Klassenbuch zu zeigen, wo die ganzen Noten drin standen, und dann haben sie kurz miteinander gesprochen. Dann haben sie gesagt: Schablitzki, Wolter, mal bitte rauskommen. Dann haben die zwei Offiziere uns in so einen dunkelgr\u00fcnen Wartburg reingesetzt, und wir sind von Apolda nach Erfurt gefahren in die NVA-Kaserne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Einfach so aus dem Unterricht raus?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Einfach so, und da wurde uns die Kaserne gezeigt. Alle Soldaten super freundlich, haben gesagt, das sei das Geilste der Welt da abzuh\u00e4ngen und Dinge zu machen. Das ging ein paar Stunden, wir wurden vom Unterricht frei gestellt nat\u00fcrlich, und als wir dann wieder nach Hause gebracht wurden, drehte sich der eine Offizier um und fragte, und, hat euch das gefallen? K\u00f6nntet ihr euch vorstellen, Berufssoldat zu werden? Wir waren dann so perplex, weil wir \u00fcberhaupt keine Zeit hatten zu verinnerlichen, was das bedeutet, wir waren noch Kinder, und haben halt so gesagt, ja klar, warum nicht. Problem war, dass meine Eltern dann einen Brief vom Kreiswehrersatzamt bekamen, in dem stand, dass ich mich verpflichtet h\u00e4tte, zur Volksarmee zu gehen. Mein Vater musste dann mit mir dorthin gehen und hat mich da rausgeholt. Ich wei\u00df nicht, was er gemacht hat, denn ich durfte den Raum nicht betreten, aber er hat mich da rausgeholt. Das ist aber auch die einzige Geschichte, die ich pers\u00f6nlich jetzt negativ erlebt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber das ist, was ich damit meinte mit: Inges und mein Lebensweg h\u00e4tten sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter angen\u00e4hert, denn wenn ich \u00e4lter geworden w\u00e4re, h\u00e4tte ich auch angefangen Fragen zu stellen, Dinge nicht gut zu finden und Probleme zu bekommen. Ich bin nicht unbedingt der einfachste Mensch, aber wenn etwas unfair ist, dann mach ich den Mund auf. Und das h\u00e4tte gewiss dazu gef\u00fchrt, dass ich in der DDR Probleme bekommen h\u00e4tte. Zumal ich ja eigentlich schon eine ganz gute Karriere hingelegt habe. Ich war Freundschaftsratsvorsitzender.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Du warst was?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich war der Vorsitzende der Jung- und Th\u00e4lmannpioniere an meiner Schule. Daf\u00fcr musste man schon durch verschiedene Instanzen gegangen sein, wurde erstmal in den Gruppenrat gew\u00e4hlt, vom Gruppenrat zum Gruppenratsvorsitzenden, dann ist man in den Freundschaftsrat und da musste man dann auch zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt werden. Als Sechstkl\u00e4ssler hatte ich drei Streifen auf meinem Pionierhemd und war total \u00fcberfordert. Ich hab das irgendwie gemacht, ohne je \u00fcber Ideologie nachzudenken. Ich dachte einfach, das geh\u00f6rt dazu. Wenn ich mir heute \u00fcberlege, wie diese ganzen Appelle durchgezogen wurden \u2013 unser Staatsb\u00fcrgerkundelehrer stand drau\u00dfen immer auf dem Podest und hatte bei feierlichen Anl\u00e4ssen eine Waffe mit, um Salven abzuschie\u00dfen, und ich kann bis heute noch meine Meldung an die Pionierleiterin, so drin ist das. Soweit vom Faschismus entfernt war das gar nicht. Da fing es dann auch an, dass ich dachte, hier l\u00e4uft irgendwas falsch, irgendwie f\u00fchle ich mich nicht richtig. Ich bin dann zur Pionierleiterin, h\u00f6ren Sie zu, ich kann das nicht machen, ich f\u00fchle das nicht. Sofort bin ich dann weitergeleitet worden zur Repr\u00e4sentantin unserer Schule f\u00fcr die SED, und hab standgehalten und meinen Job als Freundschaftsratsvorsitzender gek\u00fcndigt. Dann war ich nat\u00fcrlich nichts mehr, wurde degradiert. Meine schulischen Leistungen sind auch