{"id":3498,"date":"2021-01-25T07:33:00","date_gmt":"2021-01-25T06:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=3498"},"modified":"2021-01-21T15:05:40","modified_gmt":"2021-01-21T14:05:40","slug":"schaedel-on-the-dancefloor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2021\/01\/25\/schaedel-on-the-dancefloor\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4del on the Dancefloor"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In den 90er-Jahren wurde das Kassablanca durch die Black Channel-Parties zu einem der wichtigsten Treffpunkte f\u00fcr die Schwarze Szene Deutschlands. Immer donnerstags sorgten Heiko Schle\u00dfier und J\u00f6rg Drochner f\u00fcr authentische Friedhofsatmosph\u00e4re. Manchmal auch ein bisschen zu authentisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Kennengelernt haben wir uns etwa 1986 im Zug von Gera nach Jena. Wir sind damals beide in Gera auf die Berufsschule gegangen, ich machte eine Ausbildung zum B\u00e4cker und Heiko zum Facharbeiter f\u00fcr Lagerwirtschaft. Und dann haben wir uns im Impuls wiedergetroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Der Impuls war ein Jugendclub in Lobeda-West, der 2004 geschlossen wurde. Seit 2009 ist in dem Geb\u00e4ude das <u><a href=\"https:\/\/www.otz.de\/leben\/land-und-leute\/zum-beliebten-treff-gemausert-der-kubus-in-jena-wird-zehn-id225372787.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KuBus<\/a><\/u>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Damals waren die Jugendclubs die einzigen Treffpunkte f\u00fcr Jugendliche. Und da standen wir oft davor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Ich hab in dem Block gegen\u00fcber vom Impuls gewohnt, vom Balkon aus hab ich Heiko und seine Leute immer dort rumstehen sehen. Ich fand das toll wie die aussahen, mit was f\u00fcr Frisuren die da zur Sch\u00fclerdisco gegangen sind. Bei denen hatte ich gleich das Gef\u00fchl, die sind richtig gestrickt. Ich selber bin da eigentlich noch wie so ein Spie\u00dfer rumgelaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Warum standet ihr immer davor, und wart nicht drin?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Na das war immer voll. Kamst nicht rein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Gab nicht so viele Clubs in Jena, und so independent-m\u00e4\u00dfig schon gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Wenn da Disco war, sind alle hingegangen. Mehr gabs halt nicht. Einmal im Monat war noch was im Volkshaus, da war man dann schon scharf drauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Manchmal haben wir uns da auch reingeschmuggelt \u00fcber Hintert\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Automatisch hat man sich eigentlich mit jedem bekannt gemacht, der anders aussah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Anders aussehen, was hie\u00df das bei euch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Na, du hast ja die alten Fotos von uns gesehen. Waver halt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-schaedel-on-the-dancefloor-blackchannel2heidi-gumpert-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3501\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-schaedel-on-the-dancefloor-blackchannel2heidi-gumpert-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-schaedel-on-the-dancefloor-blackchannel2heidi-gumpert-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-schaedel-on-the-dancefloor-blackchannel2heidi-gumpert-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-schaedel-on-the-dancefloor-blackchannel2heidi-gumpert.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9 Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Damals hat man eigentlich jeden angequatscht, der so ein bissl anders aussah. Wenn man jemanden im Bus gesehen hat, der die Haare an den Seiten abrasiert hatte, dann hat man den angelabert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ab 1990 habt ihr dann im Kassablanca donnerstags die Black Channel Party gemacht. