{"id":3238,"date":"2020-11-16T07:17:00","date_gmt":"2020-11-16T06:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=3238"},"modified":"2020-11-13T13:06:35","modified_gmt":"2020-11-13T12:06:35","slug":"hafen-im-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/11\/16\/hafen-im-sturm\/","title":{"rendered":"Hafen im Sturm"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Hausbesetzerin, Barkeeperin, Sozialarbeiterin: Ingrid Sebastian schrieb die literarischsten Konzepte, die je im Jenaer Jugendamt eingetroffen sind, erlebte die #Baseballschl\u00e4gerjahre hautnah mit, und dass sie immer \u201cMutti\u201d genannt wird, gef\u00e4llt ihr gar nicht: Inge pr\u00e4gte 13 Jahre lang die Jugendsozialarbeit des Kassablanca. In ihrer neuen Heimat Rostock habe ich sie zum Interview getroffen. <\/em><\/p>\n<p><strong>Du stammst eigentlich aus Rathenow in Brandenburg. Was hat dich \u00fcberhaupt nach Jena verschlagen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe 1987 hier eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester begonnen. Meine Mutter stammte aus Jena, sie war, wie viele Frauen in meiner Familie, Kinderkrankenschwester, und hat immer davon geschw\u00e4rmt. Da dachte ich, ich probier das mal aus. Anfangs wohnte ich im Studentenwohnheim in Lobeda-West. Gleich in der N\u00e4he war das KZ, da gab es Blues-Konzerte, die ich oft besucht habe.<\/p>\n<p><strong>Moment mal. \u201cDas KZ?\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Das Kulturzentrum. Klingt furchtbar, ich wei\u00df. Da trafen sich immer die ganzen \u201cLanghaarigen\u201d und ich war halt gerne mittendrinne. Das war schon in Rathenow meine Szene. Wir sind oft gemeinsam zu Konzerten gefahren, zu gro\u00dfen Blues-Open Airs, \u00fcbernachteten mit dem Schlafsack im Wald.<\/p>\n<p>1989 bin ich dann nach Jena-Ost in eine winzige Einzimmer-Wohnung gezogen, mit Plumpsklo im Treppenhaus, f\u00fcr 10 Mark im Monat. 100 Meter weiter war das besetzte Haus in der Karl- Liebknecht-Stra\u00dfe 58, die Leute dort kannte ich aus der JG Stadtmitte, wo ich ziemlich oft war.\u00a0 Da waren viele verr\u00fcckte Leute. Thomas \u201cKaktus\u201d Grund hatte damals in der JG Stadtmitte noch die F\u00e4den in der Hand, machte offene Sozialarbeit und seine Teestube und Musik und Gespr\u00e4chsrunden und sowas. Aus diesem Kreis ist die Arbeitsgruppe Kulturpolitik entstanden, als ein Teil des <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neues_Forum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Neuen Forums<\/a><\/u>, daraus wurde dann sp\u00e4ter der Verein \u201cOrganisation Kultur\u201d, der Vorl\u00e4ufer des heutigen Kassa-Vereins. Die haben im April 1990 das erste Domizil des Kassa im Villengang 2a aufgetan. Und dann ging das los, mit einer Bar und Kultur und Kunst. Die Leute kamen fast alle aus dem Kosmos der JG.<\/p>\n<p>Es war alles so spannend und voller Abenteuer und ich bin am Wochenende oder an meinen freien Tagen oft rumgefahren, nach Berlin, nach Rostock zu meiner Schwester, zu Konzerten irgendwohin, oder nach Hause nach Rathenow, wo ich ja auch noch einen Freundeskreis hatte\u2026<\/p>\n<p><strong>Wie konntest du dir das denn damals leisten, so viel unterwegs zu sein?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin getrampt. Das war mein Ding. Freitag nach dem Dienst, 14 Uhr, hab ich mich auf die Landstra\u00dfe Richtung Eisenberg gestellt. In Berlin hatte ich einen Freund, der hat in Mitte gewohnt und viel mit Wehrdienstverweigerern und der Umweltbibliothek zu tun. Dadurch bin ich in alle m\u00f6glichen Versammlungen und Aktionen mit reingerutscht. Auch meine Schwester wohnte damals in einem besetzten Haus und so hab ich \u00fcberall meine Erfahrungen gemacht und Leute kennengelernt.<\/p>\n<p><strong>Also du warst schon krass unterwegs. Warum eigentlich? Hast du es Zuhause nicht ausgehalten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kannte einfach ganz viele Leute. Ich glaube, das war damals eher \u00fcblich, Ende der 80er. Am Wochenende ist man nicht zuhause geblieben. Das war relativ normal, so viel unterwegs zu sein.<\/p>\n<p><strong>Also war das gar kein Weglaufen, sondern eher ein Wohin-Laufen?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Interessen waren schon immer merkw\u00fcrdig weit gestreut, von Friedensbewegung \u00fcber Umwelt, linke Politik im Allgemeinen und Speziellen, emanzipatorische Bewegungen weltweit, indigene V\u00f6lker, Frauenthemen, Unterdr\u00fcckung von Minderheiten. Wie sollte ich irgendetwas davon ausblenden? Und meine pers\u00f6nlichen Themen, zum Beispiel mein Wunsch, irgendwo dazu zu geh\u00f6ren, Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen zu sein, standen damit ja auch in einem Zusammenhang.<\/p>\n<p>Ich beneide Menschen, die sich auf ein Thema fokussieren, sich in einem Bereich engagieren k\u00f6nnen. Auch: Sich nur in einen Menschen zu verlieben. Gef\u00fchle f\u00fcr andere auszublenden. Ist mir nicht gelungen bislang. Das f\u00fchrte im Gro\u00dfen und auch im Kleinen zu verschiedenen Problemen, wie man sich vielleicht vorstellen kann. Geholfen haben mir tats\u00e4chlich Gespr\u00e4che mit mir selbst, auf dem Friedensberg sitzend oder unterwegs auf den Bergen rund um die Stadt, mir selbst zuh\u00f6ren, sagen, was ich nicht so gut erkl\u00e4ren kann oder nicht geschafft habe, anderen zu sagen. Das Kopfkino zu bes\u00e4nftigen. Und: Mich anderen Menschen zuzuwenden, die Themen anderer in den Fokus zu nehmen. Mich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Daher auch der Wunsch, f\u00fcr Andere da zu sein. Insofern ist die Frage, ob eher \u201eweg von\u201c oder \u201ehin zu\u201c spannend\u2026 Sicher beides.<\/p>\n<p><strong>Gab es dann nicht auch \u00c4rger mit der Stasi? <u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/05\/04\/zieh-dich-doch-mal-ordentlich-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Frank D\u00f6bert <\/a><\/u>hat gut beschrieben, dass es damals schon gereicht hat, ein bisschen anders auszusehen, um Stress mit dem Staat zu kriegen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ging in Rathenow schon los. Im Staatsb\u00fcrgerkundeunterricht zettelte ich einen Schweigestreik an, mit meinen Mitsch\u00fclerinnen. Das war gar nicht politisch motiviert. Aber der Lehrer war einfach so schlecht, und man konnte mit dem nicht reden. Und in die FDJ wollte ich auch nicht eintreten.