{"id":2485,"date":"2020-07-01T07:30:00","date_gmt":"2020-07-01T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=2485"},"modified":"2020-07-01T10:01:00","modified_gmt":"2020-07-01T08:01:00","slug":"kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/07\/01\/kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben\/","title":{"rendered":"Kunst der Pandemie \u2013 eine Chance? Von Sinuskurven, Kipppunkten und Zerrei\u00dfproben."},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die \u00fcbliche Begegnung in Corona-Zeiten findet auf virtuellem Wege statt. So lernen sich der als Kunsthistoriker ausgebildete Generaldirektor der <a href=\"https:\/\/www.pinakothek.de\/bayerische-staatsgemaeldesammlungen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen<\/a> Bernhard Maaz und der Dramaturg und Werkleiter von JenaKultur konsequenterweise gleich am Telefon kennen. Zumindest eines haben sie schon auf den ersten Blick gemeinsam: Die biografischen Stationen Jena und M\u00fcnchen. Aber auch dar\u00fcber hinaus gibt es Einiges zu besprechen: Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Werte-Gemeinschaft und ihre Zerrei\u00dfprobe in der Krise, \u00fcber den Stellen-Wert von Kunst innerhalb dieser Gemeinschaft, sowie \u00fcber einen gro\u00dfen Biergarten und eine kleine Rose\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><strong>JONAS ZIPF: <\/strong>Servus, Herr Maaz.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Servus. <em>Kurzes Schweigen <\/em>Wie kommen Sie auf \u201eServus\u201c?<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ich habe in M\u00fcnchen studiert. An der Everding<a href=\"#_ftn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> habe ich Musiktheater-Regie gelernt. Und meine Frau kommt aus M\u00fcnchen. Diese Stadt ist f\u00fcr mich eine echte Wahlheimat. Und au\u00dferhalb der Corona-Zeiten sind wir alle zwei, drei Monate dort. Von daher ist mir die Stadt gewohnt und vertraut. Und ich freue mich, wenn man ein Gespr\u00e4ch mit \u201eServus\u201c beginnt und es mit \u201ePfiat Eana\u201c oder \u201ePfiat Di\u201c beendet. Ist eine Lebensart.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> So ist es. Ja, ich bin auch ganz gerne hier.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Sie kommen ja aber urspr\u00fcnglich aus Jena?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja, genau. Aber das sind Urspr\u00fcnge, die durch Zufall so gekommen sind. Meine Eltern stammen aus Siebenb\u00fcrgen und dem, was man das Sudetenland nannte. Sie wurden vertrieben, kamen nach Th\u00fcringen in die damaligen Auffanglager und haben dann in Jena studiert und sich kennengelernt. Und so bin ich eigentlich ein Deutscher, der das gesamte deutsche Sprachgebiet \u201aim Blut\u2018 oder im Blick hat. Aber das Jena-Th\u00fcringische \u2013 den Slang \u2013 habe ich nie wirklich beherrscht.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Wie viel Zeit Ihres Lebens haben Sie denn letztlich hier verbracht?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> 18 Jahre.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Und sind dann weggegangen zum Studium?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Exakt. Ein Jahr Weimar, dann f\u00fcnf Jahre Studium in Leipzig. Dann 23 Jahre Vollzeitberliner mit Job in Berlin. Dann f\u00fcnf Jahre Halbzeitberliner mit Job in Dresden. Und jetzt schon wieder f\u00fcnf Jahre und ein paar Monate M\u00fcnchen, ausschlie\u00dflich.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Beim Lesen Ihres Werdegangs musste ich an den Roman \u201eVerwirrnis\u201c von Christoph Hein denken. Kennen Sie den?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Nein.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Es wird ja nun durchaus schon seit l\u00e4ngerem dar\u00fcber diskutiert, ob es einen \u201egro\u00dfen\u201c ostdeutschen Roman gibt, der die gesellschaftliche Geschichte der DDR reflektiert. Ich finde, <em>das<\/em> ist er. \u201eVerwirrnis\u201c hat mich wirklich begeistert. Und da kommen eben auch die Universit\u00e4tsst\u00e4dte Jena und Leipzig vor. So wie Sie macht der Protagonist den entscheidenden Schritt von Jena nach Leipzig, vom kleinen n\u00e4rrischen Universit\u00e4tsdorf in die gro\u00dfe Stadt. Im Vordergrund erz\u00e4hlt der Roman die Geschichte von zwei sich heftig liebenden Homosexuellen, die aus dem katholischen Eichsfeld stammen, und ihre Liebe in diesem kleinb\u00fcrgerlichen Staat und seiner engstirnigen Gesellschaft verstecken m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Es gibt ja so manchen markanten Text \u00fcber die DDR. Ich habe mal angefangen, Uwe Tellkamps \u201eDer Turm\u201c zu lesen, und das Buch nach zwei, drei Dutzend Seiten wegen geschraubter und gestelzter Sprache, uns\u00e4glicher und eitler Selbstdarstellung beiseitegeschoben.<\/p>\n<p>Ich bin vielleicht noch nicht alt genug, um wirklich nach den Wurzeln zu suchen. Zumal ich meine Wurzeln ja als Luftwurzeln beschreiben m\u00fcsste, um mal ins Fach der Botanik zu greifen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja, ich finde, dass viele autobiografische Besch\u00e4ftigungen der letzten Jahre sehr eitel sind. Nicht nur die von Tellkamp. Gerade deshalb sticht der Christoph-Hein-Roman so hervor: Der m\u00f6chte gar nicht vordergr\u00fcndig die Gesellschaftsgeschichte erz\u00e4hlen und kommentieren. Das passiert eher so en passant, indem der Autor seine Figuren liebt und deren Geschichte erz\u00e4hlt. Er beherrscht einfach sein Handwerk, st\u00fcrzt sich nicht selbstverliebt in die Stilistik. Das hat mich sehr beeindruckt.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Zu Ihrer Beschreibung passt Marcel Beyers \u201eKaltenburg\u201c. Auch ein zupackender, ein unaufgeregter Roman \u00fcber Dresden. Quasi das Anti-Dresden zum \u201eTurm\u201c, viel tiefer geerdet, viel realistischer. Und doch schon lange vorbei. Beim Lesen solcher B\u00fccher kommt es mir so vor, als ob die Distanz w\u00e4chst. Die Notwendigkeit, die Gegenwart zu betrachten, wird langsam gr\u00f6\u00dfer angesichts der monumentalen Themen unserer Zeit.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Also, ich sehe da schon Verbindungen, B\u00f6gen. Ich m\u00f6chte mit Ihnen \u00fcber Gemeinschaft reden. Unsere Zeit ist ja eine Zeit, die uns, wie ich finde, die Frage abverlangt, ob wir diese Gesellschaft \u00fcberhaupt noch als Gemeinschaft erleben. Solidarit\u00e4t ist nicht zuf\u00e4lligerweise das Wort der letzten Krise. Im Kern geht es darum, ob wir als Gemeinschaft bestehen oder ob wir in Einzelinteressen zerfallen, in eine Kakofonie von einzelnen Partikular-Lobbies. Und ich glaube, dass die Zeit vor und rund um 1989 deswegen nochmal viel n\u00e4her ger\u00fcckt ist: Weil es eine gewisse Sehnsucht nach Orten oder Momenten gibt, in denen Gesellschaft stattfindet. Dahinter steckt letztlich die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen Gemeinschaft und Staat. Damals wie heute stellt sich die Frage: Ist der Staat in der Lage, eine gesellschaftliche Gemeinschaft abzubilden? Ein bisschen so wie 2015. \u201eWir schaffen das\u201c, hat die Kanzlerin gesagt. Es gab einen kurzen Zeitraum, in dem alle zusammenger\u00fcckt sind und die \u00c4rmel hochgekrempelt und versucht haben, die Krise gemeinsam zu bew\u00e4ltigen. Und dann gab es jahrelange Auseinandersetzungen dar\u00fcber, wer die entstandenen Rechnungen zahlt, die finanziellen, aber auch die politischen, juristischen, moralischen. Und so \u00e4hnlich verl\u00e4uft die aktuelle Krise auch. Am Anfang gab es wieder diesen Moment; alle r\u00fcckten zusammen. Und jetzt zerf\u00e4llt und zerfasert das zunehmend. Wir befinden uns mitten in einem Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, ob wir es schaffen als Gemeinschaft, als Gesellschaft zu bestehen oder ob wir wieder zerfallen in alle m\u00f6glichen einzelnen Stimmen.