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Genau, die ersten Black Channel-Parties waren im Villengang, dem ersten Domizil des Kassa. In dem Geb\u00e4ude sa\u00df eigentlich der &#8222;Klub der Intelligenz&#8220;. Da haben sich Professoren und sowas getroffen. Und dann gab es noch einen N\u00e4hzirkel. Der hintere Raum war voll N\u00e4hmaschinen. Und weil die nichts mit uns zu tun haben wollten, sind die sofort ausgezogen. Das waren halt Professoren, die wollten nichts mit Kassablanca und Kiffern und Schwulen oder irgend sowas zu tun haben. Und dann haben wir dort gleich Disco gemacht. So Independent-Disco. Erst ging es los mit Punkbands und Ska, alles was so ein bisschen anders war. Und dann haben wir irgendwann angefangen mit Darkwave-Disco, und auch damit, den Raum zu schm\u00fccken, mit Laub und Efeu und solchem Kram.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><em>In der DDR gab es 1989 etwa 170 \u201cKlubs der Intelligenz\u201d, sie waren eine Einrichtung des Kulturbundes der DDR und hatten in der Regel zwischen 100 und 2000 Mitglieder. Der Jenaer Klub der Intelligenz hatte seinen Sitz im Villengang, im Geb\u00e4ude des Fischer-Verlags. In den 70er-Jahren war er teilweise auch Treffpunkt der \u201cJugendopposition\u201d. Am 17. November 1976 fand hier eine Lesung des Schriftstellers Jurek Becker statt. \u201cIm Publikum sind viele junge Leute. Gespannt warten alle darauf, was Jurek Becker zur Ausb\u00fcrgerung (von Wolf Biermann, C.G.) sagen wird. (&#8230;) Pl\u00f6tzlich wird aus der Lesung eine politische Veranstaltung. Der offizielle Veranstalter bekommt Angst und bricht nach wenigen Minuten die Diskussion ab. Er schickt alle G\u00e4ste nach Hause.\u201d (<u><a href=\"https:\/\/www.jugendopposition.de\/themen\/145336\/proteste-in-jena\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.jugendopposition.de<\/a><\/u>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Die halbe Woche hab ich im Wald Laub gesammelt, und dann haben wir das auf die Tanzfl\u00e4che gestreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Und mit Grabsteinen aus Polystyrol, und Tiersch\u00e4deln und so nem Schei\u00df geschm\u00fcckt. So ein bissl Friedhofsstimmung sollte das erzeugen, oder Waldatmosph\u00e4re. Jeder konnte da eigentlich was anderes empfinden. Wir hatten sogar mal einen echten Grabstein und einen echten Menschensch\u00e4del. Wir haben uns da gar keine Gedanken dr\u00fcber gemacht, waren vielleicht auch bissl abgestumpft. Naja, unvorstellbar heute. Waren andere Zeiten. Den Sch\u00e4del hatte ich mal in W\u00f6llnitz gefunden, der lag einfach auf einer Mauer, als da Bauarbeiten waren auf dem Friedhof. Da ist Alf dann aber eingeschritten, das war ihm zu krass, piet\u00e4tlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Damals war das generell sehr verp\u00f6nt, was wir da f\u00fcr ne \u00c4sthetik gefahren haben. Die Nachbarn wollten jedenfalls nichts mit uns zu tun haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heiko<\/strong>: Au\u00dferdem haben wir viele Kerzen aufgestellt und wenn du dann noch \u2018ne Nebelmaschine hattest, da hast du dann schon so das richtige Gef\u00fchl reinbekommen. Zu Beginn war die Musik auch noch sehr gemischt, angefangen bei <u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ajfVT_uk6j4&amp;ab_channel=DeadCanDance-Topic\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dead Can Dance<\/a><\/u> \u00fcber Mittelaltermusik bis EBM, von New Wave, Punk bis Gothic Rock, Gitarre oder elektronisch, Synthiepop, alles in dieser Richtung konnte man da mit reinbringen, und deswegen hatten wir auch so viele G\u00e4ste. Weil die auch von \u00fcberall herkamen. Aus Erfurt, aus Leipzig. Wenn die nicht kamen, kamen die anderen aus dem Erzgebirge und Chemnitz oder sonstwo. Wir hatten donnerstags immer 300 Leute. Manchmal waren da gef\u00fchlt nur zehn aus Jena dabei.