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Das war gar keine Frage. Wollte ich einfach nicht. Das war mir zu konformistisch, zu einheitlich, zu sozialistisch. Ich war damals schon in einer Jungen Gemeinde unterwegs, und da stand man halt auf der anderen Seite. Da war ich recht blau\u00e4ugig. Es gab dann eine Aussprache der Klassenlehrerin mit meinem Vater. Sie hat ihn ziemlich unter Druck gesetzt und dann kam er nach Hause und sagte: Du machst das, und Schluss!<\/p>\n<p>In der Fachschule in Jena gab\u2019s dann \u00c4rger, weil ich mich mit der Dozentin f\u00fcr Marxismus Leninismus angelegt hatte. Das war eine, die kam gerade frisch von der SED-Parteischule. Das war bei mir einfach so ein Ding, wenn sich jemand bl\u00f6d anstellte, dann hat mich das provoziert und dann hab ich angefangen zu diskutieren. Das ging mal gut, und mal nicht. Wenn mich jemand ernst nahm und meine Argumente anh\u00f6rte, war das teilweise recht konstruktiv. Wenn Leute das ablehnten, dann wurde es schnell\u2026bl\u00f6d.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht muss man erst mal erkl\u00e4ren, warum du als angehende Kinderkrankenschwester Unterricht im Fach Marxismus-Leninismus bekommen hast.<\/strong><\/p>\n<p>Das war normal. Neben P\u00e4dagogik, Psychologie und Anatomie war das Teil der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Jeder Ausbildung in der DDR. Das haben wir gar nicht hinterfragt.<\/p>\n<p><strong>Schie\u00df\u00fcbungen im Wehrlager wolltest du aber nicht mitmachen.<\/strong><\/p>\n<p>Nein. An der Polytechnischen Oberschule gab\u2019s bereits ein zweiw\u00f6chiges <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wehrunterricht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wehrlager<\/a><\/u> f\u00fcr die Jungs, die M\u00e4dchen mussten in der Zeit Zivilverteidigung machen. In der Medizinischen Fachschule musste ich dann an einem Wehrlager teilnehmen. Das war eigentlich ein bisschen wie ein Ferienlager. Wir waren in irgendeiner Jugendherberge im Wald. Wir \u00fcbten Erste Hilfe, aber auch Handgranatenwerfen (mit Attrappen), Luftgewehrschie\u00dfen und sowas. Ich war der Meinung, das muss ich nicht machen.<\/p>\n<p><strong>Was passierte dann, wenn man sich verweigert?<\/strong><\/p>\n<p>In meiner Erinnerung war das gar nicht so kompliziert. Damals ist mir mein Vater zur Seite gesprungen. Er hat selbst bei der Armee oder Volkspolizei gedient, sagte aber: Ich schie\u00dfe nicht. Dann wurde er halt als Fahrer und Monteur eingesetzt. Als ich w\u00e4hrend des Wehrlagers sagte, N\u00f6, ihr k\u00f6nnt das ja gern machen, aber ich schie\u00dfe nicht, da haben sich die Lehrer nat\u00fcrlich gleich an meine Eltern gewendet. Aber mein Vater sagte: Wenn sie das nicht machen will, ist doch nicht schlimm. Gleichzeitig kam mir zugute, dass ich nicht fremd in der Stadt war. Mein Onkel war Oberarzt in der Onkologie in Jena-Lobeda, und ich wei\u00df nicht, wie oft er da mal jemand zur Seite genommen und gesagt hat: Jetzt lass mal die Kirche im Dorf, die ist nicht so schlimm wie sie aussieht!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"DDR 1987 Jugendliche aus Jena -Ein Film von Peter Wensierski\" width=\"900\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rS-GuEgKoiU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meiner Wochenendtrips wurde ich dann aber \u00f6fter von der Stasi kontrolliert. Auch in der Schule besuchten sie mich und erkl\u00e4rten: Frau Sebastian, also Sie m\u00fcssen hier auch nicht studieren, wenn Sie nicht wollen. Das war schon eindeutig. Aber ich hab gesagt: Ich will Kinderkrankenschwester werden. Alles andere hat damit nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"659\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-659x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3239\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-659x1000.jpg 659w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-329x500.jpg 329w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-768x1165.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-1012x1536.jpg 1012w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat-455x690.jpg 455w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-2-ingrid-sebastianprivat.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 659px) 100vw, 659px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wenn du jetzt so dar\u00fcber redest, klingt das ziemlich abgekl\u00e4rt. Hattest du gar keine Angst damals, als 18-J\u00e4hrige, wenn du von der Stasi verh\u00f6rt wurdest?<\/strong><\/p>\n<p>Na klar, das war schon komisch. Gerade mein Freundeskreis in Berlin, da stand \u00f6fter mal ein wei\u00dfer Lada vor der T\u00fcr, vier M\u00e4nner drin \u2013 man wusste ja, was das bedeutet; dass die dort nicht auf ihre Mutti warten. Oder man kam nach Hause und merkte, da war gerade vorher jemand da. Damit hat man gelebt. Das war ein bisschen wie ein Sport. Wenn du aus dem Unterricht zum Direktor geholt wirst und da sitzen Leute und stellen dir Fragen zu deinem Privatleben, warum ich denn immer nach Berlin fahr, und was sind denn das f\u00fcr Leute, die Sie da kennen, und warum trampen Sie immer, das ist doch keine Art. Aber ich stellte mich dumm, sagte, das sind halt meine Freunde, und ich hab kein Geld f\u00fcr den Zug und trampen ist doch nicht verboten \u2013 ich habe sogar eine Tramperversicherung!<\/p>\n<p><strong>Eine Tramperversicherung? Was ist das denn?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Argument von Fahrern, warum sie einen nicht mitnehmen konnten, war, weil sie f\u00fcr mich haftbar w\u00e4ren, wenn es einen Unfall g\u00e4be. Und da gab es in der DDR eine Versicherung, die konnte man f\u00fcr 10 Mark im Jahr abschlie\u00dfen und damit den Fahrer von der Haftpflicht f\u00fcr dich entbinden.