{"id":15766,"date":"2025-02-14T07:30:00","date_gmt":"2025-02-14T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=15766"},"modified":"2025-02-17T12:01:35","modified_gmt":"2025-02-17T11:01:35","slug":"stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2025\/02\/14\/stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen\/","title":{"rendered":"&#8222;Stadtgeschiche sollte alle Menschen ansprechen&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mit Stadthistorikerin Dr. Jenny Price im Gespr\u00e4ch<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Liebe Frau Dr. Price, seit 1. Oktober letzten Jahres haben Sie den Staffelstab f\u00fcr die Stadthistorik von Herrn Dr. R\u00fcdiger Stutz \u00fcbernommen. Wie sieht Ihre erste Bestandsaufnahme aus? Was sind die vordringlichen Themen, denen Sie sich widmen m\u00fcssen?<\/em><\/p>\n<p>Meine erste Aufgabe besteht darin, alle Menschen kennenzulernen, die sich in <a href=\"https:\/\/startseite.jena.de\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jena<\/a> in den Museen, Archiven, Vereinen, Arbeitskreisen, Initiativen und Bildungseinrichtungen mit unserer Stadtgeschichte auseinandersetzen. Daraus ergibt sich schon ein buntes Bild von sehr engagierten Gruppen und Einzelpersonen, die sich hauptberuflich, freiberuflich oder ehrenamtlich der Geschichte Jenas vom Mittelalter bis Ende des 20. Jahrhunderts widmen.<\/p>\n<p>Ich habe bei allen eine gro\u00dfe Leidenschaft f\u00fcr verschiedene Aspekte der Stadtgeschichte versp\u00fcrt und konnte in den Gespr\u00e4chen bisher schon viele wichtige Impulse aufnehmen. Ich verstehe die Stadthistorik als Anlaufstelle f\u00fcr alle Fragen rund um die Stadtgeschichte und m\u00f6chte die Vernetzung unter den Einrichtungen und Gruppen unterst\u00fctzen und st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Welche Themenfelder werden Sie weiter beackern, wo werden Sie neue Akzente setzen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00f6\u00dfere Themen, die mich in den n\u00e4chsten Monaten besch\u00e4ftigen werden, sind zum Beispiel Erinnerungskonzepte f\u00fcr die Geschichte des Nationalsozialismus und der DDR. Auch hierzu gibt es schon zahlreiche Aktivit\u00e4ten im st\u00e4dtischen Raum, und hier gilt es mit allen strategisch zusammen zu arbeiten, um die Spezifik in Jena herauszuarbeiten und die Sichtbarkeit der Vermittlungsangebote zu verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem gilt es, die Wahrnehmung der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr das wertvolle Kulturerbe in Jena zu st\u00e4rken. Jena ist eine dynamische Stadt, die nicht mehr den historischen Stadtkern hat, und dennoch l\u00e4sst sich die reiche Geschichte an verschiedenen bestehenden Bauten und Sammlungen sehr gut ablesen. Das ist ein gro\u00dfer Schatz f\u00fcr unsere Stadt, der st\u00e4rker vermittelt werden m\u00fcsste. Hier k\u00f6nnen wir bei <a href=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/startseite\/605322\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/startseite\/605322\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">JenaKultur<\/a> eine Rolle spielen, in dem wir Antr\u00e4ge zu diesen St\u00e4tten unterst\u00fctzen, zwischen Organisationen vermitteln oder die Orte mit Veranstaltungen bespielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00e4nde es sehr lohnenswert, Jena vermehrt globalgeschichtlich zu betrachten, denn es ist eine Stadt die schon seit den Anf\u00e4ngen stark vernetzt ist und international gepr\u00e4gt wurde. Zum Beispiel k\u00f6nnte man anhand des Materials &#8222;Glas&#8220; eine Geschichte von Jena schreiben, die sich in eine weltweite Geschichte von Handel, Industrie und Wissenschaft einbettet. Auch die Sport- oder Umweltgeschichte bietet sich f\u00fcr einen solchen Ansatz an und zeigt, dass wir anhand der Entwicklungen in unserer Stadt auch gr\u00f6\u00dfere Themen beleuchten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am meisten interessiert mich die Geschichte derjenigen, die keine oder