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Das subkulturell stets hervorragend unterrichtete T-Mag (leider eingestellt) widmete dem Black Channel in der Ausgabe von Dezember 1996 eine ganze Seite. Dort lesen wir: \u201cEnde 1990 ging es donnerstags los mit einer alles \u00fcberspannenden Indie-Disko, bei der von Punk, Ostindie und Cure und Sisters of Mercy alles lief. Heiko hatte damals einen CD-Kaufrausch und so konnte er die neue Ware unters Volk bringen. Schnell wurde die Musik zunehmend d\u00fcsterer und das Publikum auch. Bereits nach einem halben Jahr wurde der Donnerstags-Termin zur festen Dark-Wave-Institution. Zus\u00e4tzlich fanden die ersten Konzerte statt. (&#8230;) Heute steht Black Channel schon lange nicht mehr nur f\u00fcr Dark Wave\/ Gothic. L\u00e4ngst wird Donnerstags auch EBM, Industrial und 80er-Jahre Musik zu Geh\u00f6r gebracht (&#8230;) finden im Kassablanca Wave und Industrial Partys statt. Nat\u00fcrlich auch nicht vergessen darf man die Sontagsparty Schrille Rille, bei der alles querbeet l\u00e4uft. Die musikalische Heimat der beiden erg\u00e4nzt sich perfekt: J\u00f6rg bedient den Dark-Bereich, Heiko die Industrial-Freaks. Wobei immer wichtig ist, da\u00df kein Schund aus den Boxen quillt. Bands wie Lacrimosa oder Umbra et Imago haben keine Chance. (&#8230;) Auch sind bald die neuen, zus\u00e4tzlichen R\u00e4ume f\u00fcr das Kassablanca fertig, wobei Black Channel am 19.12.1996 eine inoffizielle Er\u00f6ffnungsparty veranstaltet. (&#8230;) An ihr Publikum gerichtet verk\u00fcnden die zwei nur eins: \u2018Wir lieben euch alle\u2019\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel3t-mag-1196-1-1000x525.jpg\" alt=\"Ausschnitt aus dem T-Mag vom Dezember 1996 mit einer Doppelseite zum Black Channel\" class=\"wp-image-3504\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel3t-mag-1196-1-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel3t-mag-1196-1-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel3t-mag-1196-1-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel3t-mag-1196-1.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9T-Mag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg:<\/strong> Teilweise kamen sie auch aus Westdeutschland, weil die gelangweilt waren von ihren Diskotheken. Es gab zwar auch generell nicht viele, die dieses Genre bedienten, aber bei uns war es schon besonders. Ich kann mich an ein P\u00e4rchen aus K\u00f6ln erinnern, das regelm\u00e4\u00dfig nach Jena gefahren ist, nur f\u00fcr unsere Partys.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Ich hatte auch in jedem Kassablanca \u2013 im Villengang, im Paradiescaf\u00e9 und dann auch hier am Westbahnhof \u2013 einen Plattenladen: Schrille Rille.<\/p>\n<p><strong>Was war der Anlass f\u00fcr euch, dass ihr gesagt habt: Jetzt starten wir selbst eine Partyreihe?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Na, weil wir es endlich durften.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Ich war schon zu Ostzeiten Discjockey. Daf\u00fcr musste ich sogar einen Lehrgang machen und eine sogenannte Einstufung. Ich hab aber keine Termine gekriegt, weil ich eine andere Diskothek machen wollte. Die ganzen FDJ-Jugendklubs wollten mich nicht reinlassen. Auftritte hatte ich erst ab 1990, da hab ich Alf kennengelernt, hab gesagt, hier, ich kann Independent-Disco machen, auch Bands und sowas organisieren, und da hat er gesagt, gut, machen wir mal. So fing das an.<\/p>\n<p><strong>Erz\u00e4hl bitte mal was zur Einstufung. Was ist das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Du musstest erst einen Lehrgang machen, da haben sie dir erz\u00e4hlt, was so die Auflagen sind, wie viel Musik aus dem Osten du spielen musst, und wie man so Ansagen am Mikrofon macht zwischen den Titeln und sowas. Haupts\u00e4chlich musste man anwesend sein und seine Unterschrift kriegen, damit man die Einstufung machen konnte. Das war eine Art Pr\u00fcfung, bei der ein paar Funktion\u00e4re im Jugendclub sa\u00dfen, denen man praktisch vorspielen musste. Die haben dann entschieden, ob du geeignet bist, auf die Menschheit losgelassen zu werden. Das schwierigste war aber eigentlich, dass es gar keine Verst\u00e4rker und Boxen zu kaufen gab, du musstest dir alles selbst bauen. Ich kannte einen, der hat eine Lichtanlage aus Trabantgl\u00fchbirnen und Blument\u00f6pfen gebastelt. Ich habe