{"id":2983,"date":"2020-09-28T07:19:00","date_gmt":"2020-09-28T05:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=2983"},"modified":"2020-10-08T15:56:22","modified_gmt":"2020-10-08T13:56:22","slug":"das-kassa-war-unser-zuhause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/09\/28\/das-kassa-war-unser-zuhause\/","title":{"rendered":"\u201cDas Kassa war unser Zuhause\u201d"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Clueso. Muss man eigentlich nicht vorstellen. Der Mann geh\u00f6rt inzwischen zum Kulturerbe Th\u00fcringens wie Vita Cola und Rennsteiglauf. Auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie g\u00f6nnt sich der Erfurter keine Auszeit, sondern ist, wie er sagt, so produktiv wie nie. Clueso ist ganz oben angekommen \u2013 hat aber nicht vergessen, wo er herkommt. Bei unserem Treffen im Zughafen in Erfurt erinnert er sich an die ersten Schritte im Musikgesch\u00e4ft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In deinem Wikipedia-Eintrag steht: &#8222;Durch zahlreiche <\/strong><strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jam_(Hip-Hop)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jams<\/a><\/strong><strong> im Jenaer <em>Kassablanca<\/em> und in anderen St\u00e4dten Deutschlands konnte er seine F\u00e4higkeiten als Rapper und <\/strong><strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unterhaltungsk%C3%BCnstler\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Entertainer<\/a><\/strong><strong> trainieren.&#8220; Du warst damals 16 bzw. 17 Jahre alt. Helmut Kohl war noch Kanzler, Berti Vogts Bundestrainer und in der Stra\u00dfenbahn durfte man noch rauchen\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> In Fahrst\u00fchlen auch, und im Kinderzimmer&#8230;<\/p>\n<p><strong>Nimm uns doch bitte mal mit auf eine kleine Zeitreise. Was waren das f\u00fcr Jams, wie bist du \u00fcberhaupt darauf aufmerksam geworden, mit wem warst du da?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Wir haben etwa 1995 angefangen uns f\u00fcr Hip Hop und Rap zu interessieren. Wir hatten den Traum, mal eine eigene Band zu haben. 1996 gr\u00fcndeten wir dann unser erstes Projekt, EFP96&#8230;<\/p>\n<p><strong>Das Erfurt Project 96&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Genau, und dann fingen wir an von Jam zu Jam zu fahren, meist waren die in Jugendclubs, und da bekamen wir irgendwann mal einen Flyer in die Hand vom Kassablanca, Gleis 1. Dort traten praktisch alle unsere Helden aus dem Hip Hop auf, Massive T\u00f6ne zum Beispiel, alles so Leute, deren Platten wir kauften und die wir nur aus dem Fernsehen kannten, von Viva oder so. Und wir sind da immer hingefahren und deswegen war das so &#8222;unser Club&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Ihr seid mit dem Zug gefahren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Ja, wir sind teilweise mit dem Wochenendticket, mit 30 Leuten r\u00fcbergefahren. Wir hatten \u2013 der Begriff stammt noch aus dem Osten \u2013 eine &#8222;Patenbrigade&#8220;, die immer mit uns unterwegs war, 6300, eine Crew aus Ilmenau, und viele kreative Leute aus Erfurt \u2013 Maler, Writer, Breakdancer, DJs \u2013 die wollten alle ins Kassa, das war das Paradies. Weil dort gab es Waggons mit Graffiti, es gab Breakdancer, die getanzt haben in kleinen Runden, es gab Freestyle-Sessions, wo Leute in irgendeiner Ecke gefreestyled haben. F\u00fcr uns war Hip Hop so ein kreatives Auffangbecken, und das Kassa war unser Zuhause, manchmal sind wir zwei volle Tage geblieben und haben in den Schlafwaggons gepennt. Es gab, glaub ich, damals mehr Leute, die was Kreatives gemacht haben, sowohl im Publikum als auch auf der B\u00fchne, als heute. Jeder war Aktivist, jeder hat was gemacht. Heute ist es schon eher so, dass man mehr Konsument ist, wenn man ausgeht.<\/p>\n<p><strong>Es ist dann manchmal auch ein wenig ausgeartet, wenn ihr gefeiert habt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Ja, man war ja auch noch jung. Und das Kassa war, was das angeht, immer strapazierf\u00e4hig. Es hat uns, \u00e4hnlich wie in einem Jugendheim, dirigiert und uns einen Platz gegeben, wo wir uns austoben und kreativ weiterentwickeln konnten. Und das war noch vor den ersten Auftritten! Und die kamen, weil wir Danny Engel kennengelernt haben, der sp\u00e4ter dann auch Manager von Wir sind Helden wurde\u2026<\/p>\n<p><strong>Danny Engel, der damals seinen Zivildienst im Kassa machte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Genau, und der hat gesagt, &#8222;wenn ihr Bock habt, mach ich ein bisschen Management f\u00fcr euch.