{"id":1989,"date":"2020-04-11T08:00:00","date_gmt":"2020-04-11T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=1989"},"modified":"2020-07-01T10:04:50","modified_gmt":"2020-07-01T08:04:50","slug":"das-haengt-jetzt-von-uns-ab-was-wir-daraus-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2020\/04\/11\/das-haengt-jetzt-von-uns-ab-was-wir-daraus-machen\/","title":{"rendered":"&#8222;Das h\u00e4ngt jetzt von uns ab, was wir daraus machen.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h3>Osterspaziergang mit Hartmut Rosa und Jonas Zipf<\/h3>\n<p><em><br>Verehrte Leser*innen unseres Blogs,<\/em><\/p>\n<p><em>gestern haben wir Sie auf Goethes poetischen, uns allen wohl bekannten, immer wieder neuen Osterspaziergang mitgenommen; heute laden wir Sie zu einem anderen ebenso geistreichen, dieses Mal virtuellen Osterspaziergang ein. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa und unser Werkleiter Jonas Zipf disputieren plaudernd \u00fcber viele Fragen, die uns in diesen Zeiten bewegen. Und sie kommen zu Res\u00fcmees, die wiederum neue Gedankenr\u00e4ume er\u00f6ffnen. Sie tun es in der Form, die uns in k\u00fcrzester Zeit und ein bisschen unfreiwillig so vertraut geworden ist: in einer Telefonkonferenz.<\/em><\/p>\n<p><em>Im ersten spontanen Impuls wollten wir das Gespr\u00e4ch auf eine blog- und internetfreundliche L\u00e4nge k\u00fcrzen, aber dann fanden wir, dass es jetzt an der Zeit ist, sich die Zeit zu nehmen. Wenn nicht inmitten dieser Krise, an Ostern, wann dann?! <\/em><\/p>\n<p><em>Aber bitte &#8211; Lesen Sie einfach selbst.<\/em><\/p>\n<p><strong>Teil 1<\/strong><\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Wenn du jetzt hier gewesen w\u00e4rst in Jena, dann w\u00e4ren wir vielleicht durchs Paradies gegangen\u2026<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> \u2026h\u00e4tten wir wirklich gut machen k\u00f6nnen, ja schade&#8230;<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026 zu zweit d\u00fcrfen wir ja noch. Aber so bist du jetzt im Schwarzwald, was auch sehr gut ist, und ich bin in Jena. Und deswegen ist es jetzt ein virtueller Spaziergang, und f\u00fcr den Leser wird es das sowieso.<\/p>\n<p>Warum Osterspaziergang? Weil ich finde, in der deutschen Geistesgeschichte hat Ostern neben der religi\u00f6sen Bedeutung noch eine ganz andere Bedeutung. Sp\u00e4testens seit dem Osterspaziergang bei Goethe ist das eigentlich so ein Moment des Innehaltens und des Zu-sich-Kommens. Und im Moment reden ja alle davon, dass dies eine Zeit ist, in der die gro\u00dfe Einkehr stattfindet. Das ist das gro\u00dfe Thema. Und du bist viel gefragt in diesen Tagen, kann ich mir vorstellen. Also, ich stelle mir vor: Gott und die Welt will mit Hartmut Rosa \u00fcber Entschleunigung und Resonanz und Verf\u00fcgbarkeit reden.<\/p>\n<p><strong>Hartmut Rosa <\/strong><em>(lacht):<\/em> \u2026Der Liebe Gott hat bei mir noch nicht angerufen\u2026<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Immerhin ist ja Ostern. Daher finde ich, dass unser Gespr\u00e4ch jetzt ganz bewusst auch ein intellektuelles Gespr\u00e4ch sein darf. Sonst leben wir ja in einer sehr intellektfeindlichen Zeit. Alles muss immer so medial wirksam verk\u00fcrzt werden, vor allem in meinem momentanen Feld, in der Verwaltung, in der Politik. Und das finde ich ganz sch\u00f6n fahrl\u00e4ssig. Deswegen steige ich mit einem Gedicht von Paul Celan ein.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Okay.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das wirst du nicht kennen. Ich habe das gefunden am Wochenende, weil ich in den Briefen von Ingeborg Bachmann und Paul Celan gest\u00f6bert habe. Und sie weist ihn darauf hin, dass er ein Gedicht geschrieben hat mit dem Titel: Corona.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA<\/strong> <em>(lacht)<\/em><strong>:<\/strong> Echt? Ja, okay.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF <\/strong><em>(rezitiert Paul Celan):<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Wir sch\u00e4len die Zeit aus den N\u00fcssen und lehren sie gehn:<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">die Zeit kehrt zur\u00fcck in die Schale.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Im Spiegel ist Sonntag,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">im Traum wird geschlafen,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">der Mund redet wahr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">wir sehen uns an,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">wir sagen uns Dunkles,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">wir lieben einander wie Mohn und Ged\u00e4chtnis,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">wir schlafen wie Wein in den Muscheln,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Stra\u00dfe:<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">es ist Zeit, dass man wei\u00df!<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Es ist Zeit, dass der Stein sich zu bl\u00fchen bequemt,<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">dass der Unrast ein Herz schl\u00e4gt.<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Es ist Zeit, dass es Zeit wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Es ist Zeit.<\/span><\/p>\n<p>Das ist das letzte Gedicht, das Paul Celan vor der \u201eTodesfuge\u201c, seinem wahrscheinlich ber\u00fchmtesten Gedicht, geschrieben hat. Und gewisserma\u00dfen ist es der gr\u00f6\u00dfte Kontrast, den man sich vorstellen kann. Das \u201eCorona\u201c-Gedicht steckt voller Hoffnung und innerer Einkehr und Zeit und Begegnung und Z\u00e4rtlichkeit. Und die \u201eTodesfuge\u201c ist dann die Beschreibung der maximal gr\u00f6\u00dften Dystopie, die man sich vorstellen kann, dem Tod im Konzentrationslager. Und zwischen diesen beiden Gedichten liegen 24 Stunden.<br>Und das ist quasi meine Einstiegsfrage. In diesem jetzigen Moment, Corona, friert alles ein: vermeintlich werden ganz viele Hoffnungen und \u00c4ngste formuliert und laut. Und ich frage mich wirklich, ob wir jetzt alle Angst haben m\u00fcssen, zu sterben? Ist jetzt die Zeit f\u00fcr die gro\u00dfen Dystopien? Oder doch f\u00fcr die gro\u00dfen Utopien? Das 20. Jahrhundert ist schon einen Moment vorbei. Das ist ja etwas, wonach du jetzt ganz viel und ganz oft gefragt wirst: Ist es eine hoffnungsfrohe Zeit? Oder ist es eine \u00e4ngstliche Zeit? M\u00fcssen wir Angst haben oder k\u00f6nnen wir Hoffnungen hegen?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ich meine, wie das Celan-Beispiel ja wirklich deutlich und klar zum Ausdruck bringt, liegen die beiden auch sehr, sehr eng beieinander. Da, wo die Hoffnung stark ist, kann auch die Angst stark sein und umgekehrt. Und deshalb denke ich, es gibt vielleicht Zeiten, in denen sich Dinge intensivieren. Und in so einer Zeit k\u00f6nnen wir gerade durchaus leben. Nat\u00fcrlich gibt es starke \u00c4ngste, einerseits \u00c4ngste vor der Krankheit oder gar vor dem Tod und andererseits starke \u00f6konomische \u00c4ngste. Aber tats\u00e4chlich bin ich daf\u00fcr, darin auch durchaus utopisches Potenzial zu sehen. Ich glaube, Gesellschaften erreichen manchmal so Punkte, an denen ihre Routinen, die eingespielten Pfade irritiert werden. Und wir sind definitiv an so einem Punkt, in allen m\u00f6glichen Hinsichten. Eigentlich w\u00fcrde ich sagen, waren wir es auch schon vor Corona. Aber die Pfade waren noch tief genug, wir konnten die Gleise nicht verlassen. Und diese Krise ist jetzt irgendwie so radikal, dass da wirklich das Potential drinsteckt, auch Neues daraus hervorgehen zu lassen. Das ist irgendwie f\u00fcr mich Hannah Arendts Idee: die Besonderheit des Menschen ist Natalit\u00e4t<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Wir k\u00f6nnen auch noch mal neu anfangen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Die Besonderheit des Menschen ist die Natalit\u00e4t. Gleichzeitig sagst Du, das ist jetzt eine Zeit, die besonders intensiv ist. Was macht denn diese Zeit so intensiv? Einfach nur der Tod, der pl\u00f6tzlich f\u00fcr uns pr\u00e4sent wird? Oder ist es noch mehr als der Tod, die Besonderheit der Natalit\u00e4t? Was macht diese Zeit so intensiv, dass da eine Hoffnung zum Vorschein kommt, um mit Ernst Bloch zu reden?