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> 2015 hat man geh\u00f6rt: \u201eWir schaffen das\u201c. Danach, ein Jahr sp\u00e4ter h\u00e4tte man sagen m\u00fcssen: \u201eWir h\u00e4tten das gerne geschafft\u201c. Und nochmal drei Jahre sp\u00e4ter, also heute, kann man sagen: \u201eOh, wir haben es ja doch geschafft!\u201c Wir haben es geschafft. Noch nicht restlos, aber es bleibt in der Gesellschaft bei jedem Thema, was wir l\u00f6sen, auch immer ein ungel\u00f6ster Rest. Es gibt immer Gewinner und Verlierer, und es gibt immer zwischen diesen beiden Polen unendlich viele Nuancen. &#8212; Jetzt will ich auf die Gegenwart schauen, auf die Frage der Solidarit\u00e4t. Die ganze Gesellschaft ist ja j\u00fcngst erst einmal in die Fragmentierung geschleudert worden. Jeder erlebt das als Einzelner und f\u00fcr sich. Die Solidarit\u00e4t wurde jetzt ab M\u00e4rz 2020 etwa in den Krankenh\u00e4usern gelebt, wo wirklich brutale F\u00e4lle von Corona aufgetreten sind und unerbittliche Folgen auch f\u00fcr die Belegschaft zu sehen waren. Wenn ich andererseits unsere Kultureinrichtungen sehe, dann muss ich gestehen: Der Einschlag der Schlie\u00dfung kam nicht so unvorhergesehen, wie man vielleicht im Nachhinein denkt. Es hatte sich ja schon im Februar gezeigt, dass die Epidemie sich in eine Pandemie verwandelt; es hatte sich da schon gezeigt, dass die Besucherzahlen signifikant zur\u00fcckgingen, dass sich das (Reise-)Verhalten der Menschen \u00e4nderte, dass \u00c4ngste aufkeimten, dass man vermeidbare Reisen nicht mehr antreten wollte \u2013 und all das. Und die Solidarit\u00e4t setzte eigentlich meiner Erfahrung zufolge erst mit einer gewissen Verz\u00f6gerung nach dem Shutdown ein \u2013 erst, als wir die Fragestellung \u00e4ndern konnten von &#8222;Was passiert jetzt mit uns?&#8220; zu &#8222;Was muss passieren, damit wir wieder zu einer Gemeinschaft, einer Solidargemeinschaft werden?&#8220; F\u00fcr mich war das eine Sinuskurve, deren Nullpunkt lange hinter dem Shutdown lag, und die sich nun danach aufw\u00e4rtsbewegt. Es entstand ein Blick nach vorne. Wir fragten uns, wie wir die Museen wieder \u00f6ffnen k\u00f6nnen, wie das insgesamt mit der Gesellschaft um uns herum weitergeht, was zu tun und wie zu handeln ist. Gleichzeitig stiegen die Fallzahlen noch, die Gefahr wurde gr\u00f6\u00dfer \u2013 eine Gefahr, die im Grunde durch den Staat gebannt worden ist \u2013 und durch die \u00fcberraschend starke und wunderbare Solidarit\u00e4t der Menschen. Die Gemeinschaft spielte, glaube ich, eine gro\u00dfe Rolle: als Umsetzungsinstrumentarium dessen, was der Staat beschlossen hat, damals noch einheitlich gesamtdeutsch, nunmehr l\u00e4ngst fragmentiert, \u00fcber alle Bundesl\u00e4nder hinweg diversifiziert.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ich habe das als einen Kipppunkt erlebt. Bis vor vier Wochen ungef\u00e4hr gab es diese merkw\u00fcrdige Einigkeit, dass die Ministerpr\u00e4sidenten, deren Souver\u00e4nit\u00e4t es ja ist, Infektionsschutz zu gew\u00e4hrleisten, sich abstimmen mit der Bundesebene. Diese Telefonkonferenzen hatten ja schon fast etwas von p\u00e4pstlicher Synode. Alle haben darauf hingefiebert und spekuliert, was da jeweils rauskommt. Und tats\u00e4chlich sind ja relativ wenig restriktive Ma\u00dfnahmen verabredet worden. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt eine Ausgehsperre wie in Italien oder \u00d6sterreich. Das meiste waren Gebote, keine Verbote. Und viele Leute haben sich vern\u00fcnftig gezeigt, sich daran gehalten, und es ist relativ einheitlich gelaufen. Und dann gab es diesen Kipp-Moment. Die Vorboten konnte man, glaube ich, schon an dem Partikularverhalten der beiden Ministerpr\u00e4sidenten in Bayern und in Nordrhein-Westfalen mit ihrem verdeckt gef\u00fchrten Machtkampf in Antizipation der Kanzlerfrage auf sich zukommen sehen. Pl\u00f6tzlich ist diese Einm\u00fctigkeit zwischen den Landesf\u00fcrsten zerfallen. Und nochmal zwei Wochen sp\u00e4ter hatten wir diese Situation, dass von oben nach unten durchdelegiert wird. Die meisten L\u00e4nder haben ja praktisch diese Nichtabstimmung \u2013 das, was dann hastig \u201eRegionalisierung\u201c getauft und als Vorteil des F\u00f6deralismus beschworen wurde \u2013 in einen Wettbewerb der Lockerungen \u00fcberf\u00fchrt und die Verantwortung der Regelungen vor Ort einfach 1:1 auf die Kommunen weitergegeben. So, dass wir als Kommune alle Lockerungen auf einmal bew\u00e4ltigen mussten und unser Gesundheitsamt eigentlich nur noch die wei\u00dfe Fahne raush\u00e4ngen konnte. Seitdem macht jeder seine Hygienema\u00dfnahmen im Prinzip auf eigene Faust. Man k\u00f6nnte auch sagen, man sei vom Fahren auf Sicht \u2013 davon war ja wochenlang die Rede \u2013 zum Blindflug \u00fcbergegangen. Die vern\u00fcnftige Lockerung in abgestimmter Form, so war es ja mal urspr\u00fcnglich vorgedacht, w\u00e4re gewesen, im Laufe des Mai die Kitas und die Schulen, einzelne Wirtschaftszweige und dann peu \u00e0 peu weitere Bereiche des \u00f6ffentlichen Lebens wieder hochzufahren. Und jetzt passiert das praktisch alles auf einmal und in einem Wildwuchs, in einem Wettbewerb, einem \u00dcberbietungswettbewerb, der auch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung irgendwann nicht mehr verst\u00e4ndlich ist. Vor allem nicht vor dem Hintergrund der Geschwindigkeit, mit der sie aufgefordert wurde, in den Lockdown reinzugehen und als Gemeinschaft solidarisch zu handeln. Jetzt wird die Pandemie quasi f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt, unter anderem von unserem Ministerpr\u00e4sidenten in Th\u00fcringen am letzten Wochenende. Das ist kaum noch nachvollziehbar. Und ich glaube, diese Verwirrung, oder um vielleicht bei dem Romantitel von Christoph Hein zu bleiben, diese \u201eVerwirrnis\u201c, sorgt jetzt f\u00fcr das Zerfallen in einzelne Interessensgruppen. Das Verr\u00fcckte dabei: Die, die jetzt am emotionalsten reagieren, bei denen die Tonalit\u00e4t am meisten verrutscht, die bei uns \u2013 also bei der Stadtverwaltung \u2013 anrufen und sich bitterb\u00f6se beschweren, das sind oftmals diejenigen, die eigentlich davon am wenigsten betroffen sind. Wir leben ja in einer Zeit voller Paradoxien. Die, die ganz intensiv damit besch\u00e4ftigt und davon betroffen sind, deren Existenz am Rande steht, die machen auf mich \u00fcberwiegend immer noch den vern\u00fcnftigeren Eindruck, vielleicht weil sie sich in der Tiefe mit dem Thema besch\u00e4ftigen und es wahrscheinlich daher auch ernster nehmen. F\u00fcr die anderen ist es weit weg, die wollen einfach das normale Leben zur\u00fcck. Sehen Sie das auch so?