{"id":1443,"date":"2019-12-23T07:23:00","date_gmt":"2019-12-23T06:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=1443"},"modified":"2019-12-18T12:58:09","modified_gmt":"2019-12-18T11:58:09","slug":"wohlan-es-eifre-jeder-seiner-unbestochnen-von-vorurteilen-freien-liebe-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2019\/12\/23\/wohlan-es-eifre-jeder-seiner-unbestochnen-von-vorurteilen-freien-liebe-nach\/","title":{"rendered":"\u201eWohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3><strong>Ein paar Gedanken zum Fest der Liebe<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Nathan der Weise<\/em> von Gotthold Ephraim Lessing war lange Zeit \u2013 zumindest in der Oberstufe \u2013 Lehrplanstoff im Fach Deutsch. Aber selbst, wenn man das St\u00fcck, das zugegebenerma\u00dfen keine ganz leichte Kost ist, nicht in der Schule kennengelernt hat, ist man mit der ber\u00fchmten Ringparabel daraus vielleicht dennoch schon einmal in Ber\u00fchrung gekommen? Sie ist jedenfalls ein starkes Lehrst\u00fcck f\u00fcr die Gleichwertigkeit von Religionen, hier besonders Judentum, Christentum und Islam, die ja schlussendlich alle drei sogenannte monotheistische abrahamitische Religionen sind, also auf einen gemeinsamen Stammvater \u2013 Abraham \u2013 rekurrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir staunen bis heute, wie sich gerade die fanatischen Vertreter dieser drei verwandten Religionen blutigste Glaubensk\u00e4mpfe lieferten und liefern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Lessing (1729 bis 1781) gilt als gro\u00dfer deutscher Aufkl\u00e4rer. Die Vertreter der Aufkl\u00e4rung waren davon \u00fcberzeugt, dass man mit rationalen Mitteln alle den Fortschritt behindernden Strukturen \u00fcberwinden k\u00f6nne. Vernunft wird damit im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa ein tragender Terminus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der eingeschriebene Toleranzgedanke, daneben die Idee vom s\u00e4kularen Staat und die \u00dcberzeugung von der Rechtsgleichheit aller Menschen sorgten auch daf\u00fcr, dass man sich mit dem Thema Glauben und Religion neu befasste. Bei Lessing kam noch ein sehr pers\u00f6nlicher Impuls hinzu. Er war n\u00e4mlich eng mit Moses Mendelssohn befreundet, dem gleichaltrigen hochbegabten j\u00fcdischen Gelehrten, der als Begr\u00fcnder der Haskala, der j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rung, gilt. Beide haben also im pers\u00f6nlichen Dialog von unterschiedlichen Standpunkten her viel \u00fcber Glauben, Religion und Theologie gefachsimpelt und sich so gegenseitig inspiriert. Vermutlich haben auch diese Dispute dazu beigetragen, dass besonders Lessing eine so starke Affinit\u00e4t zum Dialog und damit auch zum Theater entwickelte. Im Zwiegespr\u00e4ch n\u00e4mlich kann man Dinge von verschiedenen Seiten beleuchten. Man kann sich so der Wahrheit ann\u00e4hern. <em>Nathan der Weise<\/em> \u2013 Lessings letztes gro\u00dfes Ideenst\u00fcck, das als Schl\u00fcsseltext der Aufkl\u00e4rung gilt und in dem er seinem Freund Mendelssohn in der Figur des Nathan ein Denkmal setzt, ist ein beredtes Beispiel hierf\u00fcr. In der <em>Ringparabel<\/em> im 3. Aufzug kondensiert der Appell zu Toleranz und N\u00e4chstenliebe in einem zauberhaften Gleichnis.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube aligncenter wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Ringparabel - Nathan der Weise\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/GFF6qn3ZHKw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption>Szene aus dem Film <em>Nathan der Weise<\/em> von 1967 (Produktion: Paul Herbert Appel, Regie Franz Peter Wirth). Die Ringparabel k\u00f6nnen Sie <strong>ab Minute 2:40 <\/strong>nachh\u00f6ren.<br>\u00a9 Bavaria Atelier GmbH, im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Geschichte geht so. Von Generation zu Generation wird ein kostbarer Ring jeweils an den Lieblingssohn weitervererbt:<\/p>\n<p><em>\u2026 Der Stein war ein<\/em><br><em>Opal, der hundert sch\u00f6ne Farben spielte,<\/em><br><em>Und hatte die geheime Kraft, vor Gott<\/em><br><em>Und Menschen angenehm zu machen, wer<\/em><br><em>In dieser Zuversicht ihn trug.