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Naja, also es ist ja auch f\u00fcr unseren Alltag so, dass die eingespielten Routinen nicht mehr funktionieren. Und \u00fcbrigens auch, dass unsere Weltreichweite, die f\u00fcr mich ja theoretisch ein wichtiges Konzept ist in vielerlei Hinsicht auch ganz stark eingeschr\u00e4nkt ist. Wir sind verk\u00fcrzt auf den Nahbereich. Wir sind uns selber ausgesetzt und unseren N\u00e4chsten. Und das ist durchaus nicht immer angenehm. Und \u00fcbrigens machen wir da jetzt auch sehr missliche Erfahrungen: wir stellen fest, dass die Dinge, von denen wir immer dachten, dass sie uns besonders wichtig seien und dass wir sie auf jeden Fall tun w\u00fcrden, wenn wir mal Zeit h\u00e4tten (z.B. dann setze ich mich mal wieder ans Klavier oder nehme mal wieder Goethe zur Hand), bei Weitem nicht so sch\u00f6n sind, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen uns die Resonanzachsen, die wir wirklich haben, noch mal neu \u00fcberlegen. Aber ich glaube, die Intensivierung kommt dadurch, dass die eingespielten Routinen weg sind und wir manchmal jetzt Freir\u00e4ume haben, zeitliche Freir\u00e4ume, bei denen wir nicht einfach To-do-Listen abhaken. Normalerweise laufen wir ja von einer Aufgabe zur anderen, Alltagsbew\u00e4ltigungs-Verzweiflungsmodus. Und jetzt k\u00f6nnen wir gerade nicht laufen, obwohl wir gerne in digitale Welten fl\u00fcchten.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das ist ein bisschen so, wie man auch die Ferien oder den Urlaub beschreiben k\u00f6nnte. Wenn ich in Urlaub fahre, dann tut sich quasi erstmal eine ganz gro\u00dfe Intensit\u00e4t auf. Nachher erleben wir dann die Zeit als gedehnt. Oftmals k\u00f6nnen wir uns an drei Wochen Urlaub viel intensiver und detailreicher erinnern als an die drei oder f\u00fcnf Monate davor und danach. Diese Empfindung wird dann vielleicht im Laufe von drei Wochen wieder weniger, wenn wir wieder neue Routinen entwickelt haben. Das k\u00f6nnte ja auch jetzt der Fall sein, wenn das Ganze l\u00e4nger anh\u00e4lt. Welche Rolle spielt denn aber dabei das kollektive Erlebnis? In Deutschland sind wir das ja nicht mal in unseren Ferien wirklich gewohnt. Der einzige Zeitpunkt im Jahr, zu dem ich sicher sein kann, dass die anderen auch alle Pause haben und vermeintlich nichts tun oder weniger oder andere Dinge tun, um bei dem Routine-Bruch zu bleiben, das ist die Weihnachtszeit. Das, was wir so sch\u00f6n \u201ezwischen den Jahren\u201c nennen. Im Gegensatz zu Gesellschaften wie der italienischen oder der franz\u00f6sischen, die das auch im Sommer kennen, wenn wirklich alle auf einmal zur gleichen Zeit synchron in den Urlaub fahren und wissen: Was ich bis zum August nicht erledigt habe, das muss bis zum September warten. Aber dieses Momentum jetzt ist ja auch sehr kollektiv. Wir wissen und imaginieren, dass alle die Anderen auch im Wohnzimmer sitzen. Und wenn wir auf den Balkon gehen um 18:00 Uhr und Musik machen oder um 17:00 Uhr applaudieren, dann suchen wir die anderen auf dem Balkon gegen\u00fcber. Was spielt das f\u00fcr eine Rolle bei der Intensit\u00e4t?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Zun\u00e4chst mal w\u00fcrde ich sagen, wie Urlaub ist das nicht. Ich glaube, wenn wir das sagen, kriegen wir \u00c4rger. <em>(lacht)<\/em> Ich habe mir sowieso schon \u00c4rger eingehandelt, weil ich angeblich die Krise in zu sch\u00f6nen Farben male. Und wenn wir sagen, Corona ist wie Urlaub, dann muss man da nat\u00fcrlich drei Dinge, glaube ich, abziehen. Da ist zum Einen die Angst, die wir schon hatten, die Angst vor Krankheit, die Angst auch vor \u00f6konomischem Druck. Das ist nat\u00fcrlich eine andere Erfahrung als die Urlaubserfahrung. Es ist ein Moment von Zwangsentschleunigung, denn es ist ja nicht unsere Entscheidung, dass wir jetzt mal aussetzen, sondern wir sind irgendwie auch dazu gezwungen worden. Das macht schon was aus. Und dann ist es ja auch so, dass wir im Urlaub sehr h\u00e4ufig wegfahren. Gerade die Ausdehnung der r\u00e4umlichen Weltreichweite ist ein entscheidendes Merkmal von Urlaub. Und jetzt schrumpft unsere Weltreichweite massiv. Ich glaube, das k\u00f6nnte der interessanteste Aspekt dieser Erfahrung sein, dass ich pl\u00f6tzlich r\u00e4umlich eingeschr\u00e4nkt bin, im Wesentlichen auf meine Wohnung oder allenfalls meine Stadt, meine Umgebung. Und auch zeitlich kann ich nicht mehr l\u00e4nger als zwei oder drei Wochen denken. Insofern ist es anders als Urlaub. Ich glaube tats\u00e4chlich, dein Hinweis auf die Zeit \u201ezwischen den Jahren\u201c k\u00f6nnte was haben, weil wir da h\u00e4ufig \u00e4hnliche Erfahrungen machen. Das alte Jahr ist vorbei, das neue hat noch nicht richtig angefangen. Und da sind wir auf einem kleinen Inselbereich angewiesen. Was ich interessant finde, ist die Sache mit der Kollektivit\u00e4t. Einerseits k\u00f6nnte man sagen, wir machen die Erfahrung ja alle einzeln, weil wir gerade Kontaktverbot haben, an das sich Leute ja auch wirklich halten. Aber andererseits passiert was Hochinteressantes: dass wir n\u00e4mlich eigentlich zum ersten Mal seit langem, langem das haben, was man Joint Attention nennen kann, und zwar weltweit. Corona ist in jedem einzelnen Bewusstsein, und auch die Besonderheit der Lage ist in jedem Bewusstsein immer schon da. Wir haben im Moment alle die gleiche Erfahrung, \u2026 nicht nur dann, wenn wir ein Balkonkonzert oder so etwas machen, sondern ganz generell. Das ist ganz interessant als kollektive Erfahrung. Da misst sich Kollektivit\u00e4t und Vereinzelung noch mal auf ganz neue Weise.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das w\u00fcrde bedeuten, dass wir uns dann auch als Gemeinschaft f\u00fchlen, ja, weil wir im selben Zeitpunkt dasselbe erleben? Das ist etwas anderes als Weltreichweite, klar. Aber das sind Zeitpunkte, die als historische Momente erlebt werden, so wie die Mondlandung oder ein bedeutsames Fu\u00dfballspiel. Alle wissen, zu diesem Zeitpunkt machen die anderen genau dieselbe Erfahrung, jetzt in genau diesem Moment. Und das stiftet dann wieder eine virtuelle Gemeinschaft.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja. Beim Fu\u00dfball ist es ganz offensichtlich so. Nur gibt es nat\u00fcrlich auch Fu\u00dfballhasser oder die, denen das gleichg\u00fcltig ist. Aber Fu\u00dfball ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, weil man dann von Joint Attention sprechen kann. Alle Augen sind beim Elfmeter auf den Ball gerichtet. Und man erlebt Joint Emotion. Das hei\u00dft, die Anh\u00e4nger der einen Mannschaft f\u00fchlen alle das Gleiche: Hoffentlich geht der Ball rein. Und die der anderen Mannschaft haben sozusagen Reverse Emotions: Hoffentlich geht der Ball nicht rein. Das ist eine unglaubliche B\u00fcndelung. Es ist nicht ganz passend, weil Corona ein gr\u00f6\u00dferes und viel diffuseres Ph\u00e4nomen ist. Aber es ist interessant, dass es alle betrifft. Es ist interessant und sehr komplex, wie sich das Verh\u00e4ltnis zu den anderen Menschen, also zu den Mitmenschen, zur Gemeinschaft, gerade ver\u00e4ndert. Weil auf der einen Seite, jede Krise, wie wir sie gerade durchleben, immer auch das Potential hat, Solidarit\u00e4t und Gemeinschaft zu stiften. Und zwar einfach deshalb, weil es jetzt eben nicht die eine Beh\u00f6rde gibt f\u00fcr vielerlei F\u00e4lle oder Probleme oder die Institution oder das Gesch\u00e4ft, das professionell ein Problem l\u00f6st. Da muss man sich gemeinsam \u00fcberlegen: Wie machen wir das denn jetzt? Und man stellt gerade fest, \u00fcberall muss improvisiert werden: Was finden wir denn f\u00fcr eine L\u00f6sung? DAS stiftet Gemeinschaft. Andererseits ist es so, dass das Virus nat\u00fcrlich eine unsichtbare Gefahr ist, die eine Tendenz, die in unserer Gesellschaft sowieso zu beobachten ist, noch verst\u00e4rkt, n\u00e4mlich das Misstrauen gegen\u00fcber allen anderen. Der Mann, der da vorbei geht oder das Kind, das da im Garten spielt, k\u00f6nnten tendenziell eine t\u00f6dliche Bedrohung tragen und mich damit infizieren. Und ich wei\u00df noch nicht mal, ob ich vielleicht schon selber infiziert bin. Das verst\u00e4rkt Misstrauen. Der ANDERE: man f\u00fchlt es fast physisch. Wenn in einem Gesch\u00e4ft oder sonstwo ein Anderer zu nah kommt, schreckt man geradezu k\u00f6rperlich zur\u00fcck. Das ist nat\u00fcrlich ein tendenziell sozialfeindliches Moment. Und als Soziologen m\u00fcssen wir sagen: \u201eLass mal gucken, was daraus noch entsteht.