{"id":16606,"date":"2025-05-23T07:24:00","date_gmt":"2025-05-23T05:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=16606"},"modified":"2025-05-20T16:16:03","modified_gmt":"2025-05-20T14:16:03","slug":"interview-mit-der-aktuellen-clara-und-eduard-rosenthal-stipendiatin-andra-schwarz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2025\/05\/23\/interview-mit-der-aktuellen-clara-und-eduard-rosenthal-stipendiatin-andra-schwarz\/","title":{"rendered":"Interview mit der aktuellen Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin Andra Schwarz"},"content":{"rendered":"\n<p>Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle erstmals die damals amtierende <a href=\"https:\/\/www.villa-rosenthal-jena.de\/de\/stipendien\/683609\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin<\/a> der Stadt Jena im Bereich <a href=\"https:\/\/www.villa-rosenthal-jena.de\/de\/stipendien\/literatur_und_stadtschreibung\/683611\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Literatur &amp; Stadtschreibung<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2024\/05\/10\/interview-mit-volha-hapeyeva\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Volha Hapeyeva<\/a> \u2013 vorgestellt. In diesem Jahr m\u00f6chten wir das Gespr\u00e4ch mit der diesj\u00e4hrigen Stipendiatin Andra Schwarz fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/andraschwarz.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andra Schwarz<\/a> studierte nach einer Instrumentalausbildung in klassischer Gitarre am Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar Kunstgeschichte, Germanistische Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle und sp\u00e4ter Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie gewann 2015 den Lyrikpreis beim open mike und 2017 den <a href=\"https:\/\/www.literarischer-maerz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leonce-und-Lena Preis<\/a>. Ihre dichterische Arbeit bewegt sich zwischen verschiedenen Polen: zum einen nehmen die Gedichte Erscheinungen der Gegenwart in den Blick und wagen sich an sensible Punkte Europas; zum anderen verhandeln sie Themen wie Versehrtheit und Intimit\u00e4t. Die Lyrikerin erhielt im Vergabeprozess nach der \u00f6ffentlichen Ausschreibung 2024 das einj\u00e4hrige Aufenthaltsstipendium f\u00fcr ihren n\u00e4chsten Gedichtband, der marginalisierte Frauen ins Zentrum r\u00fcckt und sich mit Darstellungen von Weiblichkeit auseinandersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Liebe Andra, wie w\u00fcrdest Du es in deinen Worten umschreiben, mit welchem Arbeitsvorhaben hast Du Dich in Jena beworben und woran arbeitest Du gerade?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Zeit hier in der <a href=\"https:\/\/www.villa-rosenthal-jena.de\/de\/startseite\/682774\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Villa Rosenthal Jena<\/a> arbeite ich vorwiegend an neuen Gedichten f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Gedichtband, der sich mit dem <em>Verschwinden der Frau<\/em> auseinandersetzt und in einen interdisziplin\u00e4ren Dialog mit Werken aus verschiedenen Bereichen der bildenden Kunst tritt. Momentan suche ich nach einem neuen poetischen Ansatz, um eine geeignete Sprache f\u00fcr das Vorhaben zu finden und probiere diverse M\u00f6glichkeiten aus. Dabei recherchiere ich Material, besuche Ausstellungen, lese viel quer, arbeite am Konzept und begebe mich auf Spurensuche durch das Labyrinth des poetischen Prozesses. Das ist zwischenhin recht m\u00fchsam und raubt manches Mal Energie f\u00fcr andere Aufgaben. Daher bin ich \u00fcberaus froh, dieser Suchbewegung hier freien Lauf lassen zu d\u00fcrfen und mich vollumf\u00e4nglich darauf zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist nicht nur Lyrikerin, sondern auch Dozentin, Projektleiterin und Lektorin und setzt Dich in diesem Kontext f\u00fcr eine transdisziplin\u00e4re Literaturvermittlung ein. Was genau k\u00f6nnen wir uns darunter vorstellen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Transdisziplin\u00e4re Literaturvermittlung stellt insbesondere die Arbeit an der Schnittstelle zu anderen K\u00fcnsten und Medien in den Fokus, um auf diese Weise \u00fcber mehr Variet\u00e4t und Gestaltungsspielraum in der p\u00e4dagogischen Praxis zu verf\u00fcgen und so die Bandbreite literarischer