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ich glaube, dass Sie da etwas ganz Wichtiges beschreiben. Diejenigen, die betroffen sind, setzen sich damit in der Tat viel st\u00e4rker auseinander und behalten den Blick der Verantwortlichkeit auf das Thema. Diejenigen, die nicht betroffen sind, haben das Gef\u00fchl, dass sie nichts zu verantworten h\u00e4tten \u2013 und deswegen haben sie das Gef\u00fchl, etwas fordern zu d\u00fcrfen. Und das ist Wasser auf die M\u00fchlen einer gesellschaftlichen Entwicklung, die bereits \u00fcber Jahrzehnte hinweg l\u00e4uft: Immer mehr Mitmenschen meinen, alle ihre Forderungen m\u00fcssten gestellt und auch rasch erf\u00fcllt werden. Insbesondere gegen\u00fcber dem Staat. F\u00fcr die Generation, die jetzt 20, 30 Jahre alt ist, gibt es keinerlei Krisenerfahrung. F\u00fcr die Generationen, die etwas \u00e4lter sind, gibt es wenigstens die Erfahrung <em>einer<\/em> gro\u00dfen Krise, die Erfahrung der zwei niedergebrannten T\u00fcrme von New York, Nine-Eleven. Damals hat man sich geschreckt, gesch\u00fcttelt und festgestellt, dass die Welt nicht so fest und stabil ist, wie vorher angenommen. Aber die noch j\u00fcngere Generation, die jetzt auch sorglos-hedonistisch auf den Wiesen sitzt und so tut, als w\u00e4re Corona schon ausgestanden, die m\u00fcssen wir, glaube ich, mit der Bewusstmachung erreichen, dass auch sie in eine gesellschaftliche Verantwortlichkeit gehen werden m\u00fcssen. Ich glaube, dass Worte wie \u201eKipppunkt\u201c oder \u201eSinuskurve\u201c, die wir im Gespr\u00e4ch schon gebrauchten, das Prozessuale all dieser Vorg\u00e4nge indizieren. Ich bin fest \u00fcberzeugt, dass die Partikularinteressen \u2013 Stichwort dazu: diverse Ministerpr\u00e4sidenten treffen unterschiedliche Entscheidungen \u2013 auch mit der verbreiteten R\u00fccksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft zu tun haben. Und dadurch kommen jetzt diejenigen wieder leichter nach vorn, die einfach schlicht \u201adagegen\u2018 sind. Wogegen? <em>Da<\/em>gegen. Gegen alles, irgendwie: Gegen die Obrigkeit, gegen Beschl\u00fcsse, gegen Restriktionen, ja zuweilen gegen alle Normierungen. Aber genau darin erweist sich dann auch wieder das gleichzeitige Verantwortungs- und Inklusionspotential einer Gesellschaft: Einerseits die Notwendigkeit, Restriktionen zu reflektieren, zu kommunizieren und im Zweifelsfalle diesen Exzentrikern trotzdem den n\u00f6tigen Raum zu geben, sich zu artikulieren \u2013 ihnen und allen anderen also Pro und Kontra vorzurechnen. Diesen Dialog halte ich f\u00fcr sehr wichtig. Ich hatte zwischendurch einmal einen Moment, an dem ich dachte, wir seien ja gar nicht in der Krise, wir sind ja nur in der Generalprobe. Was ich damit sagen m\u00f6chte: Dass es noch viel gr\u00f6\u00dfere Krisen geben kann, und die sind nicht herbeiphantasiert. Allein die Vorstellung, dass Ebola global grassieren w\u00fcrde, ist so abgr\u00fcndig und so bedrohlich, dass wir von da aus gesehen die Corona-Krise als eine Generalprobe verstehen sollten. Corona ist eine unglaubliche Belastungsprobe und Herausforderung. Aber solche Entwicklungen haben der Menschheit auch jeweils neue Impulse gegeben.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Wir sprechen von einer Art Bew\u00e4hrungs-Probe f\u00fcr unsere Gemeinschaft. Daran m\u00f6chte ich eine Beobachtung anschlie\u00dfen, die mich in den letzten Wochen stark umtreibt. Die AfD ist ja mittlerweile sehr geschickt darin, mit viel juristischer Expertise alle zu Gebote stehenden rechtsstaatlichen Mittel auszusch\u00f6pfen. Wahnwitzigerweise haben sie es im letzten Jahr fast geschafft, die gesetzlich verankerte Steuerfreiheit gemeinn\u00fctziger Organisationen gerichtlich zu kippen. Ich beobachte und erlebe, dass unsere Verfassung an dieser Stelle verwundbar ist: Aufgrund der historischen deutschen Erfahrung betont die AfD gegen\u00fcber dem Gemeingut die Individualrechte in einem Ma\u00df, die diese in Konflikt zur Gemeinschaft bringen k\u00f6nnen. Freiheit ist sozusagen wichtiger als Br\u00fcderlichkeit. In Frankreich oder in Italien existiert dagegen ein gesellschaftliches Grundverst\u00e4ndnis, ein Gesellschaftsvertrag, der es viel leichter erlaubt, dass zum Wohle der Gemeinschaft und gegen das Recht des Einzelnen harte Entscheidungen getroffen und auch rechtsstaatlich nicht so leicht gekippt werden k\u00f6nnen. Bei uns stehen das Individuum, die Freiheitsrechte des Individuums, so hoch in der politischen Kultur, in der gesellschaftlichen Debatte, auch eben in der juristischen Auslegung, dass ein Bundestagspr\u00e4sident diese Grundrechte gegeneinander in Stellung bringen kann, dass es einer AfD-Lobby gelingt, mit dem Argument der Religionsfreiheit Restriktionen zu lockern und zu kippen. In Niedersachsen mussten beispielsweise auf diese Weise erste Gottesdienste wieder stattfinden. Ein ethno-pluralistischer Treppenwitz \u00fcbrigens, dass es sich dabei ausgerechnet um islamische Freitagsgebete handelte. Von diesen \u201eExzentrikern\u201c, wie Sie sie genannt haben, wird dann vor allem mit Religionsfreiheit, Berufs-, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit argumentiert. Jetzt werden polemisch, politisch, populistisch individuelle Grundrechte in Stellung gebracht gegen das, was wir als Gemeinschaft beschreiben. Es war ja eine sehr abstrakte Herausforderung, die am Anfang aber offensichtlich von der \u00fcberwiegenden Mehrheit dieser Gemeinschaft geteilt wurde, die auch gut erkl\u00e4rt wurde, wie ich finde: Wir m\u00fcssen jetzt \u2013 so hie\u00df es immer \u2013 daf\u00fcr sorgen, dass die medizinischen Kapazit\u00e4ten nicht \u00fcberlastet werden\u2026.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> \u2026 nicht kollabieren\u2026<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026 und das ist gelungen bis hierhin. Das ist ja ein gro\u00dfer Erfolg.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja, wahrlich.