\u201c Es gibt dystopische und utopische Konsequenzen, die sich daraus ergeben k\u00f6nnten. Was sich durchsetzt, steht ja nicht fest. Es ist kein Naturgesetz. Deshalb habe ich auf Hannah Arendt und Natalit\u00e4t hingewiesen. <strong>Das h\u00e4ngt jetzt von uns ab, was wir daraus machen.<\/strong> Und da w\u00fcrde ich sagen, lass uns versuchen, das so zu nutzen, dass sich utopische Potentiale entfalten.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das w\u00e4re auch historisch in dem Sinne, dass die Geschichte formbar ist, also dass es ein sehr offener Moment ist, der formbar ist.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Du hast jetzt aber auch eine Paradoxie beschrieben. Diese Paradoxie, dass Solidarit\u00e4t, und jetzt haben wir auch gesagt, Gemeinschaft letztlich \u00fcber Abstand entsteht. Nicht nur in der k\u00f6rperlichen Begegnung im Supermarkt, sondern die gr\u00f6\u00dfte Intensit\u00e4t zur Gemeinschaft entsteht im Moment \u00fcber Skype, Zoom und Co., etwa, wenn Igor Levitt abends Konzerte spielt und Tausende schauen quasi im Sicherheitsabstand des virtuellen Raums zu. Welche Rolle spielt dabei der Staat? Wir haben ja eigentlich eine Zeit, in der diese gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, Utopien, Dystopien, gar nicht mehr so zeitgem\u00e4\u00df schienen. Da war lange vom Ende der Geschichte die Rede. Und jetzt pl\u00f6tzlich muss der Staat es richten. Er muss die Krise bew\u00e4ltigen. Viele, viele, die dem Staat misstraut haben, viele Liberale, auch in der Wirtschaft, schreien nun f\u00f6rmlich nach dem Staat. Die Umfragewerte f\u00fcr die Parteien, die jetzt die Krise managen, schie\u00dfen durch die Decke. Der Staat erf\u00e4hrt einen Vertrauensgewinn. Kann man das so sagen? Stimmt das? Ganz pl\u00f6tzlich hei\u00dft es wieder, es k\u00f6nnen Unternehmen teilverstaatlicht werden. Das soll ein Teil der Rettung f\u00fcr diese schwierige Situation sein, und so weiter und so fort.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, das ist schon ganz interessant. Ich denke, dass es durchaus zu einer Neujustierung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse f\u00fchren kann. Der Nationalstaat scheint im Moment der gro\u00dfe Gewinner zu sein. Aber man muss vielleicht auch mal gar nicht in Gewinnern oder Verlierern denken. Was man dennoch sieht: Dass es wichtig ist, eine Instanz zu haben, durch die wir kollektiv handeln k\u00f6nnen und auch handlungsf\u00e4hig sind. Und das kann eben nicht der Markt sein. In Krisenzeiten braucht es Koordination, St\u00e4rke, Handlungsf\u00e4higkeit. Es ist ein bisschen bedauerlich, dass dabei die internationalen Organisationen gerade eher unterzugehen scheinen. Die EU zum Beispiel, die es bisher immer noch nicht geschafft hat, auch Corona-Bonds als Zeichen der Solidarit\u00e4t durchzusetzen. Nationalstaatlicher Egoismus k\u00f6nnte eine Schattenseite davon sein. Aber dass man kollektiv handeln kann, ist eine wichtige Erfahrung; der Staat sind ja nicht irgendwelche anderen Menschen, die in \u00c4mtern sitzen, sondern er ist unser Organ, durch das wir Handlungsf\u00e4higkeit erfahren. Und ich finde, genau das erleben wir jetzt in einer Weise, wie wir es uns nicht h\u00e4tten tr\u00e4umen lassen. Ich meine, es ist ja nicht das Virus, was diese ganzen Hamsterr\u00e4der anh\u00e4lt. Man muss sich das mal \u00fcberlegen: der Verkehr, zum Beispiel Flugverkehr, ist fast zum Erliegen gekommen. Das h\u00e4tten wir doch f\u00fcr vollst\u00e4ndig unm\u00f6glich gehalten. Niemand kann den ganzen Luftverkehr innerhalb von wenigen Tagen anhalten! Aber wir konnten es sozusagen als politisch Handelnde. Und ich glaube, diese Erfahrung ist wichtig und die ist auch gut. Und ich vermute auch, dass es zu einer Neujustierung dann kommt, \u00fcbrigens auch im Blick auf Staat und Markt, auch auf Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Dass es vielleicht keine so gute Idee ist, das Gesundheitssystem zu privatisieren und dann sozusagen einfach auf just-in-time und maximalen Profit zu eichen, was bedeutet, dass, wenn es drauf ankommt, die Beatmungsger\u00e4te nicht da sind. Ich kann mir vorstellen oder ich hoffe eigentlich sogar, dass politische Handlungsf\u00e4higkeit dadurch mal an Kraft gewinnt, auch f\u00fcr die Zukunft an Kraft gewinnt und dass M\u00e4rkte st\u00e4rker eingebettet werden in politische und auch kulturelle und gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Da spiele ich mal den Antipoden und sage, das ist sehr optimistisch. K\u00f6nnte es denn auch sein, dass die Gewinner, wenn wir jetzt doch mal kurz \u00fcber Gewinner und Verlierer reden, diejenigen sind, die den Nationalstaat stark machen, die Multilateralismus schwierig finden, die Globalisierung kritisieren, die die Grenzschlie\u00dfung gut finden, und die vor allem bezweifeln, ob wir in der Lage sein werden, mit Demokratie und F\u00f6deralismus mit so einer Krise umzugehen? Ist das \u00fcberhaupt m\u00f6glich? Brauchen wir nicht eigentlich den starken Entscheider? Und ein bisschen gerieren sich ja auch einzelne Politiker bei uns so wie starke Entscheider. Sie m\u00fcssen quasi fast t\u00e4glich unter Beweis stellen, dass ihr Staat, also unser Staat in Deutschland, genauso handlungsf\u00e4hig ist wie eine Diktatur in China, ein Land, das jetzt schon ein gro\u00dfer Propaganda-Gewinner ist. Was ich sagen will, am Ende des Tages, auch wenn es im Moment nicht so scheint, was die Umfragewerte anbelangt, k\u00f6nnten die Populisten in Europa, und auch die AfD in Deutschland, doch als die gro\u00dfen Sieger vom Platz gehen?! Viele Themen sind eigentlich ihre Themen, zahlen auf ihre M\u00fcnze ein. Die Grenzen m\u00fcssen geschlossen werden, wir brauchen weniger globalisierte Zusammenh\u00e4nge, \u201emigrantische Str\u00f6me\u201c, wie es dann so diffamierend hei\u00dft: Wir m\u00fcssen die Wirtschaft wieder kontrollieren, wir brauchen eine autorit\u00e4ren starken handlungsf\u00e4higen Staat. Am Ende des Tages habe ich manchmal die Sorge, es k\u00f6nnte eigentlich so ein Moment des kollektiven Traumas werden. So wie es die Fl\u00fcchtlingskrise vor f\u00fcnf Jahren war. Eine kurze Zeit lang halten alle zusammen und tun das, was erforderlich ist; es herrscht Solidarit\u00e4t und Vernunft. Und danach beginnen lange, lange Auseinandersetzungen politischer und juristischer Natur, die problematisieren, was in dieser Situation an vermeintlichen Fehlern gemacht wurde. Und die Profiteure sind die, die sich au\u00dferhalb dieses scheinbaren Meinungsblocks positionieren k\u00f6nnen. Ich habe Bef\u00fcrchtungen, dass die starken Gewinner dieser Krise die Populisten sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA: <\/strong>Diese Bef\u00fcrchtung habe ich tats\u00e4chlich auch. Ich habe tats\u00e4chlich auch ganz fr\u00fch gedacht, das erinnert mich fatal an, wie du es auch wahrgenommen hast, an die Situation 2015, in der erstmal eine gro\u00dfe Solidarit\u00e4t und eine Willkommenskultur herrschten, in der man das Gef\u00fchl gewann, da gehe ein Ruck durch die Gesellschaft, der sehr positiv ist. Und ich war damals schon ziemlich skeptisch, weil ich dachte, das kann doch irgendwie nicht sein, dass die Gesellschaft sich pl\u00f6tzlich in so kurzer Zeit so ver\u00e4ndert hat. Und das hatte sie ja dann auch nicht. Zu dem, was du gesagt hast, kann man ja noch hinzuf\u00fcgen: Guck dir Orb\u00e1n an, in Ungarn, der ja wirklich praktisch jetzt eine autokratische Herrschaft errichtet. Oder die Zustimmung zur \u00dcberwachung mit Handy-Tracking steigt auch. Man kann sich allerhand dystopische Szenarien ausdenken. Aber ich finde, eigentlich will ich gar nicht <em>so<\/em> \u00fcber die Krise nachdenken. Es ist kein Naturgesetz, was da kommt. Das ist mir im Moment das Wichtigste. Wir sollten nicht dar\u00fcber nachdenken, ob es nicht auch ganz schlimm werden k\u00f6nnte, sondern wir sollten versuchen, zu handeln. Ich glaube schon, es gibt nicht viele historische Punkte, an denen eine Situation offen ist. Was daraus hervorgeht, steht nicht fest. Und selbst wenn ich der beste Soziologe der Welt w\u00e4re, k\u00f6nnte ich jetzt nicht genau sagen, ob die AfD gewinnt oder die Linke oder sonst jemand, denn es gibt kein Gesetz, das dies bestimmt und das man nur erkennen m\u00fcsste Aber ich glaube, es geht nicht darum, richtig vorherzusagen, sondern richtig zu handeln. Und ich denke, das Wichtigste, um das zu vermeiden, was du da beschreibst, ist, dass man den Staat nicht als \u201edas Andere\u201c versteht. Ich glaube, das ist eine fatale