schlechter geworden, aber ich habe mich irgendwie befreit gef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f7-gabor-schablitzki-2018katja-ruge--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3608\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f7-gabor-schablitzki-2018katja-ruge--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f7-gabor-schablitzki-2018katja-ruge--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f7-gabor-schablitzki-2018katja-ruge--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f7-gabor-schablitzki-2018katja-ruge-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Schmiss den Job als Freundschaftsratsvorsitzender: Gabor Schablitzki. \u00a9Katja Ruge<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Diskutieren zu lernen, heute ist das ja eine Phrase. Aber die Wende war diesbez\u00fcglich Stunde Null in Ostdeutschland. Ich musste \u00fcber die Anekdote aus dem Kindergarten nachdenken, die du dem Magazin <\/b><a href=\"http:\/\/dasfilter.com\/sounds\/von-einem-tag-auf-den-anderen-wurde-meine-kindheit-in-frage-gestellt-robag-wruhme-im-grossen-sommer-interview\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Das Filter<\/b><\/a><b> erz\u00e4hlt hast \u2013 dar\u00fcber, wie krass gehorsam Kinder sein mussten.&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es war schon eine ganz spezielle Zeit Anfang der 90er. F\u00fcr die Generation meiner Eltern, die die DDR viel l\u00e4nger mitmachen mussten, war das ja nochmal ne ganz andere Geschichte. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass die anf\u00e4ngliche Euphorie \u00fcber die Wende schnell nachgelassen hat, als sie gemerkt haben, wie es wirklich aussieht. Sch\u00f6n, dass man reisen darf \u2013 aber um reisen zu k\u00f6nnen, muss man Geld haben, und daf\u00fcr braucht man einen Job.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Sehnsucht nach der Vergangenheit ist ein wichtiges Thema in deiner Musik. Das empfinden Menschen auf der ganzen Welt so, unabh\u00e4ngig davon, ob sie diesen Systembruch nachvollziehen k\u00f6nnen, den du mitgemacht hast. Was ist es genau, wonach du dich sehnst?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe meine Kindheit sehr genossen, davon profitiere ich auch, und die Sehnsucht besteht einfach darin, einmal so einen Spaziergang wie wir ihn jetzt machen, durch diese DDR-Zeit zu machen. Nur f\u00fcr mich, als Kind, so ein Fr\u00fchlingstag in den Osterferien bei meinen Gro\u00dfeltern zu sp\u00fcren, ohne irgendetwas zu glorifizieren. Ich war in dem Moment mit mir als Kind komplett im Reinen, nichts war irgendwie \u00fcberdreht, alle waren weitestgehend freundlich zueinander. Das lag ja auch daran, dass alle das Gleiche hatten. Es gab nichts, wof\u00fcr der eine auf den anderen neidisch war, man hat permanent so eine gewisse Geborgenheit und Freundlichkeit gesp\u00fcrt. Dieses Ellenbogenverhalten, wie es jetzt der Fall ist, gab es nicht. Aber es geh\u00f6rt mit dazu, das ist auch ein Teil unserer Gesellschaft, und man muss sich damit arrangieren. Man kann dann selbst entscheiden, wie man andere Wege nutzt oder aufzeigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Robag Wruhme - Thora Vukk (PAMPACD002)\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Wni1wLMk2SE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>2009 erschien der Techno-Dokumentarfilm Speaking in Code, f\u00fcr den ein Kamerateam aus den USA unter anderem Mode Selektor, Ellen Allien und den Wighnomy Brothers zu Auftritten um die halbe Welt folgte. Irgendwann besuchen sie dich, S\u00f6ren Bodner und das Kassablanca in Jena. Du und Thomas Sperling stellt der Filmcrew das neue Urinal in der Herrentoilette vor, das ihr Niagara getauft&nbsp; habt.