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Jetzt wundern sich andere L\u00e4nder, die viel h\u00e4rtere Restriktionen und viel h\u00e4rtere subjektive Erfahrungen mit der Krise erleben mussten, \u00fcber uns \u2013 dar\u00fcber, was da auf der Stra\u00dfe und im Internet bei uns los ist. Und Sie haben recht: Letztlich ist das ein Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Ph\u00e4nomens, einer Entwicklung, die schon l\u00e4nger anh\u00e4lt; letztlich k\u00f6nnte man von einem besorgniserregenden grunds\u00e4tzlichen Misstrauen in den Staat sprechen. Vor allem aber fehlt eben ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Das bedeutet Solidarit\u00e4t im Kern, ja: Ich selbst bin mir nicht der N\u00e4chste, sondern ich muss mich als Teil einer Gruppe, als Teil der Gemeinschaft verstehen. Nur so k\u00f6nnen wir bestehen. Das ist der Stresstest, wenn wir \u00fcber die Krise reden. F\u00fcr uns als Gesellschaft in Deutschland, aber auch als europ\u00e4ische Gemeinschaft. Pl\u00f6tzlich werden sogar CDU-Abgeordnete oder FDP-Abgeordnete geh\u00f6rt, die sagen: H\u00e4tten wir doch mal diese europ\u00e4ische Union nicht nur auf den Prinzipien von wirtschafts- und finanzpolitischer Vernunft gebaut, sondern auch als Wertegemeinschaft entwickelt. In dieser Phase liegt eine ganz, ganz gro\u00dfe Chance, als Gemeinschaft nach vorne zu kommen. Aber sie birgt auch eine riesige Gefahr, n\u00e4mlich die zu zerfallen. Und Sie sagen vollkommen zurecht: Das ist gewisserma\u00dfen wie eine Generalprobe. Auch f\u00fcr andere noch anstehende Krisen, aber auch innerhalb dieser Krise. Wir wissen nicht, ob eine zweite oder eine dritte Welle kommt. Und wenn wir von einem Kipppunkt sprechen, jetzt schon, ich m\u00f6chte es mal so sagen, dann scheint unser Verm\u00f6gen im doppelten Wortsinne \u2013 also Verm\u00f6gen als volkswirtschaftlich harte M\u00fcnze, aber auch unser Verm\u00f6gen an gemeinschaftliche geteilten Werten \u2013 einen nicht ausreichend gro\u00dfen Vorrat darzustellen, um diesen Stresstest zu bestehen. Das ist zumindest meine zugegebenerma\u00dfen pessimistische Sorge.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Vielleicht schlagen wir aus diesem Verdruss noch einen Funken, denn auch aus der Krise muss man einen Funken schlagen. Wer hat das doch gesagt: \u201eNever waste a crisis!\u201c? Wir m\u00fcssen wissen, dass darin die Chance liegt. Wir m\u00fcssen diskutieren, debattieren in der Gesellschaft! Es kann noch viel schlimmer kommen. Und wenn es viel schlimmer k\u00e4me, wenn etwa eine zweite Welle kommt, dann wird man nicht erneut Billionen an Geldern aussch\u00fctten k\u00f6nnen. Dann hat das noch ganz andere Folgen. Im Umkehrschluss kann man im Grunde nur Aufkl\u00e4rung leisten und unterstreichen: Was hier geschafft wird, ist monet\u00e4r eine Hypothek auf Jahre oder sogar Jahrzehnte, aber auch ein Erkenntnisgewinn, der hoffentlich ebenfalls Jahrzehnte h\u00e4lt. N\u00e4mlich: Man kann es mit Umsicht man\u00f6vrieren, das Schiff. Das Schiff Europa ist nicht untergegangen; das Schiff Deutschland ist nicht untergegangen. Aber es hat viele, viele zehntausende Tote gegeben durch ein unvorhergesehenes, theoretisch unvorhergesehenes, Ph\u00e4nomen, n\u00e4mlich dieses Virus. Warum sage ich \u201etheoretisch unvorhergesehen\u201c? Weil es praktisch vorhergesehen worden war. Es gibt ein Bundestagspapier von Anfang 2013, basierend auf Krisenmanagement-Betrachtungen des Bundestages aus dem Jahr 2012.<a href=\"#_ftn2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dort hei\u00dft es, ein Virus mit dem fingierten Namen Nova SARS k\u00f6nne auftauchen. Man hat das Szenario der Folgen f\u00fcr die Gesellschaft, die Gesundheit, die Kultur etc. dort aufwendig durchgespielt, aber die Gesellschaft hat es nicht zur Kenntnis genommen. Es gab also bereits weithin kaum wahrgenommene Reflexionen rein naturwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Art, wie ein gesamtgesellschaftliches Krisenmanagement im Fall des Falles aussehen m\u00fcsste. Dieser \u201eBericht zur Risikoanalyse\u201c blieb ein theoretisches Papier \u2013 ohne Umsetzung in die Praxis, jedenfalls soweit ich erkenne.<\/p>\n<p>Nun kam es etwas anders. Wir mussten und m\u00fcssen die tagt\u00e4glichen Erw\u00e4gungen und Vorschriften umgehend in die Praxis umsetzen. Das finde ich deswegen so spannend, weil eine Gesellschaft nie berechenbar ist. Wir haben ja jetzt schon mehrmals diesen Begriff der Wertegemeinschaft umkreist. Der ist eben nicht statisch, sondern immer dynamisch. Zun\u00e4chst hie\u00df es ja, wir sollen soziale Distanz halten. Und allein in der Formel, die da gefunden worden war, lag ja schon der Fehler: Wir sollten soziale N\u00e4he suchen, bei gleichzeitiger r\u00e4umlicher Distanz. Sprache ist immer verr\u00e4terisch. Diese r\u00e4umliche Distanz haben wir jetzt. Die leben wir jetzt, die meisten von uns. Bis auf diejenigen, die meinen, sie wollten es drauf anlegen. Die r\u00e4umliche Distanz, die Umsicht, den Schutz, ja sogar die F\u00fcrsorge f\u00fcr den anderen Menschen haben wir neu einge\u00fcbt. Und nicht nur, weil wir meinen, Vorgaben oder Gesetze erf\u00fcllen zu m\u00fcssen, sondern auch, weil wir meinen, f\u00fcr die Menschen da sein zu m\u00fcssen. Und ich glaube, dass ein gro\u00dfer Teil der Gesellschaft auch heute immer noch diese Form der empathischen, f\u00fcrsorglichen R\u00fccksichtnahme t\u00e4glich und st\u00fcndlich lebt. Ich erlebe es jedenfalls so.<\/p>\n<p>Es gibt daneben nat\u00fcrlich einen kleineren Teil der Gesellschaft, den w\u00fcrde ich auch gar nicht politischen Lagern zuordnen, der sagt, das Virus sei ausgedacht oder zumindest egal, die Grundrechte d\u00fcrfen nicht eingeschr\u00e4nkt werden etc. Es gibt aber neben dem Grundrecht des Individuums auch die Verantwortlichkeit f\u00fcr die Gesellschaft. Diesen Diskurs hat uns die Corona-Pandemie aufgezwungen. Und darin sehe ich auch einen gewissen Benefit dieser Situation, die man sich nie gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen den Diskurs eben \u00fcber die Grundrechte des Einzelnen <em>und<\/em> \u00fcber die der Gesellschaft als Gemeinschaft f\u00fchren. Damit sind wir dann wieder bei den Themen, die in der bildenden Kunst verhandelt werden oder auch im Theater: \u00dcber die Werte und Wertegemeinschaften. Wieso ist das \u00fcberhaupt alles so dringlich, dass wir all dies diskutieren? Darauf gebe ich mir eine Antwort, die darin besteht, dass unsere Gesellschaft die christlichen, also religi\u00f6sen \u2013 ich fasse das damit jetzt noch weiter \u2013 Werte verloren hat. Das sind sicherlich Sp\u00e4tfolgen der Aufkl\u00e4rung, des Rationalismus, des Skeptizismus. Wir haben sozusagen den Wertekanon der christlichen Tugenden nicht mehr normativ vor Augen: Caritas etwa, die N\u00e4chstenliebe. Wir stehen jetzt an einem Punkt, an dem wir uns diese Werte der Gesellschaft dringend wieder bewusst machen m\u00fcssen. Und zwar als letztendlich nicht nur christliche oder nur j\u00fcdische Werte, sondern als menschheitliche Ethik, als Gesellschaftsvertrag auf anderem, auf philosophischem Niveau, als unverhandelbares Gut.