Bassboxen selbst gebaut, hab die 150 Watt-Lautsprecher umwickeln lassen auf 100 Watt. Und ein anderer Freund wusste, wie man einen Verst\u00e4rker baut. Und dann haben wir uns zu dritt vor die Jury hingesetzt mit unserem zusammengest\u00fcckelten Zeug, um unsere Einstufung zu machen. Die haben wir auch geschafft. Die Urkunde hab ich noch, sieht l\u00e4cherlich aus, irgendsoein gelbes Blatt mit nem Stempel drauf vom Rat der Kultur der so. Hat mir aber wie gesagt nichts gen\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><em>Zum Ende der DDR gab es rund 7000 staatlich gepr\u00fcfte \u201cSchallplattenunterhalter\u201d &#8211; was wenig mit dem zu tun hatte, was man sich heute so unter DJs vorstellt. In diesem <u><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/ddr-dj-a-949202.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel \u00fcber DJ Happy Vibes<\/a><\/u> kannst du mehr \u00fcber die besonderen Probleme der Ost-DJs mit Technik und Beh\u00f6rden erfahren. Die Doku <u><a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/video\/mdr-videos\/reportagen-dokus\/video-eins-zwei-tip-fuer-immer-disko-in-der-ddr100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201c1-2-tip f\u00fcr immer &#8211; Disko in der DDR\u201d<\/a><\/u> gibt einen Eindruck in die damalige Party-,Trink- und Jugendkultur Ostdeutschlands.<\/em><\/p>\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Es gab eine Quote f\u00fcr Ost-Musik?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Ja, 60 Prozent musste aus der DDR stammen. Das war aber schwierig, weil gar keiner Ost-Musik h\u00f6ren wollte. Zum Ende der DDR hin h\u00f6rte ich zwar tats\u00e4chlich viel Musik, die in der DDR entstanden war, aber das waren Bands, die schon Richtung Punk gingen. Manche sind sogar bei <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/DT64\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DT64<\/a><\/u> gespielt worden, das war richtig gut eigentlich. So Sachen wie <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feeling_B\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Feeling B<\/a><\/u> (mit Keyboarder\/Bassist Christian \u201cFlake\u201d Lorenz und Gitarrist Paul Landers, die sp\u00e4ter Teil der Band Rammstein wurden, C.G.), <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Skeptiker\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Skeptiker<\/a><\/u> oder <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/AG._Geige\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AG. Geige<\/a><\/u> (mit S\u00e4nger Jan Kummer, Vater der Kraftklub-Mitglieder Felix und Till Kummer, C.G.). Die waren aber so halb verboten, und es gab sie nur auf Kassette. Damit hast du dann aufgelegt bei den Diskotheken. Ich musste immer haufenweise Kassetten vorspulen.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Du hast immer zwei Leute gebraucht: der eine musste spulen, der andere legte auf. So haben wir \u00fcbrigens als DJs zusammen gefunden. Ich musste meistens spulen.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Ich war der erste in Jena, der mit CDs aufgelegt hat, besa\u00df etwa 50 CDs, bevor ich mir \u00fcberhaupt das erste CD-Laufwerk leistete. 50 CDs, aber keinen CD-Player. Weil die CDs aber auch so teuer waren! 35 DM, wenn du die normal gekauft hast, das war ein Haufen Geld. Irgendwann hab ich dann mal in Berlin auf dem Tr\u00f6dlermarkt entdeckt, dass da nur Leute waren, die so Sachen geh\u00f6rt haben wie ich, und dass die dort ihre CDs wieder verkauft haben, wenn sie kein Geld hatten. Da konntest du dann auf einmal f\u00fcr 10 DM CDs kaufen, und dann auch noch die Independent-Musik, die du sonst \u00fcberall suchen musstest. Da hab ich mir erstmal einen ganzen Rucksack voll CDs gekauft.<\/p>\n<p><strong>Warum eigentlich Laub auf der Tanzfl\u00e4che?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Na, damit das aussieht wie im Wald. Wir haben ja auch richtig B\u00e4ume reingeschleppt. Und wenn es dann dunkel war zur Party, und da war noch Nebel, da konntest du dir richtig vorstellen, du bist in der Natur. Dann noch bissl d\u00fcstere Musik und dann haben wir noch paar R\u00e4ucherst\u00e4bchen angemacht.