{"id":2593,"date":"2020-07-20T07:14:00","date_gmt":"2020-07-20T05:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=2593"},"modified":"2020-07-21T08:39:19","modified_gmt":"2020-07-21T06:39:19","slug":"kinder-des-kassa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/07\/20\/kinder-des-kassa\/","title":{"rendered":"Kinder des Kassa"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Geschichte des Kassa ist vor allem Gegenwart, sie ist in Jena nur sporadisch sichtbar, aber sie ist ins kollektive Ged\u00e4chtnis eingedrungen. Wie wichtig das ist, kann man gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzen, wie ich bei meinen Gespr\u00e4chen mit und \u00fcber zwei Freunde gelernt habe, die \u201cJena, Kassablanca\u201d mit einem fetten Edding auf die Hip-Hop-Landkarte Deutschlands geschrieben haben: Ilja Gabler und DJ L\u00e9g\u00e8res.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Freitagabend, wir befinden uns am Strand 22, einer Bar mit Bootsanlegestelle in Jena an der Saale. Steht man am anderen Ufer des Flusses, unter einer der gewaltigen sonnengeschuppten Platanen, und schaut hin\u00fcber zum Strand, sieht man die wei\u00dfen F\u00e4hnchen Dutzender Strandliegest\u00fchle im Wind flappen, was an das Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffes erinnert. Hin und wieder folgt eine M\u00f6we hoch \u00fcber dem Wasserspiegel dem Flusslauf, ein leuchtend blauer Eisvogel surrt zwischen seinen Sitzwarten in den Baumwurzeln, Eisw\u00fcrfel klirren in Gl\u00e4sern. Als es am Nachmittag gewitterte, sind viele G\u00e4ste gegangen, und meine Schicht als Barkeeper endete eine Stunde fr\u00fcher als geplant. Ich schicke eine WhatsApp an meine Interviewpartner: Ihr k\u00f6nnt jetzt kommen.<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde sp\u00e4ter schlendern sie herein: Ilja Gabler \u2013 von Kabarettist Rainald Grebe als \u201cInselbegabung\u201d, von Deutschrap-Urgestein Flowin Immo als \u201cder wohlsortierte Herr Gabler\u201d bezeichnet \u2013 und Thomas Schl\u00e4fer, Spitzname Olli (nach dem Skateboard-Trick), DJ-Name L\u00e9g\u00e8res.<\/p>\n<p>Ille und Olli nennen sie sich gegenseitig. Sie sind Mitte 40, haben Jena nie verlassen (\u201cN\u00f6, wieso auch?\u201d), wohnen mit ihren Familien im selben Haus, ihre Kinder machen gemeinsam Hausaufgaben. Kennengelernt haben sie sich 1994 beim Skaten vor dem Bau 59 im Stadtzentrum, das sie \u201cEmpire Sp\u00e4th Building\u201d nennen, nach dem langj\u00e4hrigen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Jenoptik, Lothar Sp\u00e4th. Zusammen haben sie das Kassablanca zu einer der renommiertesten Locations f\u00fcr Hip Hop in Deutschland gemacht, ihre Partyreihe Boomshakalaka geh\u00f6rt seit 24 Jahren zum festen Programm des Clubs, und f\u00fcllte bald nicht nur den alten Lokschuppen am Westbahnhof, sondern auch die Regionalbahnen, mit denen Breaker, Sprayer, Skater, Rapper und so weiter aus Weimar, Erfurt, Halle, Dessau, Leipzig, Chemnitz ins Kassa pendelten.<\/p>\n<p><u><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/06\/15\/ich-werd-bloede\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wie in der anderen gro\u00dfen Subkultur<\/a><\/u>, die im Kassa und damit auch im Stadt- und Flussbild Jenas aufbl\u00fchte, dem Techno, sind auch aus der lokalen Hip-Hop-Szene mehrere gro\u00dfe Musikkarrieren entstanden. Clueso, der aus der N\u00e4he von Erfurt stammt und aktuell einer der erfolgreichsten K\u00fcnstler in Deutschland ist, hat in seinem Wikipedia-Eintrag stehen: \u201cDurch zahlreiche Jams im Jenaer Kassablanca und in anderen St\u00e4dten Deutschlands konnte er seine F\u00e4higkeiten als Rapper und Entertainer trainieren.\u201d Diese Jams \u2013 das waren die Boomshakalaka-Partys.