<\/p>\n<p><strong>Deinen Tramperversicherungsschein hattest du dann immer einstecken?<\/strong><\/p>\n<p>Ja klar, das war so ne Karte. In der Kinderklinik waren sie nicht so begeistert von meinen Abenteuern und mein Berliner Dialekt wirkte wohl auch nicht sehr sympathisch. Ich stand manchmal ganz sch\u00f6n neben mir auf Station und war nicht wirklich begeistert von den vielen Hierarchien. Es war mir irgendwie nicht gegeben, morgens um 5 vor 6 Uhr frisch, munter und motiviert auf Station zu erscheinen und kranke Kinder aus dem Schlaf zu sch\u00fctteln, auf\u2019s T\u00f6pfchen zu setzen, zu baden oder zu wickeln, ob die das gut finden oder nicht. Die Klinikatmosph\u00e4re und die teilweise krassen Geschichten der Kinder haben mich ganz sch\u00f6n fertig gemacht, \u00fcberfordert. Da war ich dann gar nicht mehr cool\u2026<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft das?<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist mir irgendwie unklar, wie ich damals meine Ausbildung auf die Reihe bekommen habe. Der Kontrast zwischen Unterricht in der Fachschule und Praxisphasen in der Kinderklinik einerseits sowie den Erlebnissen mit den vielen Freunden und Bekannten im besetzten Haus, in der JG, im Winzerclub, im Roten Hirsch oder der Noll \u2013 unseren Stammkneipen damals \u2013 das war schon ein krasser Spagat. Au\u00dferdem habe ich oft verschlafen, weil ich ja einseitig taub bin und meinen Wecker nicht immer h\u00f6rte\u2026 das war schon Mist irgendwie. Zum Gl\u00fcck kam dann alles ins Rollen, oder die DDR ins Wanken, sonst h\u00e4tten die mich doch noch rausgeschmissen, und irgendwie habe ich dann meinen Abschluss gemacht.<\/p>\n<p><strong>Nach der Wende bist du dann ins besetzte Haus in der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe gezogen. Wie kam das?<\/strong><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1990 hat mir meine Vermieterin gek\u00fcndigt, und weil einige Leute aus dem besetzten Haus in der KL 58 schon vorher in den Westen gegangen sind, waren dort Zimmer frei. Eins davon hab ich bezogen. Wir haben richtig &#8217;nen Verein gegr\u00fcndet, auf dem w\u00f6chentlichen Plenum Pl\u00e4ne gemacht, Themen diskutiert, ein Caf\u00e9 er\u00f6ffnet im Erdgeschoss mit Bar und Sperrm\u00fcllm\u00f6beln.<\/p>\n<p><strong>Wozu habt ihr einen Verein gegr\u00fcndet?<\/strong><\/p>\n<p>Der Verein hie\u00df AJZ, Autonomes Jugendzentrum. Es ging letztlich darum, miteinander zu wohnen, zu leben. Das war jetzt nicht so gro\u00df, dass man da Konzerte h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, es lag auch mitten im Wohngebiet. Ich glaube, es war Reinhard Schwabe vom Jugendamt, der sich da mit uns hinsetzte und sagte, ihr m\u00fcsst einen Verein gr\u00fcnden. Das Haus war schon zu DDR-Zeiten besetzt gewesen, da wohnten zum Beispiel Leute, die Ausreiseantr\u00e4ge gestellt hatten. Mir war nicht ganz klar, wieso das ging, aber es ging.<\/p>\n<p><strong>Hatte das Caf\u00e9 einen Namen?<\/strong><\/p>\n<p>Das KL, glaube ich.<\/p>\n<p><strong>Und da habt ihr Kaffee und Kuchen verkauft?<\/strong><\/p>\n<p>Nee, das war eine Bar. In Jena-Ost gab es einen Spar-Markt, da konnte man f\u00fcr zwei Mark eine Flasche Orangensaft kaufen, und in der Kneipe hast du das Glas dann f\u00fcr zwei Mark verkauft. Da dachte ich: das ist ja Wahnsinn, also was man da machen kann\u2026<\/p>\n<p><strong>Das ist also dieser sogenannte Kapitalismus.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ne?! Fand ich schon interessant. Wir haben da jetzt nicht gro\u00df Geld gemacht, aber wir kriegten es hin, dass wir immer genug zu Essen hatten. Ein besetztes Haus ohne eine Kneipe ist auch langweilig. Irgendeinen Anlaufpunkt von Au\u00dfen braucht man schon. Au\u00dferdem kommen ja sowieso immer alle m\u00f6glichen Leute vorbei, und dann ist es gut, wenn man einen Ort hat, wo alle sein k\u00f6nnen, damit nicht immer alle in den Zimmern rumh\u00e4ngen. Und dann gibt es ja auch Themen, \u00fcber die man intern reden muss, da braucht man nat\u00fcrlich einen Ort, an dem man sich versammeln kann.<\/p>\n<p><strong>Woher kanntest du eigentlich diese ganzen besetzten H\u00e4user, in denen du an deinen freien Tagen unterwegs warst? Es gab ja noch kein Internet.<\/strong><\/p>\n<p>Meine Schwester wohnte in einem besetzten Haus in Rostock in der Niklotstra\u00dfe, die hatten sich auch gerade ein Caf\u00e9 eingebaut. Dort kamen Leute aus Hamburg, aus der Hafenstra\u00dfe vorbei. Die haben mich eingeladen, und schwupps, sa\u00df ich dort an der Bar. Da wurde man auch ein bisschen rumgereicht.<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft das?<\/strong><\/p>\n<p>Man wurde allen m\u00f6glichen Leuten vorgestellt, \u00fcberallhin eingeladen, ins Frauenhaus, zu Demos, ins B\u00fcro von der Taz.<\/p>\n<p><strong>Achso, rumgereicht gar nicht im Sinne von abgeschoben sondern eher so: Hier guck mal was die zu erz\u00e4hlen hat, die kommt aus dem Osten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, genau. Das war f\u00fcr die ja auch spannend. Es kamen auch Leute aus Schweden oder D\u00e4nemark nach Rostock und haben mich eingeladen.<\/p>\n<p><strong>Was waren die Unterschiede zwischen den ostdeutschen und den westdeutschen oder skandinavischen Hausbesetzern?<\/strong><\/p>\n<p>Erstmal nat\u00fcrlich das Alter. Ich war ja gerade erst 18, 19 und hatte nat\u00fcrlich keinen Plan, so insgesamt. Mir fiel gleich auf, dass die viele sehr komplexe Themen behandelten, ob das jetzt Pal\u00e4stina oder die RAF-Gefangenen waren oder die Aufsplitterung der linken Bewegung, die damals schon lange im Gang war, der Umgang mit Dealern oder der Presse. Die haben auf einem ganz anderen Niveau diskutiert. In Skandinavien ging es wiederum mehr um Themen wie autarkes Leben, Bierbrauen, Lebensmittel herstellen, Landnahme. Die Linken dort hatten eine lange Geschichte, von der wir im Osten gar nichts wussten. Deswegen war das f\u00fcr mich wie ein Geschichtsbuch, das aufgebl\u00e4ttert wurde.<\/p>\n<p><strong>Also eine ziemlich umfassende Weiterbildung in linker Kultur, die du da nach der Wende erstmal gemacht hast.