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00f6n gruselig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: In Bayreuth haben wir das zum ersten Mal gesehen, da sind wir nach der Wende mal hingefahren.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: In der \u201cEtage\u201d. Das war so ein richtig d\u00fcsterer Klub, in der ersten Etage eines Hauses. Da stand der S\u00e4nger von &#8222;<u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Ich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Ich<\/a><\/u>&#8222;, Stefan Ackermann, am Einlass. Der hatte sich einen Totenkopf aufs Gesicht geschminkt und sa\u00df hinter einer Kerze allein am Einlass.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das Ich - Reanimat\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/negFek556ag?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u201cTod, Verwesung, Einsamkeit, Krieg &#8211; bei den Gruftis werden Schwermut und Tristesse zum Kult erhoben. (&#8230;) Besungen wird alles, was die Gesellschaft bedroht und die Menschheit zerst\u00f6rt. Mit Todessehnsucht und Weltuntergangsstimmung k\u00f6nnen sich beide trotzdem nicht identifizieren\u201d, hei\u00dft es in dieser <u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=83NXN6mlzP8&amp;ab_channel=xxxclaudexxx\">SWR1-Doku<\/a><\/u> aus dem Jahr 1996 \u00fcber die Musiker Bruno Kramm und Stefan Ackermann, die das Duo Das Ich bilden. \u201cIch bin mit Sicherheit kein Mensch, der den ganzen Tag nur traurig aus der W\u00e4sche guckt. Ich bin sehr lebenslustig, ich wei\u00df, dass das Leben mir sehr viel zu bieten hat. Aber die ganze Weltsituation im Moment macht mich schon teilweise sehr depressiv\u201d, sagt Kramm. Stefan Ackermann erkl\u00e4rt, dass die Farbe Schwarz der Grundtenor sei, wenn man sich mit \u201cExistenzialismus, den Randbereichen des Lebens und den Schmerzen des einzelnen Individuums in der modernistischen Gesellschaft\u201d besch\u00e4ftige. \u201cAls Musiker haben wir die M\u00f6glichkeit, unsere Hass-Gedanken und unsere negativen Gef\u00fchle zu kanalisieren. (&#8230;) Entsprechend sind wir auch sehr ausgewogene Menschen\u201d, so Ackermann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Die <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Etage_(Club)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Etage in Bayreuth<\/a><\/u> und der <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zwischenfall_(Diskothek)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zwischenfall in Bochum<\/a><\/u>, das waren eigentlich so die bekanntesten Dark Wave Clubs in Westdeutschland. Das haben wir in irgendeiner Zeitschrift mal gelesen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel4heidi-gumpert-1000x525.jpg\" alt=\"Heiko Schle\u00dfier und J\u00f6rg Drochner auf der B\u00fchne des Kassablanca Jena sitzend\" class=\"wp-image-3505\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel4heidi-gumpert-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel4heidi-gumpert-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel4heidi-gumpert-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2021\/01\/jenakultur-blackchannel4heidi-gumpert.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9Heidi Gumpert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Goethes Erben, Catastrophe Ballet, Preachers of Sadness und Artwork waren so Bands, die \u00fcber der &#8222;Etage&#8220; auch ihr Tonstudio hatten. Ich wollte schon immer solche Musik machen, und dort haben wir gleich die richtigen Leute kennengelernt und nach Jena eingeladen.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Das war gro\u00dfartig, denn vorher als Teenager konntest du die Musik, auf die wir standen, in Clubs ja nie h\u00f6ren. Also, die DJs haben die vielleicht gehabt, aber nie gespielt.