{"id":16194,"date":"2025-04-15T12:00:00","date_gmt":"2025-04-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=16194"},"modified":"2025-04-15T11:24:52","modified_gmt":"2025-04-15T09:24:52","slug":"arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2025\/04\/15\/arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena\/","title":{"rendered":"Arbeitspflicht f\u00fcr Erwerbslose in Jena anno 1932"},"content":{"rendered":"\n<p><em><span style=\"color: #000000\"><i>In diesen Tagen, in denen auf verschiedene Art und Weise mahnend an die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und deren Opfer erinnert wird, befasst sich folgender Beitrag mit der Zwischenkriegszeit<\/i><i>.<\/i> <\/span>Ein besonderes Kapitel, das der sogenannten Pflichtarbeiter, beleuchtet im Folgenden Stadthistorikerin Dr. Jenny Price. Wir danken f\u00fcr diesen interessanten Beitrag, den sie mit Unterst\u00fctzung von Evelyn Halm, bei JenaKultur zust\u00e4ndig f\u00fcr Denkmale, Kunst im \u00f6ffentlichen Raum und &#8211; k\u00fcnstlerische &#8211; Sonderprojekte, geschrieben hat .<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote alignfull is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>\u00bbIn schwerer Zeit<\/em> <em>und bitterer Not<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>bei nicht viel Geld<\/em> <em>und wenig Brot&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>wurde diese Strasse<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>und Anlagen von<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Jenaer Pflicht<\/em>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align: center\"><em>Arbeitern ausgebaut <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>im Jahre 1932\u00ab<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>So lautet die Aufschrift auf dem Gedenkstein, der unterhalb des Beutenberg Campus\u2018 an der Buchaer Stra\u00dfe nach Ammerbach steht. Der Stein erinnert an die wirtschaftlich \u00e4u\u00dferst schwierige Zeit nach dem ersten Weltkrieg, insbesondere gepr\u00e4gt durch die Weltwirtschaftskrise, Inflation und gravierende Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Wie kam es zur Steinsetzung, und wer waren die Jenaer Pflichtarbeiter?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"365\" height=\"500\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-365x500.jpg\" alt=\"Jenaer Gedenkstein f\u00fcr die sogenannten Pflichtarbeiter\" class=\"wp-image-16257\" style=\"width:365px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-365x500.jpg 365w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-730x1000.jpg 730w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-768x1052.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-1122x1536.jpg 1122w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012-504x690.jpg 504w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-stadtarchiv-jena-fs-224-012.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Gedenkstein 1976 \u00a9 Stadtarchiv, Foto: Hans Mey 1976<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>&#8222;<\/em>In schwerer Zeit und bitterer Not&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1932 erreichte die Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich mit 5,6 Millionen Erwerbslosen einen H\u00f6hepunkt; in Jena waren 15,3% der Bev\u00f6lkerung ohne Arbeit. Zeitgleich wurden ca. 150.000 Leerst\u00e4nde im Deutschen Reich registriert. Ohne Einkommen konnten sich viele Familien in Jena ihre Mieten nicht mehr leisten, und die Stadt musste Notunterk\u00fcnfte f\u00fcr Obdachlose und Unterst\u00fctzungsempf\u00e4nger:innen einrichten.