<\/p>\n<p>Ein ganz anderes Beispiel ist Danny Engel, Manager von Wir sind Helden und Deine Freunde, von dem Ilja und Olli als 18-J\u00e4hrige die Business-Seite der Musikwelt gelernt haben. Der <u><a href=\"https:\/\/www.musikexpress.de\/tanklastzug-und-kajak-2-156445\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Musikexpress<\/a><\/u> schrieb 2010 in einem Portrait \u00fcber ihn:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201c(Er) ist ein Mann, der Sachen auf die Reihe kriegt. Ein Zuwegebringer, ein Bewerkstelliger, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: ein Manager. Das ist sein Talent, das ist sein Beruf, den er mit ebenso bewunderns- wie beneidenswert zur\u00fcckgelehntem Gleichmut aus\u00fcbt. Wenn einen der Wahlhamburger, der seine Skillz vorrangig in den Dienst der hanseatischen HipHop-Szene stellt, in einem Biergarten in Kreuzberg \u00fcber sein aufgeklapptes Laptop hinweg (Danny Engel hat so gut wie immer sein Laptop aufgeklappt und bewerkstelligt gerade irgendwas) angrinst und sagt: \u201eDiese Band treibt mich in den Wahnsinn!\u201c (wobei au\u00dfer einem kleinen Flackern in den Augen nichts an ihm auf Gestresstheit oder gar bevorstehenden Wahnsinn hindeutet), dann ist klar: Wir sind Helden sind wieder unterwegs.\u201d<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Danny leistete im Kassa seinen 13-monatigen Zivildienst ab, die Alternative zum damals noch verpflichtenden zehnmonatigen Grundwehrdienst. Er machte in dieser Zeit das Booking f\u00fcr Boomshakalaka. Der Mann hatte ein H\u00e4ndchen. 1997 holte Danny die Absoluten Beginner nach Jena, die sich ein Jahr sp\u00e4ter mit ihrem Album Bambule unsterblich machten. Ich glaube, ich war noch nie auf einer Party, auf der nicht mindestens die H\u00e4lfte der Leute mitrappen konnte, wenn jemand die immer gute Idee hatte, \u201cLiebeslied\u201d oder \u201cF\u00fcchse\u201d aufzulegen. F\u00fcchse sind keine Rudeltiere, das wei\u00df man heute einfach, so wie man die Frisur von Franz Beckenbauer aus dem Jahr 1990 kennt. Das Kollektive Ged\u00e4chtnis \u2013 das Kassa hat es mitgepr\u00e4gt. Den besten Hip Hop konnte man hier sehen, wenn es am besten ist, eine Band\/einen K\u00fcnstler zu sehen: kurz bevor sie zu gro\u00df werden f\u00fcr die kleinen Clubs, und man sie nur noch in Stadien und auf gigantischen Festivalb\u00fchnen vom Weiten betrachten kann.<\/p>\n<p>\u201cJeder meiner vermeintlichen Kollegen hat mir gesagt, in Jena, Kassablanca geht die Schei\u00dfe ab\u201d, sagte MC Torch zum Beispiel bei einem seiner Auftritte hier. Torch gr\u00fcndete 1987 in Heidelberg zusammen mit \u201cFunkjoker\u201d Toni L. die Band Advanced Chemistry \u2013 ein Meilenstein der deutschen Hip Hop-Geschichte \u2013 und f\u00fcr falsche Komplimente nicht bekannt. Daf\u00fcr mehr f\u00fcr gesellschaftskritischen, antirassistischen Rap \u2013 roh, w\u00fctend, perfekt. Nach Advanced Chemistry haben die Beginner ihr letztes Studioalbum benannt. Und wegen einem Scratchpart in deren Track \u201cChemischer Niederschlag\u201d begann Thomas \u201cOlli\u201d Schl\u00e4fer, Schallplatten mit Nadeln zu zerkratzen. \u201cDas hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich praktisch sofort angefangen habe, mit dem Plattenspieler von meinen Eltern da irgendwie was zu probieren\u201d, erz\u00e4hlte er mir. Aus Olli wurde L\u00e9ger\u00e8s, und aus dem Kratzer ein DJ, der von allen Musikern, mit denen ich f\u00fcr diesen Artikel gesprochen habe, als \u201cder feinste Techniker\u201d bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Genug Namedropping. Von all dem habe ich sowieso nur sehr wenig Ahnung, als Olli und Ilja sich auf den Weg zum Strand machen. Mit googlen findet man nicht viel mehr raus \u00fcber die Beiden als eine endlose Menge an Aliasnamen (Ill-Jah, The Illest Jah, Ille Flavours), witzig klingenden Bandprojekten (Charlie Bucket Trio, Feindrehstar), Partyreihen (Tippi Toppi Daaaaance), Soundcloud-\/Mixcloud- und Youtube-Sets sowie Links zum Theaterhaus Jena, dem Erfurter Zughafen, dem Kinderzirkus MoMolo oder dem Goethe-Institut. Um ehrlich zu sein, wei\u00df ich gar nicht genau, was ich die Beiden fragen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fische bei Alex \u201cGletscher\u201d Klette nach, seinerseits eine Institution unter den Barkeepern Jenas und mein Kollege am Strand, ob er die beiden kennt, und mir was \u00fcber sie erz\u00e4hlen kann. Gletscher l\u00e4chelt. \u201cNa klar, die kenne ich seit&#8230;ach du schei\u00dfe, 20 Jahre, nee l\u00e4nger! Wir haben uns beim Skaten kennengelernt, so 94\/95, da war Wendelin auch mit dabei, also Metaboman\u201d, sagt er und zieht pl\u00f6tzlich die Stirn in Falten: \u201cAber du kennst die doch auch, die haben doch montags hier ein paar Mal aufgelegt: beim Fuchs.\u201d<\/p>\n<p>Richtig. \u201cFuchs am Montag\u201d. Noch so eine Veranstaltung, bei der die beiden schon aufgelegt haben. Wie konnte ich das vergessen? Wir stellen eine Milchkanne voll Blumen auf den Tisch, an dem das Interview stattfinden soll, legen Decken auf die Sitzb\u00e4nke, denn es wird langsam frisch. Mein sch\u00f6nes schwarzes Notizbuch lege ich auch schon mal hin, damit es so aussieht, als h\u00e4tte ich viele gute Fragen vorbereitet. Ilja und Olli schlendern den Weg zum Strand rein, mit einem kleinen Grinsen und den subtilen abwehrenden Gesten, die man auch macht, wenn man von Oma nicht in die Backe gekniffen werden will.<\/p>\n<p>Ich hole uns ein paar Bier, und wir setzen uns. Unter den Holzbalken der Bar flackern die Gl\u00fchbirnen, und in die Gliedma\u00dfen der verbliebenen G\u00e4ste hat sich ein allgemeines sommerlustiges Wippen eingeschlichen.<\/p>\n<p>\u201cK\u00f6nnt ihr euch noch an die erste Veranstaltung erinnern, die ihr zusammen gemacht habt?\u201d, frage ich Olli und Ilja.<\/p>\n<p><strong>Olli<\/strong>: Unseren ersten DJ-Gig hatten wir in einem Sch\u00fclerclub\u2026<\/p>\n<p><strong>Ilja<\/strong>: Im &#8222;Poker&#8220; \u2013 das war in der Spezi, dem heutigen Carl-Zei\u00df-Gymnasium&#8230;<\/p>\n<p><strong>Olli:<\/strong> Da hast du dann auch wirklich alle Platten mitgenommen, die du hattest. Ille hat sich aufgeschrieben, welches Lied in welcher Reihenfolge mit welcher Geschwindigkeit. Zeigt halt herrlich, was f\u00fcr Anf\u00e4nger wir waren, so ein bisschen wie ein Pianist, der sich die Tasten beschriftet.<\/p>\n<p><strong>Ilja:<\/strong> Meine erste eigene Veranstaltung habe ich dann im Theatercaf\u00e9 gemacht, 1996. Da war ich 18.<\/p>\n<p><strong>Olli:<\/strong> Und ich 16. nee, 17.<\/p>\n<p><strong>Ilja:<\/strong> Ich hatte dort mein gro\u00dfes Aha-Erlebnis, als ich DJ Smoking Joe auflegen sah. Das war eigentlich der erste richtige DJ hier in Jena, der Soul und Funk und Hip Hop spielte. Dieses Mischen von verschiedenen Stilen, dass verschiedene Songs ineinander \u00fcbergehen und so, das war ja damals noch ganz neu.\u00a0Joe hat auch DJ-Workshops im Kassa gemacht, da konnte man sich an richtigen Technics probieren. Bis ich mir einen eigenen Plattenspieler kaufen konnte, hat es ja noch ein paar Jahre gedauert, den hab ich mir von meinem ersten Zivildienst-Gehalt gekauft \u2013 aber das war nat\u00fcrlich auch nur ein Nachbau, kein original Technics, die ja bis heute der Standard f\u00fcr DJs weltweit sind.<\/p>\n<p><strong>Ilja:<\/strong> Wir waren auch tags\u00fcber oft im Kassa, hingen da viel rum, es gab damals schon das Tagescaf\u00e9 mit der Inge (Ingrid Sebastian, C. G.), die ist Sozialarbeiterin und so ne Art Mutti gewesen, weil die immer da war. Wir hatten halt prinzipiell Bock, dieses DJ-Ding zu machen. Und im Kassa hatten wir die M\u00f6glichkeit, uns zu verwirklichen. Joe hatte am Anfang das Booking gemacht. Irgendwann meinte Joe: So, jetzt macht ihr das mal.