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Tats\u00e4chlich muss diese Wertegemeinschaft doch aber irgendwo, irgendwie erlebt werden. Und da kommen wir wahrscheinlich jetzt ins Spiel unseres ureigenen Terrains der Kultur \u2013 Sie haben es gerade schon angedeutet \u2013 indem wir die Diskurse f\u00fchren, die diese Werte verhandeln oder auch zeigen, wo die Gefahren und Begrenzungen liegen. Erstmal in einem ganz prosaischen und ganz einfachen Sinn, indem sich anhand unserer Angebote Menschen \u00fcberhaupt versammeln und als Gemeinschaft erleben. Wo tun sie das noch? Beim Sport, bei der Kultur, vielleicht bei der Religion, im Freizeitverhalten im weitesten Sinne. Und darin besteht schon wieder ein Paradox \u2013 Sie haben das ja auch gerade sch\u00f6n beschrieben: Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler, die Philosophin, beschrieb in einem fr\u00fchen Stadium der Pandemie, wie wir uns jetzt n\u00e4herkommen, indem wir auf Distanz gehen. Das ist ja kontraintuitiv. Und ber\u00fchrt einen ganz schmerzhaften Punkt der k\u00fcnstlerischen oder kulturellen Arbeit. Als wir mit der Kurzarbeit begonnen haben, wurde diese probate Ma\u00dfnahme von vielen Mitarbeitern sofort als demotivierender Zungenschlag empfunden, ganz schlicht und ergreifend, da sie ihre Arbeit mit Leidenschaft versehen. Jetzt werden Lockerungen gefordert, politisch wird teilweise so getan, als ob das offene Leben pr\u00e4 Corona einfach wieder zur\u00fcckkommen k\u00f6nnte. Und es entstehen entsprechende Erwartungshaltungen seitens der Bev\u00f6lkerung. In Wirklichkeit besch\u00e4ftigen wir uns aber mit Veranstaltungen in S\u00e4len, die f\u00fcr 700 Leute ausgelegt sind\u2026<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ: <\/strong>&#8230; in denen aber momentan vielleicht noch 100 Leute sitzen.\u2026<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> &#8230; mit eineinhalb Meter Abstand und Mundschutz. Vielleicht muss das Licht an bleiben, es darf nicht gedimmt werden. Ganz sicher kann die Garderobe nicht mehr abgegeben, sondern muss auf den Scho\u00df gelegt werden. Es gibt keine Bewirtschaftung, keine Gastro. Man wird lange am Einlass und Auslass warten. Namen werden aufgeschrieben und so weiter. Das entspricht nicht derselben Atmosph\u00e4re, nicht demselben offenen und freien gesellschaftlichen Leben, was sich sonst mit Kultur verband. Kein Wunder, dass die Zahlen bei den Einrichtungen, die jetzt schon ge\u00f6ffnet haben \u2013 bei uns waren es auch zuerst die Museen \u2013 alles andere als eine V-Kurve zeigen. Alles andere als den von uns Kulturschaffenden gehegten Wunsch, dass die Leute nach der Zeit der Entbehrung wieder str\u00f6men. Da ist die Vorsicht, die Sie beschreiben, die mich auch immer noch hoffnungsvoll sein l\u00e4sst, dass es weiterhin solidarisch zugeht. Aber da ist eben auch ein absolutes Loch, eine Leerstelle und eine Funktion, die vor Corona mit Kultur erf\u00fcllt war. Deswegen hat mich auch Ihre Betrachtung von Max Liebermanns Biergarten auf \u201eSpiegel Online\u201c so beeindruckt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/allein-im-museum-auf-ein-bier-mit-liebermann-a-7458639b-f2b8-4be8-bc04-e67388814ec7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.spiegel.de\/kultur\/allein-im-museum-auf-ein-bier-mit-liebermann-a-7458639b-f2b8-4be8-bc04-e67388814ec7<\/a><\/p>\n<p>Da steckt ein tiefer Sehnsuchtspunkt drin. Der hat sowohl zu tun mit diesem gesellschaftlichen Leben im Biergarten, als auch mit der k\u00fcnstlerischen Darstellung, die ja auch wieder auf ihre Art und Weise Gemeinschaft stiftet. Weil ich als Betrachter daran teilhabe, wie die dort im Biergarten zusammen sind, aber sich auch eine parallele Gemeinschaft im Museum versammeln kann. Aber ich pers\u00f6nlich bin mir unsicher, welche Rolle wir als Kulturakteure jetzt spielen sollten: Sollten wir eher die kollektive Sehnsucht mit fahlem Ersatz n\u00e4hren oder uns eher zur\u00fcckhalten und darauf warten, dass die Krise bew\u00e4ltigt wird, dabei aber unser Verschwinden riskieren?! Sollte man eher sagen, dass wir unter diesen Bedingungen nicht spielen \u2013 so, wie Helge Schneider, der sagt: \u201eIch spiele nicht vor Autos.\u201c? Oder eher Pr\u00e4senz und Kreativit\u00e4t beweisen und doch spielen? Eine Woche nach Helges Statement habe ich Heinz Rudolf Kunze gesehen, wie er in Erfurt vor Autos gespielt hat. Ein fast dystopisches Bild, das sich da im Kopf einbrennt.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja, aber wie gut ist <em>das<\/em> denn?! Es ist gut, dass der eine sagt: Nein. Und der andere sagt: Ja. Das ist eigentlich das Beste, was passieren kann! Da sind wir mitten in den Diskurs gest\u00fcrzt. Weil beide gut begr\u00fcndbare Haltungen zeigen\u2026 Entschuldigung, ich bin jetzt mitten in den Satz reingefallen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026Nein. Wunderbar\u2026<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> \u2026 ich finde es total spannend und richtig. Und wir im Museum haben gesagt: Wir brauchen drei Wochen Vorlauf. Dann durften, sollten, mussten wir aber sogar mit nur f\u00fcnf Arbeitstagen Vorlauf wieder \u00f6ffnen. Am Ende waren es sechs Tage\u2026 Und es war richtig, als Entscheidung, wenngleich hart in der Praxis. Das hat mit der Belegschaft und auch den Fremdfirmen \u201aetwas gemacht\u2018: Wir sind pl\u00f6tzlich und endlich wieder auf ein Ziel zugegangen, und das hat Energie freigesetzt. &#8212; Jetzt springe ich nochmal zu Liebermann.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Gerne.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ich war gestern im Biergarten am W\u00f6rthsee, fast 60 Kilometer vor den Toren der Stadt. Man ging dort mit einem Mundschutz hinein und setzte sich an einen Tisch und nahm den Mundschutz wieder ab: der Mundschutz als Placebo? Er ist eine Umsichtsgeste. Diese Geste einge\u00fcbt zu haben, ist richtig. Obwohl wir wissen, dass der Mundschutz uns nicht retten wird. Liebermanns \u201eBiergarten\u201c bietet ein \u00e4hnliches Spiel zwischen N\u00e4he und Distanz, zwischen Erwartung und Erf\u00fcllung. Was der Maler zeigt: Im Biergarten treffen sich alle. Da sind auch kleine Familien, fremde Leute, Kinderm\u00e4dchen. Es wird die ganze Gesellschaft in ihrer Heterogenit\u00e4t abgebildet; man sieht das. Es gibt Blickkontakte, Aktionskontakte, Kinderspiel, Distanzierung, gemeinsames Musizieren, die Begr\u00fc\u00dfungsgeste: Da wird der Hut gezogen. Man sieht, die Gesellschaft besteht aus vielen verschiedenen Einzelteilen. Und deswegen komme ich jetzt nochmal zur\u00fcck auf die beiden Reaktionsweisen, \u201eIch spiele nicht vor Autos\u201c oder \u201eIch mache es halt dann doch\u201c. Die Kunst und die K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen sind frei. Das bietet die gro\u00dfe Chance, eigene Entscheidungen zu treffen, mit Sinn \u2013 oder sinnfrei. Dass das mitunter mit Hygienekonzepten kollidiert, ist eine andere Geschichte. Aber wir sind frei. Wir k\u00f6nnen sagen: \u201eIch mache keine F\u00fchrungen, solange ich einen Mundschutz tragen muss.\u201c Und ein anderer kann sagen: \u201eIch mache F\u00fchrungen, obwohl ich durch den Mundschutz zwar beim Sprechen behindert bin, aber weil ich meine soziale N\u00e4he statt der sozialen Distanz leben kann.\u201c Wir haben uns daf\u00fcr entschieden, wir machen das. Und wir haben auch mit den F\u00f6rderkreisen der Museen schon fr\u00fch die Personen ins Auge genommen, die als sogenannte \u201efeste Freie\u201c \u2013 \u00fcbrigens noch ein Paradox \u2013 f\u00fcr uns arbeiten. Bei der Wieder\u00f6ffnung von Museen ging es neben anderem auch darum, denjenigen die Chance zu geben, wieder einzusteigen, die die Vermittlungsarbeit leisten. Die aktuelle Herausforderung ist es doch gerade, alle unterschiedlichsten Formen der Verantwortung&nbsp; im Auge zu behalten: Unsere Verantwortung f\u00fcr den Infektionsschutz <em>und<\/em> f\u00fcr unser Publikum, aber auch f\u00fcr unsere Mitarbeiter, feste wie freie.