&#8220; Und meinen sp\u00e4teren langj\u00e4hrigen Manager, <span style=\"background-color: #ffffff\"><u><a style=\"background-color: #ffffff\" href=\"http:\/\/archiv2016.theaternatur.de\/andreas-welskop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Andreas Welskop<\/a><\/u><\/span>, den hab ich ebenfalls im Kassa kennengelernt. Der hat mich dort bei einem Jam gesehen. Manchmal, wenn ich mir Videos von damals anschaue, frage ich mich, was er da gesehen hat. Aber irgendwas hat er halt gesehen, und er hat mir eine Platte geschenkt, Quadratur des Kreises von Freundeskreis. Das hat mich sehr gepr\u00e4gt. Und er hat gesagt, dass er toll findet, was ich mache, und dass ich ihn mal bei MZEE Records in K\u00f6ln besuchen soll, wo er damals gearbeitet hat. Das hat mir ganz viel Hoffnung gegeben. Und dann bin ich da irgendwie so reingerutscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><em>Ein Interview mit Ilja Gabler und DJ L\u00e9ger\u00e8s, den Machern der legend\u00e4ren Boomshakalaka-Jams im Kassablanca, finden Sie <\/em><u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/07\/20\/kinder-des-kassa\/\"><em>hier.<\/em><\/a><\/u><\/p>\n<p><strong>Abgesehen von dem Karriereschub, warum waren diese Jams so wichtig f\u00fcr dich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Ein Typ wie ich, f\u00fcr den war das kreativste, was er damals machen konnte, eine Friseurlehre. Und ich hab\u2019s gehasst. Sorry, f\u00fcr alle, die Friseur lernen. Aber ich hab&#8217;s gehasst, weil ich hab da nicht reingepasst. F\u00fcr einen Typen wie mich war das geil zu sehen: da im Kassa gibt es eine B\u00fchne, und die f\u00fchlt sich nicht so riesig an. Dieser ganze Personenkult war nicht so big, nicht so dass man dachte: das werde ich nie schaffen. Ich stand nur einen halben Meter tiefer als die Stars und dachte: geil! Die sind so wie ich! Vielleicht ein paar J\u00e4hrchen \u00e4lter, aber das k\u00f6nnte ich auch machen. Und das ist das Gute an solchen Clubs, dass es so nah ist, und nicht so aufgeblasen durch Riesenshows oder irgendwas. Das sag ich als jemand, der jetzt Riesenshows gibt, aber ich kann es halt jetzt nicht mehr verkleinern, ich mein das nicht angeberisch. Ich hab mir so viele Bands reingezogen im Kassa, aus allen Richtungen, auch Sachen die ich gar nicht kannte, wie Bohren und der Club of Gore, einfach weil das Kassa so &#8217;ne Instanz ist, die jede Woche was Geiles macht und man denkt so: ich geh da mal hin, auch wenn ich nicht wei\u00df, was da l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Mit deinem ehemaligen Manager Andreas Welskop hast du 2002 in Erfurt den Zughafen gegr\u00fcndet. Kannst du mal kurz erkl\u00e4ren, mal unabh\u00e4ngig von deiner Musik und Karriere, warum gerade ostdeutsche St\u00e4dte wie Jena und Erfurt solche Clubs brauchen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Im Endeffekt ist das ja in dieser Coronazeit die allgemeine Frage, die man sich so stellt: Ist das Kunst oder kann das weg? Wozu braucht man das im Allgemeinen? Ich glaube, es ist einerseits grunds\u00e4tzlich wahnsinnig wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, dass es Orte wie Clubs oder Theater oder \u00c4hnliches gibt, an denen man sich entladen kann. Neben den ganzen Befehlen, die man so kriegt im Leben, ist der einzige Befehl bei so einer Veranstaltung: mach dich frei! Das ist gut, damit wir nicht so gereizt durch den Alltag gehen, und irgendwie auch ein bisschen kreativ im Hirn werden. Das andere ist: Clubs wie das Kassa, die so lange \u00fcberlebt haben und jetzt straucheln und k\u00e4mpfen m\u00fcssen, leisten auch eine kulturelle Basisarbeit. Hier wird Kultur im Kleinen gef\u00f6rdert. Die allerersten DJs, die ich kenne, haben alle hier aufgelegt. Egal mit wem du redest hier in der Region \u2013 wer irgendetwas mit dem Business zu tun hat, war im Kassa, hat sich dort ausgetauscht und kennengelernt. Und da ist es egal, ob das jemand ist, der gebreakt hat und jetzt eine Tanzschule hat, oder ob jemand gesprayt hat und jetzt Ausstellungen macht irgendwo in der Welt.<\/p>\n<p><strong>Deswegen wei\u00df offenbar auch Samy Deluxe noch, was das Kassa ist.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clueso:<\/strong> Genau, ich war gestern in Berlin und hab mich mit Samy Deluxe unterhalten. Und der meinte: \u201cIch hab dich gesehen damals im Kassa!\u201d Irgendwann in den 90ern nach seinem Konzert mit Dynamite hat er mich da noch rappen geh\u00f6rt. Wenn es bergab geht, hie\u00df das Lied. Und er hat sich die Hook gemerkt! Ich konnte mich gar nicht dran erinnern. Aber dann haben wir \u00fcber das Kassa gesprochen und er hat erkl\u00e4rt, dass das auch f\u00fcr ihn geil war, dass er sich da eine Community aufbauen konnte. Das ist ja auch geil, dass man, wenn man eine Weile unterwegs ist, auch das passende Ego bekommt. Denn wenn man Musik macht, bekommt man viel Kritik. Weil man auf Kunst nur mit Kritik antworten kann. Aber das Ego kann man dann wieder aufladen, wenn man ne B\u00fchne hat, auf der man spielen kann, auch ohne dass man bekannt ist.<\/p>\n<p><em>Hier ist das komplette Interview im Video zu sehen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"kassa clueso tombola V2\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wUlOmG_x168?start=113&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Christian Gesellmann: Das Kassa feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clueso. 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