{"id":1155,"date":"2019-10-14T07:30:12","date_gmt":"2019-10-14T05:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/?p=1155"},"modified":"2019-10-14T08:27:28","modified_gmt":"2019-10-14T06:27:28","slug":"von-der-zentral-geleiteten-zur-kommunal-gestalteten-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/2019\/10\/14\/von-der-zentral-geleiteten-zur-kommunal-gestalteten-kultur\/","title":{"rendered":"Von der zentral geleiteten zur kommunal gestalteten Kultur"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong><span style=\"font-family: Arial\">30 Jahre Friedliche Revolution: Ein R\u00fcckblick auf 30 Jahre Kultur in Jena\u00a0 \u2013 Teil 1 von Dietmar Ebert<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kulturentwicklung in der DDR war zentral geplant, geleitet und finanziert. Das f\u00fchrte zu eklatanten Finanzierungsungerechtigkeiten, wie zum Beispiel zwischen der damaligen Bezirksstadt Gera und der Industrie- und Universit\u00e4tsstadt Jena. Die Abteilung Kultur und deren Leiter unterstanden sowohl dem Oberb\u00fcrgermeister der Stadt Jena, als auch dem Kulturverantwortlichen beim Rat des Bezirkes Gera. Die Freiheitsgrade ihres Handelns waren durch die Beschl\u00fcsse der SED-Kreisleitung und die Kontrolle durch die Kreisdienststelle des MfS eingeschr\u00e4nkt. Trotzdem gab es sie. Die Kulturentwicklung unterlag in der DDR strengen politischen und ideologischen Vorgaben. Nat\u00fcrlich versuchten Schriftsteller, Theaterleute, Filmemacher, Bildende K\u00fcnstler und Komponisten die Grenzen des Sagbaren hinauszuschieben. Vielleicht hat das am erfolgreichsten Christoph Hein mit seiner Rede auf dem X. Schriftstellerkongress 1987 praktiziert, in der er die Abschaffung der Zensur forderte.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Friedlichen Revolutionen waren wie im ganzen Land, so auch in Jena K\u00fcnstler beteiligt. Erinnert sei an Rainer Schumachers \u00d6lbild \u201eWir sind das Volk\u201c, das w\u00e4hrend des Kunstmarkts im <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Romantikerhaus (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.romantikerhaus-jena.de\" target=\"_blank\">Romantikerhaus<\/a> ausgestellt war, oder an das von Olaf Henzold (Dresden) geleitete Konzert der <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.jenaer-philharmonie.de\" target=\"_blank\">Jenaer Philharmonie<\/a> mit Beethovens siebter Sinfonie am 5. November 1989 in Jenas Stadtkirche St. Michael \u201eWider das Vergessen\u201c. Nach diesem Benefizkonzert wurde eine Spende von mehr als 2.515 Mark an die Konsistorialkasse der Evangelischen Kirche Berlin \u00fcberwiesen, die den friedlichen Demonstranten zu Gute gekommen ist, die bei den Demos am 7. Oktober 1989 gesundheitliche Sch\u00e4den erlitten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Folgemonaten fanden jeden Samstag im Kino-Theater \u201ePalast\u201c kulturpolitische Foren statt, die zun\u00e4chst von Rainer Schumacher, sp\u00e4ter von Klaus Hattenbach, moderiert wurden. Aus ihnen kristallisierten sich in der Folge der wieder gegr\u00fcndete <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Jenaer Kunstverein (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.jenaer-kunstverein.de\/\" target=\"_blank\">Jenaer Kunstverein<\/a> und die soziokulturelle Initiative \u201eKassablanca\u201c heraus, die ihr erstes Domizil in der ehemaligen Fischer-Villa erhielt, bis 1989 Sitz des \u201eClubs der Intelligenz\u201c innerhalb des Kulturbundes.<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr sich der Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes der BRD abzeichnete, desto intensiver, fast hektischer arbeiteten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ministeriums f\u00fcr Kultur daran, den kulturellen Kernbestand der DDR in ein anderes politisches und Gesellschaftssystem zu \u00fcbertragen. Dabei beriet Volker Plagemann, Senatsdirektor der Hamburger Kulturbeh\u00f6rde und Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen St\u00e4dtetags, das letzte Kulturministerium der DDR. In diesen Beratungen wurde z. B. die Gr\u00fcndung einer Stiftung f\u00fcr die ostdeutschen L\u00e4nder beschlossen, in die der Kulturfonds der DDR Eingang fand. Darin enthalten waren die obligatorischen 5 Pfennige pro verkaufter Eintrittskarte und die 10 Pfennige pro verkaufter Schallplatte. \u00dcber die Jahre hatte sich im Kulturfonds, der beim Ministerium f\u00fcr Kultur angesiedelt war, \u00a0ein stattlicher Betrag angesammelt, der nicht im gesamten Bundeshaushalt verschwinden sollte. Ebenso wurden die dem Ministerium f\u00fcr Kultur unterstellten Immobilien, wie Schloss Wiepersdorf, in die Stiftung eingebracht, die am 2. Oktober 1990 Rechtskraft erhielt. Die noch heute bestehende <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Th\u00fcringer Kulturstiftung (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.kulturstiftung-thueringen.de\/\" target=\"_blank\">Th\u00fcringer Kulturstiftung<\/a> ist eine ihrer Rechtsnachfolgerinnen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer der Beratungen im Ministerium f\u00fcr\nKultur, an denen Klaus Hattenbach und ich als Vertreter der Stadt Jena\nteilnahmen, stellte ich die Frage, was aus den Kulturh\u00e4usern, Jugendclubs und\nLaienensembles der volkseigenen Betriebe werden solle. Darauf konnte niemand\neine Antwort geben. Vergleichbares gab es in der alten Bundesrepublik nur in\nAusnahmef\u00e4llen, und bei einem Beitritt der DDR nach Artikel 23 des\nGrundgesetzes konnte die betrieblich finanzierte Kultur nicht in das\nGesellschaftssystem der Bundesrepublik transformiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Folgejahren verkauften im Zuge der Privatisierung auch in Jena die Gro\u00dfbetriebe ihre Ferienheime und Kulturh\u00e4user. Die Jugendclubs wurden geschlossen. Viele der Laienensembles, f\u00fcr die stellvertretend das <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Sinfonieorchester Carl Zeiss (opens in a new tab)\" href=\"http:\/\/zeiss-orchester.de\/\" target=\"_blank\">Sinfonieorchester Carl Zeiss<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/TanztheaterJena\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"das von Manuela Schwarz geleitete Tanzensemble (opens in a new tab)\">das von Manuela Schwarz geleitete Tanzensemble<\/a> genannt seien, existieren bis heute als Vereine weiter und erfreuen sich nach wie vor gro\u00dfer Beliebtheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die staatlichen Kultureinrichtungen befanden\nsich zu DDR-Zeiten in Volkseigentum. Sie mussten in kommunales Eigentum\n\u00fcberf\u00fchrt werden. Dass das reibungslos funktionierte, ist vor allem der\nlangj\u00e4hrigen, verdienstvollen Mitarbeiterin des Jenaer Kulturamtes, B\u00e4rbel\nWachenschwanz, zu verdanken. Wenn auch mit stark reduziertem Mitarbeiterstamm,\nso konnten doch fast alle staatlich geleiteten Kulturinstitutionen in kommunale\nEinrichtungen \u00fcberf\u00fchrt werden. Das Kulturhaus in Jena-Lobeda-West sollte nicht\nverkauft, sondern verpachtet werden. 1992 wurde es geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Buchh\u00e4ndlerinnen und Buchh\u00e4ndlern\nregte sich massiver Widerstand gegen den Verkauf aller staatlichen und\nKommission\u00e4rsbuchhandlungen des Bezirks Gera an die Buchhandelskette \u201eGondrom\u201c.\nSo konnte zun\u00e4chst in der Schlossgasse gegen\u00fcber dem Hauptgeb\u00e4ude eine\nUniversit\u00e4tsbuchhandlung er\u00f6ffnet werden. Die Jenaer B\u00fccherstube und die\nBuchhandlung \u201eSteen\u201c wurden privat weitergef\u00fchrt und haben bis heute ihren\nfesten Kundenstamm. Lediglich die \u201eGalerie\u201c im Stadthaus, die dem \u201eStaatlichen\nKunsthandel\u201c unterstand, konnte in dieser Form nicht weiter existieren. Kurzzeitig\nwurde sie als st\u00e4dtisch getragene Galerie betrieben. Das war auf Dauer nicht\nm\u00f6glich. Ihre Schlie\u00dfung wurde durch die Er\u00f6ffnung der von Gudrun Philler\ngef\u00fchrten Galerie \u201eHandwert\u201c kompensiert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Verglichen mit den Umbr\u00fcchen in der Wirtschaft vollzog sich der \u00dcbergang von der staatlich geleiteten zur kommunal gestalteten Kultur in Jena ohne gro\u00dfe Blessuren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist der \u201eGro\u00dfen Koalition\u201c, die sich nach\nden ersten demokratischen Kommunalwahlen 1990 gebildet hatte, und dem Augenma\u00df\nder Mitglieder des damaligen Kulturausschusses zu danken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahre 1989 und 1990 waren gleichzeitig die\nentscheidenden Jahre eines Aufbruchs und Neubeginns in der Jenaer Kulturszene.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr dazu k\u00f6nnen Sie am Mittwoch lesen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dietmar Ebert <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30 Jahre Friedliche Revolution: Ein R\u00fcckblick auf 30 Jahre Kultur in Jena\u00a0 \u2013 Teil 1 von Dietmar Ebert Die Kulturentwicklung in der DDR&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":1157,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,9,10],"tags":[352,353,336,34,348],"class_list":["post-1155","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-jenakultur","category-kulturpolitik","tag-ddr","tag-dietmar-ebert","tag-friedliche-revolution","tag-jena","tag-kultur-in-jena"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1155"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1166,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1155\/revisions\/1166"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.jena.de\/jenakultur\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}