Spielarten zu zeigen. Durch meine vielseitige k\u00fcnstlerische Ausbildung im Bereich der Musik, bildenden Kunst und Literatur, meine Affinit\u00e4t zu Theater und anderen darstellenden und performativen Formaten, zeige ich gern in Seminaren und Workshops das Spektrum der literarischen Auseinandersetzung auf, die sich \u2013 je nach Zielgruppe und Institution \u2013 sehr unterschiedlich gestalten. Entstanden sind dadurch Schreibworkshops im musealen Kontext, Audiowalks mit Kunstgeschichten zu Skulpturen im st\u00e4dtischen Raum, ein \u201eWerkzeugkoffer\u201c f\u00fcr Kreativit\u00e4tsp\u00e4dagog:innen, oder transdisziplin\u00e4re Literaturformate, entwickelt von Studierenden an der Universit\u00e4t Leipzig. Ich pers\u00f6nlich kann mich f\u00fcr viele Veranstaltungsformate begeistern und bin grunds\u00e4tzlich offen, neue M\u00f6glichkeiten und Ans\u00e4tze der Literaturvermittlung auszuprobieren. Gerade in der heutigen Zeit gibt es durch die mediale Diversit\u00e4t sehr viele spannende Ideen und Konzepte, Literatur dem Nachwuchs abseits des traditionellen Buchs nahe zu bringen, was meines Erachtens eine absolute Bereicherung f\u00fcr die Lehre darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr die meisten Autor:innen spielt das Reisen eine gro\u00dfe Rolle. Geh\u00f6ren die Reiset\u00e4tigkeit und damit verbundene Einladungen in verschiedene Regionen der Welt auch f\u00fcr Dich zu einem festen Bestandteil deines Lebens? Und wenn ja, an welche Orte haben Dich diese Reisen in den letzten Jahren gef\u00fchrt? Welche Projekte lagen\/liegen Dir hier besonders am Herzen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr froh, dass mich meine literarische T\u00e4tigkeit immer wieder an inspirierende Orte bringt, was in den letzten Jahren zu eindr\u00fccklichen Begegnungen gef\u00fchrt hat. Vor allem die Einladung zum <a href=\"https:\/\/www.meridiancz.com\/de\/festival\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Internationalen Literaturfestival nach Czernowitz<\/a> in die Westukraine im ersten Jahr der Invasion Russlands in die Ukraine (2022), war eine besondere Erfahrung, nicht nur durch die \u00e4u\u00dfere Bedrohungslage, sondern vor allem, weil mich langj\u00e4hrige Freundschaften immer wieder in die Ukraine f\u00fchren und ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Land sp\u00fcre.<\/p>\n<p>Auch Projekte wie die Textentwicklung eines <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8iwFkZK5UfY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">binationalen Musiktheaterst\u00fccks<\/a> in Kooperation mit Burundi (2023) oder die Leitung einer Schreibwerkstatt am Issyk-Kul mit Deutsch-Studierenden im Rahmen des DAAD in Kirgistan (2023), sowie die Einladung zu einer \u00dcbersetzer:innenwerkstatt nach Sigulda in Lettland (2023) waren sehr bereichernd.<\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr mich ein unsch\u00e4tzbares Privileg, durch die Literatur mit anderen Menschen, Literat:innen, Autor:innen oder \u00dcbersetzer:innen aus verschiedenen L\u00e4ndern in Austausch zu treten, ihre Perspektive auf Welt, Kultur und Literatur kennenzulernen, Dichtung als viel\u00e4ugiges Wesen zu begreifen und dabei auch ihre au\u00dferordentliche Bedeutung in Krisen- und Kriegszeiten zu erkennen, so wie beispielsweise in der Ukraine, wo die traumatischen Ereignisse Eingang in die Literatur finden. Literatur bietet so gesehen die M\u00f6glichkeit zur Tiefenwahrnehmung und Sensibilisierung f\u00fcr die Ereignisse und Schrecken der Gegenwart, mit denen wir heute wieder in einem unerwarteten Ausma\u00df konfrontiert werden. Dies wird vor allem durch die unerm\u00fcdliche Arbeit von \u00dcbersetzer:innen m\u00f6glich, die uns mit ihrem genauen Blick einen Hauch von dem sp\u00fcren lassen, was Poesie hin\u00fcbertr\u00e4gt in unsere Sprache \u2013 ein Windhauch \u00fcber Grenzen hinweg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" data-id=\"16612\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-2taras-schewtschenko-zentralplatz-chernivtsiandraschwarz-privat-2taras-schewtschenko-zentralplatz-chernivtsiandraschwarz-privat-e1747653598590-1000x525.jpg\" alt=\"Ein Platz mit einer Statue und park\u00e4hnlichen Beeten, gelegen an einem Geb\u00e4ude mit ukrainischen Farben.