Entwicklung der letzten 100 oder 50 Jahre, dass Menschen den Staat als eine Instanz au\u00dferhalb ihrer selbst wahrnehmen. Der Staat ist unser kollektives Handlungsorgan. Und wenn wir den in eine autorit\u00e4re Instanz verwandeln, die uns gegen\u00fcbersteht und uns kontrolliert, dann haben wir die Idee demokratischer Selbstbestimmung nat\u00fcrlich komplett verraten und vergessen und w\u00fcrden deshalb zittern, wie das Kaninchen vor der Schlange, dass vielleicht am Ende doch die AfD oder sonst jemand, irgendwelche rechtspopulistischen und autorit\u00e4ren Herrscher gewinnen. Sondern ich glaube, es geht jetzt darum, Handlungsf\u00e4higkeit zur\u00fcckzugewinnen, gerade auch im Blick zum Beispiel auf die Klimakrise. Ich finde, da gibt es nat\u00fcrlich einen Zusammenhang, denn die Krise ist ja jetzt nicht erst durch Corona entstanden. Wir hatten davor schon Krise und haben uns da immer als vollst\u00e4ndig ohnm\u00e4chtig erlebt. Wir k\u00f6nnen noch so viele Klimagipfel und Klimakonferenzen und Klimaziele formulieren oder abhalten: Wenn wir dann zum Beispiel Verkehrsstr\u00f6me ansehen &#8211; jedes Jahr mehr Autos, mehr Flugreisen, mehr Lastwagen, mehr Containerschiffe, mehr Kreuzfahrten- dann sehen wir wieder eine einzige exponentielle Wachstumskurve. Und jetzt gerade machen wir die Erfahrung, wir k\u00f6nnen das innerhalb weniger Tage anhalten, und zwar politisch. Es ist nicht das Virus, sondern das ist politisches Handeln, das das bewirkt hat. Und diese Erfahrung, die durchaus positiv ist, sollten wir nutzen, statt jetzt vor Angst, dass es am Ende doch wieder schief gehen k\u00f6nnte, zu erstarren.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Okay. Dann lass uns \u00fcber die Rollen sprechen, die Wissenschaft und Kultur einnehmen, wenn es darum geht, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren. Es ist ja im \u00dcbrigen fast eine Metapher, ja. Wenn du davon sprichst, bleiben wir mal bei dem Begriff des Wachstums, dass wir anders keinen Ausstieg aus dem Zwang der Wachstumslogik gefunden haben, au\u00dfer durch das Virus, das uns jetzt ja quasi fast metaphorisch dazu zwingt. Darum geht es ja beim ber\u00fchmten \u201eFlattening of the Curve\u201c: das Wachstum eind\u00e4mmen! Also, dass eine ganze Gesellschaft daran arbeitet, ein Wachstum einzud\u00e4mmen, \u2026<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Das stimmt.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026 das hast du als Post-Wachstumforscher oder -theoretiker nicht zu tr\u00e4umen gewagt. Und das sozusagen wirklich als zentrale Metapher. Wir m\u00fcssen das Wachstum zur\u00fcckfahren. Wie k\u00f6nnen wir darauf, auch \u00fcber diese Zeit hinaus, mit Mitteln der Geistes-Wissenschaft reagieren? Wie kommt man aus dem Kreis der eigenen Echokammer jetzt tats\u00e4chlich in die Wirksamkeit, in die Erscheinung rein, die daf\u00fcr sorgt, dass wir das offene Momentum gestalten, die Welle surfen, und an dem festhalten k\u00f6nnen, an dem gro\u00dfen Interesse, das zum Beispiel deine Arbeit jetzt gerade noch mal zus\u00e4tzlich erf\u00e4hrt. Wie kriegen wir das in den Alltag \u00fcbersetzt? Wenn es vorbei ist, wenn jetzt dann irgendwann das Leben wieder hochf\u00e4hrt, so wie die Wirtschaft es fordert, so schnell wie m\u00f6glich, wie kriegen wir den Transfer hin?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Das ist die wahnsinnig schwierige Frage. Die schwierigere H\u00e4lfte haben wir noch nicht geschafft. Dar\u00fcber hatte ich noch gar nicht nachgedacht, du hast schon Recht: es geht bei Corona eigentlich darum, Wachstum einzuschr\u00e4nken, also das Wachstum der Infektionszahlen, aber das ist nat\u00fcrlich ein sehr spezifisches. Wir haben diese wahnsinnigen anderen Beschleunigungsr\u00e4der, Wachstumsr\u00e4der angehalten. Wir haben die Gesellschaft angehalten, was wir uns niemals zugetraut h\u00e4tten. Aber damit haben wir eigentlich nur einen Unfall verursacht. Weil: wir leben ja immer noch in einer Gesellschaft, die steigerungsabh\u00e4ngig, steigerungsbasiert ist. Wir m\u00fcssen jedes Jahr schneller sein, mehr produzieren, innovativer sein, damit wir das bestehende System erhalten k\u00f6nnen. Und jetzt haben wir dieses System angehalten. Ich glaube, das haben wir wirklich, wenngleich allerdings nicht in der digitalen Dimension \u2013 im Netz drehen sich die R\u00e4der gerade schneller als je zuvor. Es ist jetzt aber nat\u00fcrlich noch kein neues System, das ist eigentlich nur ein Crash. Es ist so, wie wenn du ein Fahrrad anh\u00e4ltst. Wenn das nicht abgest\u00fctzt wird, dann f\u00e4llt es halt um. Und die Frage ist, wie kann denn jetzt ein neues System aussehen. Da hast du Recht: Die gro\u00dfe Gefahr, der wahrscheinliche Fortgang der Geschichte ist, dass sobald diese t\u00f6dliche Gefahr verschwunden ist, wir wieder anfangen, wir versuchen werden, die alten R\u00e4der wieder in Gang zu bringen, die Maschine wieder anzuschieben. Und m\u00f6glicherweise erleben wir dann auch einfach einen \u00f6konomischen Wachstumsschub, wie nach Kriegen oder so. So dass wir am Ende eben wieder genau da sind, wo wir vorher auch waren. Und das finde ich deshalb nicht besonders attraktiv, weil wir vorher schon in massiven Krisen waren, in \u00f6kologischen Krisen, psychologischen Krisen, politischen Krisen. Wir waren im Aggressionsmodus gegen\u00fcber der Welt. Und was wir jetzt erfahren, ist, dass man die R\u00e4der schon anhalten kann. Als Soziologe, der sich auch als Kulturwissenschaftler versteht, finde ich das ganz interessant, zu \u00fcberlegen, was wir da eigentlich gerade tun. Die Frage, die mich besch\u00e4ftigt, ist die: Was genau hat eigentlich diese unglaubliche Bremskraft erzeugt? Weil, wie wir aus der Physik wissen, wenn du eine gewaltige Bewegung bremsen oder anhalten willst, brauchst du ja wahnsinnige Kraft. In der Regel sind es Reibungskr\u00e4fte oder Reibungsenergien, die dann freigesetzt werden. Und die Frage ist, was befeuert denn diese Kraft, diese Bremsenergie? Meine Antwort auf die Frage ist, dass es eigentlich dieses wahnsinnige Verlangen der Gesellschaft ist, Verf\u00fcgbarkeit herzustellen. Wir wollen die Welt erreichbar haben, wir wollen sie vor allem auch im Griff haben, kontrollieren und beherrschen. Und Corona ist nun im Kern so ein Monster der Unverf\u00fcgbarkeit. In meinem kleinen Unverf\u00fcgbarkeits-Buch hei\u00dft das letzte Kapitel: Die R\u00fcckkehr der Unverf\u00fcgbarkeit als Monster. Es sagt, dass letztendlich der Versuch, die Welt grunds\u00e4tzlich unter Kontrolle zu bringen, immer R\u00fcckschl\u00e4ge erzeugt, wo pl\u00f6tzlich monstr\u00f6se Unverf\u00fcgbarkeit erscheint. Zum Beispiel hat unser erfolgreicher Versuch, das Atom zu spalten, also Macht \u00fcber das Innerste der Materie auszu\u00fcben, monstr\u00f6se Unverf\u00fcgbarkeit hergestellt, wie wir sie in Tschernobyl oder Fukushima oder auch Hiroshima gesehen haben, dass n\u00e4mlich, wenn atomare Strahlung freigesetzt wird, sie uns eigentlich nur t\u00f6ten kann. Man kann mit einer Atombombe nicht in Resonanz treten. Wir k\u00f6nnen sie nicht kontrollieren, nicht in den Griff kriegen. Und Corona haben wir wissenschaftlich noch nicht erforscht, wir haben es medizinisch nicht im Griff, wir k\u00f6nnen es weder heilen noch dagegen impfen, wir k\u00f6nnen es politisch schlecht regulieren, wir haben radikal die Grenzen geschlossen, und nicht mal das hilft offensichtlich, die \u00f6konomischen Folgen sind un\u00fcbersehbar. Wir haben es mit der Erfahrung zu tun, dass uns der Versuch, Welt zu kontrollieren und zu beherrschen, in monstr\u00f6se Unverf\u00fcgbarkeit umschl\u00e4gt. Und meine Hoffnung w\u00e4re jetzt, deshalb diese lange Ausf\u00fchrung, dass wir ein anderes Verh\u00e4ltnis gewinnen zum Leben, zum Sinn vom Leben. Meine Diagnose in dem Unverf\u00fcgbarkeits-Buch lautet, dass wir eigentlich Leben abt\u00f6ten. Und deshalb sind so viele Menschen so frustriert und so unzufrieden, obwohl sie ganz viele Dinge und viel Geld und viele M\u00f6glichkeiten haben. Und meine Frage war immer, woher das kommt. Ich glaube, weil diese Verf\u00fcgbarkeitsideologie auch eine institutionalisierte Seite hat: Wir m\u00fcssen alles rechtlich absichern, wir m\u00fcssen uns versichern und garantieren lassen, und so weiter. Also meine Hoffnung w\u00e4re, die Erfahrung, die daraus entsteht, best\u00fcnde in einem neu gewonnenen Verh\u00e4ltnis zu dem, was Leben eigentlich hei\u00dft. Weil ich schon glaube, dass Corona uns genau das zeigt: Was ist eigentlich Leben? Ist das Wichtigste, m\u00f6glichst lange zu leben? Oder ist das Wichtigste, Tod und Krankheit herauszuschieben? Oder gibt es vielleicht auch noch eine andere Dimension von gelingendem Leben, das mit Unverf\u00fcgbarkeit und auch Risiken anders umgeht? Ich glaube, wir m\u00fcssen in so eine Richtung denken, auch wenn wir fragen: \u201eWie wollen wir in Zukunft leben?