* Und Mario Willms, der als Douglas Greed ebenfalls bei Freude Am Tanzen ver\u00f6ffentlicht, sagt: \u201eWir haben hier so ein bissl Kommunismus.\u201c Was denkst du, hat er damals gemeint?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit dem Begriff Kommunismus hab ich erstmal ein Problem. Der wird oft falsch verwendet. Es ist und bleibt eine philosophische Idee von Friedrich und Karl und hat noch nie existiert. Und wird wahrscheinlich auch nie so existieren k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Au\u00dferdem hab ich dir ja gestern schon gesagt, dass ich diese Doku gar nicht mochte. Ich hatte damals stark mit mir zu k\u00e4mpfen. Wir hatten innerhalb sehr kurzer Zeit etwas aufgebaut, was dazu gef\u00fchrt hat, dass wir am Ende weltweit unterwegs waren. Wir sind 2005 das erste Mal nach Japan, haben danach das erste Mal eine S\u00fcdamerika-Tour gemacht, Uruguay, Chile, Mexiko und all diese Eindr\u00fccke, das war erschlagend. Und wenn man sich dann bewusst wurde, dass man das alles geschafft hat, weil man Musik gemacht hat, war das zerm\u00fcrbend, weil ich dachte, man muss jetzt das Level halten, oder sogar weiter steigern, um weiter mitmachen zu k\u00f6nnen. Irgendwann habe ich mich \u00fcbernommen. Labelarbeit und Musik machen, an den Wochenenden unterwegs sein, hin und her zu fliegen, das war dann irgendwie zu viel. Und genau in diese Zeit fiel der Dreh f\u00fcr den Dokumentarfilm. Man hat einfach gemerkt, dass es mir nicht gut ging. Pl\u00f6tzlich ging der Film gar nicht mehr so sehr um unser Label und unsere Gemeinschaft, sondern war auf meine Person bezogen. Als der Film Premiere hatte, waren wir gerade auf USA-Tour und die haben uns eingeladen in ein Kino nach Boston. Das Kino war voll. Die haben dem Publikum gesagt, wir haben zwei Protagonisten hier und die stehen euch dann nach dem Film f\u00fcr eure Fragen zu Verf\u00fcgung. Das war \u00fcberhaupt nicht abgesprochen. Genau wie der Inhalt des Filmes. Ich bin dann w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung in meinem Sitz immer kleiner geworden und irgendwann bin ich abgehauen. Weil ich wusste, wenn da einer eine Frage h\u00e4tte, ich k\u00f6nnte die \u00fcberhaupt nicht beantworten. Es kam dann zu einem relativ intensiven Schlagabtausch, ich musste denen das einfach sagen, dass ich das nicht in Ordnung finde. Es gibt ja noch diese andere Szene im Film, wo der Journalist Philip Sherburne in Tr\u00e4nen ausbricht, als er \u00fcber seinen Vater spricht. Das war mir neu, ich kannte Journalismus in der Form noch nicht, dass man nicht aus Respekt die Kamera wegzieht, sondern einfach drauf l\u00e4sst. Das ist ein sehr intimer Moment, das fand ich einfach nicht gut. Das hat in mir viele Fragen hinterlassen und das konnte ich nicht einordnen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Okay, verstehe. Aber nochmal zur\u00fcck zum Gemeinschaftsgef\u00fchl.&nbsp;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir waren in Jena, in dieser sch\u00f6nen Stadt, und haben etwas aufgebaut. Und wir hatten einfach Gl\u00fcck. 1998, als wir das Label ins Leben gerufen haben, gab es bereits einen Einsturz in der Musikindustrie, und in dieser Talsohle haben wir angesetzt, und dann ging das halt nur bergauf. Und auf einmal hat man nach Jena geschaut. Das war nat\u00fcrlich schon geil. Wir waren ziemlich unbeaufsichtigt in unserem kleinen Paradies und haben sehr viel \u00fcberhaupt nicht mitbekommen. Was dazu beigetragen hat, dass wir halt einfach unser Ding gemacht haben. Das hat scheinbar viele beeindruckt und wir l\u00f6sten einen kleinen Freude Am Tanzen\/Musik Krause-Boom aus. Es hat sich nat\u00fcrlich sehr gut angef\u00fchlt, das als Gruppe zu erleben, statt dass ein einzelner davon profitiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f8-berguen-2004tociwashere--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3609\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f8-berguen-2004tociwashere--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f8-berguen-2004tociwashere--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f8-berguen-2004tociwashere--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f8-berguen-2004tociwashere-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Gabor 2004 in Berg\u00fcn (Schweiz) bei der Arbeit an seinem stilbildenden Solo-Album Wuzzelbud KK. \u00a9tociwashere<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Gabor im Studio ist nicht gleich Gabor im Club oder im wirklichen Leben. Du brauchst Alleinsein \u2013 was beziehst du aus dem Gemeinschaftlichen f\u00fcr den kreativen Prozess?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was das Label und den Laden ausgemacht hat, war, dass wir das immer gemeinsam gemacht haben. Wir haben viele Fehler gemacht, aber die haben wir auch gemeinsam ausgestanden. Aber wenn ich ins Musikzimmer bin, egal ob das im Keller des Kassa war, oder dann sp\u00e4ter im Schillerg\u00e4sschen, hab ich da die T\u00fcr zugeschlossen und war in meiner eigenen Welt. Gemeinschaft hat nicht zum kreativen Prozess beigetragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Hast du den Schl\u00fcssel zum Kassa gehabt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, ich konnte kommen und gehen, wie ich wollte. Das Studio lag genau gegen\u00fcber von den M\u00e4nnertoiletten. Wenn da ne <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/01\/25\/schaedel-on-the-dancefloor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gothic-Party<\/a> war oder so, hab ich die T\u00fcr von innen abgeschlossen und hab da Bumms gemacht. Aber irgendwann musste ich ja auch mal auf Toilette und dann kam ich raus und die ganzen Gothics haben mich angeguckt, als w\u00e4r ich ein Geist. Ich hatte auch so einen wirren Blick. Wenn man stundenlang hochkonzentriert arbeitet und auf Monitore guckt, dann hat man eben einen irren Gesichtsausdruck. Aber das war eine sch\u00f6ne Zeit. Das war gut.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Irgendwann bist du ja nicht nur wegen deines irren Blickes erkannt worden, sondern bist eine kleine Ber\u00fchmtheit geworden. Wie hat sich das angef\u00fchlt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als meine Frau schwanger war, haben wir uns in Jena nach einer Wohnung umgeschaut, die gro\u00df genug f\u00fcr uns ist, und einfach nix gefunden. Deswegen sind wir nach Weimar gezogen. Ich mochte Weimar eigentlich gar nicht, aber als wir hier waren, hab ich es sehr genossen, dass ich raus aus diesem Jena-Ding war. Wenn wir im Kassa gespielt haben am Mittwoch, da sind ja teilweise so viele Menschen gekommen. Wenn man den ganzen Abend so im Spot steht, und jetzt ist Jena auch nicht ne supergro\u00dfe Stadt, dann passiert das schon, dass sich ein Gesicht einpr\u00e4gt im Laufe des Abends. Da war es manchmal vorgekommen, dass, wenn ich einkaufen ging, ein paar Minuten sp\u00e4ter das Ganze bei Facebook kommentiert wurde. Gabor war einkaufen. Wo ich dann dachte, ey, das ist doch irre. Oder wenn man irgendwo in eine Bar gekommen ist, hat man halt ein Getr\u00e4nk hingestellt bekommen. Was dann halt dazu gef\u00fchrt hat, dass man sehr schnell und g\u00fcnstig betrunken war. Ich dachte, okay, das kann ich jetzt noch eine Zeit lang hier so machen, aber irgendwann bereitet jemand den Denkzettel vor daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f9-freudeamtanzen-2004tociwashere--1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3611\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f9-freudeamtanzen-2004tociwashere--1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f9-freudeamtanzen-2004tociwashere--500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f9-freudeamtanzen-2004tociwashere--768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/02\/jenakultur-man-wollte-schreien-und-konnte-nicht-f9-freudeamtanzen-2004tociwashere-.