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es passiert, was passieren muss: der Ring kommt auf einen, der Vater dreier ihm gleich lieber S\u00f6hne ist. Wer also soll den Ring bekommen? Er l\u00e4sst zwei Duplikate des Rings machen, gibt jedem Sohn einen und stirbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als die S\u00f6hne den Schwindel bemerken, verklagen sie sich gegenseitig. Sie landen vor dem Stuhl eines Richters, der urteilen soll, welches denn nun der echte Ring sei. Der Richter f\u00e4llt sein ber\u00fchmtes Urteil:<\/p>\n<p><em>Oh, so seid ihr alle drei<\/em><br><em>Betrogene Betr\u00fcger! Eure Ringe<\/em><br><em>Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring<\/em><br><em>Vermutlich ging verloren.<\/em><br><em>[\u2026] &nbsp;Wohlan!<\/em><br><em>Es eifre jeder seiner unbestochnen<\/em><br><em>Von Vorurteilen freien Liebe nach!<\/em><br><em>Es strebe von euch jeder um die Wette,<\/em><br><em>Die Kraft des Steins in seinem Ring&#8216; an Tag<\/em><br><em>Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,<\/em><br><em>Mit herzlicher Vertr\u00e4glichkeit, mit Wohltun,<\/em><br><em>Mit innigster Ergebenheit in Gott<\/em><br><em>Zu Hilf&#8216;! Und wenn sich dann der Steine Kr\u00e4fte<\/em><br><em>Bei euern Kindes-Kindeskindern \u00e4u\u00dfern:<\/em><br><em>So lad ich \u00fcber tausend tausend Jahre<\/em><br><em>Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird<\/em><br><em>Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen<\/em><br><em>Als ich; und sprechen. Geht! \u2013 So sagte der<\/em><br><em>Bescheidne Richter.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Umfeld unserer allj\u00e4hrlichen Suche nach einer Idee f\u00fcr unsere Weihnachtsgr\u00fc\u00dfe 2019 tauchte die Attribuierung \u201eOnkel Nathan\u201c, wie Eduard Rosenthal von seinen Verehrern liebevoll genannt wurde, auf. Eduard Rosenthal besch\u00e4ftigt uns ja nun schon seit fast drei Jahren im Kontext des Wettbewerbs um den Botho-Graef-Kunstpreis 2018 und der Realisierung des Siegerentwurfs intensiv. Im kommenden Jahr wird das dezentrale Denkmal zu Ehren Rosenthals eingeweiht. Es ber\u00fchrt, wie das Erinnern an eine Pers\u00f6nlichkeit, die so markant und wichtig f\u00fcr Jena und weit dar\u00fcber hinaus gewesen ist, fast komplett aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht werden konnte, nur weil die Rosenthals eben Juden gewesen sind. Wir leben in einer problematischen Zeit, wo sich populistische und sogar rechtsradikale Gedanken, ja sogar Antisemitismus wieder breit machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei der nun derart initialisierten Wiederbesch\u00e4ftigung mit Lessings St\u00fcck ber\u00fchrte uns die Aktualit\u00e4t und Nachdr\u00fccklichkeit seines poetischen Toleranzappells.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Geht es Ihnen genauso? Wir w\u00fcnschen jedenfalls besinnliche Feiertage mit vielen literarischen und sonstigen (Wieder-)Entdeckungen! Wir hoffen \u2013 ein wenig euphorisiert von Lessing und seiner Ringparabel &#8211; dass wir alle mit viel Toleranz und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit in unseren Herzen im Kleinen daf\u00fcr Sorge tragen m\u00f6gen, dass die Welt im Gro\u00dfen ein klitzekleinwenig besser werden m\u00f6ge!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Und was w\u00fcnschen Sie sich zum Fest der Liebe?<br>Wir hoffen, es m\u00f6ge in Erf\u00fcllung gehen, und freuen uns, wenn Sie Ihre Gedanken teilen.<\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Weihnachten &#8211; Zeit, um neben Bescherung und G\u00e4nsebraten auch \u00fcber die Werte nachzudenken, die dieses Fest begr\u00fcnden. Wir w\u00fcnschen Ihnen frohe Tage im Kreise Ihrer Liebsten!<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":1452,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,9],"tags":[420,425,39,418,423,426,422,417,424,419,421,416],"class_list":["post-1443","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-jenakultur","tag-aufklaerung","tag-botho-graef-kunstpreis","tag-denkmal","tag-eduard-rosenthal","tag-gleichnis","tag-gotthold-ephraim-lessing","tag-naechstenliebe","tag-nathan-der-weise","tag-religion","tag-ringparabel","tag-toleranz","tag-weihnachten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1443"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1466,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1443\/revisions\/1466"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}