<\/p>\n<p><strong>Olli:<\/strong> Ich hatte da auch noch gar keinen DJ-Namen, Inge hat dann einmal vorgeschlagen: DJ L\u00e9g\u00e8res, weil das auf so ner Gauloises-Schachtel drauf stand. Ich dachte: klar, klingt ganz gut, dann nehmen wir das doch.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pl\u00f6tzlich steht Gletscher mit ernster Miene an unserem Tisch und sagt: \u201cIch hab geh\u00f6rt, es l\u00e4uft schleppend, und ich soll ein kleines Schn\u00e4pschen vorbeibringen.\u201d Vom Tresen aus winkt Carlos, der Chef vom Strand. Pl\u00f6tzlich erinnere ich mich, dass ich in den letzten Jahren, wann immer es ging, meine Bar-Schichten auf Montage gelegt habe. Stand der ausgestopfte rote Fuchs auf dem Tresen, wenn ich zur Arbeit kam, bekam ich sofort gute Laune. Als Barkeeper nehme ich DJs eigentlich selten wirklich wahr, denn wenn sie auflegen, dann hab ich ja grade am meisten zu tun, muss Tausend Bier aufmachen, Limetten ausquetschen, Pfefferminzbl\u00e4tter zupfen und K\u00e4sten schleppen, und wenn nach der Party jemand fragt: Und wie war das Set?, dann hab ich meist wenig zu sagen. Leider merke ich mir oft nur die Namen der DJs, die zu viel Platz einnehmen und im Weg sind, oder Extraw\u00fcnsche haben, oder besonders viel trinken oder so (was aber wirklich nicht viele sind). Ilja und Olli habe ich mir nicht gemerkt, aber die Abende und die Musik schon, und automatisch dr\u00e4ngen Bilder und Gesichter aus dem Hinterkopf hervor, die nach Namen suchen und Fragen, die man sich dann halt so stellt, wenn man einmal Memory Lane runtertrippt: Wie war ich eigentlich damals so drauf? Mit wem war ich da? Hab ich rumgeknutscht, gearbeitet oder gekotzt, getanzt, bin ich zu fr\u00fch gegangen oder hab ich den Abend verlabert? <\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><em>Wir trinken unsere Schn\u00e4pse. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Olli:<\/strong> Ohne das jetzt im Nachhinein idealisieren zu wollen, aber die Subkultur Hip Hop hat damals wirklich auch stattgefunden. Hinter dem Kassa stehen ja heute noch die Waggons, das ist einer der wenigen Pl\u00e4tze in Deutschland, wo man legal Z\u00fcge malen kann, das hei\u00dft ab Nachmittag war da Halligalli auf dem Hof, da ham die Kids gespr\u00fcht und Breaker waren auch immer fester Bestandteil der Party und hatten ihren eigenen Platz. Das war nicht die reine Konsumgesellschaft wie das jetzt eher so ist, dass man Konzerte konsumiert. Es hat auch zum Konzept geh\u00f6rt, dass es nach den Konzerten noch eine Party gibt, und niemand aus dem Club geworfen wird, bis der erste Zug morgens wieder f\u00e4hrt.<\/p>\n<p><strong>Olli:<\/strong> Es war ja auch nicht alles verf\u00fcgbar. Es hat ewig gedauert, bis wir mal soweit waren, dass wir gesagt haben: ja, wir sind jetzt DJs. Heute kannst du dir von einem Kumpel die Festplatte mit 20.000 Songs besorgen, die Technik kann man sich mit Youtube-Videos draufdr\u00fccken, und gebrauchte Technik kostet auch nicht mehr die Welt.<\/p>\n<p><strong>Ilja:<\/strong> Wir sind regelm\u00e4\u00dfig mit Joe nach Berlin gefahren, um Platten zu kaufen, sind da einmal im Monat mit ihm im Auto hochged\u00fcst.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Glaub dem nicht!&#8220;, ruft pl\u00f6tzlich jemand dazwischen. Ille und Olli drehen sich um und lachen. &#8222;Da isser! The Legend&#8220;, rufen sie und zeigen auf einen Typ in Lederjacke: Es ist Andreas \u201cSmoking Joe\u201d K\u00f6hler. 1993 war der DJ, Schlagzeuger und Musikproduzent aus Ravensburg nach Jena gezogen. Er verliebte sich ins Kassa und in \u201cMutti\u201d Inge und blieb. Ich treffe Joe ein paar Tage sp\u00e4ter zuf\u00e4llig wieder am Strand und ich kann ihn direkt mal ausfragen \u00fcber wie das alles so war damals. Nach einem St\u00fcndchen Erinnerungsarbeit kriegt Joe so ein leichtes Zittern in der Stimme und sagt: \u201cIch bin wirklich stolz, was aus den Beiden geworden ist, also, ich meine, was als Menschen aus ihnen geworden ist.