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Wilde Zeiten: S\u00f6ren Bodner und Gabor 2004 bei der Freude Am Tanzen Party 6x3x2 im Kassablanca. \u00a9tociwashere<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">Es f\u00fchlt sich gut an, wenn du auf einem super vollen Festival spielst oder in einem Club und du merkst, dass die Leute das m\u00f6gen. Solche Momente machen auch ein bisschen s\u00fcchtig. Allerdings birgt sowas immer eine Gefahr. Ich hatte zweimal mit Stalkern zu tun, das f\u00fchlte sich nicht gut an.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Genau wie die Frage, was einmal ist, wenn die Nachfrage mal nicht mehr da ist, wenn keiner mehr interessiert ist an einem. So eine Sache ist sehr zerbrechlich, und man kann das genie\u00dfen, aber man muss vorsichtig sein. So schnell wie es kommt, so schnell kann es auch wieder gehen. Und sp\u00e4testens dann, wenn man anfangen will, das zu kontrollieren, wird es ohnehin schei\u00dfe. Weil man dann anf\u00e4ngt Dinge zu tun, die man nicht f\u00fcr sich tut, sondern f\u00fcr \u201edie Leute\u201c. Und das finde ich nicht attraktiv.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wann spielst du wieder mal im Kassa?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Pause ist jetzt schon ziemlich lang, so viele Jahre habe ich das Kassa nicht mehr betreten. Eigentlich sollte es letztes Jahr stattfinden zum 30. Geburtstag. Ich h\u00e4tte das so wahnsinnig toll gefunden, da mal wieder zu spielen. Da krieg ich auch gerade wieder eine G\u00e4nsehaut. Weil man ja so viele N\u00e4chte dort verbracht hat, vor der B\u00fchne und auf der B\u00fchne. Ich bin eigentlich nicht so der Partyg\u00e4nger. Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr in Clubs, wenn ich da nichts zu tun habe, einfach so als Gast. Ich w\u00fcrde da nur alles kaputt machen, weil ich sofort jede Millisekunde, die mir ins Ohr schwebt, analysieren w\u00fcrde. Ich kann das nicht abstellen.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie der Koch, der im Restaurant isst?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, und dann mache ich jedem in meinem n\u00e4heren Umfeld die Party kaputt. Eins meiner sch\u00f6nsten Erlebnisse als DJ war im Kassa. Eine zeitlang hatte ich sonntags so ein Chill out\/Ambient Caf\u00e9 zu gestalten, und ich hab dann immer die kleine Tanzfl\u00e4che vom Turm mit Matratzen und Kissen ausgelegt, hab mich hinten in die Ecke rein gestellt und aufgelegt. Die Leute haben sich oben einen Kaffee oder Tee geholt und sich auf die Matratzen gesetzt, und ich dann den ganzen Nachmittag bis abends gespielt. Ich hab das Licht ganz dunkel gemacht, und als irgendwann zwei Uhr morgens das Zeichen kam, dass ich Schluss machen soll und ich die Musik runtergefahren habe, da war auf einmal alles ganz still. Ich dachte erst, h\u00e4, was ist denn hier los, gar keine Leute mehr da, oder was? Und dann guck, und es sind wirklich alle eingeschlafen. Das war so ein ganz friedliches Schlafen. Ich bin dann \u00fcber die Leute dr\u00fcber gestiegen und hochgegangen, hab noch einen Kaffee getrunken und gedacht, wie geil ist das denn. Und dann hab ich mich in mein Auto gesetzt und bin zur\u00fcck nach Apolda gefahren.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das geh\u00f6rt immer noch zu meinen Top 5- DJ-Momenten.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Wie gehts dir mit dem Lockdown?