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Gedenksteins, an der Gr\u00fcnen Aue und in der Burgauer Ringwiese, entstanden in den 1930er Jahren st\u00e4dtische Erwerbslosensiedlungen, auch \u201eVorstadtsiedlungen\u201c genannt. Die Doppelh\u00e4user wurden von arbeitslosen Menschen selbst erbaut und boten eine Chance, Wohnungsbau zu finanzieren sowie Erwerbslose zu besch\u00e4ftigen und \u00fcber das St\u00fcck Land auch eine Eigenversorgung zu erm\u00f6glichen. Neben Pflanzen, Saatgut, Beerenstr\u00e4uchern, Obstb\u00e4umen und D\u00fcnger sollte jeder \u201eSiedler\u201c auch eine Ziege und sieben H\u00fchner erhalten. Innerhalb weniger Zeit bewarben sich \u00fcber 350 Erwerbslose auf die ersten 100 Siedlerstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings ernteten die Siedlungen auch \u00c4rger beim Bund Deutscher Architekten und Bauunternehmen, die daf\u00fcr nicht herangezogen wurden. Auch eine Unterschriftensammlung von Menschen aus Jena und Ammerbach kritisierte die Stadtrandsiedlung als \u201eunverantwortliche Ungeheuerlichkeit\u201c, die nicht in die sch\u00f6ne Landschaft passen w\u00fcrde. Zudem stimmten Mitglieder der KPD in Jena gegen die Pl\u00e4ne f\u00fcr die Erwerbslosensiedlungen, da sie nicht glaubten, dass sie eine wirksame Hilfe bringen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"432\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-karte-hanstedt-ausschnitt-1000x432.jpg\" alt=\"Ausschnitt einer \u00dcbersichtskarte Jena mit Erwerbslosen-Siedlungen an der Gr\u00fcnen Aue und in der Ringwiese 1934 (aus: Hanstedt, Walter: Die Kosten der Erschlie\u00dfung des Gel\u00e4ndes der Jenaer s\u00fcdlichen Vorstadtsiedlung. Inauguraldissertation Bottrop 1935, S. 11). Hierauf ist auch der Steinbruch eingezeichnet, aus dem der Gedenkstein stammt. Hanstedt lie\u00df wenige Jahre sp\u00e4ter im Nationalsozialismus das erste Zwangsarbeitslager in Jena auf dem Forst errichten.\" class=\"wp-image-16203\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-karte-hanstedt-ausschnitt-1000x432.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-karte-hanstedt-ausschnitt-500x216.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-karte-hanstedt-ausschnitt-768x332.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-karte-hanstedt-ausschnitt.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ausschnitt einer \u00dcbersichtskarte Jena mit Erwerbslosen-Siedlungen an der Gr\u00fcnen Aue und in der Ringwiese 1934 (aus: Hanstedt, Walter: Die Kosten der Erschlie\u00dfung des Gel\u00e4ndes der Jenaer s\u00fcdlichen Vorstadtsiedlung. Inauguraldissertation Bottrop 1935, S. 11). Hierauf ist auch der Steinbruch eingezeichnet, aus dem der Gedenkstein stammt. Hanstedt lie\u00df wenige Jahre sp\u00e4ter im Nationalsozialismus das erste Zwangsarbeitslager in Jena auf dem Forst errichten.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3><em>&#8222;<\/em><strong>bei nicht viel Geld und wenig Brot&#8220;<\/strong><\/h3>\n<p>Bereits seit den fr\u00fchen 1920er Jahren wurden langfristig Erwerbslose zu gemeinn\u00fctzigen Arbeiten f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand eingesetzt. So waren sie bei Erdarbeiten in G\u00e4rten, Parks, auf Friedh\u00f6fen, Wege- und Stra\u00dfenbau, auch zu Reinigungsarbeiten auf Stra\u00dfen und in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden besch\u00e4ftigt. Als Gegenleistung zur Erwerbslosenunterst\u00fctzung waren sie zur Ableistung von gemeinn\u00fctzigen und zus\u00e4tzlichen Arbeiten ver<u>pflichtet<\/u>; ein Arbeitsverh\u00e4ltnis entstand dadurch nicht. 