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Also, ich bringe das jetzt nochmal zusammen mit dem Bild. Da wird eine Gesellschaft gezeigt mit unterschiedlichen Gruppen. Das ist schlie\u00dflich eine Frage der Vielfalt. So verstehe ich auch den Hinweis darauf, dass wir frei sind und dass der Diskurs entsprechend offen und dialogisch gef\u00fchrt werden kann. Vielleicht m\u00fcssten wir daraus aber auch den Schluss ziehen, die Vielfalt, die sich bei uns durch unsere Angebote versammelt, den Diskurs, der bei uns, auf unseren B\u00fchnen, in unseren H\u00e4usern gef\u00fchrt werden kann, jetzt besonders offensiv stattfinden zu lassen. Nicht einfach die Frage beantworten mit \u201eJa, ich spiele\u201c oder \u201eNein, ich spiele nicht\u201c. Der eine spielt, damit die Veranstaltungswirtschaft \u2013 \u00fcbrigens fast vergleichbar mit den Spielbetriebs-GmbHs der Fu\u00dfball-Bundesligisten \u2013 wirtschaftlich die Zeit \u00fcbersteht, damit \u00fcberhaupt noch Ums\u00e4tze flie\u00dfen. Der andere kann es sich leisten, hat R\u00fccklagen, so wie Helge Schneider, und sagt: \u201eIch spiele nicht mehr, und wenn es das letzte Mal gewesen ist, dass ich f\u00fcr euch gespielt habe.\u201c Das ist dann aber gar nicht der erhebliche Punkt. Sondern erheblich ist und bleibt, das haben Sie jetzt \u00fcberzeugend stark gemacht, der Punkt der Freiheit der Kunst und der Freiheit des Diskurses. Dass diese Positionen gegeneinandergestellt werden k\u00f6nnen und dass wir die Gemeinschaft dadurch erlebbar machen, dass dort unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen. Das w\u00fcrde bedeuten, dass man die H\u00e4user genau f\u00fcr diese Diskussion jetzt auch \u00f6ffnen muss. Dass man quasi dort Gruppen zusammenbringen muss, die sonst nicht zusammenkommen, und den Dialog durch die Krise hindurch weiter f\u00fchrt oder gar verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja. Also\u2026 ich gebe mich dabei nicht der Illusion hin, dass wir die gesamte Gesellschaft erreichen werden. Die erreichen wir \u2026<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026auf gar keinen Fall\u2026<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> &#8230; auf gar keinen Fall, ja. Aber ich habe diese Erinnerung: Wir alle haben mitbekommen, wie Igor Levit damit begann, jeden Abend im Netz zu spielen. Im zweiten Schritt wurde das von Bundespr\u00e4sident Steinmeier gew\u00fcrdigt. Er hat ihn ins Schloss Bellevue eingeladen, um dort zu spielen. Das haben wir alle mit gr\u00f6\u00dftem Respekt wahrgenommen. Weil da ein Junktim entstanden ist, das wir in der Gesellschaft leider oft vermissen: N\u00e4mlich dass ein Politiker nicht nur im Wahlkampf irgendwas f\u00fcr die Kultur sagt, sondern im regul\u00e4ren Leben etwas gibt, aktiv, sofort sichtbar. Denn letztendlich ist auch der Bundespr\u00e4sident B\u00fcrger dieser Welt, und er hat verstanden und gezeigt, da gab es einen K\u00fcnstler, der sich ganz stark ge\u00f6ffnet und nicht auf Profit geschaut hat, sondern der das Lebensmittel Musik verteilt, unter das Volk bringt. Und Bundespr\u00e4sident Steinmeier hat das durch seine Einladung gew\u00fcrdigt. Denn so eine Einladung ist eine riesige Auszeichnung.<\/p>\n<p>Was wir gelernt haben sollten und was vielleicht im Auge bleiben muss, ist, dass die Verantwortlichkeit f\u00fcr die Kultur nicht nur bei der Kultur liegt, sondern eben nat\u00fcrlich auch im politischen Apparat. Und damit meine ich weitaus mehr als nur ein Ministerium, sondern ich meine den Souver\u00e4n, das Parlament. Ich meine, dass diejenigen, die \u00fcber die Verteilung von Mitteln auch in Zukunft reden und entscheiden d\u00fcrfen und sollen und m\u00fcssen, dass die erreicht werden m\u00fcssten von dem, was die Kultur kann. Ich erinnere mich an die Lekt\u00fcre eines wirklich eindrucksvollen Buches. \u201eDas Hohe Haus\u201c.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Sie meinen das Buch von Roger Willemsen, ja?<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Genau. Auf Hunderten Seiten wird vom Bundestag berichtet. Und Kultur kommt dort nur ein einziges Mal und dann auch noch im rein wirtschaftlichen Kontext als Standortfaktor vor. Nun kann man sagen, Kultur ist L\u00e4ndersache. Nein, Kultur ist Gesellschaftssache. Worum es mir geht, das ist, dass der Entscheidungstr\u00e4ger, die L\u00e4nderparlamente und so weiter, sich dessen vielleicht noch st\u00e4rker bewusst sein m\u00fcssen, welche gro\u00dfartige Chance sie haben, die Kultur finanzierend und st\u00e4rkend, die Gesellschaft zu gestalten\u2026 \u2013 \u2026nicht nur mit Autobahnbau oder mit Milit\u00e4rausgaben, alles notwendig, keine Frage \u2013, sondern auch im Blick zu behalten, dass dieses \u201eGrundnahrungsmittel Kultur\u201c zur Gesellschaft dazugeh\u00f6rt!<\/p>\n<p>Es gibt den Begriff der Systemrelevanz. Ich habe gerade gestern Abend einen ganz kleinen Text dazu zu schreiben gehabt, f\u00fcr eine befreundete Kollegin und ihr Projekt. Ich habe dort den Zusammenhang hergestellt zwischen Systemrelevanz und Sozialrelevanz. Ich glaube, dass das Museum eine Sozialrelevanz hat, dass es besonders wichtig sein wird, nicht f\u00fcr das \u201eSystem\u201c (das einfach \u201efunktionieren\u201c soll), sondern f\u00fcr das Sozium, f\u00fcr den Menschen und f\u00fcr die Gesellschaft. Und das ist die Aufgabe, die uns aus der Krise heraus unversehens gestellt worden ist.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Jetzt muss ich eine Herausforderung beschreiben. Selbstverst\u00e4ndlich bin ich als Kulturverantwortlicher bei Ihnen und finde in Ihrer Beschreibung eine sch\u00f6ne \u00dcbersetzung dieser sonst sehr selbstreferenziellen Diskussion, ob wir als Kulturschaffende systemrelevant sind oder nicht. Denn sozial-relevant sind wir auf jeden Fall. \u00dcber Gemeinschaft reden wir ja in diesem Gespr\u00e4ch die ganze Zeit. Jetzt will ich aber die Herausforderung beschreiben: Ich bin mir einig mit Ihnen, dass wir bei weitem nicht alle erreichen, m\u00f6chte aber betonen, dass es unser Anspruch sein muss, m\u00f6glichst viele zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja\u2026<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Der Ehrlichkeit halber gilt es doch, ein Spannungsfeld zu beschreiben: Zwischen k\u00fcnstlerischen G\u00fctern, die sich einerseits schon seit vielen Jahrzehnten in einem Wettstreit der Avantgarde-Entwicklung befinden, andererseits aber mit ihrer Entwicklung, der ihr innewohnenden Dynamik und Eigenlogik, nicht immer kompatibel und kommensurabel f\u00fcr die Menschen \u201eda drau\u00dfen\u201c sind. Und das l\u00e4sst sich nur sehr bedingt vermitteln und \u00fcbersetzen mit p\u00e4dagogischen, didaktischen Formaten. Denn das Tempo der Entwicklung ist einfach um viele Umdrehungen schneller, als es die Entwicklung von H\u00f6r- und Sehgewohnheiten sein kann. Und da stecken wir