{"id":20430,"date":"2026-11-06T07:27:00","date_gmt":"2026-11-06T06:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=20430"},"modified":"2026-11-05T14:30:01","modified_gmt":"2026-11-05T13:30:01","slug":"zwischen-akten-und-erinnerungen-ein-jahr-forschung-zu-rechter-gewalt-im-jena-der-1990er-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2026\/11\/06\/zwischen-akten-und-erinnerungen-ein-jahr-forschung-zu-rechter-gewalt-im-jena-der-1990er-jahre\/","title":{"rendered":"Zwischen Akten und Erinnerungen: Ein Jahr Forschung zu rechter Gewalt im Jena der 1990er-Jahre"},"content":{"rendered":"\n\n\n\n\n<p><strong>Was erz\u00e4hlen historische Dokumente \u00fcber die 1990er-Jahre in Jena? Und was bleibt unsichtbar, wenn wir nur die Akten lesen? Ein R\u00fcckblick auf ein Forschungsjahr zwischen Archivarbeit, Zeitzeug:innengespr\u00e4chen und neuen Fragen an die Stadtgeschichte von der Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin f\u00fcr Politische Bildung Leonie Dellen.<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal sind es wenige S\u00e4tze in einem historischen Dokument, die besonders lange besch\u00e4ftigen. In einem Jahresbericht der Jenaer Stra\u00dfensozialarbeit von 1997 hei\u00dft es \u00fcber rechte Jugendgruppen, dass die meisten ihrer ehemaligen Mitglieder inzwischen erwachsen geworden seien und \u201eihren Weg in die Gesellschaft gefunden\u201c h\u00e4tten. Andere seien \u201ein den rechten Untergrund gegangen\u201c. Gemeint ist das NSU-Kerntrio, das Anfang 1998 untertauchte. Dieser Satz steht am Ende einer Entwicklung, die mich w\u00e4hrend meines Stipendienjahres immer wieder besch\u00e4ftigt hat: Wie wurde rechte und rassistische Gewalt in Jena nach 1989 wahrgenommen? Welche Erkl\u00e4rungen fanden Stadtverwaltung, Politik und Jugendarbeit f\u00fcr die zunehmende Gewalt? Und welche Erfahrungen machten diejenigen, gegen die sich diese Gewalt richtete?<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Die 1990er-Jahre im Stadtarchiv<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein wesentlicher Teil meiner Forschungsarbeit f\u00fchrte mich ins Archiv. Dort habe ich Protokolle des Jugendhilfeausschusses, Verwaltungsakten, Berichte der Stra\u00dfensozialarbeit und Unterlagen verschiedener Jugendprojekte ausgewertet. Hinzu kamen Zeitungsartikel und Berichte der damaligen \u201eAusl\u00e4nderbeauftragten\u201c.<\/p>\n<p>Die Dokumente erz\u00e4hlen von einer Stadt im Umbruch. Nach 1989 ver\u00e4nderten sich die wirtschaftlichen und sozialen Verh\u00e4ltnisse grundlegend. Der Stellenabbau bei Carl Zeiss und die wachsende Arbeitslosigkeit stellten Politik und Verwaltung vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig nahm die rechte Gewalt zu. Rechte Jugendgruppen pr\u00e4gten bestimmte \u00f6ffentliche R\u00e4ume, linke, alternative und migrantisierte Menschen wurden bedroht und angegriffen.<\/p>\n<p>In der kommunalen Auseinandersetzung wurde rechte Gewalt h\u00e4ufig mit den sozialen und \u00f6konomischen Folgen der Wiedervereinigung erkl\u00e4rt. Entsprechend setzte die Stadt auf Jugendclubs, Streetwork und Besch\u00e4ftigungsangebote. Diese Perspektive war jedoch keineswegs unumstritten. Schon damals forderten einzelne Stimmen, rassistische Einstellungen, gesellschaftliche Verantwortung und den Schutz der Angegriffenen st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Was die Akten erz\u00e4hlen \u2013 und was nicht<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bei der Auswertung besch\u00e4ftigte mich zunehmend die Frage, welche Aspekte rechter Gewalt durch diese Schwerpunktsetzung in den Hintergrund gerieten. Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit betrafen viele Menschen. Warum aber reagierten einige mit rechter und rassistischer Gewalt, w\u00e4hrend andere ganz andere Wege einschlugen? Und weshalb richtete sich diese Gewalt gezielt gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen?<\/p>\n<p>Vor allem fiel auf, wie viel Raum die Lebensbedingungen und Integrationsm\u00f6glichkeiten rechter Jugendlicher in den Akten einnahmen. Die Perspektiven der Angegriffenen waren dagegen deutlich seltener dokumentiert. Mich interessierte deshalb, wie migrantisierte Menschen diese Zeit erlebten, wie Bedrohungen ihren Alltag ver\u00e4nderten und welche M\u00f6glichkeiten sie fanden, ihre Interessen zu vertreten.<\/p>\n<p>Die Archivarbeit hat auch gezeigt, dass die Jenaer Jugendarbeit keineswegs einheitlich vorging. W\u00e4hrend vor allem kommunale Projekte auf kontinuierliche p\u00e4dagogische Beziehungen zu rechten Jugendgruppen setzten, formulierten einzelne freie Tr\u00e4ger Mitte der 1990er-Jahre ausdr\u00fccklich den Schutz derjenigen als Ziel, die von Gewalt bedroht waren. Diese Unterschiede sind f\u00fcr meine Forschung besonders wichtig. Sie zeigen, dass die damaligen Akteur:innen vor schwierigen Entscheidungen standen, aber auch unterschiedliche Antworten darauf fanden. Die Frage war nicht nur, wie rechte Jugendliche erreicht werden konnten, sondern ebenso, f\u00fcr wen Jugendclubs sichere R\u00e4ume sein sollten.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Gespr\u00e4che, die den Blick ver\u00e4ndern<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Neben der Arbeit mit historischen Dokumenten waren zahlreiche Hintergrundgespr\u00e4che ein wichtiger Teil meines Forschungsjahres. Menschen, die die Entwicklungen in Jena selbst miterlebt, sich damals engagiert oder beruflich damit auseinandergesetzt hatten, teilten ihre Erinnerungen und Einsch\u00e4tzungen mit mir. Diese Gespr\u00e4che halfen mir, die Akten besser einzuordnen, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen und neue Fragen zu entwickeln. Ich m\u00f6chte mich bei allen bedanken, die sich auf diese Gespr\u00e4che eingelassen und ihre Erinnerungen mit mir geteilt haben. Das war f\u00fcr mich pers\u00f6nlich ebenso bereichernd wie f\u00fcr meine Forschung.<\/p>\n<p>Besonders wichtig war es mir, auch mit Menschen zu sprechen, die Anfang der 1990er-Jahre nach Jena gekommen waren und die damalige Situation aus einer Perspektive erlebt hatten, die in den Verwaltungsakten h\u00e4ufig in den Hintergrund tritt. In den Interviews ging es um das Studium, erste Erfahrungen in einer neuen Stadt, Begegnungen und Freundschaften. Aber auch um rassistische Anfeindungen, Bedrohungen und die Frage, wie sich Menschen in einer Umgebung bewegten, in der sie sich nicht \u00fcberall sicher f\u00fchlen konnten.<\/p>\n<p>Die Gespr\u00e4che verdeutlichten, dass rassistische Gewalt weit \u00fcber einzelne Angriffe hinauswirkte. F\u00fcr migrantische Menschen in Jena bedeutete sie eine gemeinsame Erfahrung von Bedrohung und Ausgrenzung, die den Alltag, die Nutzung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume und das Gef\u00fchl gesellschaftlicher Zugeh\u00f6rigkeit pr\u00e4gte. Zugleich wurde deutlich, dass die Betroffenen nicht nur individuell auf diese Situation reagierten, sondern auch Netzwerke aufbauten, sich gegenseitig unterst\u00fctzten und zunehmend gemeinsam f\u00fcr ihre Interessen eintraten.<\/p>\n<p>Gerade im Zusammenspiel mit den historischen Dokumenten er\u00f6ffneten diese Erinnerungen neue Perspektiven. W\u00e4hrend in den Akten h\u00e4ufig dar\u00fcber beraten wurde, wie gewaltbereite Jugendliche besser integriert werden k\u00f6nnten, machten die Interviews sichtbar, welche Folgen die Gewalt f\u00fcr die Angegriffenen hatte und welche Fragen nach Sicherheit, Teilhabe und Selbstbestimmung in der damaligen Problembearbeitung weniger Aufmerksamkeit erhielten.