1932 leisteten rund 90% der Erwerbslosen Pflichtarbeit. Auch Frauen mussten Pflichtarbeit leisten, obwohl sie in anderen Bereichen wie zum Beispiel N\u00e4hstuben eingesetzt wurden.<\/p>\n<p>Die Pflichtarbeit war auf eine bestimmte Wochenarbeitszeit begrenzt, und als Entsch\u00e4digung konnte vom Tr\u00e4ger aus seinen eigenen Mitteln ein kleiner zus\u00e4tzlicher Betrag, der \u201ePflichtarbeiterzuschuss\u201c, gew\u00e4hrt werden. Allerdings entstanden durch den Arbeitseinsatz oft h\u00f6here Nebenkosten f\u00fcr Kleidung, Essen und Arbeitsger\u00e4te, welche diesen Betrag \u00fcbertrafen. Die gesamte Unterst\u00fctzungszahlung verringerte sich hierdurch, sodass Pflichtarbeiter oft vergleichsweise weniger Geld erhielten als andere Wohlfahrtsempf\u00e4nger:innen.<\/p>\n<p>Zwang bestand nicht, allerdings f\u00fchrte ein Verweigern der unentgeltlich auszuf\u00fchrenden gemeinn\u00fctzigen T\u00e4tigkeiten zur Streichung der staatlichen F\u00fcrsorgeleistungen. Dennoch berichteten Landesarbeits\u00e4mter, dass Arbeitslose h\u00e4ufig auf Zahlungen verzichteten, wenn sie zu den Pflichtarbeiten herangezogen werden sollten. Oft wurden auch schw\u00e4chere und \u00e4ltere Menschen mit Pflichtarbeit besch\u00e4ftigt, da sie f\u00fcr andere Arbeiten nicht in Frage kamen. Die Pflichtarbeit sollte als M\u00f6glichkeit dienen, \u201earbeitswillige\u201c Menschen zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"489\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-gedenkstein-buchaer-strasse-1000x489.jpg\" alt=\"Gedenkstein Buchaer Stra\u00dfe\" class=\"wp-image-16204\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-gedenkstein-buchaer-strasse-1000x489.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-gedenkstein-buchaer-strasse-500x245.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-gedenkstein-buchaer-strasse-768x376.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-gedenkstein-buchaer-strasse.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Der Stein am anderen Ende der Buchaer Stra\u00dfe, vor dem Friedhof in Ammerbach, weist den ehemaligen Fu\u00dfweg nach Jena aus, 2024<\/em> | \u00a9 JenaKultur, J. Price<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3><em><strong>&#8222;<\/strong><\/em><strong>wurde diese Stra\u00dfe und Anlagen von Jenaer Pflichtarbeitern ausgebaut&#8220;<\/strong><\/h3>\n<p>1922 wurde Ammerbach in die Stadt Jena eingemeindet, gleichzeitig wurden Flurst\u00fccke au\u00dferhalb des Ortskerns zusammengelegt und neuaufgeteilt, um diese f\u00fcr die neuen Siedlungen zug\u00e4nglich zu machen. Zum Abschluss der Separation sollte nun 1932 die Stra\u00dfe von Ammerbach nach Jena \u00fcber den Beutenberg ausgebaut werden, die vorher nur als Fu\u00dfweg gedient hatte. Somit konnte man fortan nach Jena oder Ammerbach laufen, ohne direkt an der Hauptverkehrsstra\u00dfe gehen zu m\u00fcssen. Der Bau wurde im Januar begonnen und am 26. September 1932 wurde der Beutenbergweg, heute Buchaer Stra\u00dfe, eingeweiht.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Kalksteinquader aus dem Steinbruch in Ammerbach wurde von den Pflichtarbeitern selbst zur Einweihung der Stra\u00dfe gesetzt. Aus dem Steinbruch kamen auch die Kalksteine f\u00fcr das Packlager; die Steinschicht, auf die zun\u00e4chst Kies und Sand kam und dann zuletzt eine Stra\u00dfendecke aus Pflaster oder Bitumen zur Befahrung. Die Steinbrechung am Steinbruch in Ammerbach \u2013 heute der Aussichtpunkt am L\u00e4mmerberg \u2013 erfolgte auch manuell, per Hand, mit Holzkeilen oder Brechstangen. Von dort aus wurden die Steine nach unten bef\u00f6rdert, wo sie an einem kleinen Felsen zum Halten kamen. Dann wurden sie auf Pferdefuhrwerke geladen und weiter transportiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"529\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-20250403-005822-1000x529.jpg\" alt=\"Vorbereitung f\u00fcr den Transport in Ammerbach und Steinsetzung am Beutenbergweg 1932\" class=\"wp-image-16208\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-20250403-005822-1000x529.jpg 1000w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-20250403-005822-500x264.jpg 500w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-20250403-005822-768x406.