nat\u00fcrlich in einem Zwiestreit, da wir im Sinne &nbsp;der politischen Rechtfertigung, von der Sie jetzt gesprochen haben \u2013 und im \u00dcbrigen, nur nebenbei gesprochen, ist es nat\u00fcrlich ein zentrales Problem, das jetzt auch schmerzlich sichtbar wird, dass der Bund keine kulturpolitische Kompetenz hat! \u2013 nicht nur die soziale Relevanz beweisen, sondern immer auch die Kunst aus sich selbst heraus argumentieren lassen m\u00fcssen. Darin besteht auch, wie ich finde, eine der Formen von unserer Verantwortung als Kulturverantwortliche: Die Verteidigung der Kunst, die auch sich selbst genug sein darf und eine eigene Wertigkeit besitzt aus der Tradition ihrer jeweiligen Sparten und Genres heraus. Das ist aber ein Punkt, der politisch viel schwerer durchzusetzen ist, weil man in ein derart polemisches Procedere einsteigt. Am Ende des Tages bekommt man vorgeworfen, dass man f\u00fcr kein Publikum oder nur noch f\u00fcr ein ganz kleines Publikum spielt. Und dann werden einzelne Kunstbereiche gegeneinander ausgespielt in einer unm\u00f6glichen Art und Weise. Aber ich w\u00fcrde diesen zweiten Pol der Argumentation f\u00fcr die \u00f6ffentliche Bezuschussung immer und unbedingt stark machen. Und das vielleicht mal mit dem zweiten Kunstwerk begr\u00fcnden, das wir uns f\u00fcr heute vorgenommen hatten. Wir sprachen \u00fcber eines aus Ihrer Sammlung, den \u201eBiergarten\u201c von Max Liebermann. Jetzt sprechen wir \u00fcber das andere aus unserer: \u201eDie Rose f\u00fcr Demokratie\u201c von Joseph Beuys.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ein-kunsthaus-fuer-jena.de\/2020\/05\/03\/kunsthausfruehling-5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/ein-kunsthaus-fuer-jena.de\/2020\/05\/03\/kunsthausfruehling-5<\/a><\/p>\n<p>Dieses fragile Etwas stellt den Versuch von Beuys vor, beide Argumentationsmuster \u2013 das der sozialen Relevanz und der Kunst als Wert an und f\u00fcr sich \u2013 zusammenzuf\u00fchren. Mit seinem B\u00fcro f\u00fcr direkte Demokratie wollte er auf der documenta tats\u00e4chlich mit den Mitteln der Kunst einen demokratischen Diskurs im Sinne einer direkten Demokratie erreichen. Darin folgt er einem Impetus und Impuls, der so viele politische Ans\u00e4tze aus dieser Zeit gepr\u00e4gt hat. Es galt, die sogenannten \u201eeinfachen\u201c Leute zu erreichen. Man stand mit der Gitarre am Werkstor und wollte die Arbeiter f\u00fcr die linke Revolution gewinnen, merkt aber schmerzhaft, dass das hohe Ross der intellektuellen Avantgarde, auf dem man sitzt, unerreichbar hoch ist. Und bei Beuys kann man das wirklich zugespitzt beobachten. Was f\u00fcr ein gro\u00dfartiger gesamtgesellschaftlicher Ansatz es doch ist, zu sagen, jeder Mensch sei ein K\u00fcnstler, alle T\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen k\u00fcnstlerisch begangen werden! Und doch wurde das Diktum so missverstanden, wie es nur missverstanden werden kann, als abgehoben diffamiert und abgestempelt, obwohl Beuys damit etwas absolut Inklusives gemeint hat und wirklich in die Breite kommen und ganz viele Menschen erreichen wollte. Und das ist mit der Rose f\u00fcr Demokratie auch so. Anders als bei den Liedermachern am Werkstor, h\u00e4lt die avantgardistische Qualit\u00e4t ihren k\u00fcnstlerischen Bestand. Geblieben ist aber nur noch diese Abstraktion, das k\u00fcnstlerische Artefakt, und das absurderweise, als w\u00e4re es ein Treppenwitz, auch noch vom Kunstmarkt nobilitiert, als Objekt der betuchten Kunstsammler oder gar als Wertanlage. Wir sind ja jetzt kurz nach Pfingsten. Da hat die Rose ja auch nochmal eine besondere zweite und dritte Bedeutung. \u201eA rose is a rose is a rose\u201c<a href=\"#_ftn3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> sozusagen: Wie beim Pfingstwunder gibt es einen kurzen Moment der Utopie und danach deren unwiederbringlichen Verlust. Abseits jeglicher theologischer Exegese beschreibt das Pfingstwunder ja im Grunde genau das Spannungsfeld, von dem wir die ganze Zeit sprechen: Nur f\u00fcr einen kurzen Moment wird eine aus einer Vielheit bestehende Gemeinschaft untereinander, miteinander sprechf\u00e4hig, \u00fcber Sprachgrenzen hinweg. Das ist ja das Tolle an diesem Pfingstwunder. Es gelingt, da mit dem Wunder von oben, hie aber vielleicht auch mit den Mitteln der Kultur, dass Menschen miteinander in Dialog, in Ber\u00fchrung und Begegnung kommen. Aber eben nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick. Und dann m\u00f6chte ich einfach dieses Konfliktfeld, diese Herausforderung schon beschrieben wissen, dass wir uns das gerne zum Ziel stecken k\u00f6nnen, aber dass wir, wenn wir ehrlich sind, in unserer Au\u00dfenwahrnehmung starke Vorurteile gew\u00e4rtigen, weil wir da einfach erst mal wirklich als elit\u00e4r r\u00fcberkommen. Das m\u00fcssen wir, glaube ich, selbstkritisch einr\u00e4umen.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja. Das ist keine Frage. Gerade die Kunst der Moderne mit ihrer Abstraktion, ihren Formalismen, ihren installativen Arbeiten, denen man zuweilen gar kein handwerkliches Grundfundament mehr ansieht oder ansehen soll, hat immer wieder Angriffe auf sich gezogen. Das f\u00fchrte schon um 1911 zu \u00f6ffentlichen, publizistisch ausgetragenen, letztlich nationalistisch motivierten Streitereien, als man gegen die franz\u00f6sischen Impressionisten und die deutschen Museumserwerbungen ihrer Werke zu Felde zog. Das war in der Aktion \u201eentartete Kunst\u201c ganz massiv und brutal der Fall. Es ging dann in den 1960er Jahren weiter, als die B\u00fcrger sagten, \u201eso etwas\u201c k\u00f6nne doch jedes Kind malen. Will sagen: Der Rechtfertigungsdruck der k\u00fcnstlerischen Form war in der Moderne immer pr\u00e4sent. Und er wird uns auch weiter begleiten. Diesen Ablehnungsstrategien, die meistens aus dem Blickpunkt von simplifizierenden Weltbildern heraus kommen, wird man zwar begegnen k\u00f6nnen, aber die Menschen wird man kaum umstimmen k\u00f6nnen, allenfalls im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten: Das, was 1905 mit der Gr\u00fcndung der \u201eBr\u00fccke\u201c in Dresden passierte, die Etablierung des deutschen Expressionismus, war 50 Jahre sp\u00e4ter endlich anerkannt. Und da wurde es dann von Vielen verstanden, gesammelt, geliebt. Also 50 Jahre f\u00fcr den Abbau von Vorbehalten, das ist in der bildenden Kunst wahrscheinlich ein Zeitraum, mit dem wir leben m\u00fcssen. Das sind immerhin zwei Generationen.