\" class=\"wp-image-16612\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Taras Schewtschenko-Zentralplatz, Chernivtsi | \u00a9Andra Schwarz, privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" data-id=\"16613\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-3bujumbura-burundiandraschwarz-privat-3bujumbura-burundiandraschwarz-privat-e1747653691238-1000x525.jpg\" alt=\"3 Menschen bewegen sich auf einem Weg, der durch Plantagen in Burundi durchf\u00fchrt.\" class=\"wp-image-16613\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bujumbura, Burundi | \u00a9Andra Schwarz, privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" data-id=\"16614\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-4yssykkol-kirgistanandraschwarz-privat-4yssykkol-kirgistanandraschwarz-privat-e1747653732414-1000x525.jpg\" alt=\"Eine mar\u00e4hnliche Landschaft mit r\u00f6tlichen H\u00fcgeln in Kirgistan.\" class=\"wp-image-16614\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Yssykko\u0308l_Kirgistan | \u00a9Andra Schwarz, privat<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p><em>Du hast im <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/podcast\/trifft\/andra-schwarz-audio-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-wplink-edit=\"true\">Podcast von MDR Kultur <\/a><\/em><em>gesagt, dass Dir das Reflektieren, das \u201enicht immer Bespielen lassen\u201c und \u201ein sich h\u00f6ren\u201c sehr wichtig sind. Wie pflegst Du diesen grundlegenden Gedanken der inneren Ruhe in deinem Alltag? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Idealerweise versuche ich mir den Tagesanfang m\u00f6glichst freizuhalten, um besser in Kontakt mit mir zu sein und meine Wahrnehmung f\u00fcr ein m\u00f6gliches Gedicht offen zu halten. Das bedeutet auch, die vielen Ablenkungsm\u00f6glichkeiten, mit denen wir heute durch die digitalen Medien konfrontiert sind, auszuschalten und den ersten Teil des Tages im \u201eFlugmodus\u201c zu verbringen. Genau genommen ist das fast eine Metapher f\u00fcr den poetischen Prozess: hoch oben \u00fcber den Wolken zu schweben, um aus der Entfernung auf sich selbst oder die Umgebung herabzuschauen. Das Schreiben ger\u00e4t dabei manchmal ins Stocken oder in einen Strudel, was zu ungeahnten Turbulenzen f\u00fchren kann, bei denen man durch schwere, dichte Wolken oder ein Gewitter hindurch muss bis man auf einmal Klarheit \u00fcber die Landschaft gewinnt, in der man sich bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du hast im Interview auch davon gesprochen, dass Dich Gedanken, Ideen, Worte, Menschen, insbesondere auch Musik ber\u00fchren. Um das Momentum des Ber\u00fchrens aufzugreifen: was, ggf. auch wer, hat Dich in den vergangenen Monaten sehr ber\u00fchrt? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr mein Schreiben ist h\u00e4ufig ein Vers, also ein Gedanke in gebundener Sprache. Dieser Vers ist wie ein elementares Versprechen, das mit seiner Aura auf das entstehende Gedicht ausstrahlt. Ein <em>auratischer Moment<\/em> also, der aus einer inneren Ber\u00fchrung mit einem Gegenstand hervorgeht und in Sprache \u00fcbersetzt wird. Auch in der Lekt\u00fcre von Gedichten gibt es diesen <em>auratischen Moment<\/em> \u2013 also die Strahlkraft eines Verses oder eines Wortes, der auf einmal wie ein Funke auf mich als Leserin \u00fcberspringt, selbst wenn sich mir die Bedeutung eines Verses nicht gleich erschlie\u00dft, sondern manchmal nur als Ahnung aufscheint.<\/p>\n<p>Wenn man beschreiben m\u00fcsste, was das Wesen eines Gedichts ausmacht, ger\u00e4t man sehr schnell ins Straucheln, so verletzlich scheint die Natur von Gedichten, wenn wir sie fassen wollten. So gesehen kann ein Sprechen \u00fcber Gedichte nur scheitern, da sie sich in dem Moment, wo wir glauben, sie zu fassen zu bekommen, gleich wieder entziehen. Das macht f\u00fcr mich den Zauber von Poesie aus und diesen Zauber erlebte ich zuletzt bei <em>Nach Eden<\/em> (Suhrkamp, 2024) von Daniela Seel, bei <em>Mental Voodoo <\/em>(Engeler, 2023) von Logan February, bei <em>Aire <\/em>(kookbooks, 2021) von Birgit Kreipe und immer wieder bei den Gedichten des polnischen Dichters Eugeniusz Tkaczyszyn Dycki.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anfang 2023 erschien dein zweiter Gedichtband <\/em><a href=\"https:\/\/poetenladen-der-verlag.de\/tulpa.