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-20250403-005822.jpg 1192w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Vorbereitung f\u00fcr den Transport in Ammerbach und Steinsetzung am Beutenbergweg 1932<\/em> | \u00a9 Sammlung Eberhard Kalus<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcberlieferte Fotos vom Steinmetz Albin Eismann (rechts in Wei\u00df), der die Inschrift per Hand einarbeitete, zeigen den Gedenkstein, als er in Ammerbach vor der alten Schule auf das Pferdefuhrwerk geladen und am heutigen Standort in die Erde gesetzt wurde. Im Hintergrund erkennt man deutlich das Haus, heute Buchaer Stra\u00dfe 2, das noch vorhanden ist.<\/p>\n<p>Im Jenaer Volksblatt wurde am n\u00e4chsten Tag von der Steinsetzung berichtet. Eingeladen worden war der Stadtbauinspektor, der ein paar Worte sprach und den Pflichtarbeitern w\u00fcnschte, dass sie bald alle Arbeit finden. Im Namen der Stadtverwaltung dankte er f\u00fcr die geleistete Arbeit und f\u00fcgte hinzu, dass \u201eihm auf dieser Baustelle die wenigsten Schwierigkeiten von den Pflichtarbeitern bereitet wurden\u201c.<\/p>\n<p>Der Zeitungsartikel erkl\u00e4rt auch, dass eine von einem Pflichtarbeiter ausgestellte Urkunde, in einer Flasche verpackt, unterhalb des Gedenksteins vergraben wurde. Sie hatte folgenden Wortlaut:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eIm Jahre 1932 wurde die Stra\u00dfe von Ammerbach nach Jena \u00fcber den Beutenberg gebaut. Oberb\u00fcrgermeister in Jena war Dr.-Ing. Elsner. Begonnen wurde der Bau am 2. Januar 1932, ausgef\u00fchrt wurde er von Pflichtarbeitern aus den Orten Jena, Jena-Ammerbach, Jena-Burgau, Jena-Winzerla. Die Bauleitung hatte Stadtoberbaurat Dr. L\u00fcers, Dipl.-Ing. Hanstedt, Stadtbauinspektor Zurm\u00f6hle und der Stra\u00dfenbauaufseher Hermann Schulze, Vorarbeiter war Otto H\u00f6lbing. Die Urkunde wurde nach Fertigstellung der Stra\u00dfe am Montag des Ammerbacher Kirchweihfestes am 26. September 1932 unter dem Gedenkstein vergraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend an die Setzung des Denksteins fand eine schlichte Einweihungsfeier von gespendeten Geldern der Ammerbacher und Neuammerbacher Einwohner statt. Die unterschriebenen Pflichtarbeiter haben sich an der Herstellung der Stra\u00dfe beteiligt. Unter Pflichtarbeitern sind zu verstehen, Arbeitslose aller Berufe, welche vom Wohlfahrtsamt f\u00fcr erhaltene Unterst\u00fctzung eine angemessene Stundenzahl abgearbeitet haben. Die Stundenzahl betrug je nach dem Familienstand 6 bis 29 Stunden in der Woche. Unser deutsches Vaterland hatte zu dieser Zeit bei 60 Millionen Einwohnern eine Arbeitslosenzahl von rund 6 000 000. Geld haben wir nicht viel, sonst h\u00e4tten wir auch M\u00fcnzen mit eingelegt. Es folgen die Namen der 62 Pflichtarbeiter\u2026\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an die Einweihung soll im B\u00f6hmschen Gasthof, der damals in der Ammerbacher Stra\u00dfe 108 stand und von einem arbeitslosen Ehepaar Pohle \u00fcbernommen worden war, eine bescheidene Feier stattgefunden haben.