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich war an allem und jedem interessiert, habe alles aufgesogen und wenn ich da war, war ich m\u00f6glichst auf jedem Plenum, jeder Party, jeder Demo, hatte sogar ein Teilzeit-WG-Zimmer in einer Seitenstra\u00dfe der Reeperbahn und tat immer ganz cool.<\/p>\n<p><strong>Wie bist du dann zum ersten Mal aufs Kassa aufmerksam geworden?<\/strong><\/p>\n<p>In unserem Besetzercaf\u00e9 in der KL war viel los, aber wenn ich nicht da war, war ich nat\u00fcrlich in der gerade neu er\u00f6ffneten Bar im Villengang, dem Kassablanca, wo ich nach den ersten Besuchen auch &#8217;nen gelegentlichen Putzjob bekam.<\/p>\n<p><strong>Einen Putzjob?<\/strong><\/p>\n<p>Sauber machen muss man immer. Und Putzen hatte ich ja tats\u00e4chlich gelernt in der Kinderklinik. Ein bisschen Geld dazu verdienen war auch gut, also bin ich ab und zu eingesprungen. Die Leute vom Kassa kamen hin und wieder in unser Besetzercaf\u00e9 und irgendwann fragten sie mich, ob ich nicht bei ihnen an der Bar arbeiten will. Und ob! Nach den ersten N\u00e4chten dort f\u00fchlte ich mich endlich an der richtigen Stelle angekommen und als Kassa-Mitgr\u00fcnder Martin D\u00f6hler mir einen Vollzeit-Arbeitsvertrag anbot, \u00fcberlegte ich nicht lange.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"763\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-763x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3240\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-763x1000.jpg 763w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-381x500.jpg 381w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-768x1007.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-1172x1536.jpg 1172w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat-526x690.jpg 526w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-arbeitsvertragprivat.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 763px) 100vw, 763px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kein Fr\u00fchdienst mehr, nicht mehr m\u00fcde kranke Kinder wecken, nicht mehr morgens aufschrecken und\u00a0 \u2013 Mist, verpennt! \u2013 den Wecker verfluchend aus dem Zimmer rennen. Kein Spagat mehr zwischen den Welten. Mir fiel der Abschied sehr leicht. Zum Gl\u00fcck wurden im Sommer 1990 auch unsere Verpflichtungserkl\u00e4rungen hinf\u00e4llig, nach Ende der Ausbildung noch mindestens drei Jahre in der Kinderklinik arbeiten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Nun warst du also Barkeeperin.<\/strong><\/p>\n<p>Nun war ich die Inge an der Bar. Ich hab es wirklich geliebt da, diese gem\u00fctliche Bar, eine ganz eigene Welt in all den wirren Zeiten. N\u00e4chtelange Gespr\u00e4che mit Menschen. Eine gro\u00dfe Verbundenheit mit den anderen im Team. Morgens nach Sonnenaufgang durch die Stadt zum Fr\u00fchst\u00fcck und dann schlafen gehen irgendwann\u2026<\/p>\n<p><strong>Barkeeper zu sein ist vielleicht auch ein bisschen ne Berufung, oder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ich denke auch. Naja, ich bin ja auch so viel unterwegs gewesen, und da ist es nat\u00fcrlich schwer, seinen Platz oder seine Rolle zu finden im Leben. Und wenn du wei\u00dft, dass du jetzt dauerhaft hinter dieser Bar stehst, dass das jetzt dein Platz ist, wo du praktisch mitten im Zentrum des Geschehens bist, und gleichzeitig aber auch ganz klar umrissen ist, was deine Rolle ist, da hatte ich schnell das Gef\u00fchl: das passt zu mir.<\/p>\n<p><strong>Was ist denn diese Rolle genau?<\/strong><\/p>\n<p>Die Leute wollen was trinken und wollen eine nette Atmosph\u00e4re und du kannst das herstellen. Das kann ich richtig gut und das macht mir auch richtig Spa\u00df. Man hat trotz allem auch immer noch ein St\u00fcckchen Abstand zu den Leuten, das war auch wichtig f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>Man hat au\u00dferdem einen Grund, da zu sein.<\/strong><\/p>\n<p>Genau, von Anfang bis Ende. Man ist Ansprechpartner. Man wird gesehen, man wird bekannt.<\/p>\n<p><strong>Und irgendwann bist du dann auch im Kassa eingezogen. Der Grund war leider ziemlich bitter. <\/strong><\/p>\n<p>Ja. In der Nacht zum 3. Oktober 1990, dem ersten Tag der Deutschen Einheit, <u><a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/jena\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gab es einen Nazi-\u00dcberfall auf die KL 58<\/a><\/u>, danach war das besetzte Haus dort Geschichte, weil unbewohnbar zerkloppt und verw\u00fcstet. Wir acht Voll- und Teilzeitbewohnerinnen zogen ins Kassa ins \u201eAsyl\u201c, das war ein gro\u00dfer Raum mit acht Matratzen und dem Rest unseres Hab und Gut. Viele von uns hatten dann dort auch ihren Job.<\/p>\n<p><strong>Der \u00dcberfall am 2. Oktober 1990 war nicht der erste Angriff von Neonazis auf die KL 58. Kannst du ein bisschen was \u00fcber die Atmosph\u00e4re damals in Jena erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Schon in der Wahlkampfzeit im Fr\u00fchjahr 1990, als die Republikaner massiv Wahlwerbung machten und die lokalen Faschos sehr involviert waren, gab es die ersten \u00dcberf\u00e4lle. Die Atmosph\u00e4re war sehr brenzlig damals. F\u00fcr Glatzen aus Jena und Umgebung war es ein Zeitvertreib, durch die Stadt zu gehen und zu gucken, wen man schlagen kann. Wir begannen, uns Strategien zurecht zu legen. Steine auf dem Dach zu lagern zum Beispiel. Wir hatten auch Kontakt nach Weimar zum besetzten Haus in der Gerberstra\u00dfe und tauschten uns aus. An dem 2. Oktober war klar, da wird irgendwas passieren.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr viele war die Wiedervereinigung vor allem ein nationalistisches Event. Die Nazis wurden immer frecher. Und f\u00fcr uns wurde es immer brenzliger. Das Klima war so, dass man wusste, bestimmte Ecken muss man meiden, alleine sollte man nicht unterwegs sein.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt die KL dann freiwillig ger\u00e4umt. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten nicht genug Leute, um unser Haus zu verteidigen. Gleichzeitig wussten wir, dass auch Angriffe auf die anderen Einrichtungen drohten, wie das Kassablanca. Also haben wir beschlossen, die KL zu verriegeln. Alles unter Strom zu setzen, was man unter Strom setzen kann: T\u00fcrklinken etc. und haben gesagt: Wir gehen alle ins Kassa. Da ist die Chance am gr\u00f6\u00dften, dass wir uns verteidigen k\u00f6nnen. Tags\u00fcber sind Sp\u00e4her von uns mit dem Fahrrad rumgefahren und haben geguckt, welche Gruppen sich wo in Bewegung setzen. Einer kam dann zur\u00fcck und meinte: Die war\u2019n schon drinne. Ich setzte mich aufs Rad und schaute mir das an. Es war gruselig. Kaum war ich wieder drau\u00dfen, da kam schon der n\u00e4chste Trupp Nazis die Stra\u00dfe hoch. Danach war dort nichts mehr ganz, da war alles kaputt, unbewohnbar.<\/p>\n<p><strong>Auch im Kassa gab es dann oft Stress mit Faschos vor der T\u00fcr&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>\u2026auch mal CS-Gas im Haus, dann mussten wir einen klaren Kopf bewahren, Leute beruhigen, da war die Bar R\u00fcckzugsort und durch die Hintert\u00fcr r\u00fcckte die Kavallerie aus\u2026<\/p>\n<p><strong>#Baseballschl\u00e4gerjahre<\/strong><\/p>\n<p>Wenn du so ne Anlaufstelle hast wie das Kassa, dann macht das den Nazis nat\u00fcrlich Spa\u00df, sich zu sammeln und da hin zu gehen und Action zu machen, weil sie wissen, da treffen sie auf jeden Fall jemanden. Zumal die Polizei noch sehr verschlafen war. Wir hatten das \u00f6fter, dass wir anriefen, weil wir \u00fcberfallen wurden, aber dann kam einfach niemand, oder es kamen zwei Polizisten und konnten nat\u00fcrlich auch nicht helfen. Also mussten wir Selbstschutz organisieren. <u><a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/angriffe\/interview-mit-ovidio\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wir hatten jemand, der per Funkger\u00e4t Kontakt hielt zu verschiedenen Leuten in der Stadt<\/a><\/u>, die uns warnten, wenn sich wieder eine Gruppe zu uns auf den Weg machte. Das war ein kleines Netzwerk, das an bestimmten Tagen, vor allem Freitags oder bei Ska-Konzerten, die Augen offen hielt.<\/p>\n<p><strong>Wie lief das denn ab, wenn so ein Funkspruch im Kassa ankam: \u201cGlatzen im Anmarsch?\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Dann hat man die T\u00fcr zugemacht. Wir hatten auch eine Connection zum Jugendhaus Hermsdorf, denen hat man Bescheid gesagt und die haben sich dann auch bereit gemacht. Die und unsere Einlasser und welche von der Antifa sind mit Kn\u00fcppeln zur Hintert\u00fcr raus. Die waren dann das Empfangskomitee.<\/p>\n<p><strong>Wie wurde dann aus Inge, der Barkeeperin Inge, die Sozialarbeiterin?<\/strong><\/p>\n<p>Dem Verein wurde ja der Vertrag f\u00fcr das Haus im Villengang gek\u00fcndigt, und der P\u00e4chter vom Paradiescaf\u00e9 hat uns seine R\u00e4ume zur Nutzung angeboten. Im Paradiescaf\u00e9 stand ich auch erst an der Bar, irgendwann jedoch verd\u00e4chtigte mich der P\u00e4chter der Veruntreuung von \u201eGeld und Ware\u201c und ich bekam Barverbot! K\u00fcndigen konnte er mir aber nicht, ich war ja schlie\u00dflich beim Kassa-Verein angestellt, und so machte ich dann erstmal dies und das: Garderobendienste, viel Bandbetreuung, Catering, Plakate kleben\u2026<\/p>\n<p><strong>Am Anfang deiner Karriere als Sozialarbeiterin stand also ein Barverbot?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ohne w\u00e4r ich sicherlich noch viel l\u00e4nger an der Bar geblieben und h\u00e4tte meinen Schwerpunkt da gehabt. So suchte ich mir zwangsl\u00e4ufig andere Aufgaben. Und da ich ja sowieso bekannt war in Stadt und Land, war es f\u00fcr mich einfach, Zugang zu Leuten zu finden, oder von Leuten angesprochen zu werden zu den verschiedensten Themen. Und jemand zu haben in diesem Kosmos, der sich eher um pers\u00f6nliche Belange k\u00fcmmert und nicht eingebunden ist in Veranstaltungsorganisation und -durchf\u00fchrung, das ist ja auch viel Wert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-740x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3242\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-740x1000.jpg 740w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-370x500.jpg 370w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-768x1038.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-1136x1536.jpg 1136w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat-510x690.jpg 510w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-1-ingrid-sebastianprivat.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn rings herum alle unterwegs sind und ihr Ding machen, sich einsetzen f\u00fcr etwas, das ihnen wichtig ist, braucht es vielleicht auch eine(n), der im Hintergrund bereit ist, wenn die Kraft fehlt, weiter zu machen, wenn eine Pause n\u00f6tig ist, wenn Luftholen dran ist um danach wieder \u201eraus\u201c zu gehen und weiter zu machen. Ich wollte daf\u00fcr einen Ort bieten, einfach da sein, wenn es n\u00f6tig ist. Hafen im Sturm, nenne es, wie du willst. Klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich habe das als Aufgabe gesehen. Die M\u00f6glichkeiten, in Bedr\u00e4ngnis zu geraten im Leben sind ja so vielf\u00e4ltig wie die Menschen selbst.<\/p>\n<p>Meine \u201eRolle\u201c entwickelte sich erst nach und nach hin zu so einer Art Sozialarbeiterin. Unser Profil im Kassa ver\u00e4nderte sich ja auch mit den Jahren. Anfangs lag der Schwerpunkt einfach auf Kultur und Kunst jenseits von Theater, Studentenkeller und Wohngebietsjugendclub. Sp\u00e4ter kamen neue Bereiche dazu. Wir lernten, dass H\u00e4user wie unseres im \u201eWesten\u201c als Soziokulturelles Zentrum bezeichnet wurden und damit viel mehr mit Jugendarbeit und so verbunden werden k\u00f6nnen. Das war spannend, da wir ja selbst merkten, dass uns als Aktiven die Arbeit in der Subkultur und Identifikation mit diesem Projekt gut tat und in den wirren Zeiten nach der Wende ein wichtiges \u201eZuhause\u201c gab.<\/p>\n<p>Deshalb wollte ich dann auch eine neue M\u00f6glichkeit finden, f\u00fcr Menschen erreichbar zu sein, wenn sie nicht zu Veranstaltungen kommen. So richtig loslegen konnte ich damit aber erst, als wir mit dem alten Lokschuppen und dem Wasserturm am Westbahnhof ein festes Domizil fanden.