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Tulpa<\/em><\/a><em> (poetenladen)<\/em><em>. Was bedeutet der Begriff \u201eTulpa\u201c? Und mit welchen Themen besch\u00e4ftigten sich deine Gedichte in diesem Band? <\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"451\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-tulpa-gesamt-tulpa-gesamt-1000x451.jpg\" alt=\"Einband des Gedichtsbandes Tulpa von Andra Schwarz mit Klappentext und ISBN-Nummer in blau und gr\u00fcn gehalten\" class=\"wp-image-16616\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung Gedichtband \u201eTulpa\u201c gesamt | Quelle: Andreas Heidtmann <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Band besch\u00e4ftigt sich mit dem Ph\u00e4nomen des Unheimlichen, das als \u00e4sthetischer Ausgangspunkt f\u00fcr die Gedichte dient. Der Begriff der Tulpa aus der tibetischen Mythologie bezieht sich dabei auf ein aus Gedankenkraft geschaffenes Wesen, das in den Gedichten als wandlungsf\u00e4hige Gestalt, Tier, Mischwesen oder Kind erscheint. Das Gedicht dient damit als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr das Alter Ego des lyrischen Ichs und benutzt verschiedene Fallstricke wie die Figur des Doppelg\u00e4ngers, das Motiv des Unbewussten, das Tabu oder das Dilemma. So entstehen Traumgebilde, die mittels assoziativer Verfahren spontane Kippmomente erzeugen, welche den verst\u00f6renden Gestus des Unheimlichen ber\u00fchren. Darin werden verschiedene Aspekte von Weiblichkeit wie Begehren, unerf\u00fcllte Mutterschaft und die Rolle in einer patriarchalischen Gesellschaft thematisiert und mit Verweisen aus der bildenden Kunst, Mythologie und Religion versehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du kommst aus der Lausitz. Gibt es Erz\u00e4hlungen und Einfl\u00fcsse aus deiner Heimat, die Dich und deine Wahrnehmung beeinflusst haben und \/ oder auch immer noch beeinflussen? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wuchs auf einem Vierseitenhof gemeinsam mit meinen sorbischen Gro\u00dfeltern und Eltern in der Oberlausitz auf, der noch der sorbischen Tradition angeh\u00f6rte und der Landwirtschaft verbunden war. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krabat_(Sage)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krabatsage<\/a> um die Schwarze M\u00fchle am Koselbruch in Schwarzkollm und das Dubringer Moor mit dem Versunkenen Schloss sind Gegenden, die mich schon als Kind durch ihren magischen und unheimlichen Charakter fasziniert haben. Die Vorstellung, im Moor zu versinken, begleitete mich bereits in Kindheitstagen auf meinen Erkundungsg\u00e4ngen durch den Wald und l\u00f6st auch heute noch ein Gef\u00fchl der Beklommenheit in mir aus.<\/p>\n<p>Die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr derartige Schauergeschichten hat sehr wahrscheinlich auch meine literarische Entwicklung beeinflusst, aber vor allem die Landschaft, welche durch den Braunkohleabbau stark in ihrem Erscheinungsbild ver\u00e4ndert wurde. Es ist ein Gl\u00fccksfall, dass mein Herkunftsort nicht verschwunden ist und ich noch heute in den Kiefernw\u00e4ldern an den Teichen spazieren kann. Das Verschwinden ist dabei ein zentrales Thema in meinen Gedichten, bedingt durch den Zusammenbruch der DDR und das nachfolgende Vakuum Anfang der 90er, welche die Region stark ver\u00e4ndert hat. Zeitgleich verschwanden die sorbische Kultur aus den D\u00f6rfern meiner Herkunftsgegend und die sorbische Sprache aus den M\u00fcndern ihrer Bewohner:innen.<\/p>\n<p>Die Nachfolgeerscheinungen der Wende haben einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und sind noch heute in der Lausitz sichtbar, was auch in den Gedichten aus meinem ersten Band <a href=\"https:\/\/poetenladen-der-verlag.de\/am-morgen-sind-wir-aus-glas.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Am morgen sind wir aus glas<\/em><\/a> (Poetenladen 2017) zur Sprache kommt. Meine eigene Familien- und Herkunftsgeschichte zeichnet auf mikroskopische Weise die Spuren des gesellschaftlichen Umbruchs nach und zeigt mir, wie umfassend die Menschen infolge der Entwicklung gravierende Br\u00fcche durchlebten, die ihre ganze Biografie schlagartig ver\u00e4nderte. Dieser Umstand hat mich \u00e4u\u00dferst sensibel f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungsprozesse gemacht und offenbart die Verwundbarkeit des Einzelnen, was mit Blick auf die poetische Praxis genau genommen die Quelle \u2013 also die Achillesferse \u2013 f\u00fcr das Schreiben ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-5dubringermoorandraschwarz-privat-5dubringermoorandraschwarz-privat-e1747653481664-1000x525.jpg\" alt=\"Aufnahme von dem Dubringer Moor, mit Gr\u00e4sern bewachsen und im Hintergrund ein paar Kiefern und Birken.