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja nicht gut. Am Anfang, nachdem sich dieses anf\u00e4ngliche, apokalyptische Gef\u00fchl gelegt hat, hab ich es genossen. Wenn ich mir die letzten knapp 30 Jahre zu Gem\u00fcte f\u00fchre, ist es einfacher, die freien Wochenenden aufzuz\u00e4hlen als die, an denen ich unterwegs war. Ich hab ja auch wirklich so ganz verr\u00fcckte Sachen gemacht. So f\u00fcr ein Wochenende nach Japan fliegen, wieder zur\u00fcck, Sohnemann in den Kindergarten bringen, um dann das n\u00e4chste Wochenende nach Hong Kong zu fliegen. Oder ich bin von Ecuador aus f\u00fcr ein Wochenende nach Australien, da hab ich zum ersten Mal gesp\u00fcrt, was Jetlag wirklich hei\u00dft, richtig mit Gliederschmerzen und allem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und das hat sich einfach gut angef\u00fchlt, nach 30 Jahren einfach mal zu wissen, okay, es geht jetzt grade nicht, nichts geht. Es hat sich so eine Ruhe eingestellt. Aber das ist jetzt auch seit einigen Wochen schon vorbei, also diese Ruhe kann jetzt so langsam aufh\u00f6ren. Wieder raus zu k\u00f6nnen, und wieder in einem Club zu stehen oder auf einem Festival und laute Musik zu spielen, das m\u00f6chte ich schon sehr gern, das fehlt mir.&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\">*Das im Jahr 2004 eingebaute Urinal in der Herrentoilette des Kassablanca wurde nicht Niagara getauft, wie mich Herr Alf-K. Heinecke per Mail informierte, sondern hei\u00dft seitens des Herstellers so. Die exakte Produktbezeichnung der Firma Franke aus Hard in \u00d6sterreich lautet Reihenurinal NIAGARA CMPX551. Eingebaut wurde es durch die Firma Gebauer&amp;Lipp. Der Sohn von Gebauer oder Lipp, genauer lie\u00df es sich nicht mehr rekonstruieren, entwarf f\u00fcr das Siemens-Steuerrelais sogar ein eigenes Computerprogramm, um die Sp\u00fclfrequenz des Urinals zu optimieren, inklusive Reinigungsintervall bei Nichtbenutzung. \u201cAufgrund der Verstopfungsh\u00e4ufigkeit wollten wir sp\u00e4ter die Sp\u00fclfrequenz erh\u00f6hen\u201d, sagt Heinecke, aber \u201cSohnemann war nicht mehr kontaktierbar.\u201d Nach ausufernder Telefonrecherche sei bei der Firma ASI ein Spezialist f\u00fcr das Siemens-Steuerrelais gefunden und ins Kassa beordert worden. \u201cEr kam nach einer Weile mit gro\u00dfen Augen aus dem Keller und meinte: \u2018Das Urinal ist passwortgesch\u00fctzt!\u2019 Er hat es dann doch irgendwie hingekriegt.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">**F\u00fcr die Archivfotos geht mal wieder ein gro\u00dfer Dank an <a href=\"https:\/\/www.tociland.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tino!<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Christian Gesellmann: Das Kassa feierte letztes Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabor Schablitzki ist einer der einflussreichsten Produzenten elektronischer Musik aus Deutschland. Solo ist er weltweit unterwegs als Robag Wruhme, fr\u00fcher bildete er zusammen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":3613,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,16,17,26],"tags":[522,673,675,464,508,550,507,82,153,248,674],"class_list":["post-3598","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kulturfoerderung","category-kulturpreise-stipendien","category-villa-rosenthal","tag-30-jahre-kassa","tag-dj","tag-geschichte","tag-interview","tag-kassa","tag-kassablanca","tag-kassablanca-jena","tag-kultur","tag-musik","tag-stipendium","tag-techno"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3598"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3634,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3598\/revisions\/3634"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}