<\/p>\n<h3>&#8222;Im Jahre 1932&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Bericht zur Steinsetzung malt ein friedliches Bild des Pflichtarbeitereinsatzes in Jena-Ammerbach. Gewiss entstand durch die Zusammenarbeit eine Gemeinschaft, die Pflichtarbeiter hatten Gesellschaft und eine sinnvolle Besch\u00e4ftigung, die ihrem Tag Struktur bot und f\u00fcr eine gewisse Anerkennung sorgte. Vielleicht verdienten sie sich sogar ein paar Mark extra, zumindest hatten sie somit noch Anspruch auf Unterst\u00fctzungsleistungen und standen nicht ganz ohne da. Doch warum setzten sie sich dann selbst einen Gedenkstein? War es reiner Stolz, oder wollten sie auch auf ihre Situation aufmerksam machen?<\/p>\n<p>Im selben Jahr berichtete das Jenaer Volksblatt mehrfach von Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten Pflichtarbeitern und der Stadt Jena. Auch in den Jahren davor war es h\u00e4ufig zu Streiks der Pflichtarbeitsmannschaften gekommen, die ihre Arbeit auf den st\u00e4dtischen Baustellen niederlegten. 1931 hatten sie Vertrauenspersonen gew\u00e4hlt und einen Erwerbslosen- und Pflichtarbeiterausschuss gebildet, der versuchte, sich im Stadtrat Geh\u00f6r zu verschaffen und bessere Bedingungen durchzusetzen. Unter anderem forderten sie eine Mittagspause, eine Toilette, die Errichtung von W\u00e4rmehallen, volle Bezahlung auch bei Krankheit, die \u00dcbernahme ihrer Mieten, kostenloses Baden in allen st\u00e4dtischen B\u00e4dern, kostenlose Ascheneimer und nicht zuletzt die Beseitigung der Pflichtarbeit.<\/p>\n<p>Im September 1932, nur eine Woche vor der feierlichen Steinsetzung, forderte der Pflichtarbeiterausschuss eine Winterhilfe aus Kohlen und Kartoffeln, f\u00fcr Kinder unter 6 Jahren einen halben Liter Milch pro Tag und f\u00fcr \u00e4ltere Kinder kostenlose Schulspeisung, die \u00dcbernahme von Gas-, Wasser- und Stromkosten, warme Kleidung und Schuhwerk und die Anerkennung ihres Ausschusses. Obwohl der Leiter des Wohlfahrtsamtes versprach, die notwendige Arbeitskleidung f\u00fcr Arbeiten im Freien zu gew\u00e4hrleisten, wurden die anderen Forderungen abgelehnt.<\/p>\n<p>Anfang Dezember 1932 berichtete das Th\u00fcringer Volksblatt, dass die Jenaer Erwerbslosen in einer Massendemonstration vor das Stadthaus gezogen waren und mit dem Ruf \u201eWir haben Hunger, wir fordern Brot, Kartoffeln und Kohlen\u201c das Wohlfahrtsamt besetzten. Schlie\u00dflich lie\u00df der SPD-Dezernent <span style=\"color: #000000\">und Leiter des Wohlfahrtsamtes, Emil H\u00e4drich, die Demonstranten von der Polizei entfernen. Diese Beispiele zeigen, in welcher aufgeheizten Situation die Gedenksteinsetzung stattfand, und auf welch unterschiedlicher Weise arbeitspflichtige Erwerbslose in Jena versuchten, auf ihre Lage aufmerksam zu machen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"750\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-750x1000.jpg\" alt=\"Jenaer Gedenkstein f\u00fcr die sogenannten Pflichtarbeiter\" class=\"wp-image-16249\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-750x1000.jpg 750w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-375x500.jpg 375w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1-518x690.jpg 518w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/04\/jenakultur-arbeitspflicht-fuer-erwerbslose-in-jena-anno-1932-foto-christian-oehler-sept.2024-1.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Gedenkstein f\u00fcr die Pflichtarbeiter vor der Sanierung | \u00a9 C. Oehler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3><strong>93 Jahre sp\u00e4ter\u2026<\/strong><\/h3>\n<p>Der Gedenkstein stand vor allem nach der Wende \u00fcber viele Jahre unbeachtet in der Ammerbacher Flur. Die Schrift verblasste allm\u00e4hlich. \u00dcber Sinn und Bedeutung herrschte bei den meisten Menschen eine vage Vorstellung. Waren Pflichtarbeiter das gleiche wie Zwangsarbeiter? Gab es das nicht erst in der nationalsozialistischen Zeit? Und weshalb wurde ihnen ein Gedenkstein errichtet?