\" class=\"wp-image-16609\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dubringer Moor | \u00a9Andra Schwarz privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Du hast selbst einmal gesagt, dass es absurd anmutet, sich in unserer heutigen Zeit mit Poesie zu befassen, da unsere Realit\u00e4t so wenig poetisch ist. Warum sollten sich die Menschen aus deiner Sicht mit Poesie besch\u00e4ftigen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Poesie erm\u00f6glicht einen Assoziationsraum, in dem wir frei flotieren und kreisen d\u00fcrfen, dabei auf \u00dcberraschungen und ungeahnte Verbindungen sto\u00dfen, die uns auf unbekannte Wege f\u00fchren, immer mit dem Potenzial sich zu verirren. Sie kann uns ber\u00fchren, l\u00e4sst uns in Schwingung geraten und bringt uns in Kontakt mit uns selbst.<\/p>\n<p>Poesie gibt die M\u00f6glichkeit, sich und die Welt neu zu denken, Ideen zu formulieren, viel\u00e4ugig durchs Dickicht der Sprache zu tasten, um nach Anschl\u00fcssen zu suchen und nach Verst\u00e4ndigung auf dem Feld der Ungereimtheiten, um pl\u00f6tzlich wieder inmitten der Realit\u00e4t anzulanden.<\/p>\n<p>Poesie bedeutet f\u00fcr mich, abstrakt oder ganz konkret im Fluss der Sprache zu baden, mich ritualisiert zu waschen, um den K\u00f6rper und den Geist vom Alltag zu reinigen, und vom Gewicht der Au\u00dfendinge zu befreien \u2013 Poesie als rituelle Handlung also, als Reinigung und kulturelles Gut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"525\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/05\/jenakultur-6tdot-vr-andraschwarzi.loewer--6tdot-vr-andraschwarzi.loewer--e1747653520121-1000x525.jpg\" alt=\"Die blonde Lyrikerin Andra Schwarz sitzt an einem Pult mit Mirkorfon und liest aus einem Werk, das Publikum lauscht. Im Hintergrund eine gro\u00dfe Fensterfront der Villa Rosenthal Jena von um 1900.\" class=\"wp-image-16610\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Andra Schwarz stellt sich dem Jenaer Publikum im Rahmen einer musikalischen Lesung (Tobias Klich an der Gitarre) am Tag der offenen T\u00fcr am 17. Mai 2025 in der Villa Rosenthal anl\u00e4sslich des 20-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums von JenaKultur | \u00a9JenaKultur, I. L\u00f6wer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Alle Interessierten k\u00f6nnen Andra Schwarz im Rahmen der kommenden <a href=\"https:\/\/poetryfilmtage.de\/programm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Poetryfilmtage in Weimar<\/a><\/em><em> und \/ oder w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/www.lesezeichen-ev.de\/veranstaltungen\/1216\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Th\u00fcringer Literaturtage auf Burg Ranis <\/a><\/em><em>live erleben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Liebe Andra, herzlichen Dank f\u00fcr deine Worte.<\/em><\/p>\n<p><em>Und vielen Dank auch Ivette L\u00f6wer, Produktionsleiterin der Villa Rosenthal Jena, die das Interview f\u00fchrte.<br \/><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle erstmals die damals amtierende Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin der Stadt Jena im Bereich Literatur &amp; Stadtschreibung \u2013 Volha&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":16611,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,706,16,26],"tags":[34,6,82,348,248,164],"class_list":["post-16606","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kultur-in-jena","category-kulturfoerderung","category-villa-rosenthal","tag-jena","tag-jenakultur","tag-kultur","tag-kultur-in-jena","tag-stipendium","tag-villa-rosenthal"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16606"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16622,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16606\/revisions\/16622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16611"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}