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Bei uns musstest zum DJ gehen und dir das w\u00fcnschen, Depeche Mode oder so, und dann hat der dich erstmal vorm Publikum beleidigt, &#8222;Ey, jetzt kommt was f\u00fcr die <u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PDWk9OmDJUs&amp;ab_channel=Kids4m3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fraggels<\/a><\/u>!&#8220;, weil wir halt solche Haare hatten. Dann standen da meist auch ein paar Metaller, die uns paar aufs Maul hauen wollten. Das war eigentlich immer so ein Spie\u00dfrutenlauf. Das war der eigentliche Grund, warum ich DJ werden wollte. Weil die, die es gab, nie unsere Musik gespielt haben.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Au\u00dfer man kannte halt den DJ, dann hat er mal zwei Titel gespielt.<\/p>\n<p><strong>In alten Interviews unterscheidet ihr h\u00e4ufig zwischen \u201cNormalsterblichen\u201d und euch. Was hat euch denn so anders gemacht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Wir wollten eigentlich einfach in Ruhe unsere Musik h\u00f6ren. Der Gro\u00dfteil der Leute, die Otto Normalverbraucher, die haben Antenne Th\u00fcringen geh\u00f6rt und sind wie die Roboter arbeiten gegangen und sahen alle gleich aus. Wir wurden immer diskriminiert. So wie wir rumgelaufen sind, das hat niemanden gepasst, wir wurden verpr\u00fcgelt. Die \u00e4lteren Leute, wenn die uns gesehen haben in der Stadt, die dachten gleich: Katastrophe! Aber uns gings eigentlich nur um die Musik, nichts anderes.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><em>Im Dezember 1995 organisierten Heiko und J\u00f6rg ein Konzert der Band Goethes Erben im Planetarium, das von rund 50 Neonazis angegriffen wurde. Etwa 600 Jugendliche aus der Gothic-Szene waren im \u00fcberf\u00fcllten Planetarium und \u201cdann geschah das Unfassbare: Die Rechtsradikalen st\u00fcrmten das Gel\u00e4nde des Planetariums, versuchten in das Geb\u00e4ude zu gelangen. Doch die Ordner des Kassablanca, das Anfang der 90er Jahre mehrfach von Neonazis angegriffen wurde, und des Planetariums reagierten blitzschnell, schlossen die T\u00fcren des Einganges und die zum eigentlichen Vorf\u00fchr- und Konzertraum. Letztere waren nur von innen zu \u00f6ffnen. In ihrer Zerst\u00f6rungswut versuchten die Angreifer, den gl\u00e4sernen Planetariumsumgang zu zerst\u00f6ren. Dies gelang nur teilweise, denn der bestand damals schon aus Panzerglas\u201d, <u><a href=\"https:\/\/www.otz.de\/politik\/liess-der-verfassungsschutz-1995-die-jenaer-polizei-auflaufen-id218068093.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beschreibt Reporter Frank D\u00f6bert in der OTZ<\/a><\/u>. <\/em><\/p>\n<p><em>D\u00f6bert fand 2011 heraus, dass sich unter den 39 festgenommenen Neonazis damals auch ein gewisser Tino Brandt befand. Der war stellvertretender Vorsitzender der Th\u00fcringer NPD und einer der engsten vertrauten des NSU-Trios. \u201cEr tauchte ab 1995 mit zunehmender Intensit\u00e4t in den j\u00e4hrlichen Th\u00fcringer Verfassungsschutzberichten auf. Was dort freilich nicht zu lesen war: Der damals 20-J\u00e4hrige stand seit 1994 auf der Gehaltsliste der Th\u00fcringer Schlapph\u00fcte und erhielt als V-Mann mit dem Decknamen &#8222;Otto&#8220; f\u00fcr seine Zutr\u00e4gerdienste nicht gerade bescheidene Summen. Im selben Jahr 1994 war er einer der Initiatoren des &#8222;Anti-Antifa&#8220;-Netzwerkes, aus dem 1996 der &#8222;Th\u00fcringer Heimatschutz&#8220; hervorging. Die Truppe machte sich mit zunehmender Militanz in ganz Th\u00fcringen bemerkbar, eines der Zentren ihrer Aktivit\u00e4ten war Jena.\u201d<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><em>Ein Interview mit Frank D\u00f6bert \u00fcber seine gut 30-j\u00e4hrige Berichterstattung \u00fcber das Kassablanca kann <u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/05\/04\/zieh-dich-doch-mal-ordentlich-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a><\/u> nachgelesen werden.<br><\/em><em>Wie sich das Kassa gegen Neonazi-Angriffe wehrte, beschreibt die ehemalige Sozialarbeiterin Ingrid Sebastian <u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/\">hier <\/a><\/u>im Interview.