<\/p>\n<p>Auf Ansto\u00df durch Mitarbeiter der Unteren Denkmalschutzbeh\u00f6rde Jena begannen Ende 2024 die Recherchen in der Jenaer Stadthistorik. Parallel dazu wurde der Steinmetzbetrieb Marco Kalus aus Ammerbach durch JenaKultur mit einer umfassenden Sanierung des Gedenksteines beauftragt. Die Arbeiten konnten im April 2025 abgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Sanierung wurde auch die Flasche gefunden, die 1932 im Rahmen der feierlichen Steinsetzung unter dem Gedenkstein begraben wurde. Diese beweist, dass der Stein noch am originalen Standort steht. Leider war die gr\u00fcne Weinflasche \u2013 vermutlich schon bei der Steinsetzung \u2013 zerbrochen und die Urkunde mit den Namen der 62 Pflichtarbeitern verrottet. Mit ihr verschwinden somit auch die Identit\u00e4ten dieser Menschen, die in Jena \u00fcber viele Jahre Stra\u00dfen und Wege ausbauten und andere gemeinn\u00fctzige Aufgaben unter prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p>Heute erschwert uns die schwierige Aktenlage, in der Pflichtarbeiter:innen oft nur als Zahlen vorkommen, das Nachvollziehen der einzelnen Schicksale. Dennoch bleibt uns in Jena der Gedenkstein, der fast 100 Jahre sp\u00e4ter weiterhin an ihre Geschichte und ihren Tatendrang erinnert und diese Menschen aus Jena somit vor der Vergessenheit bewahrt.<\/p>\n<p><em>Sollten Sie sich an Menschen erinnern, die 1932 am Bau der Stra\u00dfe nach Ammerbach oder an anderen Pflichtarbeiten in Jena beteiligt waren, melden Sie sich gern bei unserer Stadthistorikerin, Dr. Jenny Price.<\/em><\/p>\n<p><strong>Besten Dank an Katrin F\u00fcgener vom Bauaktenarchiv Jena und Constanze Mann vom Stadtarchiv Jena f\u00fcr die Zuarbeiten sowie an Birgitt Hellmann und Eberhard Kalus f\u00fcr die Hinweise und historischen Fotos.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Literaturhinweise<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Witold Fischer: Arbeitslosigkeit \u2013 125 bis 1935, in: Jena Lexikon zur Stadtgeschichte, Jena (2018), S. 48.<\/p>\n<p>Katrin F\u00fcgener: Genossenschaftliches Bauen und Kleinsiedlungsbau in Jena 1897-1945, in: Bauen und Wohnen in Jena ; 1: Konturen, Konflikte und Kontinuit\u00e4ten 1871-1945, (2011), S. 41-75.<\/p>\n<p>Detlev Humann: Vorl\u00e4ufer und Begleiter der NS-\u201eArbeitsschlacht\u201c. F\u00fcrsorgearbeiten, Pflichtarbeiten und Notwerk in der Arbeitsbeschaffung von Weimarer Republik und Drittem Reich, in: Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft, 58 (2010), S. 685-708.<\/p>\n<p>Hans Schatter: Pflichtarbeit und F\u00fcrsorgearbeit. Voraussetzungen und Rechtsnatur der auf Grund von \u00a7 19 F\u00fcrsorgepflichtverordnung sich ergebenden Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen der Wohlfahrtserwerblosen, Dresden (1931).<\/p>\n<p>R\u00fcdiger Stutz: Das Jenaer Stadtbauamt zwischen Siedlungsboom und Wohnungsnot 1931 bis 1942, in: Bauen und Wohnen in Jena ; 1: Konturen, Konflikte und Kontinuit\u00e4ten 1871-1945, (2011), S. 157-180.<\/p>\n<p>Friedrich Thieme: Gedenkst\u00e4tten um Jena. Ein F\u00fchrer durch die Gedenkst\u00e4tten und Erinnerungszeichen des Schlachtfeldes und der Umgebung von Jena, Jena (1936).<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen, in denen auf verschiedene Art und Weise mahnend an die beiden Weltkriege des 20. 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