<\/p>\n<p><strong>Ich habe einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1994 gefunden, da sieht man dich an der Kreiss\u00e4ge auf der Baustelle am Westbahnhof. Da wirst du als \u201cM\u00e4dchen f\u00fcr alles\u201d bezeichnet.<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit auf der Baustelle war ganz speziell, wenige von uns hatten tats\u00e4chlich schon auf dem Bau gearbeitet. Trotzdem ging alles gut, es gab keine gro\u00dfen Unf\u00e4lle oder Verletzungen und neben allen Bem\u00fchungen, Baupl\u00e4ne und Zeitpl\u00e4ne einzuhalten, hatten wir auch viel Spa\u00df. Ich zumindest habe dabei viel gelernt, nicht nur handwerklich, und andere sicher auch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"830\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann-1000x830.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3243\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann-1000x830.png 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann-500x415.png 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann-768x637.png 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann-831x690.png 831w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-zeitungsausschnittc-gesellmann.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\u00a9privat\/Ostth\u00fcringer Zeitung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was denn zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Weil ich halb taub bin und Probleme mit dem Gleichgewicht habe, wollte ich auf keinen Fall auf\u2019s Ger\u00fcst. Als wir den Turm einr\u00fcsteten, fand sich generell erstmal keiner, der da rauf und renovieren wollte. Zwei Wochen sp\u00e4ter gab es keinen, der nicht auf dem Ger\u00fcst rumturnte, einfach weil es Spa\u00df machte, und da oben die Luft so sch\u00f6n war. Wir haben uns ganz viel handwerklich zugetraut. Ich hab zum Beispiel Trockenbau gemacht, das Caf\u00e9 im Dachgeschoss ausgebaut, Fenster restauriert, M\u00f6bel gebaut. Dabei hab ich mich mal fast skalpiert&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wie bitte, skalpiert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe die Fenster mit einer Bohrmaschine abgeschliffen, und irgendwann hat sich mal eine Haarstr\u00e4hne da verfangen und dann hatte ich eine Glatze hinterm Ohr. Aber war nicht schlimm, ich hab dann eine Weile Tuch getragen. Aber gelernt habe ich, dass man sich tats\u00e4chlich ganz viele Sachen einfach zutrauen kann. Wo man vorher denkt, das habe ich noch nie gemacht, das krieg ich nicht hin \u2013 wenn man die Aufgabe \u00fcbernimmt, lernt man es halt.<\/p>\n<p>Wenn du uns gesehen h\u00e4ttest als Baubrigade, da h\u00e4ttest du nicht gedacht, dass wir das auf die Reihe kriegen. Selbst im Nachhinein konnte ich oft gar nicht glauben, dass wir tats\u00e4chlich so viel Verantwortung \u00fcbernehmen durften, dass irgendjemand so viel Vertrauen in uns hatte, uns so viele Schl\u00fcssel und Geld in die Hand zu geben. Das hat mir dann auch das Selbstvertrauen gegeben, nach meiner Kassa-Zeit an der Uni Rostock zu studieren, Philosophie und Erziehungswissenschaften, ohne Abitur zu haben.<\/p>\n<p><strong>Als das Kassa 1994 endlich eine feste Heimat am Westbahnhof gefunden hatte, hat sich deine Sozialarbeit auch ver\u00e4ndert.<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Bar im Villengang, das war ein kleiner abgeschlossener Raum. Da konnte ich Klassik laufen lassen, oder Punk oder was auch immer, verwaltete den Lautst\u00e4rkeregler. Das war eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Wenn du jetzt guckst im Kassa, da ist die Bar in der gro\u00dfen Halle und dann spielt eine Band oder ein DJ legt auf, da ist es schwierig, sich gut zu unterhalten.<\/p>\n<p>So wurde mein Arbeitsplatz das neue Tagescaf\u00e9 im Turm, sozusagen ein Kontaktcaf\u00e9 f\u00fcr alle interessierten Menschen \u201evon au\u00dfen\u201c, f\u00fcr Reisende auf der Suche nach einem Kaffee, f\u00fcr Schulkinder am Nachmittag, aber am meisten f\u00fcr die ganzen Flei\u00dfigen, die nun an der Konzeption und am Ausbau der gro\u00dfen Halle nebenan mitwirkten. Meine Aufgabe neben Milchkaffee, Imbiss und Feierabendbier war eben Zuh\u00f6ren, Mitdenken, Aushalten, Streitschlichten, Ideengeben, Tr\u00f6sten, Erste Hilfe leisten, Kummerkasten, Ideen spinnen, Konzeptionen und Jahresberichte schreiben; Projekte entwerfen, ausprobieren, verwerfen, Kontakte kn\u00fcpfen, Menschen vermitteln, 1000 mal am Tag Telefonzentrale sein. Noch Jahre sp\u00e4ter liegt es mir beim Telefonklingeln auf der Zunge: Kassablanca-Die-Inge-Hallo? Da fing das auch an, dass wir von der Jugendgerichtshilfe Menschen geschickt bekamen, die Sozialstunden leisten sollten.<\/p>\n<p><strong>Wie wurdet ihr Punks eigentlich zum Ansprechpartner f\u00fcrs Jugendamt?<\/strong><\/p>\n<p>Das Jugendamt musste gucken, dass sie die Leute f\u00fcr ihre Sozialstunden dahin vermitteln, wo sie tats\u00e4chlich auch hingehen. Denn dann hast du weniger Arbeit. Wenn du die ins Altersheim schickst, und die tauchen da nie auf, dann kriegst du das wieder auf den Tisch. Und bei uns sind dann doch so ziemlich alle regelm\u00e4\u00dfig gekommen und haben gemacht, was zu tun war, und ich habe ihre Zettel ausgef\u00fcllt und irgendwann hatten sie ihre Stunden voll und sind wieder gegangen. F\u00fcr viele war das ne tolle Zeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"668\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-668x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3241\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-668x1000.jpg 668w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-334x500.jpg 334w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-768x1150.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-1026x1536.jpg 1026w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat-461x690.jpg 461w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-kassaprivat.jpg 1282w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was hast du zuerst gemacht mit Leuten, die zu dir geschickt wurden, weil sie Sozialstunden machen m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n<p>Erstmal hab ich gefragt, was sie wollen, was sie k\u00f6nnen. Und das waren ganz oft Sprayer. Und neben dem, dass sie dann sauber gemacht und M\u00fcll gesammelt haben auf dem Gel\u00e4nde, haben die dann oft auch Gestaltungsauftr\u00e4ge bekommen.