\u201c &#8211; und zwar nicht nur im Blick auf andere Verteilungsmuster oder andere institutionelle Ordnungen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Da sind wir jetzt im Kernpunkt. Da haben wir auch angefangen. Das sei die Zeit, hast du gesagt, in der man zu den Dingen kommt, zu denen man sonst nicht kommt. Und das ist aber dann pl\u00f6tzlich auch ganz schnell viel, viel anstrengender, als man sich das vorgestellt hat.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das Buch, das ich noch nicht gelesen habe. Das Klavierst\u00fcck, das ich schon lange nicht mehr ge\u00fcbt habe et cetera. Das ist ja erstmal ein Modus des Konjunktivs. \u201eMan m\u00fcsste mal\u201c, \u201eman h\u00e4tte mal\u201c, \u201eich h\u00e4tte ja eigentlich\u201c, und jetzt komme ich mal dazu, jetzt ist endlich mal die Zeit. Mir kommt es so vor, dass es darum geht, aus diesem Modus des Konjunktivs in den Modus des Indikativs einzusteigen.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Genau.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Also die Dinge zu <em>tun<\/em> und nicht nur als M\u00f6glichkeitsraum sich vorzustellen. Jetzt m\u00f6chte ich eine zentrale Herausforderung benennen f\u00fcr das, was du beschreibst mit der Resonanzerfahrung oder auch mit der Frage, wann wir unverf\u00fcgbar sind, wie wir uns in Dinge vertiefen wollen und wirklich in Resonanz rein kommen. Wie m\u00fcssen wir uns konzentrieren? Wir m\u00fcssen uns auch entscheiden gegen andere Dinge. Wir m\u00fcssen sagen, ich lerne jetzt Klavier, und das ziehe ich \u00fcber die n\u00e4chsten Jahre durch. Also gewisserma\u00dfen ein Moment der Artistik, des st\u00e4ndigen \u00dcbens, um eine Tiefe in die Sache rein zu bekommen und dadurch der Qualit\u00e4t. Das bedeutet aber, mich gegen die vielen anderen M\u00f6glichkeiten zu entscheiden, die uns allen heute jederzeit vermeintlich st\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung stehen. Ren\u00e9 Pollesch, der Regisseur, hat das mal mit dem wunderbaren Wort Interpassivit\u00e4t beschrieben. Eigentlich reden wir alle \u00fcber Inter<em>aktivit\u00e4t<\/em>, Social Media, und so weiter, aber er redet von Inter<em>passivit\u00e4t<\/em>: einer Festplatte voller Filme und einem Social-Media-Account voller Freunde<span style=\"text-decoration: line-through\">. <\/span>Ich kann in meinem Leben alles werden, anything goes, aber ich mache eigentlich nichts mehr davon wirklich. Von allem rede ich im Konjunktiv \u2013 \u201edas m\u00fcsste ich mal\u201c, \u201edas k\u00f6nnte ich mal\u201c, \u201edas sollte ich mal\u201c. Die Entscheidung zu treffen, ist aber ein sehr, sehr schmerzlicher Vorgang, denn dann muss ich ja alle anderen M\u00f6glichkeiten abschneiden und komme sozusagen in eine starke Bredouille. Das ist eine ganz sch\u00f6n heftig Herausforderung an das Individuum.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><em>(Im Hintergrund, schon seit einer Weile: Kindergeschrei bei dem einen, Telefonklingeln bei dem anderen!)<\/em><\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Oh, ich werde unterbrochen, Hartmut.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja. Okay. Ehrlich gesagt: Ich auch.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ich muss dich gleich noch mal anrufen.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, alles klar. Bis gleich.<\/p>\n<p><strong>Teil 2<\/strong><\/p>\n<p><em>(Mittlerweile sind mehrere Stunden vergangen; der Tag neigt sich dem Abend zu. Die Kinder sind im Bett; die Telefonate wurden gef\u00fchrt.)<\/em><\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Vorhin sind wir unterbrochen worden. Das ist jetzt auch schon wieder so ein bisschen sinnbildlich. Genau an der Stelle, an der wir \u00fcber Verf\u00fcgbarkeit geredet haben, aber eben auch den von mir ins Spiel gebrachten Begriff der Interpassivit\u00e4t. Und justament da sind wir beide von unserer Realit\u00e4t eingeholt worden, ich von meiner famili\u00e4ren im Homeoffice, das, was man euphemistischerweise Homeoffice nennt, und du von deinen Interviewverpflichtungen.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Wobei ich festgestellt habe, dass ich nicht schuld war, dass ich das vorher nicht auf dem Schirm hatte. Aber egal, so l\u00e4uft es halt in etwas chaotischen Zeiten.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Die brauchen es dann trotzdem ganz ganz dringend, nicht wahr?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Jaja, genau. Aber naja, wir m\u00fcssen jetzt halt jetzt, glaube ich, alle improvisieren.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja, aber es ist in Bezug auf deinen Begriff der Verf\u00fcgbarkeit schon auch interessant. R\u00fcckkehren in das Innerste und uns Besinnen &#8211; angeblich oder scheinbar -, und dann findet die Kommunikation \u00fcber die gl\u00e4sernen Kan\u00e4le von WhatsApp, Skype, Zoom und Co. statt&#8230;.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, wir versuchen, die Verf\u00fcgbarkeit halt sofort wieder herzustellen. Und ich meine, physisch sind wir nat\u00fcrlich jetzt f\u00fcreinander unverf\u00fcgbar sozusagen, aber wir versuchen nat\u00fcrlich, mit allen Tricks das zu machen, was die Moderne gekennzeichnet hat: Dinge wieder verf\u00fcgbar zu machen. So machen wir jetzt Bild und Ton und Sendungen und Veranstaltungen digital verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> \u2026 wir waren vorher bei der Rolle der Wissenschaft.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Da sind ein paar Fragen aufgetaucht, die mich zur Rolle von Kunst und Kultur f\u00fchren. Genau das passiert ja: Die Kolleg*innen sind nicht mehr verf\u00fcgbar. Sie k\u00f6nnen das, was ihre ureigene Leidenschaft ausmacht, nicht praktizieren, zelebrieren, auf B\u00fchnen stehen. Und sie glauben offensichtlich, sie m\u00fcssen jetzt live senden, durchgehend, so dass man schon das Gef\u00fchl hat, man kommt in die Bredouille. Achtung, jetzt, um 19.00 Uhr ist der dran, um 19:30 Uhr der, um 20:00 Uhr der. Das ist wie eine kleine Panikreaktion. Als m\u00fcsse man die eigene Bedeutung, die eigene Relevanz, unter Beweis stellen. Aber auch, jetzt mal positiver gewendet, was tun f\u00fcr sein Publikum. Aber w\u00e4re das nicht eigentlich eine viel bessere Phase, um sich komplett zur\u00fcckzuziehen?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ich denke schon. In gewisser Weise w\u00fcrde ich mir das fast w\u00fcnschen, weil ich finde, was wir wirklich sehen, das ist, in welchem hohen Ma\u00dfe wir eigentlich in einem Panik- und in einem Fluchtmodus sind. Eigentlich f\u00e4llt es uns schwer, es mit uns selber auszuhalten. Aus zwei Gr\u00fcnden. Der eine: Wir haben irgendwie immer Sorge, dass wir abgeh\u00e4ngt werden, dass da drau\u00dfen das Netz weiterl\u00e4uft und die R\u00e4der sozusagen weiter in Bewegung sind, blo\u00df wir sind abgeh\u00e4ngt. So rennen wir, um uns irgendwie \u00fcber YouTube oder sonstwo weiter pr\u00e4sent zu halten. Der andere: Wir haben immer Sorge, dass, wenn wir auf uns selber gestellt sind, dass wir dann nicht in Resonanz treten k\u00f6nnen mit uns, mit der Musik, mit dem Buch, das wir vielleicht zur Hand nehmen, oder mit der Natur, in der wir uns bewegen. Ich glaube, wir haben Angst davor, dass wir dann die Erfahrung machen, die Natur schweigt, das Klavier sagt mir nichts, das Buch ist gar nicht interessant. Aus Angst davor fliehen wir dann sofort zu Netflix oder bestellen uns bei Amazon noch ein Buch. Ich glaube, das h\u00e4ngt irgendwie damit zusammen, dass wir dieses andere In-der-Welt-Sein &#8211; ich beschreibe das inzwischen gerne mit dem Begriff der Mediopassivit\u00e4t: also halb aktiv, halb passiv h\u00f6ren und antworten, ohne dass wir eine bestimmte Agenda verfolgen, vielleicht gr\u00fcndlich verlernt haben. Es stellt sich nicht von heute auf morgen wieder ein, blo\u00df weil wir theoretisch mal Zeitr\u00e4ume h\u00e4tten. Und so fliehen wir und stellen sie uns gleich wieder zu.