\u201d <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ilja:<\/strong> Spuren hat das Kassa vor allem bei den Leuten hinterlassen, die da durch gegangen sind. Da sind auf jeden Fall ein paar Leute, die hier ihre Sozialstunden abgeleistet haben, und da andocken konnten, hier dann auch eine Lehre gemacht haben und Licht- oder Tontechniker geworden sind. Klar war Inge Sozialarbeiterin, aber das ist einem nicht so aufs Butterbrot geschmiert worden, das ist einfach passiert, dass die Leute das gut fanden wie der Umgang miteinander ist, und dass sie auch Verantwortung \u00fcbertragen kriegen, auch als Lehrling. Wenn du ne Lehre zum Veranstaltungstechniker machst in einer Verleihfirma, da kannst du richtig in die Kacke greifen. Da l\u00e4dst du dann den ganzen Tag nur LKWs ein und aus und machst das Lager sauber. Im Kassa hast du die M\u00f6glichkeit, dich ans Pult zu stellen und zu machen, dich auszuprobieren. Wir hatten das Gl\u00fcck, dass wir so einen Ort hatten. Sonst w\u00e4r das schwer geworden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/07\/jenakultur-ilja-olli-kassa-hallec-gesellmann-bea-1000x525.jpg\" alt=\"DJ L\u00e9g\u00e8res (links) und Ilja Gabler im Kassablanca Jena\" class=\"wp-image-2592\" \/><figcaption>\u00a9C. Gesellmann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Seit Gr\u00fcndung des Kassa haben rund 80 Jugendliche ihre von Gerichten verh\u00e4ngten Sozialstunden hier abgeleistet. Etwa 100 Leute haben im Kassa ihren Zivi bzw. Bufdi gemacht \u2013 Olli zum Beispiel, aber auch Danny Engel, Wendelin Wei\u00dfbach (Metaboman) S\u00f6ren Bodner und Gabor Schablitzki (Wighnomy Brothers, Monkey Maffia, Robag Wruhme). Etwa 25 junge Menschen haben hier eine Berufsausbildung erhalten \u2013 zum Beispiel Ilja, der hier eine Lehre zum Tontechniker absolvierte, der Beruf, von dem er heute lebt. Ilja war der erste Azubi im Kassa. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ilja:<\/strong> K\u00fcnstlerisch und so beim Menschwerden hat uns das Kassa immer unterst\u00fctzt, das Vertrauen war da, dass da von uns was kommt, was funktioniert. Wie man den B\u00fchnensound macht, hab ich einmal gezeigt bekommen und dann musste ich das alleine machen, und damals waren viele Konzerte, drei-, viermal die Woche. Ich musste mir das alles von meiner kleinen Kanzel da oben \u00fcber der B\u00fchne reinziehen, Punk, Grindcore, Darkwave, Reggae, Stoner Rock. Das ist halt ganz cool gewesen, weil ich dadurch auch Sachen entdeckt habe.<\/p>\n<p><strong>Olli:<\/strong> Das war jetzt nicht die Intention, zu sagen, wir werden DJs. Denn das war zu der Zeit auch v\u00f6llig unvorstellbar. Wir haben angefangen, klar gab\u2019s da auch ein bisschen Kohle, aber da konnte kein Schwein von leben. Der Ansatz von Boomshakalaka war immer, dass wir Leute auf die B\u00fchne stellen, die tats\u00e4chlich auch was zu sagen haben. Also, wir haben nicht den letzten M\u00fcll gebucht, nur um die H\u00fctte voll zu kriegen. Der Anspruch war, musikalisch oder inhaltlich, gutes Zeug zu bieten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>In den Tagen nach den Interviews mit Ille und Olli, den Hintergrundgespr\u00e4chen und dem Fact-Checking, wird mir bewusst: ich muss noch nicht mal irgendwo hingehen, um die Geschichte des Kassa zu verstehen, welche Spuren es in Jena hinterlassen hat, und welche Rolle Ilja und Olli dabei gespielt haben. Daf\u00fcr brauche ich einfach nur hier am Strand sitzen zu bleiben. Die Geschichte des Kassa ist vor allem Gegenwart, sie ist in Jena nur sporadisch sichtbar, aber sie ist ins kollektive Ged\u00e4chtnis eingedrungen. Wie wichtig das ist, kann man gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Denn in St\u00e4dten, wo es einen solchen Ort nicht gibt, wo sich Menschen, die sich f\u00fcr neue gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen begeistern, nicht verwirklichen k\u00f6nnen, fehlt nicht nur ein St\u00fcck Gegenwart. Diese Orte verlieren damit auch ein St\u00fcck ihrer Geschichte. Ich komme aus einer Stadt in Sachsen, die zur Wendezeit genauso gro\u00df war wie Jena, und kein Kassablanca hat, nie hatte. Das ist nicht nur ein sogenannter weicher Standortfaktor, es l\u00e4uft f\u00fcr viele Jugendliche in Ostdeutschland letztlich auf eine Frage hinaus: bleibe ich hier, oder ziehe ich weg? <\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><em>Coole Leute, die etwas auf die Beine stellen, gibt es \u00fcberall. Aber wo k\u00f6nnen sie sich verwirklichen, ohne R\u00e4ume, ohne Vertrauen? Und wer erinnert sich einmal daran, was sie gemacht haben, wenn man sie sp\u00e4ter nicht mehr trifft, ihre Orte nicht mehr besucht, wenn es keine Anl\u00e4sse gibt, die alten Mixtapes, Flyer und Fotos und Zeitungsausschnitte noch einmal rauszukramen? W\u00fcrde es den Strand 22 heute in dieser Form geben, ohne das Kassablanca?, frage ich Carlos. Er schnauft ein wenig, weil die Frage so doof hypothetisch ist, ein bisschen so, als w\u00fcrde man eine Mutter fragen, ob sie sich schon mal vorgestellt hat, wie ihre Tochter aussehen w\u00fcrde, h\u00e4tte sie einen anderen Vater, und sagt: \u201cwahrscheinlich nicht.\u201d <\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2137\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1000x525.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-500x263.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1536x806.jpg 1536w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1314x690.jpg 1314w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel-1320x693.jpg 1320w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/04\/jenakultur-c-gesellmannmartin-gommel.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Christian Gesellmann \u00a9Martin Gommel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Kassa feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag! Ein Jahr lang werde ich mich als Stadtschreiber mit den Menschen treffen, die diesen einzigartigen Verein und Club gepr\u00e4gt haben, und ihre Erinnerungen aufschreiben \u2013 und nat\u00fcrlich mit Ihnen\/dir teilen, hier auf diesem Blog,<\/em> <em>auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christian.gesellmann\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Facebook<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/christian.gesellmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Geschichten und Erinnerungen verbinden Sie\/verbindest du mit dem Kassablanca? Haben Sie\/ hast du noch irgendwo alte Fotos von Ihnen\/dir und Ihren\/deinen Freunden im Kassa? Ich freue mich auf Post an: <u><a href=\"mailto:allesgute@kassablanca.de\">allesgute@kassablanca.de<\/a><\/u><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte des Kassa ist vor allem Gegenwart, sie ist in Jena nur sporadisch sichtbar, aber sie ist ins kollektive Ged\u00e4chtnis eingedrungen. Wie&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":2591,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,17,26],"tags":[522,552,550,507,551],"class_list":["post-2593","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jenakultur","category-kulturpreise-stipendien","category-villa-rosenthal","tag-30-jahre-kassa","tag-hiphop","tag-kassablanca","tag-kassablanca-jena","tag-subkultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2593"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2598,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593\/revisions\/2598"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}