<\/p>\n<p><strong>Zur Strafe f\u00fcrs Sprayen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>&#8230;darfst du jetzt hier mal richtig sprayen! Aber die Hauptsache war schon Putzen, M\u00fcll sammeln, Parkplatzwache.<\/p>\n<p><strong>Und das ist immer gut gegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab auch Leute, die haben ihren Zettel nicht von mir gekriegt. Weil sie zu viele Sachen haben schleifen lassen.<\/p>\n<p><strong>Kann mir vorstellen, dass du auch streng sein kannst.<\/strong><\/p>\n<p>Oh ja.<\/p>\n<p><strong>Muss man auch manchmal, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Aber halt nicht unbegr\u00fcndet. Wenn sich jemand schwer getan hat mit solchen Aufgaben, dann hat es meist gereicht, dass man selbst mit gutem Beispiel vorangeht, selber anpackt und damit zeigt, dass das nicht so schwer ist, nichts ehrenr\u00fchriges. Aber wenn Leute mehr Pause gemacht, als gearbeitet haben, dann hab ich gesagt: so geht das nicht.<\/p>\n<p><strong>Was waren die wichtigsten Themen f\u00fcr dich als Sozialarbeiterin?<\/strong><\/p>\n<p>Letztendlich haben die Leute, die kamen oder mitgearbeitet haben, die Themen mitgebracht. Je n\u00e4her man sich kam, desto pers\u00f6nlicher wurde das dann auch \u2013 Probleme mit Drogen, mit Freund\/in, mit Eltern, Tr\u00e4ume oder Pl\u00e4ne, was die Lebensgestaltung betrifft, Kinder, Unterhaltszahlungen, politische Geschichten. Immer wieder neue Sachen auch.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfe Verantwortung f\u00fcr dich als Laie\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Mein Job war eigentlich in erster Linie immer das Zuh\u00f6ren. Es geht gar nicht darum, dass man jemandem kluge Ratschl\u00e4ge gibt, sondern dass du erstmal guckst, was bringt der mit, was ist \u00fcberhaupt die Situation. Und wenn man es schafft, eine Atmosph\u00e4re zu schaffen, wo sich jemand \u00f6ffnet, kann man auch vielleicht rauskriegen, was er braucht und will, und wie man es schafft, den Weg zu diesem Ziel ein St\u00fcck weit gemeinsam zu gehen, auch immer mal wieder nachzuhaken, okay, wie gehts dem jetzt, wie kommt er weiter, was ist seit dem letzten Mal passiert?<\/p>\n<p>Kennst du Momo?<\/p>\n<p><strong>Das Buch von Michael Ende?<\/strong><\/p>\n<p>Da gibt es so eine Passage, wo beschrieben wird, was das besondere an Momo ist, n\u00e4mlich, dass Momo zuh\u00f6rt. Und dass die Leute dadurch, dass sie zuh\u00f6rt, Sachen sagen, wo sie vorher gar nicht wussten, dass sie sie besch\u00e4ftigen und dass sie dadurch Wege finden, die sie vorher noch gar nicht gekannt haben. Das war eigentlich auch immer mein Bild, dass ich gar nicht sehr viel machen muss, au\u00dfer da zu sein und zuzuh\u00f6ren. Und sich gegebenenfalls um Unterst\u00fctzung zu k\u00fcmmern oder einen Raum oder mich schlau zu machen, was bedeuten jetzt bestimmte Sachen, die man mit \u00c4mtern austragen muss, Antr\u00e4ge etc. Aber das war immer erst der zweite Schritt.<\/p>\n<p><strong>Du hast das alles ja nie gelernt, hattest noch nicht mal Abitur. Wie hast du dich denn selbst weitergebildet?<\/strong><\/p>\n<p>Die Professionalisierung wurde oft dadurch angesto\u00dfen, dass wir F\u00f6rdermittel besorgen mussten, und uns daf\u00fcr schlaue Projekte einfallen lassen, oder Konzeptionen \u00fcber Jugendarbeit schreiben mussten. Ich hab mich dann in die theoretischen Hintergr\u00fcnde reingearbeitet und versucht, Entwicklungen nachzuvollziehen, wie sie sich im Westen seit den 70er Jahren in den Bereichen Jugendarbeit und Soziokultur ergeben haben. Das war oft so, dass wir dadurch verstanden: Ah, so hei\u00dft das also, was wir eigentlich machen.<\/p>\n<p>Wir hatten nat\u00fcrlich auch den ein oder anderen Studenten, der bei uns gearbeitet hat. Uwe Herzer zum Beispiel hat Sozialp\u00e4dagogik studiert, der hat auch an der Bar gearbeitet und zusammen haben wir die Gr\u00fcne Hilfe gemacht, eine Anlaufstelle f\u00fcr Leute, die Probleme hatten, weil sie mit Marihuana erwischt wurden. Die Leute haben dann wieder andere Themen mitgebracht und dann tauschten wir uns mit der Aidshilfe zum Beispiel aus, und besuchten Weiterbildungen, was die Struktur in der Drogenarbeit und Suchtberatung angeht.<\/p>\n<p>Den Kontakt zum Jugendamt gab es auch immer. Da hatten wir mit Reinhard Schwabe unseren zust\u00e4ndigen Mitarbeiter, der uns wohlwollend den R\u00fccken st\u00e4rkte, auch der Jugenddezernent Stephan Dorschner \u2013 die haben sich mit uns hingesetzt und geguckt, was kann man denn von Stadtseite tun, damit es mit dem Kassa weitergeht, insbesondere bei den Themen Finanzierung und Bauaktivit\u00e4ten. Aber auch mit dem Jugendhilfeausschuss, wo alle m\u00f6glichen freien Tr\u00e4ger gesessen und beraten haben, wie kann man denn das Geld am n\u00fctzlichsten aufteilen, und wo muss man streichen?<\/p>\n<p><strong>Klingt alles recht kooperativ.<\/strong><\/p>\n<p>War es auch. Eine Struktur in der Jugend- und Kulturarbeit in einer Stadt aufzubauen, ist nur in Kooperation m\u00f6glich, insbesondere in so einer Situation wie kurz nach der Wende. Norbert Reif, der Kulturamtsleiter, der damals aus Kassel kam, hat auch immer wieder wichtige Sachen f\u00fcr uns in der Stadtverwaltung vertreten. Das war wichtig, dass da jemand sa\u00df, der ein Herz daf\u00fcr hatte, was wir machen, und versteht, wie wir ticken.