nur wenige Quellen hinterlassen, oder in der Geschichtsschreibung soweit nicht beachtet wurden. Zum Schaffen von Frauen in Jena wurde in den letzten Jahren viel ver\u00f6ffentlicht \u2013 zuletzt erschienen in 2024 zwei Biografien zu Helene Petrenz \u2013 die erste Bibliothekarin Deutschlands! \u2013 und <a href=\"_wp_link_placeholder\" data-wplink-edit=\"true\">Hanna Stirnemann<\/a> \u2013 die erste Museumsdirektorin Deutschlands! \u2013, die beide in unserer Stadt wirkten, und eine Ausstellung im Universit\u00e4tshauptgeb\u00e4ude erz\u00e4hlt bis 21. Februar 2025 noch die Geschichte von Arch\u00e4ologinnen seit dem 18. Jahrhundert. Das sollte anregen, den Blick auch auf andere Gruppen und Minderheiten zu lenken, damit auch ihre Beitr\u00e4ge und Errungenschaften gew\u00fcrdigt werden. Das ist wichtig, damit sich m\u00f6glichst viele Menschen in Jena mit der Stadtgeschichte identifizieren k\u00f6nnen. Diesbez\u00fcglich entwickele ich gerade Projektideen zur Geschichte der Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"646\" height=\"890\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/02\/jenakultur-stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen-helene-petrenz.jpg\" alt=\"Helene Petrenz\" class=\"wp-image-15771\" style=\"width:646px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/02\/jenakultur-stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen-helene-petrenz.jpg 646w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/02\/jenakultur-stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen-helene-petrenz-363x500.jpg 363w, https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2025\/02\/jenakultur-stadtgeschiche-sollte-alle-menschen-ansprechen-helene-petrenz-501x690.jpg 501w\" sizes=\"auto, (max-width: 646px) 100vw, 646px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Monographie \u00fcber Helene Petrenz, erschienen zur Er\u00f6ffnung des Neubaus der Jenaer Ernst-Abbe-B\u00fccherei 2023 | \u00a9 Leipziger Universit\u00e4tsverlag<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Das Jena Lexikon zur Stadtgeschichte von 2018 soll digitalisiert und fortgeschrieben werden. Wie ist der aktuelle Stand beim JenOnLex?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Digitalisierung des 2018 erschienenen Jena Lexikon zur Stadtgeschichte ist ein <a href=\"https:\/\/smartcity.jena.de\/smart-city\/startseite\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SmartCity-Projekt<\/a> und soll bis 2027 abgeschlossen sein. Es handelt sich hier aber nicht um eine reine Digitalisierung der Printausgabe, sondern die 1.271 Lexikoneintr\u00e4ge bilden den Inhalt f\u00fcr eine interaktive Fl\u00e4che, in der dieses Wissen im Stadtplan Jenas verortet wird. Zudem k\u00f6nnen historische Karten \u00fcber den heutigen Stadtplan eingeblendet werden, damit sich der historisch genaue Standort eines Geb\u00e4udes erkennen l\u00e4sst. Zum Beispiel kann man dann \u00fcber den Artikel zur Fr\u00fchromantik sowohl den Standort des heutigen <a href=\"https:\/\/www.romantikerhaus-jena.de\/de\/startseite\/678378\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romantikerhauses <\/a>wie auch der Schlegelwohnung in der Leutragasse 5 um 1800 aufrufen. Da die Leutragasse nicht mehr existiert, kann man mithilfe der \u00fcberlagerten historischen Karten vergleichen, wo sich die Altstadt fr\u00fcher befand. Das hat einen gro\u00dfen Erkenntniswert und zeichnet auch den Stadtwandel \u00fcber die Jahrzehnte \u2013 und Jahrhunderte! \u2013 in greifbarer Art und Weise nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle Lexikoneintr\u00e4ge haben einen Standort, sodass diese noch erarbeitet werden m\u00fcssen, ehe dann die genauen georeferenzierten Standorte festgelegt werden. Hierzu arbeiten Kolleg:innen im Bauaktenarchiv und in der Geoinformatik zusammen mit der Stadthistorik. Zudem besteht unser Team auch aus Mitarbeiter:innen von Smart City und JenaKultur, die f\u00fcr die Projektkoordinierung und die technische Umsetzung zust\u00e4ndig sind. Sie suchen zum Beispiel nach L\u00f6sungen, wie m\u00f6glichst viele Bilddateien verschiedenen Eintr\u00e4gen zugeordnet werden k\u00f6nnen, und kommunizieren mit den Software-Entwicklern. Im Fr\u00fchling dieses Jahres beginnt die Testphase des barrierefreien digitalen Stadtlexikons.