<\/p>\n<p>Die Kunst wird immer eine gewisse Hermetik haben. Aber die Aufgabe der Museen und anderer ist es doch, diese Hermetik zu vermitteln, zu \u00f6ffnen, zu \u00fcberwinden. Was hei\u00dft das? Ich habe, bevor ich Dresden verlassen habe, ein Buch \u00fcber die dortige Gem\u00e4ldegalerie geschrieben. Das habe ich mir f\u00fcr unser Gespr\u00e4ch jetzt bereitgelegt, weil ich dachte, dass wir darauf zu sprechen kommen. Ich habe die Bilder der alten Meister vom Mittelalter bis um das Jahr 1800 besprochen, aber dabei immer gezielt auf die Frage geachtet, warum wir die alten Bilder \u00fcberhaupt anschauen? Wir sollten sie anschauen, weil sie etwas mit uns zu tun haben! Und zwar nicht nur als Wissen, dass es Rembrandt gab, sondern als Bildung, Herzensbildung, emotionale Bildung und so weiter. Ich habe beim Schreiben dieses B\u00fcchleins immer auf eine bestimmte Abstraktionsebene geachtet, die uns heute diese Bilder erschlie\u00dfen kann, und dazu dann am Ende noch ein Register gemacht. So kann man nach den K\u00fcnstlern schauen, aber man kann auch die Sachverhalte, die in der Kunst verhandelt werden, nachschlagen. Wenn ich das jetzt aufschlage und einfach Stichworte vorlese, wird deutlich, wie relevant, wie rezent die alte Kunst ist, aber auch, wie wirklich wichtig unsere Vermittlungsarbeit ist. Beispielsweise unter M: Macht, Machthunger, Machtlosigkeit, Machtmissbrauch, M\u00e4\u00dfigung, Ma\u00dflosigkeit, Melancholie, Menschlichkeit, Misstrauen, Moral, Mord, Musik, Mut, M\u00fctterlichkeit. Oder beim Buchstaben S: Sanftmut, Scharfsinn, Schmerz, Sch\u00f6nheit, Schuld, Schw\u00e4che, Seele, Selbstbild, Selbsteinsch\u00e4tzung, Selbsterkenntnis, Selbstgef\u00e4lligkeit, Selbstgen\u00fcgsamkeit, Selbstjustiz, Selbstkasteiung, Selbstkontrolle und so weiter. Das sind alles Themen, die in diesen Bildern ber\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Wenn jemand in einer F\u00fchrung im Museum diese Themen vermittelt, dann zeigt er oder sie den Betrachterinnen und Betrachtern, den Sch\u00fclern, den Kindergartengruppen, was es mit Kunst auf sich hat, was sie uns sagen kann. Ich habe vor wenigen Jahren hier in M\u00fcnchen eingef\u00fchrt, dass es vor zehn Uhr m\u00f6glich ist, mit Kindergartengruppen und Schulklassen in das Museum zu gehen, ganz allein, zum ungest\u00f6rten Reden \u00fcber Kunst. Damit genau so was ungest\u00f6rt passieren kann: die Vermittlung der Werte, die \u201ein den Bildern drinnen\u201c sind. F\u00fcr die Moderne ist das sicherlich schwieriger, aber es ist nicht unm\u00f6glich. Wir wissen, dass ganz viele 20-J\u00e4hrige, 30-J\u00e4hrige zu uns in die Pinakothek der Moderne kommen. Es gibt diesen Hunger nach Kunst und nach dem Verstehen der Kunst. Also worum geht es bei dem Ganzen? Um Gemeinschaft, um Angebote, um den Diskurs, um die Werte. Das, was wir uns w\u00fcnschen, dass der Kultur gerade jetzt und in Zukunft weitergehende, st\u00e4rkere Unterst\u00fctzung widerf\u00e4hrt. Es geht im Grunde um eine Perspektivierung. Utopie oder Dystopie, das ist hier die Frage.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Die Frage, ein Scheideweg, an dem wir tats\u00e4chlich stehen. Dessen Richtung sich anhand der Rolle entscheidet, die wir f\u00fcr die Konstitution von Gemeinschaft spielen, oder um bei Ihrem Begriff zu bleiben, welche Sozialrelevanz wir haben. Sie haben jetzt die F\u00e4den des Gespr\u00e4chs zusammengef\u00fcgt. Immer wieder kommen wir auf den Punkt der Gemeinschaft zu sprechen. Aber mittlerweile auf eine wesentlich hoffnungsvollere Weise als zu Beginn unseres Gespr\u00e4chs. Meine Stimmung hat sich zumindest ma\u00dfgeblich verbessert, Herr Maaz, das muss ich sagen. Das ist ein archimedischer Punkt, auf dem das steht, was wir machen. Und wenn es uns gelingt, als Gemeinschaft durch diese Krise zu gehen, dann werden wir wahrscheinlich f\u00fcr diese gemeinschaftskonstituierenden Erlebnisse in der physischen Kopr\u00e4senz von Menschen, die sich treffen und begegnen, eine noch st\u00e4rkere Grundlage haben. Und das m\u00fcssen wir politisch durchsetzen. Da bin ich ganz bei Ihnen. Das m\u00fcssen wir stark machen.<\/p>\n<p><strong>BERNHARD MAAZ:<\/strong> Ja, das ist eine erhoffte Zukunft, politisch durchsetzen, den Radius erweitern und die Chancen nutzen, die hierin liegen. Das ist jetzt eine der gr\u00f6\u00dften Aufgaben, nicht die Erwerbung von noch einem Kunstwerk, sondern die Erl\u00e4uterung der Notwendigkeit des Museums, des Theaters, des Konzertsaals, der Plattformen unserer Arbeit!<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja genau. Das ist der perfekte Moment, um auf den Pausen-Button auf meinem Diktierger\u00e4t zu dr\u00fccken und Ihnen zuzurufen: <em>Pfiat Eana!<\/em><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><strong>BERNHARD MAAZ: <\/strong>Servus!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bayerische Theaterakademie \u201eAugust-Everding\u201c, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Bundestagsdrucksache 17\/12051, 3.1.2013.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Gertrude Stein (1874 \u2013 1946): Sacred Emily (1913, ver\u00f6ffentlicht 1922)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-medium\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"333\" height=\"500\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-333x500.jpg\" alt=\"\u00a9 Bayerische Staatsgem\u00e4ldesammlungen, Foto: Haydar Koyupinar.\" class=\"wp-image-2494\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-333x500.jpg 333w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-667x1000.jpg 667w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5-460x690.jpg 460w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2020\/06\/jenakultur-kunst-der-pandemie-eine-chance-von-sinuskurven-kipppunkten-und-zerreissproben-portraet-prof.-maaz-foto-haydar-koyupinar-5.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><figcaption>Professor Dr. Bernhard Maaz \u00a9 Bayerische Staatsgem\u00e4ldesammlungen, Foto: Haydar Koyupinar.<br><br>Professor Dr. Bernhard Maaz ist seit 1. April 2015 Generaldirektor der Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen und damit der Leiter der drei M\u00fcnchner Pinakotheken, der Sammlung Schack, der Sammlung Brandhorst und der 12 Staatsgalerien.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Wer h\u00e4tte vor ein paar Wochen f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass unsere hektische Welt zum Stillstand kommen kann? Nun hat uns das Virus eines Besseren belehrt.<\/strong><br \/><strong>Liegt aber in dieser globalen Corona-Krise, in diesem erzwungenen Innehaltenm\u00fcssen auch eine Chance? <\/strong><strong>Das liegt an uns, \u201ewas wir jetzt daraus machen\u201c. Dieser \u00dcberzeugung ist Jonas Zipf und er suchte sich in der gesamten Bundesrepublik hochkar\u00e4tige Gespr\u00e4chspartner*innen, um dies auszuloten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein wiederkehrendes Motiv sind dabei Feiertage oder Jahrestage: In den ersten beiden Corona-Gespr\u00e4chen k\u00f6nnen Sie sich auf einen <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/04\/11\/das-haengt-jetzt-von-uns-ab-was-wir-daraus-machen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Osterspaziergang mit Hartmut Rosa<\/a> begeben und den<\/strong> <strong><a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/05\/01\/gerade-jetzt-eben-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gedanken zum Tag der Arbeit mit Thomas Oberender<\/a> lauschen.<br \/><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00fcbliche Begegnung in Corona-Zeiten findet auf virtuellem Wege statt. 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