<\/p>\n<p><strong>Vom Kassa habe ich eine Liste mit mehr als 30 Ansprechpartnern bekommen, die mir etwas \u00fcber die Geschichte des Vereins erz\u00e4hlen k\u00f6nnten. Du bist nur eine von zwei Frauen auf dieser Liste. Was ist da los? <\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an viele Frauen, die f\u00fcr kurze oder lange Zeit im Kassa dabei waren. Oft an der Bar, an der Garderobe, an der Kasse, also da, wo es m\u00f6glich war, relativ unverbindlich einen Teil seines Lebensunterhalts zu verdienen. Da waren aber auch Frauen, die f\u00fcr l\u00e4nger ihr Zuhause fanden im Kassa-Kosmos, zum Beispiel die Ellen als coolste Lichttechnikerin, die Annelie, die auch erst Barfrau war, sp\u00e4ter meine Stelle \u00fcbernahm und so ihr Tun hatte mit den Anspr\u00fcchen der Kollegen, weil sie es eben anders machte als ich, aber eben auch das FSJ durchsetzte und den <u><a href=\"https:\/\/www.kassablanca.de\/programm\/details\/event\/frauenzimmer-3287\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">DJane-Workshop<\/a><\/u> etablierte. Entscheidend war immer, inwieweit Frau bereit war, mehr als nur den Job zu machen, einen gro\u00dfen Teil ihres Lebensalltags dort zu verbringen, sich auch manchen Quatsch anzutun, die die vielen Jungs im Kassa verzapften. Man musste dr\u00fcberstehen \u00fcber die Art, immer wieder auch nicht ernst genommen zu werden. Vielleicht habe auch ich die Spielchen \u00fcbersch\u00e4umender Maskulinit\u00e4t zu oft \u00fcbersehen.<\/p>\n<p><strong>Warum bist du weggegangen aus Jena?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hab gemerkt, dass es mir zunehmend schwerer fiel, einen Draht zu den G\u00e4sten zu finden. Die Jugendlichen, die da kamen, haben mich eher in so eine Muttirolle gesteckt, konnten mich vielleicht nicht so richtig ernst nehmen und ich begann, mehr Widerspruch zu erregen. Ich bekam einfach Schiss, dass ich den Absprung verpasse, dass sie hinter meinem R\u00fccken lachen und dass es sich dann einfach nicht mehr gut anf\u00fchlt. Die andere Sache war, dass man irgendwann vielleicht auch Platz machen muss f\u00fcr neue Leute, neue Ideen.<\/p>\n<p>Wenn ich mich abgefunden h\u00e4tte mit der Mutti-Rolle, w\u00e4re es sicher noch eine Weile l\u00e4nger weitergegangen, aber da war dann irgendwann auch Einsamkeit. Der Wunsch, dass mal jemand fragt, wie es mir eigentlich geht. Ganz unproblematisch fand ich es nie, so eine starke Position auszuf\u00fcllen, in der es schwer ist, selbst auch mal schwach sein zu k\u00f6nnen. Die Balance zu finden zwischen Geben und Nehmen. F\u00fcr andere war ich sicher auch manchmal ein St\u00fcck zu souver\u00e4n, zu cool, zu unnahbar vielleicht? Bin schwer aus dem Bild rausgekommen, das andere von mir hatten. Oder von dem ich annahm, das andere es haben. Wie eine neue Rolle finden f\u00fcr sich selbst? Und ist das \u00fcberhaupt notwendig?<\/p>\n<p><strong>Was hast du dann gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte Interessen in dem Gebiet Naturheilkunde und hab mich als Masseurin selbstst\u00e4ndig gemacht, war in Neuseeland und Thailand, hab da ein paar Sachen gelernt und bin dann mit einer gro\u00dfen Massage-Liege und einem Kr\u00e4uterregal in einen der Zugwaggons gezogen und hab das ganze Kassa-Personal durchmassiert. In dem Waggon gab es noch ein Abteil, da hatten wir Meditationsgruppen. Das hat sich wirtschaftlich f\u00fcr mich aber \u00fcberhaupt nicht getragen.<\/p>\n<p>Und dann hab ich auch gemerkt, Jena an sich ist mir zu klein, ich bin so festgelegt in meiner Rolle und Perspektive, werd wahrscheinlich immer die Kassa-Inge bleiben und komm da im Guten nicht mehr raus. Ich hatte keine Idee, was meine Perspektive hier noch sein k\u00f6nnte. Ich h\u00e4tte ja nicht auf\u2019s Jugendamt arbeiten gehen k\u00f6nnen, ohne Abschluss. Alles das, was ich gemacht habe, funktionierte im Kassa, aber au\u00dferhalb nicht.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem fehlte mir das Wasser. Ich komme ja eigentlich eher aus dem Norden. Und dann hat sich halt das hier in Rostock ergeben.<\/p>\n<p><strong>Das Studium meinst du?<\/strong><\/p>\n<p>Nee nee, ich hab mich verliebt! Tats\u00e4chlich jemand gefunden, der mit mir so umgehen konnte, wie ich war, mit meinen Ideen und Macken, und mich halt nicht aus dem Kassa kannte. Dadurch hab ich dann den Absprung geschafft. Ich sag immer, Jena ist ein bisschen wie ein durchgesessenes Sofa. Es ist leicht, es sich hier bequem zu machen und das zu tun, was man immer tut. Und da hab ich halt keinen Bock drauf gehabt, das ging irgendwann nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"786\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat-786x1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3244\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat-786x1000.jpg 786w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat-393x500.jpg 393w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat-768x977.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat-543x690.jpg 543w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/11\/jenakultur-hafen-im-sturm-4-ingrid-sebastianprivat.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 786px) 100vw, 786px\" \/><figcaption>\u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich bin nach Rostock gezogen, hab hier ne Familie gegr\u00fcndet. Was ich niemals f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, dass das f\u00fcr mich in Frage kommt. Ich hab dann hier meinen Master gemacht in Bildungswissenschaft und im Januar fange ich in einer Psychiatrie als Sozialarbeiterin an und mache Beratung und Therapie mit Menschen.<\/p>\n<p><strong>Ingrid, danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch (und den Apfelkuchen)!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Kassa feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hausbesetzerin, Barkeeperin, Sozialarbeiterin: Ingrid Sebastian schrieb die literarischsten Konzepte, die je im Jenaer Jugendamt eingetroffen sind, erlebte die #Baseballschl\u00e4gerjahre hautnah mit, und dass&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":3246,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,17],"tags":[522,352,550,507,633],"class_list":["post-3238","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kulturpreise-stipendien","tag-30-jahre-kassa","tag-ddr","tag-kassablanca","tag-kassablanca-jena","tag-sozialarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3238"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3247,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3238\/revisions\/3247"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}