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Was von einem Forschungsjahr bleibt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nach einem Jahr zwischen Archivakten, Zeitungsbest\u00e4nden und pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen ist mir vor allem deutlich geworden, wie viele Perspektiven auf die Jenaer 1990er-Jahre bislang noch wenig Beachtung gefunden haben. W\u00e4hrend Verwaltungsakten vor allem politische Entscheidungen, institutionelle Zust\u00e4ndigkeiten und p\u00e4dagogische Konzepte dokumentieren, er\u00f6ffnen die Interviews Einblicke in den Alltag der Menschen, die von rechter und rassistischer Gewalt betroffen waren. Erst durch die Verbindung dieser unterschiedlichen Quellen wird sichtbar, wie weit die Erfahrungen der Angegriffenen und die Schwerpunkte der damaligen kommunalen Problembearbeitung teilweise auseinanderlagen.<\/p>\n<p>Das Stipendienjahr hat mir erm\u00f6glicht, diesen unterschiedlichen Spuren nachzugehen und mit Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, deren Erinnerungen wichtige Perspektiven auf die Jenaer Stadtgeschichte er\u00f6ffnen. Die Forschung ist damit lange nicht abgeschlossen. Deutlich geworden ist aber, dass die Geschichte rechter und rassistischer Gewalt in Jena nicht allein aus der Perspektive der T\u00e4ter und der mit ihnen befassten Institutionen erz\u00e4hlt werden kann. Zu ihr geh\u00f6ren ebenso die unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswege der Menschen, die von dieser Gewalt betroffen waren \u2013 ob sie in Jena blieben, sich organisierten oder die Stadt verlie\u00dfen. Erst wenn diese Perspektiven einbezogen werden, l\u00e4sst sich die Geschichte der 1990er-Jahre in Jena in ihrer Vielschichtigkeit erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Abschlusspr\u00e4sentation<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Am Freitag, dem 13. November 2026, 19 Uhr, wird Leonie Dellen ihre Recherche- und Forschungsergebnisse erstmals der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren. Die Veranstaltung im StadtLab Jena am Markt 1 ist Teil der Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe \u201e<a href=\"https:\/\/www.kokont-jena.de\/jena-erinnert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jena Erinnert! 15 Jahre (danach) \u2013 Jena und der NSU Komplex<\/a>\u201c. Der Eintritt ist frei.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"675\" height=\"947\" data-id=\"20435\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2026\/11\/Plakat_NSU_Ausstellung.png\" alt=\"Plakat mit roter Aufschrift \u201eJENA ERINNERT! NSU KOMPLEX\u201c, Ank\u00fcndigung von Ausstellungen und Veranstaltungen vom 29.10. bis 27.11.2026 in Jena.\" class=\"wp-image-20435\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2026\/11\/Plakat_NSU_Ausstellung.png 675w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2026\/11\/Plakat_NSU_Ausstellung-356x500.png 356w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2026\/11\/Plakat_NSU_Ausstellung-492x690.png 492w\" sizes=\"auto, (max-width: 675px) 100vw, 675px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Plakat &#8222;Jena erinnert!&#8220; zur aktuellen Ausstellung in der Rathausdiele<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was erz\u00e4hlen historische Dokumente \u00fcber die 1990er-Jahre in Jena? Und was bleibt unsichtbar, wenn wir nur die Akten lesen? 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