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Genau. Das ist ja ganz nahe beieinander. Der Begriff ist ja ganz nah bei dem was Ren\u00e9 Pollesch, Interpassivit\u00e4t nennt. Da waren wir ja vorher an einem Punkt, an dem ich gefragt habe, inwiefern es darauf ankommt, Entscheidungen zu treffen und sich dann auf eine Sache zu konzentrieren, sie zuzulassen, auch die Anstrengung, die damit verbunden ist \u2026 ich habe das Wort der Artistik bem\u00fcht, ungerne von Sloterdijk entlehnt. Aber man kennt das ja vom Sport: nur wenn ich den Berg hochsteige und wirklich \u00fcber den inneren Schweinehund und die toten Punkte hinweg komme, gelange ich zu diesem Gef\u00fchl der Naturresonanz und so weiter. Aber daf\u00fcr muss ich dann tats\u00e4chlich sagen, ich mache jetzt das, und nur das, und ich muss auch bis zumindest an die Grenze rangehen. Und das setzt eine Entscheidung voraus. In der interpassiven Situation muss ich mich nie entscheiden. Da kann ich alles haben, es ist alles verf\u00fcgbar, um mit deinem Begriff zu operieren, aber nichts mache ich wirklich. Ich mache eigentlich alles nur halb.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, ich glaube, dieses Verhalten kann man wirklich bei uns beobachten. Beispielsweise Netflix bietet einem ja immer diese M\u00f6glichkeit, alles relativ im Unverbindlichen zu halten, mal da rein zu zappen, mal da noch was zu gucken, mal dort, aber es gibt nichts sozusagen, auf das man sich v\u00f6llig einl\u00e4sst. Ich glaube, das h\u00e4ngt wirklich auch damit zusammen, dass wir eigentlich immer dabei sind, uns Potenz anzuh\u00e4ufen oder Optionen. Wir sind immer damit besch\u00e4ftigt, noch was zu erwerben, noch was zu bauen, noch was zu planen, von dem wir dann hoffen, dass es in der Zukunft irgendwann unser Resonanzraum wird. Leute sagen: wenn ich mal diese Wohnung habe\u2026, oder wenn ich die Wohnung renoviert habe\u2026, oder wenn ich die neue K\u00fcche habe&#8230;. Dann stellen sie fest, sie haben die neue K\u00fcche und sie haben sich ein Klavier gekauft, aber sie haben immer noch keine Zeit daf\u00fcr. Wir schieben das immer auf in der Hoffnung, dass irgendwann das Angeh\u00e4ufte &#8211; damit meine ich nicht nur Geld, sondern die B\u00fccher, die Videos, die Kan\u00e4le, die Fotos, was immer das sein mag &#8211; zu einem Resonanzraum wird. Jetzt k\u00f6nnten wir ausprobieren, ob das wirklich diese Qualit\u00e4t erf\u00fcllt. Und dann laufen wir, glaube ich, in Panik davon, weil wir Angst haben: Nein, vielleicht nicht. Ja, das kann man vielleicht als Passivit\u00e4t bezeichnen. Mit medio-passiv bezeichne ich aber einen gegenteiligen Zustand, den man zum Beispiel feststellt, wenn Menschen auf gelingende Weise tanzen, richtig intensiv tanzen oder auch, wenn Menschen miteinander Musik machen oder Theater spielen. Wenn man nicht mehr sagen kann, ob man jetzt eigentlich der aktiv Bestimmende oder der Empfangende ist, man ist beides zugleich. Man ist so in ein Geschehen vertieft, dass das Ber\u00fchrt-Werden von etwas Anderem und Das-Darauf-Antworten praktisch zu einem Akt, zu einer T\u00e4tigkeit wird, die halb aktiv und halb passiv ist. Und diese Form von Weltbeziehung<span style=\"text-decoration: line-through\">, <\/span>ist ganz selten geworden. Und wir sollten, wir k\u00f6nnen die R\u00e4ume, die jetzt entstehen, nutzen, um so was wieder zu entdecken. Aber daf\u00fcr braucht man Geduld. Dann darf man nicht sofort wieder in die Medial-Welten fl\u00fcchten und ins Internet und in Social Media.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Okay. Also das ist dann wirklich der maximale Gegensatz zu Interpassivit\u00e4t, also der Verf\u00fcgbarkeit aller Optionen, die ich alle nicht wahrnehme. Das, was du beschreibst, wird ja manchmal auch als Flow beschrieben. In dem Schauspielunterricht, den ich im Regie-Studium hatte, gab es Gruppen-K\u00f6rper\u00fcbungen, bei denen am Ende nicht mehr klar war, von wem welcher Impuls gekommen ist. Die T\u00e4nzer arbeiten zum Beispiel an der sog. Kontakt-Improvisation: Pl\u00f6tzlich bewegt sich so eine Gruppe von K\u00f6rpern wie ein K\u00f6rper und man wei\u00df gar nicht mehr, wo beginne ich, wo h\u00f6rt der andere auf, und so weiter.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja. Genau das meine ich.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Aber es ist tats\u00e4chlich eine Form des Sich-Einlassens, die voraussetzt, dass ich ganz viel anderes ausblende in diesem Moment. Also ich muss sozusagen die Wahrnehmung darauf hin fokussieren.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja. Was noch dazu kommt, ist das, was ich Unverf\u00fcgbarkeit nenne, weil die Entscheidung alleine nat\u00fcrlich nicht reicht. Das ist, glaube ich, das ganz, ganz gro\u00dfe Problem. Also ich stimme dir v\u00f6llig zu. Wir sind zum Beispiel ganz wild auf Spotify oder Streaming-Dienste, weil wir dann neun Millionen Musiktitel haben. Da ist eine Wahnsinnspotenz. Aber es reicht jetzt dummerweise nicht, zu sagen, so, heute nehme ich das da oder so. Weil ich dann m\u00f6glicherweise feststelle: Ah, irgendwie ist es doch nicht das Richtige, das h\u00e4lt nicht, was es versprochen hat. Man kann dann dieses, das, was ich Resonanz nenne, dieses intensive In-Beziehung-Treten nicht erzwingen. Das kommt nicht von alleine. Das braucht einerseits Geduld und \u00dcbung, andererseits aber auch eine gewisse Gelassenheit, weil es eben unerzwingbar ist. Und deshalb f\u00e4llt uns das sehr h\u00e4ufig sehr schwer.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Jetzt kommen wir noch mal zu dem Ausgangspunkt zur\u00fcck. Da bin ich ja mit Celan eingestiegen und habe gesagt, da sind so viele Hoffnungen und \u00c4ngste.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Und wenn du jetzt davon sprichst, wir projizieren das, all die Resonanz-Ressourcen, Momente, die wir uns eigentlich erarbeiten unser Leben lang, immer in die Zukunft, dann gibt es ja eine Schallmauer, auf die wir unweigerlich immer zulaufen und das ist die Ressource Zeit, die uns zwar vermehrt wurde, medizinischerweise. Ich kann aber nicht immer weiter in die Zukunft projizieren. Irgendwann ist sozusagen der Moment der Eigentlichkeit gekommen oder eben verstrichen. So. Im Moment erlebe ich die Krise aber auch so, dass wir sehr, sehr viel hinein projizieren. Wir sind noch nicht mal drei Wochen in diesem Shut-down, in diesem kompletten Abschalten, aber die Menge der Denkans\u00e4tze, der Utopien, Dystopien, der \u00c4ngste, der Hoffnungen, sind schon so viele, dass sie gar nicht mehr zu erf\u00fcllen sind in einer gewissen Zeit. Es ist eigentlich sozusagen eine riesige Projektionsfl\u00e4che, die vor allem was dar\u00fcber aussagt, wie Vieles vor der Krise im Unbewussten ungekl\u00e4rt war, oder es auch weiterhin bleibt. Oder?<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, das sehe ich tats\u00e4chlich auch so. Ich glaube, dass die Krise im Moment so eine Art Brennglas-Funktion hat. Alle Probleme, auch alle \u00c4ngste, alle Reaktionsweisen, die die Gesellschaft schon gekennzeichnet haben, die kommen jetzt in einigen Hinsichten sogar in Reinform zum Ausdruck. Zum Beispiel auch das Misstrauen gegen\u00fcber Fremden, das wird jetzt geradezu k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar in der Angst, der Fremde k\u00f6nnte, der Andere k\u00f6nnte infiziert sein. Und auch das Verh\u00e4ltnis, die Art, wie wir versuchen, auf Unverf\u00fcgbares zu reagieren, n\u00e4mlich fast panisch. Insofern stimme ich dir ganz zu, die Krise dient uns als eine Art von Vergr\u00f6\u00dferungsglas, um uns auch selber und die gesellschaftliche Reaktionsweise zu studieren. Aber zugleich glaube ich, dass es ein Experimentierraum ist. Wir k\u00f6nnen damit jetzt auch experimentieren und gucken, was machen diese \u00c4ngste mit uns, was k\u00f6nnen wir mit den \u00c4ngsten machen, wie k\u00f6nnen wir da vielleicht zusammen handeln oder auch neue Pfade betreten. Ich habe ja immer diese Fantasie, dass die Krise uns zu so was wie einem gesellschaftlichen Pfadwechsel bringen, also zu einem kollektiven Ausstieg aus den Hamsterr\u00e4dern f\u00fchren kann. Aber dazu m\u00fcssen wir tats\u00e4chlich dieses Berasen insbesondere der digitalen Welt irgendwie \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Also ich w\u00fcrde jetzt gern an der Stelle einen Text einbauen. Nick Cave hat eine Woche lang E-Mails und Briefe bekommen von seinen Fans, warum er jetzt nicht auch endlich mal anf\u00e4ngt, Konzerte zu streamen, und er hat darauf zur\u00fcckgeschrieben: <span style=\"color: #3366ff\">\u201eIhr habt es nicht verstanden. Das dachte ich am Anfang auch. Ich komme jetzt endlich zu diesen Dingen, die ich immer machen wollte und die kann ich jetzt umsetzen. Und dann bin ich nachts aufgewacht und mir war klar, das ist genau das, was wir jetzt nicht tun sollten, was ich nicht tun sollte als K\u00fcnstler. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Chance, die ich habe, auszusteigen aus der alten Logik und erst mal innezuhalten und zu \u00fcberlegen, was von dem will ich behalten und was will ich nicht behalten danach.\u201c<\/span> Das ist ein ganz starker Text.<\/p>\n<p><em>(siehe: <a href=\"https:\/\/www.theredhandfiles.com\/corona-fill-the-time\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.theredhandfiles.com\/corona-fill-the-time\/<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ich finde das auch. Da hat er so was von Recht. Aber es ist wahnsinnig schwer, das zu tun. Ich stelle das auch bei mir fest. Ich dachte das auch. Das war zwei, drei Tage auch so. Und jetzt stelle ich irgendwie fest, \u00fcberall, die Verlage, die Unis, die Web-Seiten, die Medien, fangen an zu sagen: Ah, wie k\u00f6nnen wir denn jetzt digitale Angebote schaffen, digitale Konferenzen halten. Als h\u00e4tten wir nichts Besseres zu tun, als so schnell wie m\u00f6glich die Hamsterr\u00e4der wieder aufzubauen und digital laufen zu lassen. Und ich stimme Nick Cave total zu. Wir sollten es kollektiv nutzen und mal einen Moment innehalten. Das kann wirklich dieser Gesellschaft und uns auch als Individuen nicht schaden.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Ja, in diesem Sinne, glaube ich, sollten wir eher aus dem Gespr\u00e4ch aussteigen, weil wir sonst das Gleiche machen.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, das ist irgendwie so. Aber wenn ich noch einen Gedanken hinzuf\u00fcgen darf. Es ist einfach nicht richtig, dass es am Ende nur die \u00f6konomischen Zw\u00e4nge sind, die uns ins Hamsterrad treiben. Die sind es nat\u00fcrlich zum Teil auch, aber man stellt wirklich fest, dass irgendwie auch in uns selbst eine Tendenz da ist und die ist eine Art von kultureller und sozialer Logik, die nicht einfach auf das \u00d6konomische reduziert werden kann. Dass jetzt jeder denkt, wir m\u00fcssen jetzt was anbieten, wir m\u00fcssen irgendwie pr\u00e4sent sein und was tun: Das ist nicht einfach durch einen \u00f6konomischen Zwang zu erkl\u00e4ren. Das ist auch in uns.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja, ich glaube, die Bemerkung ist noch sehr wichtig. Wir haben diese Logik der Steigerung, der Intensivierung, oder \u00fcberhaupt der Intensit\u00e4t sehr stark verinnerlicht, sehr stark internalisiert. Das ist nicht nur ein \u00f6konomischer Zwang. Das ist, glaube ich, entscheidend, das ist ein psychologisches Moment.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> So ist das. Und dann fliehen wir.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht. Deswegen will ich jetzt tats\u00e4chlich sozusagen aus dem zweiten Teil dieses imagin\u00e4ren Osterspaziergangs aussteigen. Weil ich damit genau das Gleiche gemacht habe, auch mit dir als Gespr\u00e4chspartner, was wir jetzt gerade raus gearbeitet und beschrieben haben.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ich finde das auch irgendwie. Ich habe mich auch ertappt gef\u00fchlt, muss ich gestehen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Und ich bin jetzt einfach Kulturmensch und Theatermensch, wie du wei\u00dft. Ich habe noch einen Text, mit dem ich dich quasi am Schluss noch mal nerven muss. Das ist asynchron, weil ich die Texte vorlese und du sie ja gar nicht vor dir siehst, sondern nur h\u00f6ren kannst. Aber ich habe noch einen gefunden, der mich sehr beeindruckt hat, vor ein paar Tagen. Auch das ist vielleicht das Zwischenstadium des Aussteigens, dass man so alte Texte hochkommen sieht. Hier ist ein Fragment von Heiner M\u00fcller, ein Szenenfragment, das mal gedacht war f\u00fcr den Abschluss von Germania 3, einem seiner letzten St\u00fccke.<\/p>\n<p>Das Fragment tr\u00e4gt den Titel: KRIEG DER VIREN. Und das geht so <em>(rezitiert Heiner M\u00fcller)<\/em>:<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">(Leeres Theater. Autor und Regisseur, betrunken.)<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">AUTOR Ich habe ein Gedicht geschrieben.<\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">REGISSEUR (h\u00e4lt sich die Ohren zu) Sags auf. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">AUTOR T\u00f6dlich der Menschheit ihre zu rasche Vermehrung <\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Jede Geburt ein Tod zu wenig Mord ein Geschenk <\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Jeder Taifun \/ Erdbeben eine Hoffnung \/ Hoffnung der Welt Lob den Vulkanen <\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Nicht Jesus Herodes kannte die Wege der Welt <\/span><br><span style=\"color: #3366ff\">Die Massaker sind Investitionen in die Zukunft <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Gott ist kein Mann keine Frau ist ein Virus <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">Du h\u00f6rst mir nicht zu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff\">REGISSEUR Stimmt. Warum sollte ich. Wir sind im Theater.<\/span><\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Das ist in vielerlei Hinsicht wirklich aufschlussreich. Es wirft die Frage nach der Rolle des Theaters auf, aber es beantwortet sie irgendwie auch. Dass n\u00e4mlich das Theater ein Raum ist, in dem man Perspektiven einfach mal radikal wechseln und ver\u00e4ndern und sich fragen kann, wie sieht es denn aus einer ganz anderen Perspektive aus. Zum Beispiel, wenn man so was, so schwer das ist, irgendwie, in dem Fall w\u00fcrde ich sagen, so was wie ein kosmische Perspektive einnimmt: Ist es f\u00fcr die Natur eigentlich schlimm, wenn Menschen reduziert werden oder verschwinden? Das ist eine schon immer interessant gewesene Frage, \u00fcber die wir vielleicht sogar auch noch mal nachdenken k\u00f6nnten. Das Zusammenspiel von Mensch und Natur und sogar von Mensch und Virus ist, glaube ich, viel komplexer, als wir uns das auf den ersten Blick denken.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja, also wir sind ja in der Theater-Diskussion an einem Punkt, wo man viel vom Theater des Anthropoz\u00e4ns spricht und tats\u00e4chlich die Natur schon in den klassischen Theatertexten in der Antike als gro\u00dfes Gegengewicht zur Gesellschaft beschreibt. Tats\u00e4chlich ist dieses Fragment aber interessant in Bezug auf die Rolle von Kunst generell. Wo M\u00fcller, der Regisseur nat\u00fcrlich, sagt, ich h\u00f6re dir nicht zu, warum sollte ich, wir sind im Theater. Einerseits ist es nat\u00fcrlich die maximalste Irrelevanz, vor der Kulturschaffende heute immer mehr Angst haben, weil sie damit komplett au\u00dferhalb von Welt stattfinden, also keine Nachhaltigkeit mehr haben. Andererseits ist es dieses Unverf\u00fcgbarsein, das sie brauchen. Vielleicht sind die zwei, um die es da geht, so alleine auf der B\u00fchne, und das ist das Beste, was ihnen passieren kann, es ist eben keiner dabei, der das sofort bewertet und verwertet. Sondern die sind einfach nur zu zweit. Und das ist einfach vielleicht st\u00e4rker.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> In der Soziologie wird auch viel \u00fcber die Figur des Dritten nachgedacht oder auch \u00fcber die Notwendigkeit, dass es da noch einen gibt, der sozusagen dann beide, also den H\u00f6renden und den Nicht-H\u00f6renden sieht oder h\u00f6rt und dazu dann auch Stellung nimmt. Das ist schon auch ein interessanter Fall. Aber ich glaube, bei der Frage \u201eWerden wir geh\u00f6rt?\u201c oder \u201eWer will das Theater eigentlich noch h\u00f6ren?