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignfull\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p><strong>Hattet ihr eine bestimmte Motivation daf\u00fcr, dass ihr euch durch eure Outfits und Frisuren so exponiert habt \u2013 insbesondere, wenn dadurch Pr\u00fcgel drohte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Hauptsache anders sein. Das was gerade als normal gilt, muss immer hinterfragt werden, auch heute.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Ich kann nur sagen: Spa\u00df. Mir hat das gefallen. Ich wollte mich nicht ausgrenzen, sondern einfach sagen: das bin ich. Unsere Klamotten haben wir auch viel selber gemacht, gef\u00e4rbt und gen\u00e4ht. Und Haare f\u00e4rben war ja auch nicht ganz einfach.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Du wolltest dir die Haare blond f\u00e4rben, und die sind einfach nur \u00fcbelst gelb geworden. Da musstest du dann noch \u2018ne Blausp\u00fclung drauf machen.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Das ist dann auch mal schief gegangen, dann sind die Haare so lila geworden. Da haben dann immer alle gesagt, du siehst aus wie Margot Honecker.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Margot Honecker - Rede Berlin 1989\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/osvBfTCNBfs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich hab meine Haare damals wei\u00df bekommen mit Wasserstoffperoxid aus der Apotheke. Aber das war halt schlecht f\u00fcr die Haare. Haarspray war auch so ein Thema. Gab es vor der Wende auch nicht. Wir kannten aber viele Friseusen, da haben wir uns Rat geholt.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Das war vielleicht auch einfach die Jugendlichkeit, dass man sich ausprobiert. Mir hat Boy George immer gefallen, so wollte ich auch aussehen. Ich erinnere mich noch an den ersten Jungen in meiner Schule, der einen Ohrring hatte. Der musste zum Direktor, ist gefragt worden, ob er was gegen den Staat h\u00e4tte. Das hatte gar nichts damit zu tun, du wolltest einfach nur einen Ohrring haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Culture Club - Do You Really Want To Hurt Me (Official Video)\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/2nXGPZaTKik?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Und diese ganze d\u00fcstere Symbolik? Grabsteine? Und immer nur Schwarz tragen? Wart ihr traurig?<\/strong><\/p>\n<p>J\u00f6rg: Ach, wir haben viele bunte Klamotten getragen. Ich glaub nicht, dass ich trauriger war als andere Leute. Das ist ein Klischee.<\/p>\n<p>Heiko: Ich hatte alle Wellen schon durch. Die Musik hatte eigentlich immer Vorrang. Wenn ich 70er Jahre-Partys gemacht hab, hab ich dann halt auch mal ein rotes Hemd angezogen. Meist landet man aber doch irgendwie bei Schwarz. Traurig ist trotzdem das falsche Wort. Melancholie triffts eher, die kann ja auch mal sch\u00f6n sein.<\/p>\n<p><strong>Apropos Melancholie. Black Channel gibt es inzwischen nicht mehr im Kassa, das Publikum blieb irgendwann aus. Zum Wave-Gotik-Treffen in Leipzig kamen hingegen zuletzt 20.000 Besucher. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Wir haben die Er\u00f6ffnungsdisko f\u00fcr das erste <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wave-Gotik-Treffen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wave-Gotik-Treffen<\/a><\/u> gemacht, 1992 in Leipzig. Die Veranstalter sind damals auch bei uns zu Gast gewesen, bevor sie ihr erstes Festival gestartet haben, und haben sich die Disko angeguckt. So haben wir die kennengelernt.<\/p>\n<p><strong>Warum seid ihr so erfolgreich und stilbildend f\u00fcr eure Szene geworden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Sowas gab es halt nirgendwo anders. Und hier im Kassa lief das ganz unkompliziert, da musste jetzt niemand \u00fcberredet werden oder so. Ich konnte mit jeder Musikrichtung, die im Kassa lief, was anfangen, und hab da erstmal DJ gemacht nach Konzerten, und so hab ich Bands wie Deine Lakaien kennengelernt, bei denen auch Mikrofone auf- und abgebaut, und dann mit Alf geredet und eine eigene Partyreihe gestartet.<\/p>\n<p><strong>Wie kamt ihr auf den Namen Black Channel?