<\/p>\n\n\n\n<p>Das digitale Format bietet nat\u00fcrlich auch die M\u00f6glichkeit, das Lexikon zu erweitern und zu aktualisieren, denn selbst in den sieben Jahren seit der Ver\u00f6ffentlichung hat sich in Jena viel ver\u00e4ndert. Dies passiert dann im n\u00e4chsten Schritt. Ich hoffe, dass das Online-Lexikon mehr Menschen Zugriff auf wissenschaftliche Informationen zu unserer Stadt erm\u00f6glicht und auch ein wenig Spa\u00df macht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1139\" height=\"598\" src=\"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2019\/03\/jenakultur-stadtlexikonstadtjena-web.jpg\" alt=\"JENA \u2013 Lexikon zur Stadtgeschichte\" class=\"wp-image-482\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">JENA \u2013 Lexikon zur Stadtgeschichte | \u00a9 Stadt Jena<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Planen Sie Veranstaltungen zur Stadtgeschichte? Welche, mit welchen Zielgruppen?<\/em><\/p>\n<p>Die Stadtgeschichte sollte alle Menschen in Jena ansprechen und insofern plane ich Veranstaltungen, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. Wenn unser digitales Stadtlexikon startklar ist, m\u00f6chte ich eine interaktive Lexikon Ausstellung in Form einer Zeitkapsel vorbereiten, um Vorschl\u00e4ge und Feedback f\u00fcr die weitere Entwicklung einzuholen. Das w\u00e4re dann nat\u00fcrlich etwas f\u00fcr die ganze Familie!<\/p>\n<p>Eine feste Veranstaltung der Stadthistorik ist der<a href=\"https:\/\/www.jenakultur.de\/de\/projekte_und_festivals\/tag_der_stadtgeschichte\/832468\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Tag der Stadtgeschichte,<\/a> der zun\u00e4chst wieder im Fr\u00fchling 2026 stattfinden wird. Insofern haben wir viel Zeit, den Tag vorzubereiten, denn ich w\u00fcrde gerne so viele Einrichtungen und Initiativen wie m\u00f6glich miteinbeziehen. Dies richtet sich dann an die allgemeine, Geschichtsinteressierte \u00d6ffentlichkeit. Neben Stadtf\u00fchrungen und Vortr\u00e4gen stelle ich mir Mitmach-Angebote wie Debatten und Erz\u00e4hlcaf\u00e9s vor.<\/p>\n<p>Zuletzt finde ich es wichtig, dass Menschen in Jena die Stadthistorik selbst mitgestalten und m\u00f6chte Workshops zu Themen entwickeln, die sie direkt betreffen. Daf\u00fcr gibt es schon einige gute Beispiele in Jena, und ich m\u00f6chte das ausbauen, damit die Menschen, die hier leben, sich st\u00e4rker mit ihrer eigenen Geschichte verbunden f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie sind in Gro\u00dfbritannien aufgewachsen, haben aber eine deutsche Mutter. Erz\u00e4hlen Sie doch bitte ein paar S\u00e4tze zu Ihrer interessanten Biographie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Lebensgeschichte beginnt tats\u00e4chlich in Jena, denn hier haben sich meine Eltern kennengelernt. Mein Vater war einer von wenigen britischen Studierenden, die im Rahmen eines Austausches in den 1980er Jahren in Jena studieren durften. Er hat damals f\u00fcr seine Masterarbeit zu Schiller geforscht, unterrichtete nebenbei Englisch und nahm auch am Kulturpraktikum auf der Leuchtenburg teil. In seiner Freizeit spielte er in einer Fu\u00dfballmannschaft f\u00fcr internationale Studenten, und lernte meine Mutter kennen. Als ich dann auf die Welt kam, stellten meine Eltern einen Heirats- bzw. Ausreiseantrag, und wir zogen ein paar Jahre sp\u00e4ter, aber noch vor dem Mauerfall im August 1989 zu seiner Familie nach Gro\u00dfbritannien. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, denn viele Menschen in der DDR mussten mehrere Jahre vergeblich auf eine Antwort auf ihren Ausreiseantrag warten, wurden abgelehnt oder erlebten im Alltag Einschr\u00e4nkungen und soziale Ausgrenzung. Zum Ende der DDR hin war die Ausreisebewegung aber so stark, dass die SED-Regierung zunehmend Antr\u00e4ge genehmigte, unter anderem auch den von meinen Eltern. Jena ist mit dem \u201eWei\u00dfen Kreis\u201c ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie sich Gruppen organisierten und trauten, in der \u00d6ffentlichkeit auf Ihre Situation aufmerksam zu machen und Ver\u00e4nderungen zu bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gro\u00dfbritannien bin ich dann zweisprachig aufgewachsen, und lernte dazu in der Schule noch Walisisch und Franz\u00f6sisch. Sprachen waren immer meine gro\u00dfe Leidenschaft, gar nicht so sehr Geschichte, und nach dem ersten kulturwissenschaftlichen Studium in Manchester arbeitete ich viele Jahre im interkulturellen Bereich und organisierte Austauschprogramme, Auslandspraktika und Sprachveranstaltungen f\u00fcr verschiedene Bildungseinrichtungen. Erst viel sp\u00e4ter hatte ich dann die Gelegenheit nochmal in Warwick zu studieren und w\u00e4hlte Globalgeschichte. Hier lernte ich das Fach Geschichte ganz anders kennen als in der Schule, denn es ging nun darum, aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neue Perspektiven auf das Geschehene aufzuwerfen und alles zu hinterfragen. Das gefiel mir, denn \u00e4hnlich wie bei Fremdsprachen muss man sich immer wieder mit neuen Situationen auseinandersetzen, und das Ziel ist es, letztendlich den Gegenstand besser zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie und warum hat es Sie nach Th\u00fcringen verschlagen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin 2017 im Rahmen meiner Promotion nach Th\u00fcringen (zur\u00fcck) gekommen. In meiner Dissertation habe ich mich mit dem Strukturwandel in Erfurt und Eisenach ab 1989 besch\u00e4ftigt und habe daf\u00fcr Interviews gef\u00fchrt und in den lokalen Archiven recherchiert. In Gro\u00dfbritannien gibt es zwar in der Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in London sehr viel Literatur zum Ende der DDR und sogar einen \u201eRunden Tisch\u201c, aber hier vor Ort hatte ich Zugang zu einer viel gr\u00f6\u00dferen Auswahl an Fachliteratur und vor allem die M\u00f6glichkeit, mich mit Menschen vor Ort auszutauschen. Gl\u00fccklicherweise wurde ich als Gastwissenschaftlerin am Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgenommen und konnte durch die Teilnahme an Veranstaltungen der <a href=\"https:\/\/www.uni-jena.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t<\/a> mein Wissen zur deutschen Zeitgeschichte und Verst\u00e4ndnis von aktuellen historischen Debatten vertiefen. In der Doktorandenschule lernte ich zum Beispiel, wie man Bild- und Interviewquellen f\u00fcr die historische Forschung nutzt und kritisch hinterfragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich spielten aber auch meine famili\u00e4ren Verbindungen nach Th\u00fcringen und die politische Lage in Gro\u00dfbritannien (kurz vorher hatte das \u201eBrexit\u201c-Votum stattgefunden!) eine Rolle, dass ich hierhergezogen und dann auch geblieben bin. Das war damals eine seltsame Situation, denn w\u00e4hrend ich zur \u201eWiedervereinigung\u201c Deutschlands forschte, liefen in Br\u00fcssel die Verhandlungen zum Austritt Gro\u00dfbritanniens aus der Europ\u00e4ischen Union, und das dauerte sehr viel l\u00e4nger als der Einigungsprozess! Mir fielen aber immer wieder \u00c4hnlichkeiten auf, denn bei solchen Umbr\u00fcchen entsteht eine Art Vakuum, wo die alten Regeln zwar noch gelten, aber nicht mehr beachtet werden, und das schafft im Alltag sehr viel Unsicherheit f\u00fcr Menschen, die davon direkt betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war es dann auch keine Frage, dass ich in Th\u00fcringen bleibe, denn ich habe spannende Aufgaben angeboten bekommen, lebe sehr gerne hier und genie\u00dfe die N\u00e4he zur Natur. Zudem sind die Mieten (selbst in Jena!) sehr viel g\u00fcnstiger als in Gro\u00dfbritannien, der \u00f6ffentliche Verkehr ist viel verl\u00e4sslicher, und ich habe mehr Vertrauen in die Regierung und in das hiesige Gesundheitswesen. Da werden viele lachen, aber der Vergleich lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hat Ihre doppelte Identit\u00e4t etwas mit dem Thema Ihrer Dissertation \u2013 Strukturwandel in&nbsp; Ostdeutschland \u2013 zu tun? Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen? Zuf\u00e4llig oder proaktiv?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine interessante Frage, vor allem was Subjektivit\u00e4t in der Geschichtswissenschaft angeht. Das Promotionsprojekt wurde ausgeschrieben, aber selbstverst\u00e4ndlich stammte mein Interesse daran auch aus dem Wunsch, die eigene Geschichte besser zu verstehen. Es hatte auch bei der Forschung gewisse Vorteile, denn einerseits konnte ich vieles nachvollziehen und in den Interviews ein gewisses Vertrauen aufbauen, und andererseits habe ich durch meine Kindheit im Ausland immer eine Au\u00dfensicht auf die Geschehnisse. Diese kritische Distanz zu haben, ist in der Geschichtsschreibung nat\u00fcrlich sehr wichtig, und dennoch bietet es viele Erkenntnisse, wenn man sich auch pers\u00f6nlich mit Themen auseinandersetzen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie gelungen empfinden Sie den Strukturwandel hier?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es immer noch bemerkenswert, dass man innerhalb von einem Jahr \u2013 oder, wenn man die W\u00e4hrungsunion z\u00e4hlt, nur wenigen Monaten \u2013 das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik \u00fcberf\u00fchrte. Das gelang nur durch das Engagement vieler Menschen, die sich Tag und Nacht daf\u00fcr eingesetzt haben, neue Strukturen aufzubauen und einzuf\u00fchren, und L\u00f6sungen zu suchen f\u00fcr die Stellen, an denen es gehakt hat. Die Organisation der ersten freien Wahlen im M\u00e4rz 1990 zum Beispiel war eine Mammut-Aufgabe, denn es gab vielerorts nicht mal genug Wahlkabinen!<\/p>\n\n\n\n<p>Bedingt durch die starke Abwanderung sind viele strukturelle Ver\u00e4nderungen und politische Entscheidungen allerdings so schnell herbeigef\u00fchrt wurden, dass man in den Kommunen oft nur noch reagieren konnte, statt tats\u00e4chlich zu agieren. Dazu wurden Ostwaren in der Presse systematisch schlecht gemacht (Milch in Glasflaschen, zum Beispiel; heute w\u00fcrde man dazu \u201eBio\u201c sagen!), und auch die Arbeitskraft wurde medial abgewertet. Finanzkapital und Eigentumsverh\u00e4ltnisse bestimmten weitgehend die pers\u00f6nlichen Handlungsm\u00f6glichkeiten, und das wirkte f\u00fcr viele Menschen entmachtend und entw\u00fcrdigend. Das ist sehr bedauerlich, denn in vielen Einrichtungen wurden in den ersten Monaten des Umbruchs Vorschl\u00e4ge eingebracht und Ideen entwickelt, wie man den Alltagsbetrieb umstellen k\u00f6nnte, nur wurden die Menschen in vielen F\u00e4llen von den Geschehnissen \u00fcberrollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also meines Erachtens heute nicht um eine Wertung des Wandels, denn selbstverst\u00e4ndlich genie\u00dfen wir heutzutage in vieler Hinsicht mehr Freiheiten, demokratische Beteiligungsm\u00f6glichkeiten und mit Bezug zur Umwelt eindeutig auch eine h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t, aber ich finde es dennoch wichtig, neben den Erfolgen auch die tiefgreifenden Verlusterfahrungen des Strukturwandels anzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird \u00fcbrigens hoffentlich Thema des n\u00e4chsten Tags der Stadtgeschichte sein \u2013 Verlust und Verarbeitung, beispielhaft anhand der verschwundenen H\u00e4user in unserem Stadtbild! Denn die Frage, inwiefern Erinnerungen einen Ort brauchen, besch\u00e4ftigt mich sehr, und ich hoffe, dass Jena ein paar Antworten darauf hat!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lieber Frau Dr. Price, wir freuen uns, dass Sie da sind, w\u00fcnschen Ihnen alles Gute und fordern nunmehr unsere Leser:innen auf, Fragen zu stellen!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Stadthistorikerin Dr. Jenny Price im Gespr\u00e4ch Liebe Frau Dr. Price, seit 1. 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