\u201c, denke ich \u00f6fters dar\u00fcber nach, habe sogar \u00fcberlegt, ob ich noch mal einen Text schreibe. Ich glaube halt, man muss auch \u2026 eigentlich muss man was zu sagen haben und \u00fcberzeugt sein davon, dass es sich lohnt, das zu h\u00f6ren, damit andere interessiert sind und auch zuh\u00f6ren wollen. Ich kann nur erwarten, dass jemand zuh\u00f6rt, wenn ich \u00fcberzeugt bin, dass ich etwas zu sagen habe. Ich glaube, dass in der Kunst oder auch in der Wissenschaft das Problem sein kann, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen verlernt haben oder nicht bereit sind, sich als ganze Person h\u00f6rbar und sehbar zu machen und einzubringen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das ist eine Frage von Haltung und Stellung-Beziehen, also auch in einem sehr paradoxen Sinne. Also ich muss quasi erst mal sagen, es ist mir ganz egal, was die anderen dazu sagen oder ob ich damit Erfolg habe oder nicht, oder was bewirke oder nicht. Und nur, wenn es mir egal ist, werde ich etwas bewirken k\u00f6nnen. Das ist paradox. Dieses Sich-von-der-Welt-Abwenden, um dann danach wieder etwas wirksam hinterlassen zu k\u00f6nnen, ist eine Bewegung, die ich im Theater f\u00fcr mich selber nicht hinbekommen habe, warum ich sozusagen letztlich dann in die Verwaltung bzw. Politik gegangen bin. Aber ich glaube, da gibt es eine strukturelle Analogie zur Wissenschaft, die ganz \u00e4hnlich ist. Man kann sich nat\u00fcrlich verdingen in Drittmittel-relevanten Denkweisen und so weiter. Oder man kann sich zur\u00fcckziehen. Es ist eine Kunst, diese Balance hinzubekommen. Und es ist besonders da eine Kunst, wo man eben keine empirischen Grundlagen hat, wie in den Naturwissenschaften.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Naja, wenn man einfach Daten erhebt, dann kann man sozusagen nat\u00fcrlich die Daten f\u00fcr sich sprechen lassen. Da kann man sagen, ich als Forscher spiele gar keine Rolle, hier ist mein Befund. Das ist eine andere Art von Wissenschaft als die, die wir in den Kulturwissenschaften oder auch in der Sozialtheorie und -philosophie betreiben, in denen es keine unabh\u00e4ngigen Daten gibt, sondern nur Deutungen. Was ich glaube, was wir tun k\u00f6nnen, ist, einen Vorschlag zu machen, wie wir unsere Welt und unsere Lage deuten k\u00f6nnen. Und da verschwimmt dann sozusagen auch tats\u00e4chlich der Horizont zwischen dem, was wir als Wissenschaftler*innen und dem, was wir als Privatpersonen sagen. Und letzten Endes auch die Grenze zwischen Wissenschaftler, K\u00fcnstler und Publikum. Weil wir sozusagen alle an einer ad\u00e4quaten Deutung, jetzt gerade der Corona-Krise, arbeiten.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Genau. Aber, und das ist dann der Punkt, an dem wir die Kurve f\u00fcr den Kreis des Gespr\u00e4chs noch mal kriegen. Es kommt nat\u00fcrlich darauf an, dass man sich zur\u00fcckzieht. Diese Balance ist vielleicht ein bisschen fl\u00f6ten gegangen. Das hei\u00dft, dass uns eigentlich dieser Unterbau fehlt. Ich habe mal einen Spitzenpolitiker gefragt, ob er eigentlich als Politiker, wenn er Entscheidungen trifft, noch wirklich zum Nachdenken kommt. Und er sagte: \u201eIch zehre eigentlich nur von all dem, was ich gedacht, diskutiert, besprochen, habe, bevor ich in diese Position gekommen bin. Seitdem ich da bin, bin ich eigentlich nur noch am Reagieren. Es gibt keinen Moment mehr, in dem ich sozusagen noch so was ausbaue wie eine Gedankenressource. Ich kann nur von dem Vorrat leben, den ich mir davor angeh\u00e4uft habe.\u201c<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Das hat mein Doktorvater genau, fast identisch, zu mir gesagt. Herfried M\u00fcnkler hat, als ich promoviert habe, gesagt: \u201eLies und denk so viel wie du kannst, weil du sp\u00e4ter ein ganzes Wissenschaftsleben davon bestreiten und davon zehren musst.\u201c Und eigentlich ist das eine Katastrophe, dass wir es soweit haben kommen lassen.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Genau. Und das ist vielleicht auch so ein Punkt, ein tieferer Punkt, den wir jetzt ber\u00fchren, der dieses Fass, das da jetzt durch Corona aufgemacht wird, oder die B\u00fcchse der Pandora, so tief und so gro\u00df werden l\u00e4sst. Also an dem ich sage: Da kommt jetzt viel hoch, was irgendwie kollektiv verdr\u00e4ngt ist.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, denke ich auch.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das kann man durchdeklinieren auf viele Ebenen, und in vielen Biografien, vielen Formen der Arbeit und des Lebens.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ach, das ist schon wieder so ein bisschen so ein trauriger Punkt. Ich sage trotzdem noch mal, dass ich ganz entscheidend finde, dass du einen heftigen Einwand gebracht hast im ersten Teil des Gespr\u00e4chs, als ich zu so einer kulturpessimistischen Tirade angehoben habe und du sagtest: Geschichte ist etwas, was wir machen, in diesem Moment. Und wenn dieser Moment jetzt ein Moment des Einfrierens ist, dann ist das ein offener Moment. Und darauf kommt es an, du gebrauchst ja auch den Begriff des Experiments, dass wir die Sache als Chance verstehen!<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ich finde das auch sozusagen die richtige Schlussnote. Es gilt allgemein, dass Menschen immer Geschichte machen. Aber in aller Regel haben sie da ganz wenige Spielr\u00e4ume, weil Gesellschaften sich pfadabh\u00e4ngig vorw\u00e4rts bewegen. Eine kapitalistische Maschinerie, die l\u00e4uft einfach. Und da richtest du als Individuum ganz wenig aus. Aber wenn das Ding in die Krise ger\u00e4t, wenn die Routinen auf breiter Front irritiert werden, dann haben Akteure ein viel h\u00f6heres Gewicht und eine gr\u00f6\u00dfere Relevanz. Und da werden Handlungsoptionen wirklich offen. Da entsteht Kreativit\u00e4t. Und ich glaube, wir haben so einen Punkt erreicht. Kann man vielleicht Bifurkationspunkt nennen, wenn man in der Theorie der Pfadabh\u00e4ngigkeit redet. Also einer, an dem eine neue Abzweigung entstehen kann, und diese sollten wir jetzt gemeinsam finden, dann wird alles gut.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Ja. Und vorher vielleicht noch einen Moment stehen bleiben, und die Offenheit dieser Stelle zwischen den Pfaden vielleicht auch genie\u00dfen oder zumindest zulassen.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, das stimmt.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Okay. Lieber Hartmut. Vielen, lieben Dank.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Sehr gerne.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Das war ein Osterspaziergang mit vielen Aspekten, wo man fast an jeder, um mal bei dem Bild zu bleiben, Abzweigung, noch viel weiter h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen. Aber das wundert mich bei dem Tempo des Denkens und Sprechens nicht.<\/p>\n<p><strong>HARTMUT ROSA:<\/strong> Ja, aber dein Hinweis auf das Innehalten ist, glaube ich, echt wichtig. Und vielleicht sollten wir jetzt wirklich einfach auch innehalten und \u00fcber die Abzweigungen noch mal nachdenken.<\/p>\n<p><strong>JONAS ZIPF:<\/strong> Punkt.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <span style=\"color: #333399\">Siehe <strong>Wikipedia: <\/strong>Hannah Arendt f\u00fchrte 1958 den Begriff \u201eNatalit\u00e4t\u201c in ihre Theorie des Handelns ein. In ihrem philosophischen Hauptwerk <em><u>Vita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben<\/u><\/em> (engl. <em>The Human Condition<\/em>) fragte sie nach den Bedingungen menschlicher Existenz. Sie nannte diesbez\u00fcglich \u201e<em>das Leben selbst und die Erde, Natalit\u00e4t und Mortalit\u00e4t, Weltlichkeit und Pluralit\u00e4t<\/em>\u201c. Natalit\u00e4t als Grundbedingung der menschlichen Existenz zu verstehen, basierte auf ihrer Beobachtung, dass \u201e<em>dem Neuank\u00f6mmling die F\u00e4higkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d. h. zu handeln<\/em>\u201c. Ihr Ansatz fand Eingang in bioethische Debatten.<\/span><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osterspaziergang mit Hartmut Rosa und Jonas Zipf Verehrte Leser*innen unseres Blogs, gestern haben wir Sie auf Goethes poetischen, uns allen wohl bekannten, immer&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":358,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[473,546,500,498],"class_list":["post-1989","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-corona","tag-corona-gespraeche","tag-hartmut-rosa","tag-osterspaziergang"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1989","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1989"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1989\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2537,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1989\/revisions\/2537"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}