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Na erst wollte ich das<u><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9JJc4M65d20&amp;ab_channel=RetroDFF\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Der Schwarze Kanal<\/a><\/u> nennen, so wollte ich mich schon zu Ostzeiten nennen, aber das war mir dann zu politisch wegen Schnitzler. Bei der Indie-Disko hab ich auch manchmal die Anfangsmelodie vom Schwarzen Kanal gespielt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Schwarze Kanal - Intro DFF\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9JJc4M65d20?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Erst wollten wir uns Danse Macabre nennen. Das stand sogar auf unserem ersten Plakat. Aber so hie\u00df schon das Musiklabel von Das Ich. Also mussten wir uns dann anders nennen.<\/p>\n<p><strong>Sind die Black Channel Parties und alles was damit zusammenhing zu eurem Hauptberuf geworden, oder hattet ihr das quasi nebenbei gemacht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Ab 1993 hatte ich noch eine halbe Stelle hier im Kassa, bis 2000. Danach habe ich mich selbstst\u00e4ndig gemacht im Konzert- und DJ-Bereich.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Ich war auch 15 Jahre Vereinsvorsitzender hier im Kassa, hab aber eher im Hintergrund gewirkt. Ich war die meiste Zeit hauptberuflich DJ, aber halt nicht nur mit Black Channel. Als DJ Schrille Rille hab ich 70er, 80er, 90er-Jahre Disco gemacht. Ich habe aber auch House, Techno und andere Musikrichtungen aufgelegt, wof\u00fcr ich dann jeweils andere Namen benutzt habe: Sweet Charlotte, Marita Schreck, Klangkrieger.<\/p>\n<p><strong>Was hat das Kassa f\u00fcr euch bedeutet?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg<\/strong>: Ich hab hier wahnsinnig viel gelernt. Alls, was man im Zusammenhang mit B\u00fchnen so lernen kann, alles hier learning by doing selbst beigebracht. Das n\u00fctzt mir auch heute noch viel.<\/p>\n<p><strong>Heiko<\/strong>: Am Anfang war das Kassa f\u00fcr mich alles. Deswegen bin ich da auch gro\u00dfe Risiken eingegangen, hab f\u00fcr Kredite geb\u00fcrgt und sowas. Wir standen ja \u00f6fter mal vor einem Schuldenberg. Riesen Strom- oder Telefonrechnungen, weil jemand seine Mutter in Bayern angerufen hat, war ja alles sauteuer noch damals, oder jemand hat so eine 500 Watt-Kanne mal angelassen beim Aufbau, solche Sachen. Wir haben auch beide in der K\u00fcche mitgearbeitet, wo es auch oft Verluste gab, weil wir nur die billigen Sachen wie Pommes verkauft haben, und die teuren Sachen hat dann das Personal gegessen. Oder Leute, die haben anschreiben lassen, und sind dann einfach verschwunden irgendwann, und wir sa\u00dfen da mit der Rechnung. Das waren immer solche Sachen, wo man dann auch jemand wie Alf braucht, der da ein Machtwort spricht. F\u00fcr sowas war ich nicht der Typ.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Gesellmann: Das Kassa feierte letztes Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann | \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 90er-Jahren wurde das Kassablanca durch die Black Channel-Parties zu einem der wichtigsten Treffpunkte f\u00fcr die Schwarze Szene Deutschlands. Immer donnerstags sorgten Heiko Schle\u00dfier und J\u00f6rg Drochner f\u00fcr authentische Friedhofsatmosph\u00e4re. Manchmal auch ein bisschen zu authentisch.<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":3503,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,16,17,26],"tags":[522,667,668,666,464,508,550,507],"class_list":["post-3498","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kulturfoerderung","category-kulturpreise-stipendien","category-villa-rosenthal","tag-30-jahre-kassa","tag-black-channel","tag-dark-wave","tag-gothic","tag-interview","tag-kassa","tag-kassablanca","tag-kassablanca-jena"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3498","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3498"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3564,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3498\/revisions\/3564"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}